Tammus / Paraschat Pinchas
Tammus / Paraschat Pinchas

Wer sich selbst als Sünder betrachtet, wird zur leichten Beute des Jezer Hara (Paraschat Pinchas 5786)

„Für wen ist die g-ttliche Bezeugung der Reinheit der Abstammung Israels von Bedeutung?“

„Für wen ist die g-ttliche Bezeugung der Reinheit der Abstammung Israels von Bedeutung?“
Foto: AI Avigail

Wer sich selbst als Sünder betrachtet, wird zur leichten Beute des Jezer Hara

Rav Frand zu Paraschat Pinchas 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

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Das Sefer (Buch) Bamidbar wird auch Chumasch HaPekudim („das Buch der Zählungen“) genannt, da es mit einer Zählung des jüdischen Volkes beginnt und gegen Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung, in der dieswöchigen Parascha Pinchas, eine weitere Volkszählung folgt.

Bei der Zählung in dieser Woche fällt ein besonderes Muster auf, das sich bei der Aufzählung der einzelnen Familien der verschiedenen Stämme wiederholt. Beim ersten Auftreten dieses Musters zitiert Raschi einen Midrasch – im Zusammenhang mit der Familie Chanoch, dem Sohn von Re’uwen [Bamidbar 26:5].

Die Tora nennt diese Familie „Mischpachat HaChanochi“. Dem Namen des Familienvaters wird der Buchstabe He vorangestellt und der Buchstabe Jud angefügt. Diese beiden Buchstaben – Jud-He – bilden den Namen Haschems und umschliessen gewissermassen den Familiennamen.

Nach dem von Raschi zitierten Midrasch verspotteten die Völker der Welt die Juden wegen ihrer genauen Zuordnung zu ihren Familien und Stämmen:

„Warum führen diese ihre Abstammung nach ihren Stämmen zurück? Glauben sie etwa, dass die Ägypter nichts mit ihren Müttern gemacht hätten? Wenn die Ägypter schon über die Körper der Israeliten Macht hatten, wie viel mehr gilt dies dann über ihre Frauen?“

Darauf antwortet der Midrasch:

„Deshalb legte der Heilige, gelobt sei Er, Seinen Namen über sie – mit dem Buchstaben He auf der einen Seite und dem Buchstaben Jud auf der anderen Seite des Familiennamens –, um zu bezeugen: Ich bezeuge über sie, dass sie die Kinder ihrer Väter sind.“

Auch König David bringt diesen Gedanken zum Ausdruck:

„Schiwtej J-a, Edut leJisrael – Die Stämme Haschems (Jud-He), ein Zeugnis für Israel“ [Tehillim/Psalm 122:4].

Haschem selbst bezeugt damit, dass das Volk Israel, während all seiner Jahre in Ägypten rein und unverfälscht geblieben ist.

Die Fragen:

Doch stellt sich eine Frage: Ist es realistisch anzunehmen, dass dies die Völker der Welt überzeugen würde? Sie würden sich doch kaum von den Formulierungen „HaChanochi“ (Chanoch), „HaPalu’i“ (Palu), „HaChezroni“ (Chezron) beeindrucken lassen und daraus schliessen: Die Abstammung der jüdischen Familien ist rein. Wen versucht die Tora hier also zu überzeugen?

Darüber hinaus fragt der Chatam Sofer: Wenn diese besondere Namensform tatsächlich bezeugen soll, dass es in Ägypten keine unerlaubten Beziehungen gegeben hatte – warum wurde diese Form nicht schon bei der ersten Zählung am Anfang des Buches Bamidbar verwendet?

Die Antwort:

Der heutige Tolner Rebbe von Jerusalem, Rabbi Jizchak Menachem Weinberg, gibt in seinem Werk Sefer Hejma Jenachamuni einen Ansatz, der beide Fragen beantwortet.

Er beginnt mit einer talmudischen Analyse [Sanhedrin 107a] der Bitte von König David um Vergebung nach der Geschichte mit Bat Schewa. Der Talmud erklärt hierzu die Verse in Tehillim [19:13–14].

Rabbi Dostai aus Biri lehrte:

Womit ist David zu vergleichen? Mit einem Kuti-Händler, der einem Kunden zunächst wenig Ware zu günstigen Konditionen anbietet und ihn anschliessend Schritt für Schritt dazu bringt, immer mehr und mehr Ware zu kaufen.

David begann mit den Worten:

„Schgijot mi jawin“ – „Wer erkennt seine unbeabsichtigten Verfehlungen?“

Haschem antwortete ihm: Die unbeabsichtigte Sünden werden vergeben!

Dann fuhr David fort:

„Ministarot nakejni“ – Von verborgenen (beabsichtigten) Verfehlungen reinige mich.“

Auch diese wurden ihm vergeben.

Danach sagte er:

„Gam miSejdim chassoch Awdecha“ – „Auch von vorsätzlichen und rebellischen Sünden (in der Öffentlichkeit) bewahre Deinen Diener“

Auch dies wurde ihm gewährt.

Schliesslich bat David:

„Al jimschelu bi“ – „Mögen die Weisen nicht negativ über mich sprechen“

Auch diese Bitte wurde erfüllt.

Raschi erklärt in Tehillim, warum David mit einem Kuti-Händler verglichen wird:

Es ist wie jemand, der an eine Tür kommt und um ein Glas Wasser bittet. Der Hausherr erfüllt diese Bitte. Nachdem er das Wasser getrunken hat, bittet er um ein Stück Zwiebel. Nachdem auch diese Bitte erfüllt wurde, bittet er um etwas Salz zur Zwiebel. Danach bittet er um Brot, damit er die scharfen Speisen nicht auf nüchternen Magen essen muss.

Hätte er von Anfang an um Brot gebeten, hätte der Hausherr möglicherweise abgelehnt, weil die Bitte zu gross gewesen wäre. Deshalb begann er mit einer kleinen, vernünftigen Bitte und steigerte sie Schritt für Schritt.

So war es auch bei David: Er begann mit der Bitte um Vergebung für unbeabsichtigte Sünden und steigerte sich schliesslich bis zu vorsätzlichen und rebellischen Sünden. Doch die wichtigste Bitte war seine letzte: dass die Weisen ihn nicht als Sünder abstempeln und sich von ihm distanzieren würden. Auch diese Bitte wurde erfüllt.

Warum war David Hamelech so besorgt?

Der Tolner Rebbe fragt: Warum war David darüber so besorgt?

Er erklärt damit einen sehr wichtigen Grundsatz menschlichen Verhaltens:

Wenn ein Mensch sich selbst in seinen eigenen Augen als Sünder und geistigen Versager betrachtet, wird er zur leichten Beute des Jezer Hara (des bösen Triebs).

Ein Mensch darf sich niemals selbst als „Rascha“ (Sünder) betrachten. Denn wenn er sich selbst so sieht, kann der Jezer Hara zu ihm sagen:

„Was macht es schon aus? Du bist doch sowieso ein Rascha!“

Wer sich selbst für wertlos hält, verliert seine innere Grenze. Jeder Mensch braucht ein Bewusstsein für seinen eigenen Wert.

Wenn ein Mensch an sich glaubt, wenn er sich selbst als angesehenen Menschen, als Ben Tora oder als Talmid Chacham betrachtet, dann wird er sich selbst fragen:

„Wie kann ich so etwas tun?“

Doch wenn jemand sich selbst wie den Abschaum der Gesellschaft betrachtet, wird er auch entsprechend handeln. Er wird leicht weiter fallen, weil ihm jede innere Hemmung fehlt.

So erklärt der Tolner Rebbe Davids Bitte an Haschem:

Nachdem David vollständige Vergebung erhalten hatte – für unbeabsichtigte, vorsätzliche und rebellische Sünden –, blieb ihm noch eine Sorge:

„Die Menschen werden mich nicht mehr als gerechten und integren Menschen betrachten. Wenn sie mich so sehen, wird es auch meine eigene Selbstwahrnehmung beeinflussen. Auch ich könnte beginnen, mich selbst als Sünder zu sehen.“

Darum bat er um noch eines:

„Lass die Weisen mich weiterhin mit Respekt behandeln, damit auch ich mich selbst mit Respekt behandeln kann.“

Für wen ist die g-ttliche Bezeugung der Reinheit der Abstammung Israels von Bedeutung?

Mit dieser Einleitung erklärt der Tolner Rebbe den Midrasch über das jüdische Volk.

Haschem selbst bezeugt damit, dass das Volk Israel, während all seiner Jahre in Ägypten rein und unverfälscht geblieben ist.

Wir hatten gefragt: Welchen Unterschied macht es für die Völker der Welt, dass die Namen der Familien Israels mit den Buchstaben des g-ttlichen Namens umgeben sind?

Die Antwort lautet: Für die Völker der Welt macht es tatsächlich keinen Unterschied.

Aber für das jüdische Volk ist es von grösster Bedeutung.

Wir müssen wissen und verinnerlichen, dass Haschem selbst bezeugt, dass unsere Abstammung rein ist. Wir sollen die Reinheit unserer Herkunft kennen und schätzen.

Damit beantwortet der Tolner Rebbe auch die Frage des Chatam Sofer: Warum brauchte man diese besondere Form nicht bei der ersten Zählung in Bamidbar?

Denn die Generation, die aus Ägypten ausgezogen war, hätte solche Behauptungen sofort zurückgewiesen:

„Ich weiss, dass das nicht stimmt. Das ist Unsinn!“

Sie hatten die Ereignisse selbst erlebt. Solche Anschuldigungen hätten keinen Einfluss auf ihr Selbstbild gehabt.

Aber vierzig Jahre später war die Generation des Auszugs aus Ägypten bereits verstorben. Die neue Generation, die nun in Erez Jisrael einziehen sollte, hatte keine eigene Erinnerung mehr an das, was sich in Ägypten ereignet hatte.

Wenn sie die Behauptungen der Völker hörten – dass ihre Mütter während der Sklaverei von den Ägyptern missbraucht worden seien –, hätte sich vielleicht ein Zweifel eingeschlichen:

„Vielleicht haben sie recht. Vielleicht bin ich nicht legitim. Vielleicht stammt meine Familie doch nicht rein von den Vorvätern ab.“

Ein solcher Gedanke hätte ihr Selbstbild schwer beschädigen können.

Darum bezeugte Haschem:

„Das ist ausgeschlossen! Es ist nicht wahr.“

Er umgab jeden Familiennamen mit den Buchstaben Seines g-ttlichen Namens, um die Reinheit der Abstammung zu bezeugen.

Denn für jeden Menschen ist es entscheidend zu erkennen, wer er ist und woher er kommt.

Je stärker ein Mensch seinen eigenen Wert erkennt, an sich glaubt und sich als Ben Tora betrachtet, desto besser ist er vor den Verführungen des Jezer Hara geschützt.

Quellen und Persönlichkeiten:

Raschi – Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (auch: Rabbi Schlomo Jizchaki) oder Rabban Schel Jisrael („der Großlehrer Israels“); meist jedoch einfach Raschi genannt (1040–1105). Er wirkte in Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland).

Raschi war ein französischer Rabbiner und einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Er verfasste grundlegende Kommentare zum Tenach und zum Talmud und gilt als der „Vater aller Tenach- und Talmudkommentare“.

Sein Bibelkommentar wird bis heute intensiv studiert und ist in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt. Auch sein Kommentar zum Babylonischen Talmud gehört zu den wichtigsten Talmudkommentaren und ist Bestandteil praktisch aller gedruckten Talmudausgaben.

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Chatam Sofer (1762–1839) – eigentlich Rabbi Mosche Sofer (auch: Schreiber), wirkte in Pressburg (heute Bratislava, Slowakei).

Er war Rosch Jeschiwa und einer der bedeutendsten Rabbiner des 19. Jahrhunderts. Der Chatam Sofer verfasste zahlreiche Werke, darunter acht Bände Responsen (Sche’elot uTeschuwot), 18 Bände Talmuderklärungen, Kommentare zur Tora, Briefe, Gedichte und ein persönliches Tagebuch.

Die meisten seiner Schriften sind unter dem Namen „Chatam Sofer“ bekannt – nach seinem Hauptwerk gleichen Namens.

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Rabbi Jizchak Menachem Weinberg, der Tolner Rebbe (zeitgenössischer Rebbe und gefragter Redner), leitet die Tolner Gemeinde in Jerusalem und ist als Dozent sehr gefragt.

Er ist der Verfasser des Werkes „Hejma Jenachamuni“, einer Sammlung von Gedanken und Auslegungen zum Pentateuch.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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