Tischri/ Sukkot
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Der Kampf gegen die Korruption (Paraschat Schoftim 5786)

Die Gefahr der Korruption im täglichen Leben

Die Gefahr der Korruption im täglichen Leben
Foto: AI Avigail

Der Kampf gegen die Korruption

Rabbi Berel Wein zu Paraschat Schoftim 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

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Die ersten Verse der Parascha sprechen eine der grossen Schwächen des menschlichen Lebens an – im persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Bereich: die Gefahr der Korruption.

Korruption kann viele Formen und Ausprägungen annehmen. Offene Bestechung von Amtsträgern und Richtern gilt zweifellos als eine besonders schwerwiegende Form der Korruption, denn sie untergräbt die Grundlage jeder rechtsstaatlichen Gesellschaft. Unsere Geschichte und auch die Gegenwart liefern genügend Beispiele dafür, wie schädlich und zerstörerisch eine solche unmoralische Praxis sein kann.

Doch die Tora spricht nicht nur von der offensichtlichen Korruption – von Bestechung und dem Kauf gerichtlicher oder staatlicher Entscheidungen gegen Geld. Sie warnt auch vor einer weitaus subtileren und vielleicht sogar gefährlicheren Form der Korruption, die rechtlich möglicherweise noch gar nicht als Bestechung gilt.

Diese Art der Beeinflussung kann sich beinahe unbemerkt in unser Denken und Handeln einschleichen. Eine beiläufige Bemerkung, eine kleine Gefälligkeit oder ein früher erwiesener Gefallen können zu einem unbewussten Einfluss werden.

Der Talmud im Traktat Ketubot [105b] behandelt im Zusammenhang mit dem Verbot von Schochad (Bestechung) die Gefahr, dass bereits eine geringfügige persönliche Gefälligkeit die Unparteilichkeit eines Richters beeinträchtigen kann.

Der Talmud berichtet dort von dem grossen Amoräer Schmuel, der sich von einem Rechtsfall zurückzog, obwohl er als Richter dafür zuständig gewesen wäre. Einer der Prozessparteien hatte ihm zuvor beim Überqueren eines schmalen Stegs geholfen. Obwohl es sich nur um eine scheinbar unbedeutende Gefälligkeit handelte, befürchtete Schmuel, dass diese Geste sein Urteil unbewusst beeinflussen könnte.

Dabei hätte Schmuel – als einer der bedeutendsten Tora-Gelehrten und als Oberhaupt der Jeschiwa in Nehardea (Babylonien) – durchaus Anspruch auf eine solche Form der Ehrerbietung gehabt. Dennoch wollte er nicht das geringste Risiko eingehen, dass selbst eine kleine persönliche Zuwendung seine Unparteilichkeit beeinträchtigen und sein Urteil verfälschen könnte.

Gerade darin liegt die eindrucksvolle Botschaft des Talmuds: Ein Richter muss sich nicht nur vor offensichtlicher Bestechung hüten. Bereits die kleinste persönliche Gefälligkeit kann einen unbewussten Einfluss ausüben und seine objektive Urteilsfähigkeit beeinträchtigen.

Doch es gibt noch eine viel subtilere Form der Korruption, die im jüdischen Denken besonders hervorgehoben wird: die Korruption durch Eigeninteresse.

Eigeninteresse kann unseren Verstand trüben, unseren Blick verengen und dazu führen, dass wir langfristig falsche Entscheidungen treffen. Die grossen Meister der Mussar-Bewegung und des Chassidismus sprechen in diesem Zusammenhang von einem Menschen, der Meschuchad ist – dessen Urteil durch persönliche Interessen, Eigennutz und Selbstbezogenheit beeinflusst und verfälscht wird. Dadurch verliert er die Fähigkeit, die möglichen Folgen seines Handelns klar und objektiv zu erkennen.

Diese Form der inneren Korruption entsteht aus Vorurteilen, Unwissenheit und vor allem aus der mangelnden Fähigkeit, die eigenen Wünsche und persönlichen Interessen zu beherrschen.

Der innere Gedankengang lautet dann sinngemäss:

„Weil ich es tun möchte, suche ich nach Gründen, die es rechtfertigen – und überzeuge mich schliesslich selbst davon, dass es richtig ist.“

Gerade diese Haltung kann zu einer besonders gefährlichen Form der Selbsttäuschung führen: Der Mensch macht seine eigenen Wünsche zum Massstab dessen, was er für richtig und falsch hält.

Deshalb setzt die Tora klare Massstäbe für unser Verhalten und unsere Entscheidungen. Wer sich an diese objektiven Vorgaben hält, verringert die Gefahr, sich selbst zu täuschen und von seinen persönlichen Interessen leiten zu lassen. Vollständig beseitigen lässt sich diese Gefahr jedoch nicht.

Nur eine ständige und ehrliche Selbstprüfung unserer Handlungen und Motive kann uns wirksam gegen die feinsten Formen der Selbsttäuschung schützen.

[Anmerkung des Herausgebers: Um sich vor falschen Gedankengängen und Handlungen zu schützen, sollte man sich deshalb durch tägliches Mussar-Lernen und gegebenenfalls durch den Rat einer vertrauenswürdigen Person – etwa des Ehepartners oder eines Lehrers – regelmässig überprüfen und korrigieren lassen.]

Man darf sich deshalb niemals auf frühere gute Taten oder vergangene Frömmigkeit verlassen und daraus schliessen, man sei gegen Korruption und Selbsttäuschung gefeit. Jeder neue Tag ist ein neuer Kampf, und jede Entscheidung im Leben stellt unsere innere Aufrichtigkeit und Reinheit der Absicht erneut auf die Probe.

Korruption kann selbst den Weisen blind machen und das Urteil eines Gerechten verzerren, wie uns die Tora in dieser Woche lehrt [Dewarim 16:19]. Die allgegenwärtige Gefahr der Korruption zu erkennen und sich ihrer oft subtilen Formen bewusst zu sein, ist bereits der erste Schritt im Kampf gegen die eigene Selbsttäuschung und ihre verhängnisvollen Illusionen.

Schabbat Schalom!

Rabbi Berel Wein

 

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Berel Wein

Rabbi Berel Wein (1934–2025) war ein bedeutender orthodoxer Rabbiner, Historiker, Lehrer und Schriftsteller. Über Jahrzehnte hinweg prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte und machte sie durch seine Schiurim, Vorträge, Bücher, Seminare, Bildungsreisen sowie Audio- und Videoaufzeichnungen einem weltweiten Publikum zugänglich.

1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern, New York, deren Rosch Jeschiwa er bis 1997 war. Anschliessend übersiedelte er mit seiner Ehefrau nach Jerusalem, wo er seine Lehr- und Vortragstätigkeit fortsetzte und regelmässig Schiurim gab.

Rabbi Wein verstand es in besonderer Weise, jüdische Geschichte mit der Gegenwart zu verbinden. Mit Klarheit, Wärme und tiefem Emuna vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit ist, sondern Orientierung und Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft bietet.

Durch seine zahlreichen Bücher und Tausende von Schiurim und Vorträgen erreichte er Menschen auf der ganzen Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an Tora, jüdischer Geschichte und der Aufgabe des jüdischen Volkes.

Rabbi Berel Wein starb am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 im Alter von 91 Jahren in Jerusalem. Sein Vermächtnis lebt in seinen Schriften, seinen Schülern und in den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren einen tieferen Zugang zur jüdischen Geschichte und Tradition gefunden haben.

 

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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