Achte auf die Übergangsphasen im Leben
Parschat Chukat enthält eine der traurigsten Begebenheiten im Leben von Mosche Rabbejnu. Als das Volk in der Wüste Zin eintraf, starb Mirjam und das Volk fand sich ohne Wasser wieder. Das Volk beklagte sich bei Mosche und Aharon und verwendete wieder dieselben Argumente: “Warum habt ihr das Volk in diese Wildnis gebracht – etwa um da zu sterben, wir und unsere Tiere? Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeholt, um uns zu diesem elenden Ort zu bringen? Dies ist kein Platz der Saat oder des Feigenbaums, des Weinstocks oder des Granatapfelbaums – und es gibt kein Wasser zum Trinken.” [Bamidbar 20:4-5]
Irgendwie reagierte Mosche Rabbejnu unangemessen und dies führte zum Verlust seiner Möglichkeit, in das Land Israel einzuziehen. Raw Simcha Sissel Broide stellt in seinem Buch “Sefer Sam Derech” zu Bamidbar eine sehr interessante Frage: Gemäss dem Rambam, geschah der Vorfall mit Korach gleich nach demjenigen mit den Kundschaftern. Demnach geschahen alle Ereignisse in Parschat Schelach und Korach im zweiten Jahr nach dem Auszug aus Ägypten. Jedoch fanden die Geschehnisse in Parschat Chukat erst im 40. Jahr nach dem Exodus statt, also 38 Jahre später. Sie standen nun kurz vor dem Eintritt in das Land Israel.
Alle Ärgernisse und Beschwerden bis zum jetzigen Zeitpunkt, fanden während der ersten 16 Monate in der Wüste statt. Aber der Vorfall bei Mej Meriwa (Hader-Wasser) in Parschat Chukat geschah im Jahr 40. Raw Simcha Sissel fragt: “Was geschah in der Zwischenzeit?” Raw Simcha Sissel antwortet, dass wir von der Mischna in Awot und der Gemara (Talmud) in Arachin sehen, dass sie während der zwischenzeitlichen 38 Jahre “perfekt” waren. Woher wissen wir das? Die Mischna [Awot 5:4] erwähnt zehn spezifische “Herausforderungen”, mit denen unsere Vorfahren G-tt in der Wildnis “geprüft” haben und zitiert den folgenden Vers als Quelltext für diese Zahl: “Und sie prüften mich nun schon zehnmal.” [Bamidbar 14:22]. Die Gemara in Arachin [15a] geht im Einzelnen darauf ein, was diese zehn Herausforderungen waren: Zwei bei Jam Suf (dem Schilfmeer), zwei bezüglich des Man (Manna / Himmelsbrot), zwei mit den Wachteln, zwei mit Wasser (einmal in Refidim und einmal bei Mej Meriwa), eine mit dem Goldenen Kalb und eine in der Wildnis von Paran (mit den Meraglim / Kundschaftern). All diese geschahen in den ersten anderthalb Jahren, mit Ausnahme des Mej Meriwa, welches am Anfang des 40. Jahres geschah. Raw Simcha Sissel leitet daraus ab, dass es in den zwischenzeitlichen 38 Jahren keine Herausforderungen und keine Beschwerden gab – und sich das jüdische Volk “perfekt” verhielt!
Dies ist sehr im Einklang mit dem Konzept der “Generation der G-tteserkenntnis” (Dor Deah); der Generation, die ausschliesslich Manna konsumierte, innerhalb der “Wolken der Ehrerbietung” (Ananej Kawod) lebte und 38 Jahre lang Torah von Mosche Rabbejnu lernte. Sie brauchten sich um Kleidung, Essen oder Arbeit keine Sorgen zu machen. Sie konnten ihr ganzes Leben dem spirituellen Wachstum widmen. Sie konnten folgendes proklamieren: “Wir haben in den letzten 38 Jahren nichts falsch gemacht!” (Wie viele von uns könnten so eine Aussage treffen?!)
Wenn das so ist, fragt sich Raw Simcha Sissel, was also in Jahr 1 und 2 und im Jahr 40 passiert ist, dass Klal Israel über die Stränge geschlagen hat, sozusagen – und den Allmächtigen während dieser Phasen wiederholt herausgefordert hat?
Raw Simcha Sissel offeriert einen wertvollen Einblick in die Natur des Menschen, der sehr wichtig für uns zu wissen ist – gegenüber uns selbst und gegenüber unseren Kindern. Die Jahre 1 und 40 waren Jahre des Übergangs. Sie gingen von einer Ebene zur nächsten. Sie hatten Ägypten verlassen, wo sie Sklaven gewesen waren – und kurz darauf wurden sie zu einer g-ttlichen Nation. Die Reise von der 49. Stufe der Unreinheit bis hin zur Empfängnis der Torah, war ein Jahr von atemberaubender, spiritueller Erhebung und des Übergangs in ihrem Leben. Jetzt, am Scheideweg des Eintritts in das Land Israel, sahen sie sich ebenfalls einem traumatischen Übergang gegenüber. Sie schickten sich an, von einer Existenz des Verzehrs von Manna und des Trinkens von Wasser, das von einem Felsen herabfloss, in eine normale Existenz überzugehen, wo sie pflanzen, sähen und ernten mussten, geschäftlichen Tätigkeiten nachgehen und für ihre Familien sorgen mussten. Wieder einmal standen sie an einem Übergang.
Wenn sich ein Mensch an einem Übergang befindet, ist er nicht ausgeglichen. Wenn eine Nation durch plötzliche Veränderung hindurch muss, haben sie keinen Seelenfrieden und sind nicht im Reinen mit sich selbst. Dieses Fehlen von innerer Ruhe macht Menschen anfällig, schlechte Entscheidungen zu treffen und dumme Fehler zu begehen. Ohne Ausgeglichenheit können Menschen keine gehaltvollen Entscheidungen treffen.
Die Lehre, die Raw Simcha Sissel daraus zieht, ist, dass man extrem vorsichtig sein muss, wenn man eine neue Situation im Leben betritt, selbst wenn die Veränderung eine gute ist. Zum grössten Teil befinden sich die jungen Männer, die ich in der Jeschiwa unterrichte, in Übergangsphasen in ihrem Leben. Sie sind entweder kurz vor Schidduchim (arrangierten Ehen) oder während Schidduchim – oder sie sind verlobt, frisch verheiratet oder gerade Eltern geworden. All diese Phasen repräsentieren tiefgreifende Übergänge im Leben. Es sind wundervolle Übergänge, aber die Übergänge können mit Leichtigkeit zu Unruhe im Leben führen. Wenn sich Dinge verändern und von allen Richtungen auf einen Menschen einprasseln, fehlt ihm “Jischuw HaDa’at” (Seelenfrieden) und in solchen Situationen muss er besonders vorsichtig sein.
Den Ruf seiner Schwester schützen
Der Ziz Elieser (Rabbi Jehuda Waldenberg) in Band 17 (#41) seiner gesammelten Responsen, stellt im Namen des Gerer Rebben fest, dass der Text unserer täglichen Gebete dem Verständnis des Rambam (Maimonides) von Mosches Sünde bei Mej Meriwa widerspricht. Raschi und viele andere Kommentatoren erklären, die Sünde habe darin bestanden, dass er den Felsen geschlagen hat, statt mit ihm zu sprechen. Der Rambam in den Schemone Perakim (Abschnitt 4) erklärt, die Sünde sei die Tatsache gewesen, dass er im Zorn zum Volk sprach: “Hört doch, Ihr Widerspenstigen!” [Bamidbar 20:10]. Das Volk Israel wusste, dass ihr Lehrer Mosche nur edle Eigenschaften und Charakterzüge hatte. Deshalb leitete das Volk davon ab, dass G-tt auf sie zürnte, weil sie Wasser verlangt hatten und dadurch der Zorn Mosches entstand. Dies war aber nicht zutreffend, denn wir finden nirgends, dass G-tt ihr Verlangen übelnahm. Gemäss dem Rambam, hatte das nichts mit dem Felsen zu tun.
Der Ziz Elieser, im Namen des Gerer Rebben, unterstützt den Ansatz des Rambam, basierend auf der Passage, die wir in Tefillat Geschem (dem Gebet für Regen an Schemini Azeret) sagen, in der es heisst: “… zu der Zeit, als Dein geschätztes Volk nach Wasser dürstete, schlug er den Felsen und heraus kam Wasser… Im Verdienst seiner Gerechtigkeit, gewähre uns reichlich Wasser!” Der Gerer Rebbe argumentiert, dass wenn Mosche Rabbejnu mit dem Schlagen des Felsens geirrt hätte (wie Raschi sagt), dann wäre es nicht angemessen, dies bei der Tefillat Geschem hervorzuheben und in diesem Verdienst Wasser zu erbitten. Selbst wenn man argumentieren könnte, dass die Referenz auf das Schlagen des Felsens keinen Bezug zum Vorfall in Parschat Chukat habe, sondern zum Vorfall in Parschat Beschalach, als ihm tatsächlich befohlen wurde, den Felsen zu schlagen – aber dennoch: Man sollte der Unklarheit wegen eigentlich nicht darauf eingehen.
Jedoch ist es der Ziz Elieser selbst, der diese Frage zu Raschis Erklärung abtut. Er hat eine alternative Auslegung zur Passage in Tefillat Geschem:
All die Jahre hatten sie das Wasser im Verdienst Mirjams bekommen. Als Mirjam starb – wie in Parschat Chukat erwähnt – hörte das Wasser auf zu fliessen. Die Frage muss gestellt werden, warum anschliessend Haschem seine Anweisungen an Mosche Rabbejnu änderte. Warum wurde Mosche angewiesen, in Parschat Beschalach auf den Felsen zu schlagen und in Parschat Chukat mit dem Felsen zu sprechen?
Der Lev Arjeh stellt diese Frage im Traktat Chullin. Er antwortet, dass der Brunnen ursprünglich ein Verdienst Mirjams war. Mirjam, so gross wie sie auch war, stand jedoch nicht auf einer Stufe mit Mosche Rabbejnu. Deshalb musste das Wunder auf “natürlicherem” Wege geschehen. In anderen Worten: Es ist ein kleineres Wunder, einen Felsen zu schlagen und damit Wasser herausfliessen zu lassen, als mit einem Felsen zu sprechen und eben dies zu bewirken. Mosche Rabbejnu ist so gross, dass “seine” Wunder auf die übernatürlichste Art und Weise geschehen. Er hatte solche Verdienste, dass er mit alleinigem Sprechen schon Wasser aus dem Felsen herausholen konnte. Und genau deshalb wies ihn der Allmächtige an, auf diese Weise den Fluss des Wassers aus dem Felsen wiederherzustellen, nachdem es mit dem Tode Mirjams versiegt hatte. Mosche Rabbejnu wusste, dass er mit seinem Sprechen Wasser aus dem Felsen hervorbringen konnte. Doch war er besorgt, dass dies irgendwie den Ruf seiner Schwester schmälern könnte, die nur genügend Verdienste hatte – sozusagen – um Wasser mit Gewalt aus dem Felsen hervorzubringen (also durch schlagen). Er wollte nicht grösser oder verdienstvoller erscheinen als seine Schwester. Daher, aufgrund SEINER RECHTSCHAFFENHEIT und DEMUT, schlug er den Felsen! Dies ist genau, was wir in Tefillat Geschem sagen.
Das passt dann gut zusammen. Wir erzählen dem Allmächtigen in Tefillat Geschem von unserem Bedarf an Regen. Wir sagen ihm, dass wir diesen grossen Segen womöglich nicht verdient haben, aber wir brauchen es händeringend. Wir flehen Haschem an, Gnade walten zu lassen (leha’awir al Midotaw). Wir berufen uns auf die Erinnerung an Mosche Rabbejnu. Er hätte zum Felsen sprechen können, um Wasser hervorzubringen – doch Mosche Rabbejnu ging “über die Erwartungen hinaus”. Er wollte kein zusätzliches Lob auf sich nehmen und er wollte den Ruf seiner Schwester schützen. Vor dem Hintergrund dieser Edelmut von Seiten Mosches, bitten wir, dass auch G-tt edelmütig mit uns sein möge. Das ist der Grund, weshalb wir Mej Meriwa sogar bei der Tefillat Geschem erwähnen.
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