Aw / Paraschat Re’eh
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Der jüdische Kalender (Paraschat Re’eh 5786)

Mosche erwähnt die Feiertage des jüdischen Jahres nochmals – warum?

Mosche erwähnt die Feiertage des jüdischen Jahres nochmals – warum?
Foto: AI Avigail

Der jüdische Kalender

Rabbi Berel Wein zu Paraschat Re’eh und Elul 5786

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Mosche unterbricht in Paraschat Re’eh scheinbar seine lange Rede über die Geschichte und Bestimmung des jüdischen Volkes, um gegen Ende der Parascha die Feiertage des jüdischen Jahres in Erinnerung zu rufen. Tatsächlich handelt es sich dabei keineswegs um eine Unterbrechung, sondern um einen zentralen Bestandteil seiner Botschaft. Der jüdische Kalender war seit jeher eine tragende Säule jüdischen Lebens und jüdischer Kontinuität.

Unter dem atheistischen Regime Stalins war es den Juden der Sowjetunion verboten, einen jüdischen Kalender zu besitzen. Dennoch wussten Millionen sowjetischer Juden – allen Verboten zum Trotz – genau, wann die jüdischen Feiertage begannen, insbesondere Simchat Tora. Gerade darin zeigte sich ihre unerschütterliche Treue zum jüdischen Glauben und zur überlieferten Tradition.

Der jüdische Kalender gibt unserem Leben seinen Rhythmus. Er weckt Erinnerungen, nährt Hoffnung und vermittelt das Bewusstsein, Teil einer jahrtausendealten, zeitlosen Tradition zu sein.

Gerade deshalb stellte der jüdische Kalender eine Bedrohung für das kommunistische Regime dar. Denn er misst nicht nur die vergangene Zeit, sondern richtet den Blick vor allem auf die Zukunft – auf die Hoffnung, dass das Kommende besser sein kann als das Vergangene.

Einer meiner jüngeren Enkel erzählte mir einmal voller Begeisterung, er habe berechnet, in wie vielen Jahren eine seltene Besonderheit des jüdischen Kalenders eintreten werde, bei der Erew Pessach auf einen bestimmten Wochentag fällt. Ich segnete ihn mit dem Wunsch, dass er dieses Jahr erleben möge. Noch mehr beeindruckte mich jedoch seine Vorfreude auf ein Ereignis, das erst viele Jahre in der Zukunft liegen würde.

Genau das schenkt uns der jüdische Kalender: Er öffnet unseren Blick für die Zukunft und vermittelt uns das Gefühl, dass wir unser Leben mitgestalten können. Er erinnert uns daran, dass unsere Entscheidungen und unser Handeln Einfluss auf unser persönliches und geistiges Schicksal haben.

Der jüdische Kalender führt uns von einem heiligen Tag zum nächsten. Stets sind wir auf dem Weg zum nächsten Schabbat oder Feiertag, um unsere Verbindung zum Schöpfer zu vertiefen und unsere Verpflichtung Ihm gegenüber aufs Neue zu bekräftigen.

Im Laufe der jüdischen Geschichte wurden zwar auch zahlreiche Trauertage in den Kalender aufgenommen. Dennoch bleibt der Grundton des jüdischen Jahres von Freude, Hoffnung, Familie, Gastfreundschaft, Mitgefühl und Dankbarkeit für die Gaben des Lebens geprägt.

Paraschat Re’eh bildet den Übergang in den Monat Elul. Sie wird stets an einem Schabbat vor oder an Rosch Chodesch Elul gelesen und weist bereits auf die Hohen Feiertage des Monats Tischri – Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot und Simchat Tora – hin. Deshalb ist die ausführliche Wiederholung des jüdischen Festkalenders in dieser Parascha besonders passend. Sie stimmt uns nicht nur auf den kommenden Monat Elul ein, sondern richtet unseren Blick zugleich auf das gesamte neue Jahr.

Die Zukunft bleibt dem Menschen verborgen. Dennoch schenkt uns die Beständigkeit des jüdischen Kalenders Zuversicht. Seit Jahrtausenden begleitet er das jüdische Volk auf seinem Weg durch die Geschichte und verbindet jede Generation mit ihren Vorfahren und ihren Nachkommen.

Der jüdische Kalender erinnert uns Tag für Tag an unsere einzigartige Berufung als Volk und an die Ewigkeit der Tora und unseres Glaubens. Damit fügt er sich vollkommen in die Botschaft Mosches im Buch Dewarim ein. Der Fluss der Zeit selbst ist eines der kostbarsten Geschenke, die der Schöpfer dem Menschen anvertraut hat.

Schabbat Schalom!

Rabbi Berel Wein

Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Berel Wein

Dieser Tage begehen wir die erste Jahrzeit des unvergesslichen Rabbiners, Dozenten, Historikers und Schriftstellers Rabbi Berel Wein sZl., dessen Lehren und Schriften bis heute unzählige Menschen inspirieren.

Rabbi Berel Wein (geb. 1934 in Chicago, Illinois, USA; gest. 16. August 2025 in Jerusalem) war ein orthodoxer Rabbiner, Dozent, Historiker und Schriftsteller. Über mehr als vier Jahrzehnte prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte wie kaum ein anderer. Durch unzählige Vorträge, Schiurim, Bücher, Seminare, Bildungsreisen und zuletzt auch Dokumentarfilme machte er die Geschichte des jüdischen Volkes einem breiten Publikum zugänglich.

Rabbi Wein veröffentlichte zahlreiche Werke in englischer und hebräischer Sprache zur jüdischen Geschichte. Mit weit über tausend aufgezeichneten Schiurim, Zeitungsartikeln und Vorträgen erreichte er Hunderttausende von Menschen in aller Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an der Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes.

1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern (New York) und wirkte dort bis 1997 als Rosch HaJeschiwa. Für seine außergewöhnlichen Verdienste um die Verbreitung der Tora und des Judentums wurde ihm vom Machon HaRav Frank in Jerusalem der Torah Prize Award verliehen.

Rabbi Berel Wein verstand es wie kaum ein anderer, Geschichte und Gegenwart miteinander zu verbinden. Mit großer Klarheit, Wärme und tiefem Glauben vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes weit mehr ist als eine Erinnerung an Vergangenes – sie ist Orientierung und Wegweisung für Gegenwart und Zukunft.

Unzählige Juden auf der ganzen Welt haben von seinem Wirken profitiert – sei es durch seine Tausenden von Schiurim und Vorträgen in Synagogen, Batej Midraschim, Schulen, Jeschiwot und Seminaren, durch seine zahlreichen Bücher und Artikel oder durch seine umfangreichen Audio- und Videoaufzeichnungen.

1997 übersiedelten Rabbi Wein und seine Ehefrau nach Jerusalem. Dort setzte er seine Lehr- und Schriftstellertätigkeit unvermindert fort und hielt regelmäßig Schiurim in der Jeschiwa Heichal HaTorah unter der Leitung des Gaon Rabbi Zvi Koshelevsky im Jerusalemer Stadtteil Har Nof.

Am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 verstarb Rabbi Berel Wein im Alter von 91 Jahren. Seine Beisetzung fand am folgenden Tag in Jerusalem statt.

Sein Vermächtnis lebt in seinen Werken, seinen Schülern und den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren ein tieferes Verständnis für die Tora, die jüdische Geschichte und die Aufgabe des jüdischen Volkes gewonnen haben.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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