Niemand bleibt neutral!
Rabbi Leibel Lam zu Paraschat Ejkew 5786 – Beitrag 2
mit Ergänzungen von S. Weinmann
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„Du wirst essen und satt werden, und du sollst den Ewigen, deinen G’tt, für das gute Land preisen, das Er dir gegeben hat.“ [ Dewarim 8,10]
„…du wirst essen und satt werden. Hütet euch aber, dass euer Herz sich nicht verführen lässt und ihr euch anderen Göttern zuwendet, ihnen dient und euch vor ihnen niederwerft. Dann wird der Zorn des Ewigen gegen euch entbrennen …“ [Dewarim 11,15–17]
„Hütet euch: Wenn ihr esst und satt werdet, dann hütet euch, dass euer Herz nicht übermütig wird. Denn der Mensch lehnt sich nur dann gegen den Ewigen auf, wenn er satt ist.“ [Raschi zu Dewarim 11,16]
Zweimal begegnet uns in der Parascha dieser Woche die Formulierung: „Du wirst essen und satt werden.“ Das erste Mal folgt darauf das Gebot des Birkat Hamason, des Tischsegens nach der Mahlzeit. Das zweite Mal schliesst sich eine eindringliche Warnung an, sich nicht der Götzenverehrung zuzuwenden.
Sind ein paar Scheiben Brot wirklich mit einer so grossen Gefahr verbunden, dass die Tora uns gleich zweimal mahnen muss? Die Antwort lautet offenbar: Ja! Doch warum?
Während einiger Jahre traf ich mich einmal wöchentlich frühmorgens mit einem Geschäftsmann in seinem Büro in Manhattan. Es war jeweils mein erster Termin des Tages. Auf dem Weg dorthin kaufte ich mir in einem Bagel-Laden neben der Bushaltestelle einen Muffin und einen heissen Kaffee. Seit Jahren begrüsste und verabschiedete ich die Sekretärin jede Woche mit einem kurzen „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“.
Eines Tages blieb während unseres Treffens keine Zeit, den Muffin zu essen oder den Kaffee zu trinken. Erst als ich gehen wollte, setzte ich mich unauffällig in den Empfangsbereich, ass den inzwischen etwas trockenen Muffin und trank den mittlerweile kalt gewordenen Kaffee. Anschliessend begann ich den Birkat Hamason (das Tischgebet) zu rezitieren.
Mitten im stillen Rezitieren fragte mich die Sekretärin plötzlich: „Sehe ich Sie nicht manchmal in der 47. Strasse Diamanten verkaufen? Sind Sie nicht der Mann, den ich dort öfter sehe?“ Da ich den Tischsegen nicht unterbrechen wollte, konnte ich ihr erst einige Augenblicke später antworten.
Nachdem ich den Segen beendet hatte, entschuldigte ich mich und erklärte, dass ich keineswegs unhöflich sein wollte, sondern gerade den Segensspruch nach dem Essen gesprochen hatte.
Sie schaute mich verwundert an und sagte beinahe mit der Stimme einer Geistlichen: „Einen Segen nach dem Essen? Wir sprechen doch vor dem Essen ein Tischgebet!“
Ich nickte und antwortete: „Das tun wir auch. Auch wir sprechen einen Segen, bevor wir essen. Aber wer denkt schon daran, sich nach dem Essen noch einmal bei G’tt zu bedanken, wenn der Hunger bereits gestillt ist?“
Sie starrte mich einen Augenblick sprachlos an und sagte schliesslich nur: „Mann, das ist Weisheit!“
Die Segenssprüche vor dem Essen wurden von unseren Weisen eingesetzt. Sie geben den natürlichen Gefühlen des Dankes Ausdruck, die jeder empfindet, wenn eine schmackhafte Mahlzeit vor ihm steht. Doch nachdem der Mensch satt geworden ist, verändert sich die Situation grundlegend.
Die Tora musste uns nicht lehren zu atmen oder zu gehen. Ebenso wenig musste sie uns dazu auffordern, Dankbarkeit zu empfinden, solange wir noch auf das Essen warten.
Nachdem jedoch das Bedürfnis gestillt ist, noch einmal zurückzublicken und bewusst anzuerkennen, was man bereits empfangen hat – das erfordert Charakterstärke. Eine Schuld aus Überzeugung zu begleichen und nicht bloss aus einer spontanen Gefühlsregung heraus, formt den Menschen. Wer sich ein Leben lang daran gewöhnt, entwickelt eine Haltung tiefer Dankbarkeit, die seinen Charakter nachhaltig prägt.
Der Chatam Sofer, einer der grössten Gelehrten der jüdischen Welt vor rund zweihundert Jahren, erfuhr einst, dass jemand aus seiner Gemeinde eine regelrechte Verleumdungskampagne gegen ihn anzettelte. Anstatt sich darüber zu ärgern, setzte er sich schweigend hin und versank in tiefes Nachdenken.
Seine Schüler fragten ihn, worüber er in diesem Augenblick so intensiv nachdenke.
Er antwortete: „Ich versuche mich zu erinnern, welchen Gefallen ich diesem Menschen erwiesen habe – denn offenbar hasst er mich deshalb jetzt so sehr.“
Der psychologische Mechanismus dahinter ist ebenso einfach wie tiefgründig: Niemand fühlt sich gern in der Schuld eines anderen. Im Wesentlichen gibt es nur drei Möglichkeiten, auf eine empfangene Wohltat zu reagieren:
- Man verdrängt die empfangene Wohltat und leugnet sie innerlich.
- Man entwickelt Ablehnung oder sogar Feindseligkeit gegenüber dem Wohltäter.
- Man begegnet der Wohltat mit Demut und bewahrt bleibende Dankbarkeit.
Neutral bleibt niemand!
Schabbat Schalom!
2. Raschi
Raschi – Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (auch: Rabbi Schlomo Jizchaki). Der Name wird häufig auch als Abkürzung für Rabban schel Jisrael („Der Lehrer Israels“) gedeutet. Meist wird er jedoch einfach Raschi genannt. Er lebte von 1040 bis 1105 und wirkte vor allem in Troyes (Frankreich), zeitweise auch in Worms (Deutschland).
Raschi zählt zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Seine grundlegenden Kommentare zum Tenach und zum Babylonischen Talmud haben das jüdische Lernen bis heute nachhaltig geprägt. Nicht ohne Grund wird er oft als der „Vater aller Tenach- und Talmudkommentare“ bezeichnet.
Sein Bibelkommentar wird seit nahezu tausend Jahren ununterbrochen studiert und ist in den meisten traditionellen jüdischen Bibelausgaben abgedruckt. Ebenso gehört sein Kommentar zum Babylonischen Talmud zu den unverzichtbaren Standardwerken und ist fester Bestandteil nahezu jeder gedruckten Talmudausgabe.
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2. Chatam Sofer
Chatam Sofer (1762–1839) – eigentlich Rabbi Mosche Sofer („Sofer“ bedeutet „Schreiber“) – wirkte als Rabbiner und Rosch Jeschiwa in Pressburg (heute Bratislava, Slowakei).
Er zählt zu den bedeutendsten rabbinischen Autoritäten des 19. Jahrhunderts und prägte das orthodoxe Judentum seiner Zeit nachhaltig. Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart.
Der Chatam Sofer hinterliess ein umfangreiches schriftstellerisches Werk. Dazu gehören vor allem seine Sche’elot u-Teschuwot (halachische Responsen), Talmuderklärungen, Kommentare zur Tora, Predigten, Briefe, Gedichte sowie persönliche Aufzeichnungen.
Die meisten seiner Schriften sind unter dem Namen „Chatam Sofer“ bekannt – benannt nach seinem Hauptwerk gleichen Namens, dessen Titel auf seinen Familiennamen Sofer („Schreiber“) anspielt.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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