Ein gesegnetes Universum
Rabbi Leibel Lam zu Paraschat Re’eh 5786
mit Ergänzungen von S. Weinmann
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„Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor: den Segen, wenn ihr auf die Gebote des Ewigen, eures G-ttes, hört, die ich euch heute gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht auf die Gebote des Ewigen, eures G-ttes, hört und von dem Weg abweicht, den ich euch heute gebiete, indem ihr anderen Göttern nachfolgt, die ihr nicht kennt.“ (Dewarim 11,26–28)
Warum hängt der Segen bereits davon ab, auf die Gebote zu hören, während der Fluch erst dann eintritt, wenn man sich tatsächlich vom rechten Weg abwendet und anderen Göttern nachfolgt? Weshalb beginnt die Tora mit dem Singular „Siehe“, spricht dann aber im Plural: „ich lege euch vor“? Und wie kann man heute den Segen und den Fluch „sehen“, obwohl sie vom Gehorsam gegenüber der Tora und ihren Mizwot abhängen?
Einen ähnlichen Sprachgebrauch finden wir im Buch Mischlej:
„Segnungen ruhen auf dem Haupt des Gerechten, doch der Mund der Frevler birgt Gewalttat.“
(Mischlej/Sprüche 10,6)
Der Gaon von Wilna fragt in seinem Kommentar: Warum steht „der Gerechte“ im Singular, während „die Frevler“ in der Mehrzahl genannt werden? Weshalb empfängt der Gerechte den Segen „auf sein Haupt“, während bei den Frevlern der Mund im Mittelpunkt steht?
Der Gaon verbindet hierzu zwei talmudische Aussagen.
Unsere Weisen lehren, dass der Mensch häufig das Mass zurückerhält, das er anderen entgegenbringt. Wer andere segnet, ehrt und ihnen Gutes wünscht, öffnet sich selbst dem Segen des Himmels. Wer dagegen andere herabsetzt, verleumdet oder ihnen Böses wünscht, schadet letztlich auch sich selbst. Diesen Gedanken finden wir bereits bei Awraham: „Ich werde segnen, die dich segnen, und wer dich verflucht, den werde ich verfluchen“ (Bereschit/Genesis 12,3). Unsere Weisen formulieren dasselbe Prinzip mit den Worten: „Mit dem Mass, mit dem der Mensch misst, wird ihm gemessen.“ (Sota 8b)
Die zweite Aussage findet sich im Traktat Kidduschin (40a): Der Heilige, gelobt sei Er, rechnet einen guten Gedanken an, als wäre er bereits in die Tat umgesetzt worden – selbst wenn der Mensch die Mizwa später aus einem unverschuldeten Grund nicht ausführen konnte.
Daraus erklärt der Gaon: Sobald ein Gerechter den Gedanken fasst, einen anderen zu segnen, gilt er bereits selbst als gesegnet – noch bevor er ein einziges Wort ausgesprochen hat. Allein die Kraft eines guten Gedankens macht ihn gleichsam zu einem Anziehungspunkt für Segen. Deshalb spricht der Vers vom „Haupt des Gerechten“, dem Sitz des Denkens.
Bei den Frevlern verhält es sich anders. Böse Gedanken werden ihnen nicht sofort als Tat angerechnet. Erst wenn sie ihre Gedanken durch verletzende oder sündhafte Worte zum Ausdruck bringen, entfalten sie ihre zerstörerische Wirkung. Durch ihre eigene Sprache ziehen sie das Gegenteil von Segen auf sich.
Ein alltägliches Beispiel macht dies deutlich.
Wer hat nicht schon hinter einem Schulbus warten müssen, dessen rot blinkende Stoppschilder den Verkehr anhalten? Man hat es eilig, doch der Bus hält an. Manchmal staut sich der Verkehr in beide Richtungen, während ein einziges Kind nur langsam – vielleicht sogar weinend und widerstrebend – in den Bus steigt. Nicht selten zieht die Mutter dem Kind erst jetzt die Jacke an. Da denkt man leicht: „Warum hat sie das nicht schon vorher getan?“ Kaum fährt der Bus ein paar Häuser weiter, wiederholt sich dieselbe Szene.
Gerade in solchen Alltagssituationen eröffnet uns das Buch Mischlej zwei wichtige Einsichten:
Erstens: Jeder Tag schenkt uns unzählige Gelegenheiten, Segen zu verbreiten.
Anstatt uns zu ärgern, könnten wir dem Kind im Stillen etwas Gutes wünschen: „Möge es erfolgreich lernen, in der Schule oder Jeschiwa wachsen und seinen Eltern viel Freude bereiten.“ Das kostet nichts. Schon durch gute Gedanken und gute Worte können wir selbst zu Empfängern g-ttlichen Segens werden.
Zweitens: Selbst wenn wir unseren Ärger nicht sofort überwinden, sollten wir darauf achten, keine abwertenden Worte auszusprechen. Ein negativer Gedanke richtet weit weniger Schaden an als ein Gedanke, der ausgesprochen wird. Erst durch das Wort erhält er besonderes Gewicht und Wirkung.
Jeder Tag bringt unzählige Begegnungen, Prüfungen und Entscheidungen mit sich – zu viele, um sie alle aufzuzählen. Doch jeder Mensch kann diese Gelegenheiten nutzen und sie in Quellen des Segens verwandeln.
Rabbi Avigdor Miller sZl. empfahl eine einfache Übung: Nachdem man jemanden bereits mit den Worten „Gut Schabbes!“ gegrüsst hat, halte man einen Augenblick inne und wünsche dieser Person noch einmal – diesmal ganz bewusst und aufrichtig – im Herzen: „Ich wünsche ihr wirklich einen guten Schabbat.“
Der erste Gruss mag lediglich eine höfliche Gewohnheit gewesen sein. Der zweite jedoch verwandelt durch einen aufrichtigen Gedanken und einen stillen Segen den kleinen Bereich, in dem wir leben, in ein gesegnetes Universum.
Quellen und Persönlichkeiten:
Der Gaon von Wilna:
Rabbi Elijahu ben Schlomo Salman (1720–1797), bekannt als der Gaon von Wilna oder Wilnaer Gaon, war einer der bedeutendsten Tora-Gelehrten der Neuzeit. Bereits zu seinen Lebzeiten genoss er höchstes Ansehen und galt als aussergewöhnliches Genie auf den Gebieten der Tora, des Talmuds, der Halacha und der Kabbala.
Als führende Gestalt des litauisch-aschkenasischen Judentums prägte er Generationen von Gelehrten und gilt bis heute als Inbegriff der klassischen litauischen Tora-Gelehrsamkeit.
Der Gaon verfasste mehr als siebzig Kommentare und Werke zu Tora, Talmud, Halacha, Kabbala und anderen Bereichen des jüdischen Wissens. Seine Schriften behandeln ein breites Spektrum halachischer, philosophischer und religiöser Fragestellungen und zählen bis heute zu den grundlegenden Standardwerken der jüdischen Gelehrsamkeit.
Rabbi Awigdor Miller:
Rabbi Awigdor HaKohen Miller (1908 – 2001) war ein bedeutender amerikanischer charedischer Rabbiner, Autor und Redner. Er gehörte zu den einflussreichsten Vertretern der Mussar-Bewegung in den Vereinigten Staaten und wurde insbesondere durch seine Tausenden von Tora-Vorträgen und seine zahlreichen Bücher über Tora, jüdische Weltanschauung (Haschkafa), Geschichte und Charakterbildung bekannt.
Rabbi Awigdor Miller wurde als Victor Miller in Baltimore (Maryland, USA) geboren. Nach seiner Ausbildung an der Yeshiva Rabbi Isaac Elchanan und dem Yeshiva College in New York erhielt er die Semicha (rabbinische Ordination). Im Jahr 1932 ging er nach Litauen, um an der berühmten Slabodka-Jeschiwa zu studieren. Dort wurde er besonders von Rabbi Jizchak Eisik Scher und der Mussar-Tradition geprägt.
1935 heiratete er Ettel Lessin. Wegen der politischen Entwicklung in Europa kehrte er 1938 mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten zurück.
Zunächst wirkte Rabbi Miller als Gemeinderabbiner in Chelsea (Massachusetts). 1944 wurde er von Rabbi Jizchak Hutner zum Maschgiach Ruchani (geistlichen Mentor) der Jeschiwa Rabbi Chaim Berlin in Brooklyn berufen, ein Amt, das er zwanzig Jahre lang ausübte. Gleichzeitig war er Rabbiner der Gemeinde Young Israel of Rugby in Brooklyn. Später gründete er das Bais Yisroel of Rugby Torah Center, und ab 1986 war er Rosch Jeschiwa der von seinem Sohn gegründeten Yeshiva Beis Yisrael.
Rabbi Miller gehörte zu den ersten Rabbinern, die Tonkassetten als Medium zur Verbreitung von Tora-Unterricht nutzten. Im Laufe von rund fünf Jahrzehnten wurden mehr als 2.500 Vorträge in englischer Sprache sowie zahlreiche weitere in Jiddisch veröffentlicht. Seine Vorträge zeichneten sich durch ihre klare Sprache, lebensnahe Beispiele und die Betonung von Emuna (Glauben), Bitachon (Vertrauen auf Haschem), Dankbarkeit, Mussar und der Wertschätzung der Schöpfung aus.
Zu seinen bekanntesten Werken zählen unter anderem Rejoice, O Youth!, Awake, My Glory, Sing, You Righteous, The Beginning, Behold a People sowie zahlreiche Sammlungen seiner Vorträge.
Rabbi Awigdor Miller verstarb am 20. April 2001 (27. Nissan 5761) im Alter von 92 Jahren in Brooklyn, New York. Seine Bücher und Vorträge werden bis heute weltweit studiert und haben insbesondere im Bereich der Mussar-Literatur und der jüdischen Glaubensvermittlung einen nachhaltigen Einfluss.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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