Ein guter Blick
Rabbi Berel Wein zu Paraschat Dewarim-Chason 5786
mit Ergänzungen von S. Weinmann
Das fünfte und letzte Buch der Tora, Dewarim, besteht im Wesentlichen aus den Abschiedsreden Mosches. Er blickt auf die vierzig Jahre seit dem Auszug aus Ägypten und der Offenbarung am Sinai zurück. Es ist sein geistiges Vermächtnis an das Volk Israel – seine letzten Worte als Prophet und Führer, gesprochen und niedergeschrieben im 120. Lebensjahr, dem Jahr seines Todes.
Mosche scheut sich nicht, das Volk offen auf seine Fehler hinzuweisen. In der Parascha dieser Woche erinnert er daran, wie schwer die Last der Führung auf seinen Schultern ruhte. Selbst für den grössten aller Propheten war es kaum möglich, diese Verantwortung allein zu tragen.
Nach den schmerzhaften Erfahrungen der Wüstenwanderung – der Sünde des Goldenen Kalbes, der Rebellion Korachs, dem ständigen Murren und der mangelnden Dankbarkeit des Volkes – hätte Mosche allen Grund gehabt, seine Abschiedsrede in Bitterkeit und Enttäuschung enden zu lassen. Niemand hätte ihm dies verübelt.
Doch genau das tut er nicht.
Statt Vorwürfe und Resignation zu hinterlassen, spricht Mosche einen Segen über Israel – trotz aller Fehler und geistigen Schwächen:
„Der Ewige, der G’tt eurer Väter, vermehre euch tausendfach und segne euch, wie Er es euch verheißen hat.“ [Dewarim 1,11]
Darin offenbart sich eine der wichtigsten Eigenschaften wahrer Führung. Unsere Weisen nennen sie Ajin Towa – das gute Auge, den guten Blick auf den Mitmenschen und auf die Welt. In den Sprüchen der Väter [Pirkej Awot 2:13] zählt diese Eigenschaft zu den höchsten Tugenden.
Wer mit einem „guten Auge“ auf die Welt blickt, verschliesst die Augen nicht vor den Problemen des Lebens. Er erkennt die Wirklichkeit, lässt sich von ihr aber nicht beherrschen. Er verliert auch in schwierigen Zeiten weder die Hoffnung noch das Vertrauen.
Dies ist eine der großen Herausforderungen des jüdischen Glaubens: selbst angesichts grösster Schwierigkeiten den Mut nicht sinken zu lassen. Der Talmud drückt dies mit eindrucksvollen Worten aus [Traktat Berachot 10a]:
„Selbst wenn ein scharfes Schwert bereits auf dem Hals eines Menschen liegt, soll er die Hoffnung auf die g-ttliche Barmherzigkeit nicht aufgeben.“
Verzweiflung, Bitterkeit, Zynismus oder eine zerstörerische Kritik sind daher keine jüdischen Ideale – und erst recht nicht Eigenschaften, die eine Führungspersönlichkeit auszeichnen.
Die Tora verlangt von uns, die Realität ehrlich zu sehen. Wir dürfen Gefahren weder verdrängen noch beschönigen. Gleichzeitig fordert sie uns auf, die Welt mit einem guten Auge zu betrachten – voller Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen in den Ewigen.
So sind auch Mosches mahnende Worte von Liebe getragen. Seine Kritik entspringt nicht der Enttäuschung, sondern der Sorge um das Volk und dem Vertrauen, dass Israel seine Aufgabe erfüllen wird. Seine Botschaft richtet sich deshalb nicht nur an seine Zeitgenossen, sondern an alle Generationen.
Mosche verschweigt unsere Schwächen nicht. Er erinnert uns daran, dass jedes Handeln Folgen hat. Gleichzeitig schenkt er uns sein grösstes Vermächtnis: den guten Blick – die Fähigkeit, das Gute im Menschen zu erkennen, auch wenn Fehler sichtbar sind; die Hoffnung nicht aufzugeben, auch wenn die Umstände schwierig erscheinen; und mit festem Herzen und Zuversicht den Weg weiterzugehen.
Gerade diese Botschaft macht das Buch Dewarim zeitlos und ewig.
Schabbat Schalom!
Rabbi Berel Wein
Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.
Rabbi Berel Wein (geb. 1934 in Chicago, Illinois, USA; gest. 16. August 2025 in Jerusalem) war ein orthodoxer Rabbiner, Dozent, Historiker und Schriftsteller. Über mehr als vier Jahrzehnte prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte wie kaum ein anderer. Durch unzählige Vorträge, Schiurim, Bücher, Seminare, Bildungsreisen und zuletzt auch Dokumentarfilme machte er die Geschichte des jüdischen Volkes einem breiten Publikum zugänglich.
Rabbi Wein veröffentlichte zahlreiche Werke in englischer und hebräischer Sprache zur jüdischen Geschichte. Mit weit über tausend aufgezeichneten Schiurim, Zeitungsartikeln und Vorträgen erreichte er Hunderttausende von Menschen in aller Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an der Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes.
1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern (New York) und wirkte dort bis 1997 als Rosch HaJeschiwa. Für seine außergewöhnlichen Verdienste um die Verbreitung der Tora und des Judentums wurde ihm vom Machon HaRav Frank in Jerusalem der Torah Prize Award verliehen.
Rabbi Berel Wein verstand es wie kaum ein anderer, Geschichte und Gegenwart miteinander zu verbinden. Mit großer Klarheit, Wärme und tiefem Glauben vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes weit mehr ist als eine Erinnerung an Vergangenes – sie ist Orientierung und Wegweisung für Gegenwart und Zukunft.
Unzählige Juden auf der ganzen Welt haben von seinem Wirken profitiert – sei es durch seine Tausenden von Schiurim und Vorträgen in Synagogen, Batej Midraschim, Schulen, Jeschiwot und Seminaren, durch seine zahlreichen Bücher und Artikel oder durch seine umfangreichen Audio- und Videoaufzeichnungen.
1997 übersiedelten Rabbi Wein und seine Ehefrau nach Jerusalem. Dort setzte er seine Lehr- und Schriftstellertätigkeit unvermindert fort und hielt regelmäßig Schiurim in der Jeschiwa Heichal HaTorah unter der Leitung des Gaon Rabbi Zvi Koshelevsky im Jerusalemer Stadtteil Har Nof.
Am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 verstarb Rabbi Berel Wein im Alter von 91 Jahren. Seine Beisetzung fand am folgenden Tag in Jerusalem statt.
Sein Vermächtnis lebt in seinen Werken, seinen Schülern und den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren ein tieferes Verständnis für die Tora, die jüdische Geschichte und die Aufgabe des jüdischen Volkes gewonnen haben.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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