Siwan / Paraschat Beha’alotecha
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Unser Überleben im Galut – Kiddusch HaSchem, Plan B (Paraschat Schlach-Lecah 5786)

Was bedeutet „Ich vergebe, deiner Bitte gemäss“?

Was bedeutet „Ich vergebe, deiner Bitte gemäss“?
Foto: ushmm.org

Unser Überleben im Galut – Kiddusch HaSchem, Plan B

Rav Frand zu Paraschat Schelach-Lecha 5786

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

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In Paraschat Schlach war der Allmächtige bereit, das jüdische Volk wegen der Sünde der Kundschafter zu vernichten. Die Meraglim (Kundschafter) hatten einen negativen Bericht über Erez Jisrael abgegeben, das Volk nahm ihre verleumderischen Worte an und weinte, dass der Ewige sie nach Erez Jisrael bringen will.

Mosche Rabbejnu trat jedoch für sie ein und argumentierte:

„Dann werden die Ägypter sagen: Weil Haschem nicht die Macht hatte, dieses Volk in das Land zu bringen, das Er ihnen zugeschworen hatte, hat Er sie in der Wüste hingeschlachtet.“ [Bamidbar 14,16]

Anschliessend berief sich Mosche auf die ‘Dreizehn Eigenschaften’ der g-ttlichen Barmherzigkeit und flehte:

„So möge sich denn jetzt die Kraft des Allmächtigen in ihrer Grösse bewähren, wie Du gesprochen hast: ‘Ewiger, langmütig und reich an Güte, der Schuld und Freveltat vergibt… „Verzeihe doch die Schuld dieses Volkes ob der Grösse Deiner Gnade, und wie Du von Ägypten an bis jetzt diesem Volk vergeben hast.“ [Bamidbar 14,17-19]

Darauf antwortete Haschem:

„Salachti kidwarecha – Ich vergebe, aufgrund deiner Bitte.“
(Bamidbar 14,20)

 

Was bedeutet „Ich vergebe, aufgrund deiner Bitte“?

Mosche brachte eigentlich zwei Argumente vor:

Erstens berief er sich auf die Dreizehn Eigenschaften der Barmherzigkeit.

Zweitens argumentierte er, dass die Vernichtung des Volkes einen Chilul Haschemeine Entweihung des g-ttlichen Namens darstellen würde, weil die Nationen sagen würden:

„Haschem konnte Sein Versprechen nicht erfüllen.“

Die Formulierung „Ich habe vergeben deiner Bitte gemäss“ scheint anzudeuten, dass diesmal selbst die Dreizehn Eigenschaften der Barmherzigkeitallein nicht ausreichten. Erst Mosches zusätzliches Argument des Kiddusch HaSchem (Heiligung des g-ttlichen Namens) – dass die Völker die Macht Haschems in Frage stellen würden – bewirkte die endgültige Vergebung.

Unmittelbar danach sagt die Tora:

„Doch so wahr Ich lebe – die Herrlichkeit des Ewigen wird die ganze Erde erfüllen.“
[Bamidbar 14,21]

Dieser Vers ist schwer verständlich. Raschi versucht auf zwei Wege diesen Vers zu erklären.

Der Netziw (Rav Naftali Zvi Jehuda Berlin) erklärt in seinem Werk Ha’amek Davar, dass König David in Tehillim die Bedeutung dieses Verses offenlegt.

In Tehillim lesen wir:

„Er erhob Seine Hand zum Schwur gegen sie, um sie in der Wüste fallen zu lassen (umzubringen) und ihre Nachkommen unter die Völker zu zerstreuen und sie unter die Länder zu verteilen.“
[Tehillim/Psalm 106,26–27]

 

Wie sollte ‘die Herrlichkeit des Ewigen die ganze Erde erfüllen’?

Der Netziv erklärt:

Als Haschem sagte:

„Die Herrlichkeit des Ewigen wird die ganze Erde erfüllen“,

versprach Er damit:

„Ich werde einen Kiddusch HaSchem bewirken.“

Doch wie?

Die Antwort lautet:

Durch die Zerstreuung des jüdischen Volkes unter alle Nationen der Erde!

 

Der ursprüngliche Plan

Haschems ursprünglicher Plan war ein anderer.

Ursprünglich war vorgesehen, dass die ganze Welt die Macht Haschems erkennen würde, wenn Klal Jisrael – nach all den Wundern des Auszugs aus Ägypten und der Wüstenwanderung – unter Mosches Führung auf übernatürliche Weise in Erez Jisrael einziehen würde.

Dadurch hätte die ganze Welt erkannt:

„Haschem Hu HaElokim – Haschem ist der wahre G-tt.“

Doch die Sünde der Kundschafter verhinderte diesen Plan.

Das Volk verlor das Vertrauen in den Ribbono schel Olam (Herr der Welt), trotz den grossen Wundern, das es bis jetzt erlebt hatte.

Darauf sagte der Allmächtige gewissermassen:

„Wenn ihr nicht bereit seid, Mich auf diese Weise zu offenbaren, dann wird der Kiddusch Haschem auf einem anderen Weg erfolgen müssen.“

 

Kiddusch Haschem – Plan B

Der ursprüngliche Plan war ein triumphaler Einzug in Erez Jisrael unter offenem g-ttlichem Eingreifen.

Doch nun trat „Plan B“ in Kraft.

Das jüdische Volk würde über die ganze Welt verstreut werden.

Und dort würde ein anderes Wunder sichtbar werden:

Das Wunder des Überleben des jüdische Volkes im Galut (Exil).

Haschem sagte gewissermassen:

„Ich werde euch in alle vier Enden der Erde zerstreuen. Und dennoch werdet ihr als Volk bestehen bleiben.“

Das ist etwas, das die Weltgeschichte sonst nicht kennt.

Eine Nation, die den grössten Teil ihrer Geschichte fern ihrer Heimat verbringt und dennoch ihre Identität bewahrt, ist ein historisches Phänomen ohne Vergleich.

Welches andere Volk hat Jahrtausende ausserhalb seines Landes verbracht und dennoch seine Identität, seine Sprache, seine Traditionen und seinen Glauben bewahrt?  

Welches andere Volk hat:

  • Vertreibungen,
  • Verfolgungen,
  • Kreuzzüge
  • Pogrome,
  • Inquisition,
  • Ghettos,
  • Holocaust, etc

überstanden und existiert dennoch weiter?

Das ist der Kiddusch HaSchem von Plan B.

 

Das Beispiel der Tibeter

Lehawdil (um zu unterscheiden),

Der Dalai Lama soll mehrfach darauf hingewiesen haben, dass das tibetische Volk vom jüdischen Volk lernen müsse.

Er erkannte:

Die Juden haben etwas geschafft, was historisch fast unmöglich erscheint.

Was er jedoch übersehen hat, ist:

Die Juden besitzen etwas Einzigartiges – die Tora und ihren Bund mit dem Allmächtigen

Ohne diese Verbindung wäre ein solches Überleben unmöglich.

Die Tibeter besitzen keine Tora. Sie haben nicht jene einzigartige Beziehung zum Ribbono schel Olam, die das jüdische Volk besitzt.

Die Bewahrung einer nationalen Identität über Tausende von Jahren ohne Heimatland ist kein natürliches Phänomen. Sie ist ein offenes Wunder.

 

Rabbi Ja’akow Emden

Rabbi Ja’akow Emden (Jaawez) schreibt in der Einleitung zu seinem Siddur:

„Welcher Philosoph könnte behaupten, dies sei ein natürliches Ereignis?
In meinen Augen ist das Fortbestehen des jüdischen Volkes im Exil ein grösseres Wunder als alle Wunder Ägyptens.
Je länger das Exil dauert, desto grösser wird das Wunder.“

Mit jedem weiteren Jahrhzehnt Galut wird die Existenz des jüdischen Volkes zu einem noch stärkeren Zeugnis für die g-ttliche Vorsehung.

 

Die Mirrer Jeschiwa

Diese Idee erinnert an eine bemerkenswerte Aussage von Rav Jecheskel Lewenstein, dem legendären Maschgiach Ruchani (geistige Betreuer der Jeschiwa) der Mirrer Jeschiwa.

Die Geschichte der Mirrer Jeschiwa während des Zweiten Weltkriegs liest sich wie eine Kette offener Wunder:

  • die Flucht aus Polen/Litauen,
  • die Reise quer durch Sibirien, trotz der aufmerksamen Beobachtung durch die KGB
  • die Rettung durch japanische Visa
  • der Weg über Kobe nach Shanghai, (mit einem unseetauglichen alten Boot mussten sie drei Reisen über breites Gewässer unternehmen, um die gesamte Jeschiwa zu transportieren (das Boot sank auf der Rückfahrt, nachdem es die letzte Ladung von Jeschiwa-Schülern abgesetzt hatte)
  • die wundersame Bewahrung der gesamten Jeschiwa trotz Krieg und Bombardierungen.

Immer wieder schien alles verloren.

Immer wieder öffnete sich plötzlich ein unerwarteter Ausweg oder eine unerwartete Rettung.

Überall war die Hand Haschems sichtbar.

Als Shanghai bombardiert wurde, kamen die Studenten der Jeschiwa auf wundersame Weise davon.

Und jetzt zur bemerkenswerten Aussage von Rav Jecheskel Lewenstein:

Rav Chatzkel sagte einmal:

„Das Wunder der Rettung der Mirrer Jeschiwa war grösser als das Wunder von Purim.“

Wer die Geschichte kennt, versteht diese Aussage!

 

Die Botschaft unserer Parascha

Genau darauf spielt unser Vers an:

„Die Herrlichkeit Haschems wird die ganze Erde erfüllen.“

Der ursprüngliche Kiddusch Haschem sollte durch den triumphalen Einzug in Erez Jisrael erfolgen.

Durch der Sünde der Kundschafter wurde dieser Plan vereitelt.

Nun trat „Plan B“ in Kraft.

Das jüdische Volk würde über die ganze Welt verstreut werden.

Haschem schuf einen anderen Weg. Einen schmerzhaften Weg.

Plan B – Galut – Exil.

Leider brachte dieser Plan unermessliches Leid, Verfolgungen und Jahrtausende der Zerstreuung mit sich. Jahrtausende des Umherirrens.

Doch zugleich wurde gerade dadurch eine Wahrheit sichtbar, die kein Volk der Welt bestreiten kann:

Das Überleben des jüdischen Volkes gegen jede historische Wahrscheinlichkeit ist selbst ein fortwährendes Wunder.

Unsere Existenz im Galut, trotz aller Versuche, sie auszulöschen ist ein lebendiges Zeugnis für die Hand Haschems in der Geschichte.

Und genau darin besteht jener Kiddusch HaSchem, von dem die Tora spricht:

„Die Herrlichkeit Haschems wird die ganze Erde erfüllen.“

Der ursprüngliche Plan wurde nicht verwirklicht.

Doch Haschem sorgte dafür, dass Sein Name dennoch verherrlicht wird.

Das Überleben von Klal Jisrael im Galut ist der Kiddusch Haschem von „Plan B“ – ein fortdauerndes, offenes Wunder, das bis heute von der g-ttlichen Vorsehung Zeugnis ablegt.

 

Quellen und Persönlichkeiten:

Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.

Rav Naftali Zwi Jehuda Berlin, bekannt mit dem Akronym Neziw (1817 – 1893); Rosch Jeschiwa der berühmten Woloschiner Jeschiwa fast 40 Jahre lang, bis sie von der russischen Regierung im Jahr 1892 geschlossen wurde. Verfasser einiger sehr bekannter Werke wie: Ha‘amek Dawar, Ha‘amek Sche’ejla, Mejschiw Dawar, etc.

Rav Jecheskel (Chazkel) Lewenstein (1885–1974): Maschgiach Ruchani der Jeschiwot Mir und Poniwesch. Als geistiger Leiter der Mirrer Jeschiwa begleitete er die legendäre Rettung der Jeschiwa während des Zweiten Weltkriegs. Dank der von Chiune Sugihara ausgestellten Transitvisa konnte die Jeschiwa aus Polen/Litauen quer durch Sibirien fliehen und über Japan nach Shanghai gelangen, wo sie die Kriegsjahre überstand. Nach dem Krieg wirkte Rav Lewenstein in den Vereinigten Staaten und später als Maschgiach der Poniwescher Jeschiwa in Israel. Seine Mussar-Vorträge und seine aussergewöhnliche G-ttesfurcht machten ihn zu einer der prägenden Gestalten der Mussar-Bewegung des 20. Jahrhunderts.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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