Der Schofar des Jowel-Jahres: Die Kraft des gemeinsamen Handelns
Rav Frand zu Paraschat Behar 5786
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
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In der dieswöchigen Parascha – Paraschat Behar – lernen wir die Mizwot vom Schmitta-Jahr (Schabbatjahr / Erlassjahr) und Joweljahr (Freijahr). Jedes siebte Jahr gebietet die Tora, dass alles Land in Erez Jisrael brachliegen soll und am Ende des Schmitta-Jahres jeder Gläubiger seinem Schuldner einen vollständigen Schuldenerlass gewähren muss.
Nach sieben solchen Zyklen beginnt das fünfzigste Jahr – das Joweljahr –, in dem das Land ebenfalls ruht und zusätzlich alle jüdischen Knechte freigelassen werden müssen und jeder Käufer dem Verkäufer sein verkauftes Erbland zurückgeben muss.
Die Tora befiehlt: „Ihr sollt den Schofar im ganzen Land erschallen lassen“ [Wajikra 25,9] – eine Mizwa, die am Jom Kippur des Jowel-Jahres erfüllt wird, genau zu dem Zeitpunkt, an dem alle Knechte frei sind und nach Hause gehen
Der ‘Sefer HaChinuch’ erklärt die Bedeutung dieses Schofar-Blasens. Er betont, dass es für einen Besitzer äusserst schwer war, seine Knechte freizulassen.
Der Besitz von Knechten bedeutete wirtschaftlich gesehen einen enormen Vorteil. Man stelle sich vor: keine Löhne, keine Abgaben, keine Sozialleistungen – praktisch kostenlose Arbeitskraft, abgesehen von Nahrung und grundlegender Versorgung für ihn (und seiner Familie zuhause).
Und nun sollte man plötzlich auf all das verzichten. Für viele bedeutete dies einen erheblichen finanziellen Verlust.
Gerade deshalb – erklärt der Chinuch – ordnete die Tora an, dass der Schofar im ganzen Land erklingen soll – damit jeder Einzelne spürt: Ich bin nicht allein. Nicht nur ich muss dieses Opfer bringen. Es ist ein landesweites Geschehen.
Wenn der Schofar durch ganz Erez Jisrael ertönte, wusste jeder: „Nicht nur ich erleide diesen finanziellen Einschnitt – alle tun es. Heute lassen alle ihre Knechte frei.“
Der Chinuch unterstreicht einen grundlegenden menschlichen Mechanismus: Nichts stärkt den Menschen so sehr wie ein gemeinsames, öffentliches Handeln. Die Tatsache, dass „alle es tun“, ist eine gewaltige Quelle der Ermutigung.
Und dennoch könnte man fragen: Was hilft mir das? Der Verlust bleibt doch derselbe!
Die Antwort liegt offen vor uns. Man muss nur die Welt betrachten: Wie oft handeln Menschen gegen ihre eigene Einsicht – nur weil „alle es tun“? Sozialer Druck, Gruppenzwang – sie besitzen eine enorme Kraft. Ein Mensch kann genau wissen, dass etwas schädlich ist – und tut es dennoch, weil sein Umfeld ihn beeinflusst.
Alles, was wir tun müssen, ist ein Blick in die Zeitung oder das Hören der Nachrichten. Das ganze Land wird mit dem Slogan „Just Say No to Drugs“ überflutet. G-tt sei Dank ist der grösste Teil unserer Gesellschaft davon weitgehend verschont – und doch handelt es sich um eine wahre Plage (Makat Medina), die weite Teile des Landes erfasst hat und ganze Gesellschaftsschichten zerstört.
Es gibt kaum ein Kind in Amerika, das nicht weiss, dass Drogen schädlich sind. Sind deshalb alle Idioten? Keineswegs. Sie wissen sehr wohl, dass Drogen abhängig machen, ja sogar zerstören können – und dennoch beginnen viele damit.
Warum?
Die Antwort ist einfach – und zugleich erschütternd:
„Weil es alle tun.“
Gruppendruck, sozialer Einfluss – sie besitzen eine derart gewaltige Kraft, dass sie einen Menschen dazu bringen können, Dinge zu tun, die er eigentlich gar nicht will.
Man kann sehr wohl wissen, dass etwas schlecht für einen ist – und dennoch handeln wir oft anders. Denn, wie der Chinuch betont: Es gibt kaum eine stärkere Triebkraft menschlichen Handelns als die Tatsache, dass „alle es tun“.
Deshalb gilt: Obwohl ich weiss, dass ich meinen Knecht freilassen muss und mir dadurch ein erheblicher finanzieller Verlust entsteht, finde ich Kraft in dem Bewusstsein, dass auch alle anderen dasselbe tun.
So ist die menschliche Natur. Wir werden in hohem Mass von unserem Umfeld, von Gleichaltrigen und vom gesellschaftlichen Druck geprägt – so sehr, dass wir mitunter sogar Dinge tun, die uns eigentlich schaden, nur weil sie allgemein üblich sind.
Wenn das im Negativen so stark wirkt, wie viel mehr kann es im Positiven wirken!
Darum stärkt es den Menschen, wenn er weiss: Alle erfüllen diese Mizwa gemeinsam.
Das ist menschliche Natur – wir werden tief geprägt von unserem Umfeld.
Die Lehre daraus: Die gewaltige Bedeutung der Gemeinschaft.
Ein Mensch muss erkennen: Nicht nur der Ehepartner und die unmittelbare Familie prägen ihn – sondern in hohem Masse auch die Gemeinschaft, in der er lebt.
Wenn „alle“ etwas auf eine bestimmte Weise tun, entsteht fast automatisch ein innerer Druck, sich anzupassen – sei es zum Guten oder leider auch zum Schlechten.
Ein Mensch kann über sich hinauswachsen, weil die Gemeinschaft hohe Maßstäbe setzt.
Und derselbe Mensch kann unter sein eigentliches Niveau sinken, nur weil er sich sagt:
„So machen es doch alle.“
Und wir dürfen uns nichts vormachen:
Aus diesem Mechanismus wachsen wir nicht heraus.
Als Jugendliche sprechen wir von Gruppendruck –
doch auch als Erwachsene unterliegen wir sozialem Einfluss, subtiler vielleicht, aber nicht weniger stark.
Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung – in jedem Alter –, dass ein Mensch bewusst eine Gemeinschaft wählt, die die richtigen Werte lebt.
Er muss sich in ein solches Umfeld stellen – und ebenso seine Kinder in ein solches Umfeld hineinführen.
Denn Kinder können dem Druck ihrer Umgebung kaum standhalten.
Sie sind Menschen – und was ihre Altersgenossen tun, wird auch sie prägen.
Man darf sich hier keiner Illusion hingeben:
Wir alle sind beeinflussbar – doch besonders Kinder und Jugendliche, die in hohem Masse davon abhängen, was ihre Freunde denken und sagen.
Gerade daran erinnert uns die Tora – etwa durch das Blasen des Schofars:
Das Opfer des Geldes
Der Bejt Aw, (Rav Schlesinger), greift diesen Gedanken auf – und vertieft ihn.
Der Talmud (Rosch Haschana 34b) lehrt, dass das Schofar-Blasen am Jom Kippur im Jowel-Jahr exakt der gleichen Ordnung folgt, wie 10 Tage zuvor am Rosch Haschana (jedes Jahr): mit denselben Tönen und denselben Gebeten.
Warum ist das so?
Wenn es nur darum ginge, zu zeigen, dass „alle es tun“, hätte ein einfaches Signal genügt. Warum also die ganze, detaillierte Ordnung von Malchujot, Sichronot und Schofarot, wie am Rosch Haschana? Warum die Notwendigkeit für ein genaues Tekiah-Teruah-Tekiah Blas-Ritual, wie am Rosch Haschana?
Rav Schlesinger entwickelt hierzu einen weiterführenden Gedanken:
Einer der zentralen Gedanken beim Blasen des Schofars an Rosch HaSchana ist die Erinnerung an die Akejdat Jizchak – die Bindung Jizchaks.
Wenn wir das Widderhorn hören, werden wir an die Hingabe und Selbstaufopferung unserer Erzväter erinnert.
Dieses Hören ist nicht nur ein Erinnern – es fördert eine innere Entscheidung:
Wir nehmen uns vor, ebenfalls bereit zu sein, um des Willens Haschems willen zu opfern.
Wir nehmen das Joch des Himmels auf uns und sagen uns:
Selbst, wenn es Opfer verlangt, selbst wenn es schwer ist – wir sind bereit.
Das ist die innere Haltung, die das Schofar an Rosch HaSchana in uns wecken soll.
Doch auch im Zusammenhang mit dem Jowel-Jahr begegnet uns diese Idee der Messirat Nefesch – der Hingabe.
Auch dort werden wir aufgerufen, an die Akejdat Jitzchak zu denken, an die Bereitschaft, alles zu geben und loszulassen.
Aber es handelt sich um eine andere Art von Opfer:
An Rosch HaSchana steht das Opfer im Zeichen von
„bechol Lewawcha u’wechol Nafschecha“ – mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele.
Beim Jowel hingegen – insbesondere in Verbindung mit den sozialen und wirtschaftlichen Rückgaben – wird von uns gefordert:
„bechol Me’odecha“ – mit all deinem Besitz, mit deinem ganzen Vermögen.
Das bedeutet:
Nicht nur das Innere des Menschen wird gefordert –
sondern auch das Äussere.
Nicht nur Hingabe im Gefühl und im Geist –
sondern auch konkrete Opfer im Materiellen.
Die Tora fordert vom Menschen, sich auch von seinem Besitz zu lösen.
Die Tora lehrt uns damit eine umfassende Wahrheit:
Wahre Hingabe an Haschem umfasst den ganzen Menschen –
sein Herz, seine Seele und auch seinen Besitz.
Wir lieben unser Geld
Machen wir uns nichts vor:
Wir lieben unser Geld. Wir sind daran gebunden. Es fällt uns schwer, uns davon zu trennen.
Gerade deshalb lehrt uns die Tora – etwa im Zusammenhang mit dem Jowel –, dass wir auch hier den Schofar hören sollen – um uns an die Akejda zu erinnern. Um zu begreifen: Jüdisches Leben bedeutet nicht nur Hingabe mit dem Leben – sondern dass wir bereit sein müssen, auch im Materiellen Messirat Nefesch zu zeigen.
Wenn sie uns gebietet, Besitz loszulassen, Schulden zu erlassen oder Untergebene freizugeben, fordert sie von uns nicht weniger als Hingabe – mit unserem Geld.
Und das ist keine kleine Prüfung.
Denn für viele Menschen ist es beinahe so schwer, auf Besitz zu verzichten, wie auf etwas von sich selbst. Darum müssen wir uns immer wieder das Bild der Akejdat Jizchak vor Augen führen.
Gerade deshalb verlangt die Tora im Jowel-Jahr:
Lass los. Gib frei. Verabschiede dich von deinem Besitz.
Das ist eine gewaltige Prüfung – eine echte Mesirut Nefesch
Das bedeutet es eben ein Jude zu sein.
Es bedeutet nicht nur, Haschem mit unserem Leben zu dienen – sondern auch mit unserem Besitz.
Nicht nur in Momenten grosser, dramatischer Hingabe – sondern im Alltag, im Umgang mit dem, was uns gehört.
Der Talmud (Traktat Sanhedrin 74a) sagt sogar:
Für manche Menschen ist es schwerer, sich von ihrem Geld zu trennen als von ihrem Leben. Denn wenn die Tora sagt: ‘Bechol Nafschecha’ – mit deiner ganzen Seele, wozu fügt sie dann noch hinzu ‘Bechol Me’odecha’ – mit deinem ganzen Vermögen. Wenn jemand sogar seine Seele dem lieben G-tt geben muss (in gewissen Situationen) um wieviel mehr sein Vermögen!
Nur – sagt der Talmud – von dem leiten wir ab, dass die Tora weiss, dass es Leute gibt, die ihr Vermögen ihrer Seele vorziehen!
Das mag extrem klingen – aber ein Blick auf die Realität bestätigt es: Menschen arbeiten bis zur Erschöpfung, opfern Gesundheit, Zeit und Lebensjahre für finanziellen Gewinn.
Gerade deshalb verlangt die Tora im Jowel-Jahr: Lass los. Gib frei. Verabschiede dich von deinem Besitz.
Das ist eine gewaltige Prüfung – eine echte Mesirut Nefesch.
Die Prüfung unserer Generation
Ein bedeutender Gedanke hierzu wurde von Rav Pam geäussert:
Die Generation des Holocaust wurde geprüft in „mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele“ – sie mussten ihr Judentum mit dem Leben bezahlen.
Unsere Generation hingegen wird geprüft: „mit deinem ganzen Vermögen“.
Die Herausforderung unserer Zeit ist es, bereit zu sein zu geben und zu geben: für Tora, für Jeschiwot, für Mikwaot, für Arme, für Kaschrut, für das jüdische Gemeinde-Leben, etc.
Es ist nicht leicht. Es verlangt Überwindung.
Aber genau darin liegt unsere Aufgabe.
Die Botschaft der Parascha ist klar:
Der Mensch ist kein isoliertes Wesen. Er wird geprägt durch seine Umgebung –
und geprüft durch das, woran sein Herz hängt.
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Quellen und Persönlichkeiten:
Sefer HaChinuch („Das Buch der Erziehung zu Mizwot“) ist ein Werk, das systematisch die 613 Gebote der Tora behandelt. Das Buch diskutiert separat jedes der 613 Gebote, sowohl aus rechtlicher als auch aus moralischer Sicht. Für jeden von ihnen beginnt die Diskussion des Chinuchs damit, die Mizwa mit ihrer biblischen Quelle zu verknüpfen, und spricht dann die philosophischen Grundlagen des Gebotes an (hier als “Schoresch” bezeichnet). Im Anschluss daran gibt der Chinuch einen kurzen Überblick über die Halacha (jüdisches Gesetz), das die Einhaltung dieser Mizwa regelt – normalerweise basierend auf Maimonides’ Mischne Tora – und schliesst mit einer Zusammenfassung der Anwendbarkeit des Gebotes. Es wurde anonym im Spanien des 13. Jahrhunderts veröffentlicht. Der mögliche Autor ist Rabbi Aharon Halevi (1235-1304); Barcelona, Spanien.
Rabbi Awraham Ja‘akow Pam (1913 – 2001): Führender Gelehrter; war Rosch-Jeschiwa der ‘Yeshiva Torah Vodaas’ in Brooklyn, New York.
Rabbi Elyakim Schlesinger (1921 – 2026). war ein in Österreich geborener britisch-orthodoxer Rabbiner und Rosch Jeschiwa in London. Er war eine internationale Autorität und diente als Präsident des Rabbinischen Gremiumsdes Komitees zur Erhaltung jüdischer Friedhöfe in Europa. Er war ein Enkel von Morejnu Ja’akow Rosenheim, einem Mitbegründer und Präsident der Agudas-Jisroel-Weltorganisation. Seine Mutter Bejla war eine Tochter von Rav Rosenheim.
Rav Schlesinger wurde am 23. November 1921 in Wien als Sohn von Rabbi David Schlesinger geboren. 1931 emigrierte er mit seiner Familie ins Mandatsgebiet Palästina. 1944 heiratete er Jehudit, die Tochter von Rabbi Mosche Blau. Er stand Rabbi Josef Zvi Duschinsky, Rav von Jeruschalajim, dem Chason Isch, Rabbi Avrohom Jeschaja Karelitz und dem Brisker Rav sehr nahe. Um 1947, kurz nach seiner Heirat, zog er nach London, England. Anschliessend eröffnete er eine Jeschiwa namens ‘Yeshivah HaRama’, in der er bis zu seinem Tod im Jahr 2026 Vorträge für ihre Studenten hielt. In den letzten Jahren seines Lebens trug er den Titel des ‘ältesten Rosch Jeschiwa der Welt’. Seine Frau starb im Jahr 2019 nach 74 Jahren Ehe.
Rabbi Schlesinger verschied am 4. Februar 2026 im Alter von 104 Jahren in Stamford Hill, London.
Er war Verfasser von vielen Werken unter dem Titel ‘Bejt Aw’, zum Talmud, zum Chumasch, zur Haggada schel Pessach, etc.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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