Das jüdische Volk und das Land Israel
Rabbi Berel Wein zu den Paraschot Matot – Mass’ej 5786 (2. Artikel)
Die Verbindung dieser beiden Paraschot hat die Kommentatoren aller Generationen beschäftigt. Sie fragen, ob zwischen Matot und Mass’ej ein innerer Zusammenhang besteht oder ob ihre gemeinsame Lesung lediglich auf den Kalender zurückzuführen ist. Ich bin stets davon ausgegangen, dass es in der Tora keine zufällige Anordnung gibt. Weder ihre Ereignisse noch ihre Gliederung sind beliebig.
Wenn zwei Paraschot miteinander verbunden werden, muss es einen gemeinsamen Gedanken geben, der sie miteinander verknüpft. Meines Erachtens liegt dieser gemeinsame Nenner in der Beziehung zwischen dem jüdischen Volk und dem Land Israel.
In Paraschat Matot lesen wir vom Wunsch der Stämme Re’uwen und Gad, sich mit ihren Familien, ihren Herden und ihrem Besitz ausserhalb der eigentlichen Grenzen des Landes Israel niederzulassen. Sie schildern Mosche die Vorteile, die ihnen eine Ansiedlung östlich des Jordan bringen würde. Mosche widersetzt sich ihrem Vorhaben und tadelt sie scharf dafür, dass sie diesen Wunsch öffentlich vorbringen. Dennoch gelingt es ihm nicht, sie umzustimmen. Schliesslich kommt es zu einem Kompromiss: Die beiden Stämme verpflichten sich, gemeinsam mit ihren Brüdern an der Eroberung des Landes Israel teilzunehmen und sie im Kampf nicht im Stich zu lassen. Trotz dieser Einigung bleibt der Eindruck bestehen, dass ihre Entscheidung, sich dauerhaft östlich des Jordan niederzulassen, letztlich eine bedauerliche Entwicklung darstellt.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Stämme Re’uwen und Gad Jahrhunderte später die ersten waren, die ins Exil geführt wurden. Sie verloren als Erste ihr Land und ihre politische Selbstständigkeit.
Im zweiten Abschnitt der dieswöchigen Tora-Lesung finden wir die vollständige Aufzählung aller Lagerplätze, an denen das jüdische Volk während seiner Wüstenwanderung in der Wüste Sinai verweilte. Raschi weist darauf hin, dass jeder dieser Orte mit Erinnerungen verbunden war. Es handelt sich nicht lediglich um eine Liste geografischer Namen, sondern um Stationen einer geistigen und geschichtlichen Entwicklung. Jeder Ort war mit einer Prüfung, einer Herausforderung und einer wichtigen Erfahrung verbunden.
Das Judentum lehrt, dass die Bewahrung jüdischer Werte nicht immer den bequemsten Weg bedeutet. Sie verlangt Opferbereitschaft, Standhaftigkeit und das Bewusstsein für die Lehren der Geschichte. Auch heute lebt ein groser Teil des jüdischen Volkes ausserhalb des Landes Israel. Damit möchte ich niemanden kritisieren; viele haben nachvollziehbare Gründe für diese Entscheidung.
Dennoch bleibt festzustellen, dass Bequemlichkeit häufig eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Es ist dieselbe Art von Überlegung, die einst die Stämme Re’uwen und Gad dazu veranlasste, die fruchtbaren Weidegebiete östlich des Jordan dem Land Israel vorzuziehen. Gewiss war dies der einfachere Weg. Doch das Judentum war niemals eine Religion der Bequemlichkeit. Es fordert den Menschen heraus, verlangt Einsatz und lässt in seinen Grundsätzen keine Beliebigkeit zu.
Wenn wir uns an die vielen Stationen unseres langen Exils erinnern, kann dies leicht nostalgische Gefühle hervorrufen. Doch diese Nostalgie entsteht oft deshalb, weil wir das Leid, die Prüfungen und die Opfer des Exils nicht mehr unmittelbar vor Augen haben. Es steht mir nicht zu, Juden zu kritisieren, die sich für ein Leben ausserhalb des Landes Israel entscheiden. Es ist ihre persönliche Entscheidung, und viele – vielleicht sogar die meisten – haben dafür gute Gründe. Dennoch bleibt eine historische Tatsache bestehen: Nur im Land Israel besitzt das jüdische Volk eine dauerhafte Zukunft. Nur dort kann es seine Aufgabe, die ihm am Sinai übertragen wurde, in ihrer ganzen Tiefe und Vollständigkeit verwirklichen.
Schabbat Schalom!
Rabbi Berel Wein
Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.
Rabbi Berel Wein
Rabbi Berel Wein (geb. 1934 in Chicago, Illinois, USA; gest. 16. August 2025 in Jerusalem) war ein orthodoxer Rabbiner, Dozent, Historiker und Schriftsteller. Über mehr als vier Jahrzehnte prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte wie kaum ein anderer. Durch unzählige Vorträge, Schiurim, Bücher, Seminare, Bildungsreisen und zuletzt auch Dokumentarfilme machte er die Geschichte des jüdischen Volkes einem breiten Publikum zugänglich.
Rabbi Wein veröffentlichte zahlreiche Werke in englischer und hebräischer Sprache zur jüdischen Geschichte. Mit weit über tausend aufgezeichneten Schiurim, Zeitungsartikeln und Vorträgen erreichte er Hunderttausende von Menschen in aller Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an der Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes.
1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern (New York) und wirkte dort bis 1997 als Rosch HaJeschiwa. Für seine außergewöhnlichen Verdienste um die Verbreitung der Tora und des Judentums wurde ihm vom Machon HaRav Frank in Jerusalem der Torah Prize Award verliehen.
Rabbi Berel Wein verstand es wie kaum ein anderer, Geschichte und Gegenwart miteinander zu verbinden. Mit großer Klarheit, Wärme und tiefem Glauben vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes weit mehr ist als eine Erinnerung an Vergangenes – sie ist Orientierung und Wegweisung für Gegenwart und Zukunft.
Unzählige Juden auf der ganzen Welt haben von seinem Wirken profitiert – sei es durch seine Tausenden von Schiurim und Vorträgen in Synagogen, Batej Midraschim, Schulen, Jeschiwot und Seminaren, durch seine zahlreichen Bücher und Artikel oder durch seine umfangreichen Audio- und Videoaufzeichnungen.
1997 übersiedelten Rabbi Wein und seine Ehefrau nach Jerusalem. Dort setzte er seine Lehr- und Schriftstellertätigkeit unvermindert fort und hielt regelmäßig Schiurim in der Jeschiwa Heichal HaTorah unter der Leitung des Gaon Rabbi Zvi Koshelevsky im Jerusalemer Stadtteil Har Nof.
Am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 verstarb Rabbi Berel Wein im Alter von 91 Jahren. Seine Beisetzung fand am folgenden Tag in Jerusalem statt.
Sein Vermächtnis lebt in seinen Werken, seinen Schülern und den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren ein tieferes Verständnis für die Tora, die jüdische Geschichte und die Aufgabe des jüdischen Volkes gewonnen haben.
______________________________________________________________________________
Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
______________________________________________________________________________
Copyright © 2026 by Verein Lema’an Achai / Jüfo-Zentrum.
Zusätzliche Artikel und Online-Schiurim finden Sie auf: www.juefo.ch und www.juefo.com
Weiterverteilung ist erlaubt, jedoch nur unter korrekter Angabe der Urheber und des Copyrights von Autor und Verein Lema’an Achai / Jüfo-Zentrum.
Das Jüdische Informationszentrum („Jüfo“) in Zürich steht Ihnen für Fragen zu diesen Artikeln und zu Ihrem Judentum gerne zur Verfügung: info@juefo.com

















