Siwan / Paraschat Nasso
Siwan / Paraschat Nasso

Unglaublich! Wundersam! ( Paraschat Nasso 5786)

‘Jafli’ - gehört zu den grössten Wundern der Schöpfung.

‘Jafli’ - gehört zu den grössten Wundern der Schöpfung.
Foto: AI Avigail

Unglaublich! Wundersam!

Perspektiven zu Paraschat Nasso 5786 (Chuz lo’Orez)

Aus DJZ, Nr. 21, 11. Siwan 5778 / 25. Mai 2018 /

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Paraschat Nasso zählt uns die Gesetze des Nesirut auf. Jeder Jude kann die Keduscha (Heiligkeit) des Nasirats auf sich nehmen. Diese ist sogar stärker als die Heiligkeit eines gewöhnlichen Kohens (Priesters). Die Tora sagt: “Sprich zu den Kindern Israels und sage ihnen: Ein Mann oder eine Frau, die sich absondern, indem sie ein Nasir-Gelübde auf sich nehmen, um Haschem zu Ehren enthaltsam zu sein…” [Bamidbar 6:2].

Der Passuk (Vers) sagt weiter: “Die ganze Zeit, da er dem Ewigen Enthaltsamkeit gelobt hat, darf er sich zu keiner Leiche nähern. An seinem Vater und an seiner Mutter, an seinem Bruder und an seiner Schwester darf er sich nicht rituell verunreinigen (sich „tameh“ machen) wenn sie verstorben sind; denn G’ttes “Neser” – Weihe – ist auf seinem Haupt”. Die ganze Zeit seiner Enthaltsamkeit ist er dem Ewigen heilig [Bamidbar 6:6–8]. Ein Nasir darf sich nicht einmal wegen der sieben verstorbenen nahen Verwandten (Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter, seine Frau) verunreinigen (sich tameh machen), deretwegen ein gewöhnlicher Kohen sich verunreinigen darf, indem er sich mit ihrem Begräbnis beschäftigt.

Ein Nasir darf auch keinen Wein trinken. Er darf sich nicht rasieren oder die Haare schneiden. Indem er die Worte “Siehe ich bin ein Nasir” sagt, nimmt er all diese Einschränkungen auf sich. Bezüglich des Verbots von Tum’at Met (Verunreinigung durch Tote) hat der Nasir denselben Status wie der Kohen Gadol (Hohenpriester).

In der Tat steigt der Nasir auf die gleiche Stufe der Heiligkeit wie der Kohen Gadol. Im den Propheten wird er zusätzlich mit den Propheten verglichen, die eine sehr hohe Stellung im Klall Jisrael einnahmen, wie es heisst [Amos 2:11]: Und Ich liess aus euren Söhnen Propheten erstehen und aus euren jungen Männern Nasiräer. Ist es nicht so, Kinder Israels? – spricht der Ewige.

Wenn der Prophet Amos den Klall Jisrael also damit lobt, dass Propheten und Nesirim aus ihm wachsen, spricht er von Nesirim, die den Propheten ähnlich sind.

Obwohl die Tora keine Einschränkungen macht, welche Personen Nesirim sein können und welche nicht, sehen wir jedoch, dass man sich schon vorher auf einer hohen Stufe befinden muss, um ein Nasir zu werden:

 

Die Geschichte des schönen Nasirs

Eine berühmte Geschichte eines Nasirs steht im Talmud [Traktat Nedarim 9b] und gehört zu den bekanntesten Erzählungen von Chasal über Selbstbeherrschung, Reinheit der Motive und den richtigen Umgang mit dem Jezer Hara.

Der Hohepriester Schimon haZaddik erzählte:

„In meinem ganzen Leben habe ich niemals das Korban Ascham (Schuldopfer) eines Nasir – der sich in der Zeit seines Nesirats verunreinigte – gegessen ausser in einem einzigen Fall.“

Er hatte jeweils den Verdacht, dass es sich beim Nasir um eine Person handelt, die sich beim Gelübde nicht wirklich auf einer hohen Stufe befunden hat, sondern nur einen ‚heiligen Moment‘ hatte, der ihn zum Gelübde brachte.

„Eines Tages kam ein junger Mann aus dem Süden nach Jerusalem. Er war ausserordentlich schön, hatte schöne Augen und lange, prachtvolle Locken.“

„Ich (Schimon haZaddik) fragte ihn:

„Mein Sohn, warum hast du beschlossen ein Nasir zu werden, da du dadurch schlussendlich dein schönes Haar abschneiden musst?“

Der junge Mann antwortete:

„Ich war Hirte für meinen Vater.
Eines Tages ging ich, um Wasser aus einer Quelle zu schöpfen, und sah mein Spiegelbild im Wasser.“

„Als ich meine aussergewöhnliche Schönheit sah, wurde ich von Stolz und Begierde erfasst. Mein Jezer Hara begann mich zu verführen.“

Da sprach ich zu mir selbst:

„Du Bösewicht!
Warum erhebst du dich in einer Welt, die nicht dir gehört?
Warum wirst du stolz auf etwas, das einst Würmern und Maden verfallen wird?“

„Da schwor ich: „Ich werde dieses Haar um des Himmels willen abschneiden!“

Als Schimon haZaddik dies hörte, stand er auf, küsste ihn auf den Kopf und sagte:

„Mögen viele Naziräer in Israel so sein wie du!“

„Über einen solchen Nazir sagt die Torah:

„Ein Mann oder eine Frau, die ein Nasir-Gelübde ablegen, um sich für Haschem zu weihen …“


Die tiefe Botschaft der Gemara

Die Gemara hebt hervor, dass das Judentum gewöhnlich keine extreme Askese verlangt. Deshalb ass Schimon haZaddik normalerweise nicht vom Opfer eines Nasirs, da viele Menschen ein Nasir-Gelübde aus unklaren oder problematischen Motiven ablegen.

Doch dieser junge Mann war anders.

Sein Nasirut entstand nicht aus Selbsthass oder Flucht vor der Welt, sondern aus dem ehrlichen Wunsch, seinen Stolz zu besiegen und nicht in die Falle seiner Schönheit zu geraten, sondern sich in den Dienst Haschems zu stellen.

Die Geschichte lehrt:

  • Wahre Grösse beginnt mit Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.
  • Der Mensch muss seine Begabungen nicht zerstören, sondern heiligen.
  • Der Kampf gegen den Jezer Hara beginnt oft gerade dort, wo der Mensch seine grösste Stärke besitzt.

Und vielleicht liegt darin die tiefste Botschaft der Geschichte:

Nicht die äussere Handlung allein macht einen Menschen gross, sondern die Reinheit des Herzens, aus der sie hervorgeht.

„Rachmana liba ba’i“ – Der Allbarmherzige verlangt das Herz.


Ki Jafli – Das Wunder der Verbindung

Nun wollen wir verstehen, weshalb sich die Tora beim Nasir mit einer so aussergewöhnlichen Ausdrucksweise formuliert:

„Ki Jafli“ –
„Wenn ein Mann oder eine Frau sich absondert, indem er ein Nasir-Gelübde ablegt …“

Das Wort Jafli“ bedeutet nicht bloss „sich absondern“. Es beschreibt etwas Erstaunliches, etwas Wunderbares, etwas, das über die gewöhnliche Natur des Menschen hinausgeht.

Dieselbe Wortwurzel begegnet uns auch in der Beracha von Ascher Jazar, die wir nach der Verrichtung unserer Bedürfnisse sprechen und mit den Worten schliessen:

Umafli La’assot“
„Der Wunderbares vollbringt.“

Der Rema erklärt im Schulchan Aruch, dass sich dieser Ausdruck auf die Verbindung von Körper und Neschama bezieht.

Denn in Wahrheit besitzen Körper und Seele keinerlei natürliche Gemeinsamkeit.
Die Neschama ist himmlisch und rein; der Körper hingegen ist irdisch und materiell. Dass der Mensch dennoch als eine harmonische Einheit existieren kann, gehört zu den grössten Wundern der Schöpfung.

Darauf danken wir Haschem mit den Worten:

„Umafli La’assot“ –
Er vollbringt Wunderbares.

Diesen Ausdruck finden wir auch in der dieswöchigen Haftara bei Mano’ach. Als er ein Korban darbrachte und der Mal’ach (Engel) in der Flamme zum Himmel emporstieg, verwendet der Passuk ebenfalls die Sprache von mafli.

Auch das Korban offenbart dieselbe geheimnisvolle Verbindung zwischen Gaschmijut und Ruchnijut.

Wie kann ein gewöhnliches, materielles Tier zu einem „Re’ach Nicho’ach LaHaschem“ (lieblichen Geruch vor Haschem) werden?
Wie kann etwas Irdisches sich in geistige Nähe zu Haschem verwandeln?

Gerade darin liegt das Wunder.

Raw Gedalja Schorr sz’l erklärt, dass auch das ehrliche Gelübde eines Nasirs diese aussergewöhnliche Eigenschaft besitzt.

Der gewöhnliche Mensch wird meist von seinen körperlichen Begierden gelenkt, während die Stimme seiner Neschama verdrängt wird. Wenn der Körper nach Genuss verlangt, folgt der Mensch oft spontan seinen Trieben und nicht seinem höheren Verstand.

In einem solchen Zustand herrscht keine wirkliche Harmonie zwischen Körper und Seele.

Der Nasir jedoch trifft eine revolutionäre Entscheidung:

Nicht die Gelüste des Körpers sollen sein Leben bestimmen, sondern die Reinheit der Neschama.

Er erhebt den Verstand über den Instinkt und die Keduscha über das Verlangen. Deshalb bezeichnet die Tora sein Handeln als „Jafli“ – als etwas Erstaunliches und Wunderbares.

Denn der Nasir vollbringt die eigentliche Aufgabe des Menschen:
Er verbindet seine Neschama mit seinem Körper, bis beide gemeinsam Haschem dienen.

Seine Enthaltsamkeit ist deshalb weit mehr als bloss der Verzicht auf Wein. Das Nesirut ist keine „Diät der Frömmigkeit“, sondern ein Weg, den Menschen zu seiner inneren Bestimmung zurückzuführen.

So schreibt der Ibn Esra über den Nasir:

Er vollbringt eine wunderbare Tat.
Denn die Mehrheit der Menschen folgt ihren Begierden.“

Der Ibn Esra erklärt weiter, dass das Wort „Nasir“ mit „Neser“ – Krone – verwandt ist.

Die meisten Menschen glauben, Freiheit bedeute, tun zu können, was man möchte. In Wahrheit aber werden sie dadurch zu Knechten ihrer Wünsche.

Der wahrhaft Freie hingegen ist jener Mensch, der nicht von seinen Gelüsten beherrscht wird.

Gerade deshalb gleicht der Nasir einem König, der eine Krone trägt.

Denn wahre Königswürde bedeutet nicht, andere zu beherrschen, sondern sich selbst zu beherrschen.

Jeder Jehudi ist ein Sohn des Königs. Darum ist es unsere Aufgabe, uns nicht vom Körper allein, sondern von unserer Neschama führen zu lassen.

So befiehlt uns die Tora:

„Kedoschim Tihju“ –
„Heilig sollt ihr sein.“

Auch wenn nicht jeder Mensch die Stufe des Nasirs erreicht, bleibt sein inneres Prinzip für uns alle verbindlich:

Der Mensch soll nicht Sklave seiner Triebe sein, sondern Diener Haschems.

 

Quellen und Persönlichkeiten:

 

  • Rabbi Awraham ben Meir Ibn Esra(1092 – 1167): Tudela, Toledo, (Spanien). Rabbiner, Gelehrter, Bibelerklärer und Verfasser von zahlreichen Werken zu den verschiedensten Themen; sein bekanntestes Werk ist der klassische Kommentar auf die ganze Torah. Speziell in der zweiten Lebenshälfte führte Ibn Esra bis zu seinem Tode ein rastloses Wanderleben. Seine Reisen führten ihn nach Marokko, Algerien  und Tunesien. Dann nach Salerno, Rom, Lucca, Mantua und Verona (Italien). Danach nach Narbonne, Béziers, Rouen und Dreux (Frankreich), und schlussendlich nach London (GB). Fast überall verfasste er Werke, deshalb sind seine Aufenthaltsorte bekannt. Es ist umstritten, wo seine Grabstätte ist.

 

  • Rabbi Gedalyahu Halevi Schorr (1910 – 1979), war ein prominenter Rav und Rosch Jeshiwa der Jeschiwa Tora Voda’as, Verfasser des Werkes Or Gedalyahu zum Pentateuch und zu den Feiertagen.

 

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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