Tischri/ Rosch Haschana
Tischri/ Rosch Haschana

Selichot: Es lohnt sich, der Erste zu sein (Selichot 5786)

Selichot: Es lohnt sich, der Erste zu sein (Selichot 5786)

Selichot: Es lohnt sich, der Erste zu sein

Rav Frand zu den Selichot 5786

Mit Ergänzungen von S. Weinmann

Warum beginnen wir mit den Selichot schon so früh?

Der erste poetische Vers der Selichot-Liturgie am Moza’ej Schabbat – wenn wir in der Nacht von Schabbat auf Sonntag mit den Selichot vor Rosch Haschanah beginnen – lautet:
„Be’Moza’ej Menuchah kidamnucha techilah“
„Am Ende des Ruhetages sind wir die Ersten, die Dich begrüssen.“

Der Isbitzer Rebbe erklärt in seinem Werk Mej HaSchiloach, dass gerade diese beiden Worte – „kidamnucha techilah“, „wir sind die Ersten, die Dich begrüssen“ – den zentralen Gedanken der Selichot zum Ausdruck bringen.

Doch weshalb beginnen wir schon so früh mit den Sühnegebeten?
Rosch Haschanah ist noch nicht da. Und selbst Jom Kippur liegt noch viele Tage entfernt. Genau genommen befinden wir uns noch gar nicht in der eigentlichen Zeit der „Hohen Feiertage“.

Warum also diese Eile?
Die Antwort des Isbitzer Rebbe ist ebenso einfach wie tiefgründig:

Bei der Teschuwa lohnt es sich, der Erste zu sein.

Je früher ein Mensch den Allmächtigen um Vergebung bittet, desto wertvoller ist sein Bemühen. Wer nicht wartet, bis alle anderen kommen, sondern sich bereits vorher auf den Weg macht, zeigt damit etwas Entscheidendes: Seine Reue ist ihm ernst.

Der Isbitzer Rebbe belegt diesen Gedanken mit einer dramatischen Begebenheit aus dem Leben von David HaMelech.

David HaMelech führte ein aussergewöhnlich bewegtes Leben. Eine der schmerzhaftesten Prüfungen war die Rebellion seines eigenen Sohnes Awschalom.

In einem der dramatischsten Kapitel des gesamten Tanachs, in Schemuel II, Kapitel 15, wird David gezwungen, gemeinsam mit seiner Familie und seinem Hof aus Jeruschalajim zu fliehen. Sein eigener Sohn hat sich gegen ihn erhoben und den Thron an sich gerissen.

David HaMelech befindet sich in einer Situation größter persönlicher Tragik.
Und gerade in diesem Moment tritt Schim’i ben Gera auf. Schim’i wird als „ein Mann aus dem Geschlecht des Hauses Schaul“ bezeichnet (Schmuel II 16,5). Er stammte somit aus der Familie von König Schaul, dem ersten König Israels.

Als David während des Aufstands seines Sohnes Awschalom aus Jerusalem fliehen musste, sah Schim’i darin offenbar eine Gelegenheit, David für das Schicksal des Hauses Schaul verantwortlich zu machen. Bei Bachurim stellte er sich David entgegen und begann, ihn zu beschimpfen und zu verfluchen:

„Und Schim’i sprach, als er ihn verfluchte:
‚Hinaus, hinaus, du Mann des Blutes, du ruchloser Mann! Haschem lässt nun all das Blut des Hauses Schaul auf dich zurückkommen, an dessen Stelle du König geworden bist. Haschem hat das Königtum in die Hand deines Sohnes Awschalom gegeben. Und nun bist du in deinem Unglück, denn ein Mann des Blutes bist du.‘“

Schim’i warf David vor, Blut aus dem Hause Schaul vergossen und ihm das Königtum genommen zu haben. In seinen Augen war David somit für den Untergang der Dynastie Schauls verantwortlich.

Anstatt Mitgefühl mit dem fliehenden König zu zeigen, nutzt Schim’i dessen tiefste Krise, um noch zusätzlich Salz in die Wunde zu streuen. Er beschimpft und verflucht David, wirft ihm Verrat und die Schuld am Untergang des Hauses Schaul vor und bewirft ihn sogar mit Steinen.

David hätte allen Grund gehabt, diese Demütigung nicht hinzunehmen. Doch als seine Männer Schim’i töten wollen, verbietet David es ihnen. Er erkennt darin eine Prüfung und sagt: „… Haschem hat ihm gesagt, David zu verfluchen.“

Schim’i hingegen war offenbar davon überzeugt, dass Davids Herrschaft zu Ende sei. Der Aufstand Awschaloms schien ihm die Gelegenheit zu geben, den König für das Schicksal des Hauses Schaul zur Rechenschaft zu ziehen. Zugleich scheint er einen tiefen persönlichen Groll gegen David gehegt zu haben.

„Schim’i verstand: Ich bin ein toter Mann!“

Doch die Geschichte nimmt eine andere Wendung.
David HaMelech gewinnt seine Herrschaft zurück und kehrt nach Jeruschalajim zurück.

Nun bekommt Schim’i Angst.

Er weiss genau, was ihn erwartet.

In der damaligen Monarchie war eine Rebellion gegen den König (Mored beMalchut) ein äusserst schweres Vergehen. Der Rambam führt sogar aus, dass ein König gegen einen solchen Aufrührer ohne reguläres Gerichtsverfahren vorgehen durfte.

Schim’i wusste also: Ich bin ein toter Mann.

Doch anstatt sich zu verstecken, tut er etwas Aussergewöhnliches.
Die Nawi berichtet:
„Schim’i, der Sohn Gera, beeilte sich und ging mit den Männern von Jehuda hinab, um David HaMelech zu begrüssen.“ (Schemuel II 19:17)

Er läuft dem König entgegen und bittet um Vergebung:
„Denn dein Knecht weiss, dass er sich vergangen hat; und siehe, ich bin heute als Erster des Hauses Josef gekommen, hinabzugehen und meinen Herrn, den König, zu begrüssen.“
(Schemuel II 19:21)

Beachten wir ein kleines, aber entscheidendes Detail:
„Ich bin heute als Erster gekommen.“
Schim’i hätte warten können.

Er hätte sich hinter anderen verstecken können. Vielleicht würden Tausende vor ihm um Vergebung bitten und seine eigene Schuld würde dadurch weniger auffallen.

Aber Schim’i tut genau das Gegenteil.
Er will der Erste sein.

Sinngemäss sagt er:
„Ich weiss, dass ich falsch gehandelt habe. Ich weiss, dass ich gegen dich gesündigt habe. Ich weiss, dass ich dafür mein Leben verlieren könnte. Aber ich warte nicht ab, bis andere kommen. Ich komme selbst. Und ich komme als Erster.“

Das ist die Botschaft der Selichot.

Der Isbitzer Rebbe erklärt: Genau das tun wir mit den Selichot vor Rosch Haschanah.
Wir könnten warten.

Wir könnten sagen: Rosch Haschanah ist noch nicht da. Es sind noch viele Tage bis Jom Kippur.

Wir könnten sogar bis zum letzten Moment warten – bis zu Ne’ilah, dem Schlussgebet von Jom Kippur.
Aber wir tun es nicht.

Wir kommen früher.

Wir wollen zu den Ersten gehören, die vor den Allmächtigen treten und sagen:
„Chatanu lefanecha – Wir haben vor Dir gesündigt.“

Nicht bis zum letzten Moment warten

Man könnte es mit einem Menschen vergleichen, der seine amerikanische Steuererklärung regelmäßig erst am letzten Abend, am 15. April, einreicht.

Dem amerikanischen Steueramt ist es egal, ob die Steuererklärung am 1. Februar oder am 15. April kurz vor Mitternacht abgeschickt wird. Solange sie fristgerecht eingereicht wird, ist alles in Ordnung.
Bei der Teschuwa ist dies anders.

Hier zählt nicht nur, dass wir kommen, sondern auch, dass wir früh kommen.

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein Mensch erst dann um Vergebung bittet, wenn ihm keine andere Wahl mehr bleibt – oder ob er schon vorher innehält und sagt:
„Ich möchte mich ändern. Ich möchte meine Fehler korrigieren. Ich möchte nicht warten.“
Das frühe Kommen selbst ist bereits ein Ausdruck von Teschuwa.

„Warum diese Eile?“

Dieses Jahr liegen 16 Tage zwischen dem Beginn der Selichot und Jom Kippur. Man könnte also fragen:
Warum beginnen wir bereits am Moza’ej Schabbat? Wir haben doch noch 16 Tage!

Aber genau darin liegt die Botschaft.
Wir beginnen früh, weil wir zeigen wollen:
Ich warte nicht.

Ich möchte nicht erst an Rosch Haschanah beginnen und schon gar nicht bis zu den letzten Augenblicken von Ne’ilah warten.

Ich komme so früh wie möglich.

Deshalb beginnen die Selichot mit den Worten:
„Be’Moza’ej Menuchah kidamnucha techilah“
„Am Ende des Ruhetages sind wir die Ersten, die Dich begrüßen.“
Diese Worte geben den Ton für die gesamte Zeit der Selichot an:
Wir wollen die Ersten sein.

Es lohnt sich, der Erste zu sein.

Wie Schim’i ben Gera wollen wir nicht abwarten, bis die große Menge kommt. Wir wollen uns frühzeitig auf den Weg machen, um vor den König zu treten.

Denn wenn ein Mensch aufrichtig sagen möchte:
„Es tut mir leid.“

dann sollte er damit nicht warten.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir die Selichot so früh beginnen:
Wer früh kommt, zeigt, dass es ihm ernst ist.

So stehen wir in diesen Tagen vor dem Allmächtigen und sagen:
„Ribono schel Olam – Herr der Welt, wir sind gekommen. Wir wollen die Ersten sein.“
„Kidamnucha techilah.“

Wir kommen Dir entgegen – frühzeitig, aufrichtig und von ganzem Herzen.

Quellen und Persönlichkeiten:

Isbitzer Rebbe – Rabbi Mordechai Josef Leiner
Rabbi Mordechai Josef Leiner (1801–1854), bekannt als der Isbitzer Rebbe (Ishbitzer Rebbe), war ein bedeutender chassidischer Denker des 19. Jahrhunderts und der Begründer der Chassidut Isbitz-Radzin. Er wurde 1801 in Tomaszów Lubelski bei Lublin geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters wurde er Schüler von Rabbi Simcha Bunim von Przysucha (Peschis’cha). Später schloss er sich seinem Jugendfreund und Mitschüler Rabbi Menachem Mendel von Kotzk, dem Kotzker Rebbe, an und wurde zu einem seiner engsten Schüler.
Im Jahr 1839 trennte sich Rabbi Mordechai Josef von der Kotzker Chassidut und begann zunächst in Tomaszów, später in Isbitz (Iżbica), eine eigene chassidische Führung. Zu seinen bedeutendsten Schülern gehörten Rabbi Jehuda Leib Eiger, ein Enkel von Rabbi Akiva Eiger, und Rabbi Zadoq ha-Kohen von Lublin.
Sein berühmtestes Werk ist „Mej ha-Schiloach“, eine Sammlung tiefgründiger Kommentare zur Tora und zu den Worten der Weisen. Darin verbindet der Isbitzer Rebbe chassidische, kabbalistische und psychologisch-existenzielle Gedanken. Besonders charakteristisch ist seine intensive Auseinandersetzung mit der Frage nach G-ttlicher Vorsehung, menschlicher Freiheit, Sünde und Teschuwa. Seine oft ungewöhnlichen und tiefgründigen Auslegungen machten ihn zu einem der eigenständigsten Denker der polnischen Chassidut.
Rabbi Mordechai Josef Leiner verschied am 7. Tewet 5614 (1854) in Isbitz und wurde dort begraben. Sein Sohn Rabbi Ja’akow Leiner, der „Bejt Jaakow“, führte die von ihm begründete Dynastie weiter.
______________________________________________________________________________
Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
______________________________________________________________________________
 
Copyright © 2026 by Verein Lema’an Achai / Jüfo-Zentrum.
Zusätzliche Artikel und Online-Schiurim finden Sie auf: www.juefo.ch und www.juefo.com  
 Weiterverteilung ist erlaubt, jedoch nur unter korrekter Angabe der Urheber und des Copyrights von Autor und Verein Lema’an Achai / Jüfo-Zentrum.
Das Jüdische Informationszentrum („Jüfo“) in Zürich steht Ihnen für Fragen zu diesen Artikeln und zu Ihrem Judentum gerne zur Verfügung: info@juefo.com
 

Werden Sie Teil unserer Mission!

Als gemeinnützige Organisation widmet sich der Verein Lema’an Achai der Verbreitung von fundiertem jüdischem Wissen und der Vermittlung von Tora- Werten. Unsere Arbeit wird durch das freiwillige Engagement unserer Förderer ermöglicht. Wir freuen uns über jeden Beitrag, der dazu beiträgt, dieses wertvolle Werk weiterzuführen und die Verbreitung jüdischen Wissens zu fördern.

Weitere verwandete Artikel

Accessibility