Drei Jahre warten – als Berichtigung für Adams ‘Nicht-Warten’ von ‘drei Stunden’
Rav Frand zu Paraschat Kedoschim 5786
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
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In Paraschat Kedoschim stellt die Tora erstmals die Mizwa von Orla vor:
„Wenn ihr in das Land kommt und irgendeinen Fruchtbaum pflanzt, so sollt ihr seine Frucht als Orla betrachten; drei Jahre lang soll sie euch als Orla gelten, sie darf nicht gegessen werden.“ (Wajikra 19,23)
Die Halacha lautet: Bringt ein neu gepflanzter Baum in den ersten drei Jahren Früchte hervor, so sind diese verboten zu essen. Diese Früchte werden „Orla“ genannt.
Der Rambam (Maimonides) schlägt in seinem Werk More Newuchim (Führer der Unschlüssigen) eine Begründung für diese Mizwa vor. Wie er bei vielen Mizwot erklärt, verweist er auf historische Gegebenheiten: In biblischen Zeiten war es üblich, dass Zauberer und Priester neu gepflanzte Bäume segneten, damit sie reichlich Früchte tragen sollten. Die ersten Früchte wurden dann als Dankopfer den Götzen dargebracht. Um solchen heidnischen Praktiken vorzubeugen, bestimmt die Tora, dass die Früchte der ersten drei Jahre gar nicht verwendet werden dürfen.
Der Ramban (Nachmanides) erklärt den Sinn der Orla im Zusammenhang mit der begleitenden Mizwa des Neta Rewai – den Früchten des vierten Jahres. Die Halacha besagt: Nach drei Jahren Orla müssen die Früchte des vierten Jahres nach Jerusalem gebracht und dort verzehrt werden. Erst ab dem fünften Jahr darf der Mensch die Früchte frei zu Hause essen.
Der Ramban erläutert: Ein junger Baum bringt in den ersten Jahren meist noch keine hochwertigen Früchte hervor. Da die Früchte des vierten Jahres – die mit besonderer Heiligkeit gegessen werden – gut und würdig sein sollen, verbietet die Tora die ersten drei Jahre, damit das vierte Jahr gewissermassen als echter Anfang gilt.
Der Midrasch bietet jedoch eine ganz andere Deutung, die weder derjenigen des Maimonides (Rambam) noch der des Nachmanides (Ramban) entspricht. Er weist darauf hin, dass unmittelbar nach dem Verbot der Orla (sowie den Gesetzen des vierten und fünften Jahres) ein weiteres Verbot folgt:
„Lo tochlu al haDam“ – „Ihr sollt nicht über dem (beim) Blut essen“ (Wajikra 19,26).
Wörtlich verstanden ist diese Formulierung nicht ohne Weiteres einleuchtend. Daher leiten unsere Weisen im Talmud Bawli (siehe Berachot 10b und Sanhedrin 63a) daraus mehrere Halachot ab.
Eine davon – von Raschi zur Stelle angeführt – besagt, dass man Fleisch nicht essen darf, solange das Blut (das Leben) noch im Tier ist.
Das bedeutet konkret: Man darf ein Tier, dasמפרכסת ist – also noch Restbewegungen oder Muskelzucken zeigt, obwohl es gemäss der Halacha bereits geschächtet wurde und als tot gilt – nicht essen, solange diese Lebenszeichen noch vorhanden sind.
Was ist die Verbindung zwischen Orla und diesem Verbot?
Der Midrasch erklärt: Die Mizwa der Orla lehrt uns eine zentrale Lebenslektion – Geduld.
Der Mensch neigt dazu, alles sofort zu wollen. Er ist ungeduldig, drängt, greift zu früh zu. Genau das spricht auch das Verbot „Lo tochlu al haDam“ an: Menschen, die nicht einmal warten können, bis das Tier vollständig tot ist, bevor sie essen. Die Tora sagt ihnen: Haltet inne. Wartet.
Um dieses Prinzip tief in uns zu verankern, stellt die Tora hier die Mizwa der Orla vor:
Nicht alles, was verfügbar ist, soll sofort genutzt werden.
Rabbi Chajim ibn Attar, der Or HaChajim Hakadosch weist – sowohl hier als auch im Buch Bereschit – auf einen bemerkenswerten Zusammenhang hin. G’tt sagte zu Adam [Bereschit 2:16-17]: „Von allen Bäume des Gartens darfst du essen.Nurvom „Ejz Hada’at“, dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, von diesem darfst du nicht essen…“
Wie passt das zusammen?
Der Or HaChajim (auf Grundlage des Midrasch) erklärt etwas Erstaunliches:
Adam hätte auch vom Baum der Erkenntnis essen dürfen – aber erst am Schabbat.
Mehr noch: Er hätte sogar den Kiddusch über den Wein dieses Baumes sprechen sollen.
Seine Sünde bestand darin, dass er nicht wartete.
Ein Schüler des Ari Hakadosch (Rabbi Jizchak Luria) bemerkt: Das Verbot wurde in der neunten Stunde des sechsten Schöpfungstages gegeben [siehe Talmud Sanhedrin 38b]. Adam hätte nur noch drei Stunden warten müssen – bis zum Schabbat. Doch er ass vom Baum anschliessend, in der zehnten Stunde.
Die kabbalistischen Schriften erklären daher:
Darum gilt die Orla drei Jahre.
Weil der erste Mensch drei Stunden nicht warten konnte, lehrt uns die Tora, drei Jahre zu warten.
Rabbi Mosche Sofer, der Chatam Sofer, stellt die Frage:
Was war eigentlich das Verbot? Wenn der Baum am Schabbat ohnehin erlaubt gewesen wäre – warum war es so schwerwiegend, ein paar Stunden früher zu essen?
Er erklärt: Adam besass zu Beginn keinen Jezer Hara (bösen Trieb). Es gab keinen inneren Kampf. Er tat von Natur aus das Gute.
Doch er wusste: Mit dem Essen vom Baum würde sich alles ändern – er würde Gut und Böse erkennen und echte Entscheidungsfreiheit erhalten.
Sein Gedanke war edel:
„Ich möchte den Willen G’ttes aus freier Entscheidung erfüllen – ich kann nicht warten.“
Doch der Allmächtige wusste, dass ihm noch etwas Entscheidendes fehlte, um richtig wählen zu können:
Die Heiligkeit des Schabbats.
Hätte Adam diese drei Stunden gewartet und wäre in den Schabbat eingetreten, erfüllt von dessen Keduscha, hätte er die Kraft gehabt, den Versuchungen der Welt zu widerstehen.
Was fehlte, war nicht der Wille – sondern die innere Festigkeit.
Man kann es mit einem Bau von Beton vergleichen: Giesst man ein Fundament, muss man warten, bis es aushärtet. Belastet man es zu früh, bricht alles zusammen.
So war es bei Adam.
Er war fast vollkommen – aber noch nicht gefestigt.
Die Keduscha des Schabbats hätte ihn vollendet.
Doch er wartete nicht.
Und so veränderte sich die Welt – für immer.
Als Tikkun (Korrektur) dafür gibt uns die Tora die Mizwa der Orla:
Warte!
Drei Jahre lang.
Die Botschaft von „Orla“ und von „Lo tochlu al haDam“ ist dieselbe:
Nicht alles soll sofort genommen werden, nur weil es verfügbar ist.
Nicht alles, was erlaubt sein wird, ist auch jetzt schon erlaubt.
Für die drei Stunden, die Adam nicht warten konnte, warten wir drei Jahre!
[Anmerkung des Herausgebers: Es gibt Rischonim – etwa Rabbejnu Bachje, der Ramban und der Abarbanel zur Stelle –, die das Verbot von „Ihr sollt nicht über dem (beim) Blut essen“ auf heidnische Praktiken zurückführen. So wird berichtet, dass Götzendiener grosse Mengen Blut vergossen, um darin Bäume zu pflanzen, da diese dann bessere Früchte hervorbringen würden, oder dass Zauberer Blut in Gruben gossen und darüber assen, um mit Geistern in Verbindung zu treten, die – so nahmen sie an – im Blut verweilen und Zukunftsoffenbarungen vermitteln könnten.]
Quellen und Persönlichkeiten:
Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.
Rambam, Akronym für Rabbi Mosche ben Maimon (Maimonides) (1135 – 1204); Spanien, Ägypten, Israel. Einer der bedeutendsten Rischonim, seine Hauptwerke sind: Das umfassende Werk zum jüdischen Recht „Mischne Tora-Jad Hachsaka“, Erklärung zur Mischna und „Moreh Newuchim“ (Führer der Irrenden / Unschlüssigen), wie weitere Werke.
Ramban: Akronym von Rabbi Mosche ben Nachman – “Nachmanides” (1194 – 1270); Gerona, Spanien; Erez Jisrael. Er war einer der führenden Tora-Gelehrten (Rischonim) und Kabbalisten des Mittelalters, einer der Haupterklärer des Chumasch (fünf Bücher Moses), wie Verfasser weiterer Werke in Haschkafa (Kitwej haRamban) und Abhandlungen zum Talmud.
ARISAL oder HaARI Hakadosch (1534 – 1572), Rabbi Jizchak (ben Schlomo) Luria Aschkenasi, Jerusalem, Kairo und Zefat (Safed). Kabbalist, Haupterklärer der Kabbala, basierend auf den Sohar.
Or HaChajim Hakadosch (1696 – 1743): Name des Hauptwerks von Rabbi Chajim ben Mosche ben Atar, berühmter Thorakommentar; er verfasste weitere Werke wie Chefez Haschem, P‘ri To‘ar, Rischon Lezion. Marokko, Italien, Israel.
Chatam Sofer (1762-1839) [Rabbi Mosche Sofer / Schreiber]; Pressburg/Bratislava, Slowakei. Rosch Jeschiwa und einer der führenden Rabbiner des 19. Jahrhunderts. Er schrieb zahlreiche Werke, wie acht Bände Responsen, 18 Bände Erklärungen zum Talmud, Kommentare zur Tora, Briefe, Gedichte und ein Tagebuch. Die meisten Werke tragen den Namen „Chatam Sofer“.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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