Tischri/ Rosch Haschana
Tischri/ Rosch Haschana

Essen um des Himmels willen (Jom Kippur 5787)

Wie fast jede Handlung zu einer Mizwa wird

Essen um des Himmels willen (Jom Kippur 5787)

Wie fast jede Handlung zu einer Mizwa wird

Essen um des Himmels willen

Rav Frand zu Jom Kippur 5787

Ergänzungen: S. Weinmann

Parschat Emor enthält den Abschnitt über die jüdischen Festtage. Zu den dort aufgeführten Feiertagen gehört auch Jom Kippur, über den es heisst:
„Ein Schabbat vollständiger Ruhe soll er euch sein, und ihr sollt eure Seelen kasteien; am Neunten des Monats, am Abend, von Abend bis Abend sollt ihr euren Schabbat halten.“
(Wajikra 23,32)

Jom Kippur fällt auf den zehnten Tischri. Dennoch spricht der Passuk vom „Neunten des Monats am Abend“.

Die Gemara (Joma 81b) stellt daher die naheliegende Frage:
„Fastet man denn am Neunten? Man fastet doch am Zehnten!“
Eine der Lehren, welche die Gemara daraus ableitet, lautet:
Wer am Vorabend von Jom Kippur isst und trinkt, dem rechnet es die Schrift an, als hätte er sowohl am neunten als auch am zehnten Tischri gefastet.

Die folgende chassidische Geschichte über den Ba’al Schem Tow kann uns helfen, diese Lehre besser zu verstehen.

Der ungewöhnliche Holzfäller

Einmal wurde dem Ba’al Schem Tow im Traum offenbart, wer einst sein Nachbar in der zukünftigen Welt sein werde. Dieser Mann befand sich damals noch unter den Lebenden.

Neugierig darauf, ihn kennenzulernen, legte der Ba’al Schem Tow eine weite Reise zurück und gelangte schliesslich in ein kleines Dorf am Rande eines Waldes.

Dort fand er einen gewaltigen Holzfäller, der fast zwei Meter gross war und etwa 145 Kilogramm wog. Der Ba’al Schem Tow war erstaunt. Er war sich zunächst nicht einmal sicher, ob der Mann überhaupt Jude war. Jedenfalls entsprach dieser Holzfäller keineswegs dem Bild, das man sich gewöhnlich von einem Zaddik macht.
Der Ba’al Schem Tow vermutete, dass der Mann vielleicht zu den ‘LamedWaw Zaddikim – 36 verborgenen Gerechten’ gehörte. Deshalb beschloss er, einige Tage im Dorf zu bleiben, um ihn zu beobachten und herauszufinden, welche aussergewöhnlichen Verdienste er im Verborgenen besass.
Doch selbst nach mehreren Tagen konnte der Ba’al Schem Tow nichts Besonderes entdecken. Der Holzfäller betete kaum. Seine gesamte Zeit verbrachte er damit, Holz zu hacken und zu essen. Er ass und ass – unermüdlich und in gewaltigen Mengen.
Der Ba’al Schem Tow konnte das Rätsel nicht lösen. Schliesslich ging er auf den Holzfäller zu und stellte ihm einige Fragen:
„Bei wem hast du Tora gelernt?“

Der Holzfäller antwortete, er habe bei niemandem gelernt und könne kaum aus einem Siddur lesen.
Der Ba’al Schem Tow war fassungslos. Er dachte bereits, er habe seinen Traum vielleicht falsch gedeutet, und wollte nach Hause zurückkehren.
Bevor er jedoch aufbrach, beschloss er, dem Holzfäller noch eine letzte Frage zu stellen:
„Weshalb isst du eigentlich so viel?“

Der Holzfäller antwortete:
„Ich werde Euch sagen, warum. Mein Vater lebte in einer Gegend, deren Machthaber beschloss, sämtliche dort lebenden Juden zur Annahme des Christentums zu zwingen. Die Juden wurden so lange geschlagen, bis sie starben oder sich bereit erklärten, zum Christentum überzutreten.
Mein Vater war ein kleiner und sehr magerer Mann. Sie ergriffen ihn und begannen, ihn zu schlagen. Noch bevor er irgendetwas sagen konnte, war er tot.

Damals fasste ich den Entschluss, niemals ein kleiner, schwächlicher Jude zu sein. Ich beschloss, viel zu essen, damit ich gross und stark werde. Sollte man mich zur Annahme eines fremden Glaubens zwingen, den ich selbstverständlich ablehnen werde – so wird man mich sehr lange peitschen, schlagen und zerschneiden müssen, um mich tot zu kriegen. So werde ich die Mizwa von Kiddusch Haschem in der vollkommenste Art und Weise erfüllen können!

Deshalb esse ich so viel.“
Nun verstand der Ba’al Schem Tow, weshalb dieser Mann im Himmel als so würdig angesehen wurde: Jedes Mal, wenn er ass, tat er es um des Himmels willen. Sein Essen war ein Kiddusch Haschem. Er ass, um stark genug zu sein, eines Tages sein Leben für die Heiligung des Namens Haschems unter längeren qualvollen Peinigungen hingeben zu können.

Auch das Essen kann zur Mizwa werden

Diese chassidische Geschichte hilft uns, die talmudische Lehre über das Essen am neunten Tischri zu verstehen.

Wenn ein Mensch am Vorabend von Jom Kippur um des Himmels willen isst – um seinen Körper zu stärken und dadurch die Mizwa des Fastens am zehnten Tischri besser erfüllen zu können –, dann wird auch sein Essen zu einer Mizwa. Deshalb wird ihm das Essen am neunten Tischri angerechnet, als hätte er an diesem Tag gefastet.
Diese Erkenntnis ist jedoch keineswegs nur eine „chassidische Lehre“. Derselbe Gedanke findet sich auch in der litauischen Mussar-Tradition.

Einer der grossen Maggidim der Mussar-Jeschiwot veranschaulichte dies mit folgendem Beispiel:
Der Bäcker einer Stadt stand jeden Morgen um vier Uhr auf, damit die Einwohner zum Frühstück frisches Brot kaufen konnten. Er konnte dabei denken, dass er so früh aufstand, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das wäre die naheliegende und gewöhnliche Einstellung.
Wenn er jedoch jeden Morgen mit der Absicht aufstand, dafür zu sorgen, dass die Juden seiner Stadt zum Frühstück frisches Brot erhielten, dann erfüllte er damit die Mizwa von Gemilut Chassadim – die Mizwa, anderen Menschen Gutes zu tun. Jede Stunde, die er mit dem Backen verbrachte, wurde dadurch zu einer Mizwa.

Zwei Musiker – dieselbe Arbeit, aber nicht derselbe Lohn

Ein zeitgemässeres Beispiel für dieses Prinzip sind zwei Musiker, die in einer Hochzeitskapelle spielen. Beide sind Schlagzeuger. Beide treten jede Woche an drei oder vier Abenden bei jüdischen Hochzeiten auf, und beide werden für ihre Arbeit bezahlt.

Der eine spielt in der Kapelle, weil er damit seinen Lebensunterhalt verdient.
Der andere spielt dieselbe Musik auf demselben Instrument und erhält ebenfalls seinen Lohn. Doch während des Spielens denkt er:
„Ich erfülle jetzt die Mizwa, Chatan und Kalla zu erfreuen.“
Dieser zweite Musiker wird in Gan Eden einen weitaus höheren Platz einnehmen.
Der erste Schlagzeuger wird darüber erstaunt sein und fragen:
„Wir waren doch beide Schlagzeuger in derselben Kapelle. Weshalb wird er in der zukünftigen Welt so viel besser belohnt als ich?“

Die Antwort lautet: Mit der richtigen Absicht kann nahezu jede alltägliche Handlung in eine Mizwa verwandelt werden.
Wenn ein Mensch seine Handlungen darauf ausrichtet, den Willen Haschems zu erfüllen, erhält er einen ungleich grösseren Lohn als jemand, der genau dasselbe tut, jedoch ausschliesslich aus weltlichen Beweggründen und ohne einen höheren Gedanken.

Wir können um des Himmels willen essen. Wir können um des Himmels willen trinken. Wir können um des Himmels willen unseren Körper kräftigen. Wir können beinahe jede alltägliche Handlung in eine Mizwa verwandeln.
Dazu bedarf es keiner aussergewöhnlichen Anstrengung. Entscheidend ist vor allem die innere Absicht – die Kawana.

Deshalb verdiente jener unersättlich erscheinende Holzfäller aus der Geschichte des Ba’al Schem Tow einen so ehrenvollen Platz in der zukünftigen Welt: Selbst sein scheinbar massloses Essen war ein Dienst für Haschem.
 

Quellen und Persönlichkeiten:

Ba’al Schem Tow
Rabbi Israel ben Elieser, bekannt als der heilige Ba’al Schem Tow – Meister des guten Namens – (1698–1760), war der Begründer der chassidischen Bewegung und einer der bedeutendsten geistigen Führer des osteuropäischen Judentums. Er wirkte vor allem in Medschibosch in der heutigen Ukraine. Der Ba’al Schem Tow lehrte, dass jeder Jude – unabhängig von seinem Wissen und seiner gesellschaftlichen Stellung – Haschem durch aufrichtigen Glauben, inniges Gebet, Freude und gute Taten dienen kann. Von diesem kleinen Ort aus verbreitete sich seine Lehre über ganz Osteuropa. Er entzündete ein geistiges Licht, das die Dunkelheit ganzer Generationen durchbrach und bis heute in der Welt fortleuchtet.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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