Tischri/ Rosch Haschana
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„Weil mein G-tt nicht mehr in unserer Mitte ist“ – Teschuwa oder Ausrede? (Paraschot Nizawim – Wajelech 5786)

Teschuwa - Beginne dort, wo du bist – mit dem, was du hast!

Teschuwa - Beginne dort, wo du bist – mit dem, was du hast!
Foto: AI Avigail

„Weil mein G-tt nicht mehr in unserer Mitte ist“ – Teschuwa oder Ausrede?

Rav Frand zu den Paraschot Nizawim und Wajelech 5786

Ergänzungen: S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier

Nach der üblichen Ordnung der wöchentlichen Tora-Abschnitte wird Nizawim stets unmittelbar vor Rosch Haschana gelesen.

Auch wenn die heute übliche Reihenfolge der Paraschot nicht unbedingt überall so praktiziert wurde, gibt es wohl kaum einen passenderen Tora-Abschnitt für diese besondere Zeit des Jahres. Nizawim enthält folgende eindringliche Verse:

Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und nicht fern. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: ›Wer steigt für uns zum Himmel hinauf und holt es für uns, damit wir es hören und danach handeln?‹ Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: ›Wer fährt für uns über das Meer und holt es für uns, damit wir es hören und danach handeln?‹ Vielmehr ist dieses Wort dir sehr nahe – in deinem Mund und in deinem Herzen –, es zu erfüllen.“ (Dewarim 30,11–14)

Unter den frühen Kommentatoren besteht eine Meinungsverschiedenheit darüber, auf welche Mizwa die Tora in diesen Versen Bezug nimmt. Nach Raschi (30:14) bezieht sich dies ganz allgemein auf die schriftliche und mündliche Lehre. Nach der Auffassung des Ramban (30:11) und anderer Kommentatoren, die ihm folgen, ist hier die Mizwa der Teschuwa – der Umkehr und Rückkehr zu G-tt – gemeint. Die Teschuwa ist das Gebot, das „in unserer Möglichkeit liegt und für uns erreichbar ist“.

Der Sforno (30:11-12) erklärt diesen Vers folgendermaßen:
Es ist dir nicht verborgen“ – die „Schuldanerkennung“ – sodass du Propheten bräuchtest, die es dir offenbaren müssten. „Es ist nicht fern“ – sodass du die großen Weisen ferner Generationen bräuchtest, um dir zu erklären, was zu tun ist, selbst, während du dich noch im Exil befindest.

Dann heisst es weiter: “Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns zum Himmel hinauf und holt es für uns, damit wir es hören und danach handeln?“

Ein Mensch könnte denken:
„In unserer heutigen Zeit bin ich gar nicht in der Lage, echte Teschuwa zu machen. Wenn ich zu Zeiten der Propheten gelebt hätte – die in den Himmel steigen – und sie mir unmittelbar hätten sagen können, was ich falsch mache, dann hätte ich richtig bereuen und mich ändern können. Doch leider lebe ich in einer Epoche, in der es keine Propheten mehr gibt.“
Genau solchen Gedanken tritt die Torá entgegen. Sie versichert uns:
„Es ist nicht im Himmel!“

Damit macht uns die Tora deutlich, dass wir keine – prophetischen Worte aus dem Himmel benötigen, oder große Weisen ferner Generationen – um Teschuwa zu tun. Das Fehlen von großen Weisen oder Propheten ist keine Entschuldigung.

Ebenso können wir nicht sagen:
„Wenn ich nur einen wirklichen Maggid Mussar – einen großen Lehrer, der die Menschen mit eindringlichen Worten zur Selbstprüfung und Umkehr bewegt – hätte, dann könnte ich mich zur Teschuwa aufraffen. Wenn der Chafez Chajim oder der Wilnaer Gaon heute hier wären und mir persönlich sagen würden, dass ich Teschuwa tun soll, dann würde ich es tun!“
„Auch die heutigen Weisen dieser Generation wohnen weit weg.“
Auch das ist keine Entschuldigung!
Auch diesem Gedanken stellt sich die Torá entgegen:
„Es ist nicht jenseits des Meeres.“

Dann folgt die entscheidende Aussage:
„Denn die Sache ist dir sehr nahe. Sie ist in deinem Mund und in deinem Herzen, sie zu erfüllen.“
Wir brauchen weder Propheten noch große Weisen, die uns erst den Weg zeigen müssen. Es liegt an uns. Teschuwa hängt von unserer eigenen Initiative und unserem eigenen Handeln ab.

Dieser Passuk hat eine doppelte Botschaft.
Einerseits ist die Teschuwa leicht und erreichbar. Sie liegt nicht außerhalb unserer Möglichkeiten. Sie ist uns nahe – in unserem Mund und in unserem Herzen.

Andererseits bedeutet gerade das: Wir selbst tragen die Verantwortung. Wir können uns nicht auf äußere Umstände berufen und keine Ausreden vorbringen.

Wir brauchen keinen Propheten, der uns sagt, was wir ändern müssen. Wir brauchen keinen außergewöhnlichen Lehrer, der uns erst dazu bringt, uns zu besinnen. Die Möglichkeit zur Teschuwa ist bereits in uns angelegt.
Die Tür steht offen. Es liegt an uns, hindurchzugehen.

Der gleiche Gedanke in der zweiten Parascha

Der Bejs Aw schlägt vor, dass sich derselbe Gedanke auch in einem schwierigen Vers aus der zweiter dieswöchigen Paraschat Wajelech finden lässt. Dort heisst es:

An jenem Tage wird mein Zorn gegen sie entbrennen, und ich werde sie verlassen und mein Angesicht vor ihnen verbergen, dass sie der Vernichtung anheimfallen, und viele Leiden und Drangsale sie treffen. An jenem Tage wird es sprechen: Ist es nicht deshalb, weil mein G-tt nicht mehr in unserer Mitte ist, haben mich diese Leiden getroffen ‘“ (Devarim 31,17)

Die Kommentatoren beschäftigen sich ausführlich mit der Frage, ob die Reaktion, die in diesem Vers beschrieben wird, tatsächlich richtig ist.

Übel sind über uns gekommen, Feinde bedrängen uns, und wir erkennen: G-tt ist nicht mehr in unserer Mitte. Ist das nicht eigentlich eine Form von Teschuwa? Wir erkennen doch, dass unsere Schwierigkeiten daherkommen, dass wir die Gegenwart G-ttes nicht mehr verdienen.

Doch der unmittelbar folgende Vers scheint gerade diese Interpretation zu widersprechen:
„Und ich werde an jenem Tag mein Angesicht völlig verbergen …“  (Devarim 31,18)

Das scheint darauf hinzudeuten, dass die Reaktion des vorherigen Verses nicht richtig war. Im Gegenteil: Sie führt dazu, dass G-tt Seine Gegenwart noch stärker vor uns verbirgt.

Was ist daran falsch?
Ist es denn nicht richtig, anzuerkennen, dass die Ursache unserer Schwierigkeiten darin liegt, dass G-tt nicht mehr in unserer Mitte ist?
Die Antwort lautet: Diese Aussage ist eine Ausrede.

Der Mensch sagt gewissermassen: „Ich konnte keine Teschuwa machen, weil ich die Gegenwart G-ttes nicht gespürt habe. Ich habe keinen Propheten, der mich führt. Ich lebe im Galut. Ich habe keinen grossen Weisen in meiner Nähe, der mich zur Umkehr inspiriert.“
Doch all das sind Ausreden dafür, warum wir nicht zu G-tt zurückkehren und unser Verhalten ändern.
Die Tora macht deutlich: Das Fehlen all dieser äusseren Quellen der Inspiration ist keine Entschuldigung.

Denn die Tora sagt ausdrücklich:
„Es ist sehr nahe – in deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun.“
Die Möglichkeit zur Teschuwa liegt in uns selbst.

Eine erschütternde Geschichte aus Kotzk

Der Bejs Aw erzählt in diesem Zusammenhang eine erschütternde Geschichte über den Kotzker Rebbe, Rabbi Menachem Mendel von Kotzk.

Das Chassidut von Kotzk war keine Bewegung, die es darauf anlegte, die Menschen sanft zu umarmen oder ihnen angenehme Worte zu sagen. Sie richtete sich an Menschen, die bereit waren, sich selbst schonungslos zu hinterfragen. Der Kotzker Rebbe, bekannt als „HaSaraf mi-Kotzk – der Feurige von Kotzk“, nahm kein Blatt vor den Mund. Er sprach die Dinge aus, wie sie waren.

Am Ende eines  Jom Kippur-Tages verkündete der Rebbe seinen Chassidim:
„Ich weiss, was ihr in euren persönlichen Gebeten zu G-tt gesagt habt – und ich weiss auch, was Er euch darauf geantwortet hat.“
Damit verliess er die Synagoge.

Einer der Chassidim lief ihm nach und fragte:
„Gut – was haben wir denn in unseren Gebeten gesagt?“

Der Kotzker Rebbe antwortete:
„Ihr habt gesagt: Wenn wir nicht so viele Sorgen um unseren Lebensunterhalt hätten, könnten wir besser lernen und G-tt besser dienen. Ihr habt darum gebetet, dass G-tt es euch etwas leichter machen möge, euren Lebensunterhalt zu verdienen. Und ihr habt sogar versprochen, dass ihr euch mit weniger Geld zufriedengeben würdet, wenn es nur etwas leichter wäre.“

Auf den ersten Blick war dies eine berechtigte Bitte. Sie baten nicht um Reichtum. Sie waren sogar bereit, bescheiden zu leben. Sie wünschten sich lediglich, dass ihr Lebensunterhalt etwas leichter zu verdienen sei.

Der Chassid bestätigte, dass dies tatsächlich sein Gebet gewesen war. Dann fragte er:
„Und was war die Antwort aus dem Himmel?“
Der Kotzker Rebbe antwortete:
„Im Himmel hat man gesagt: An eurem Lernen sind wir nicht interessiert und an eurem  G-ttesdienst sind wir nicht interessiert – wenn ihr beides nur unter euren eigenen Bedingungen tun wollt.“

Mit anderen Worten: Wenn die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch geistig wachsen und G-tt dienen kann, darin besteht, dass sein Leben zunächst leichter werden muss, dann lautet die Antwort: Nein.
„Keine Ausreden.“

Das Leben ist, wie es ist. So, wie es uns gegeben wurde, müssen wir damit arbeiten. Wenn es schwierig ist, müssen wir auch unter schwierigen Bedingungen lernen und G-tt dienen.
Das ist eine sehr harte Botschaft – und tatsächlich war Kotzk kein Ort für jeden.

Aber genau darin liegt die Botschaft: Wir müssen mit den Karten spielen, die uns ausgeteilt wurden.
Vielleicht sind unsere Lebensumstände nicht so, wie wir sie uns wünschen. Vielleicht fehlt uns die Zeit, die Ruhe, die Inspiration oder die richtige Umgebung. Aber all das kann nicht zur Ausrede werden.

Die Botschaft ist hart, aber klar:
Wir können nicht darauf warten, dass unser Leben zuerst perfekt wird.
Wir müssen mit den Bedingungen arbeiten, die uns gegeben wurden.

Vielleicht fehlt uns die Zeit. Vielleicht fehlt uns die Ruhe. Vielleicht fehlt uns die Inspiration. Vielleicht sind unsere Lebensumstände schwierig.
Aber gerade in solchen Situationen zeigt sich, ob wir es wirklich ernst meinen.

Keine Ausreden

Auch in Elul können wir sagen:
„Ich werde mich ändern – wenn ich mehr Zeit habe.“
„Ich werde mich stärker mit Tora beschäftigen – wenn mein Leben ruhiger wird.“
„Ich werde Teschuwa machen – wenn ich die richtige Inspiration bekomme.“

Doch die Tora sagt:
„Sehr nahe ist dir die Sache.“
Nicht morgen. Nicht wenn die Umstände besser werden.
Heute. Jetzt.

Teschuwa beginnt nicht damit, dass alle Hindernisse aus dem Weg geräumt sind. Sie beginnt damit, dass ein Mensch trotz der Hindernisse den ersten Schritt macht.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Botschaften des Monats Elul:
Warte nicht auf die idealen Bedingungen für Teschuwa. Beginne dort, wo du bist – mit dem, was du hast.

Denn G-tt verlangt von uns nicht, dass wir ein anderes Leben führen.
Er verlangt von uns, dass wir in unserem Leben den nächsten Schritt tun.

Quellen und Persönlichkeiten:

Raschi
 
Raschi – Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (auch: Rabbi Schlomo Jizchaki). Der Name wird häufig auch als Abkürzung für Rabban schel Jisrael („Der Lehrer Israels“) gedeutet. Meist wird er jedoch einfach Raschi genannt. Er lebte von 1040 bis 1105 und wirkte vor allem in Troyes (Frankreich), zeitweise auch in Worms (Deutschland).
Raschi zählt zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Seine grundlegenden Kommentare zum Tenach und zum Babylonischen Talmud haben das jüdische Lernen bis heute nachhaltig geprägt. Nicht ohne Grund wird er oft als der „Vater aller Tenach- und Talmudkommentare“ bezeichnet.
Sein Bibelkommentar wird seit nahezu tausend Jahren ununterbrochen studiert und ist in den meisten traditionellen jüdischen Bibelausgaben abgedruckt. Ebenso gehört sein Kommentar zum Babylonischen Talmud zu den unverzichtbaren Standardwerken und ist fester Bestandteil nahezu jeder gedruckten Talmudausgabe.
 
Ramban
Ramban: Akronym für Rabbi Mosche ben NachmanNachmanides (1194–1270); einer der bedeutendsten Rischonim und jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Er wurde in Girona, Spanien, geboren und wirkte dort als Talmudgelehrter, Rabbiner und Kabbalist. Im Jahr 1267 übersiedelte er nach Eretz Israel, wo er sich in Jerusalem niederliess und massgeblich zum Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde beitrug.
Der Ramban verfasste einen der bedeutendsten Kommentare zum Chumasch, in dem er Peschat, Midrasch, Talmud und Kabbala miteinander verbindet. Darüber hinaus schrieb er zahlreiche Werke zur Halacha, zum Talmud und zur jüdischen Weltanschauung (Kitvei ha-Ramban). Sein Tora-Kommentar gehört bis heute zu den grundlegenden klassischen Kommentaren zur Tora.
Seforno:
Rabbi Ovadia ben Ja’akov Seforno (ca. 1470–1550); bedeutender italienischer Talmudgelehrter, Arzt und Kommentator. Er wirkte vor allem in Rom und Bologna, Italien, und zählt zu den klassischen Chumasch-Kommentatoren. Sein Kommentar zur Tora verbindet Peschat, also die wörtliche Bedeutung des Textes, mit tiefgehenden philosophischen und ethischen Betrachtungen.
Kotzker Rebbe
Rabbi Menachem Mendel Morgenstern von Kotzk (1787–1859); chassidischer Rebbe und Begründer der Kotzker Dynastie in Polen. Er wirkte zunächst in Lublin und später in Kotzk und wurde besonders durch seine außergewöhnliche Scharfsinnigkeit, seine kompromisslose Suche nach Wahrheit und seine prägnanten, oft tiefgründigen Aussprüche bekannt.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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