Cheschwan / Paraschat Lech Lecha
Cheschwan / Paraschat Lech Lecha

Maran Raw Ovadia Josef sel. A.(1920–2013)

Der leuchtende Stern am Firmament, der erlosch.

Maran Raw Ovadia Josef sel. A.(1920–2013)

Der leuchtende Stern am Firmament, der erlosch.
Foto: AI Avigail

Maran Raw Ovadia Josef sel. A. (1920–2013)

Zu seiner Jahrzeit am 3. Marcheschwan

Rav Ovadia Josef verschied am 3. Marcheschwan 5774 / 07. Oktober 2013

Von Rabbi Jissocher Frand, veröffentlicht am 30. Oktober 2020 (5781)

übersetzt von S. Weinmann

Vorbemerkung des Bearbeiters der englischen Fassung

Der folgende Auszug aus den Tora-Vorträgen von Rabbi Jissocher Frand unterscheidet sich etwas von den Beiträgen, die wir gewöhnlich veröffentlichen. Rabbi Frand hält seit über vierzig Jahren wöchentlich einen etwa einstündigen Schiur bei Agudath Israel in Baltimore. Über das Yad Yechiel Institute werden diese Vorträge einem grösseren jüdischen Publikum zugänglich gemacht. Die von Project Genesis versandten und auf torah.org archivierten Beiträge beruhen auf den letzten fünfzehn bis zwanzig Minuten des jeweiligen Schiurs. In etwa 95 Prozent der Fälle enthalten diese Gedanken zum Wochenabschnitt.

Ein- oder zweimal jährlich weicht Rabbi Frand von diesem Aufbau ab und widmet das letzte Viertel seiner Ausführungen einem bedeutenden Ereignis oder einer wichtigen Frage der vergangenen Woche. Da ich mit der schriftlichen Bearbeitung seiner Vorträge erst etwa sieben Jahre nach Beginn ihrer Aufzeichnung angefangen habe, liegen zwischen dem gesprochenen Vortrag und meiner schriftlichen Fassung stets sechs bis sieben Jahre. Deshalb lasse ich solche inzwischen nicht mehr aktuellen Ausführungen normalerweise aus.

Mit Rabbi Frands Zustimmung mache ich diese Woche eine Ausnahme. Die folgenden Worte sprach er in der Woche von Paraschat Lech Lecha 5774, im Jahr 2013. Obwohl sie grösstenteils keinen unmittelbaren Bezug zum Wochenabschnitt haben, halte ich sie für unsere Leser für bedeutsam. Anlässlich der (siebten) dreizehnten Jahrzeit von Rav Ovadia Josef, den Rabbi Frand als eine seiner wichtigsten Quellen bei der Vorbereitung seiner frühen wöchentlichen Schiurim bezeichnet, legen wir Ihnen diese Würdigung vor. — David Twersky


Jeder grosse Tora-Gelehrte ist einzigartig

In Paraschat Lech Lecha heisst es:
«Blicke doch zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst … So werden deine Nachkommen sein.» [Bereschit 15,5]
In diesem bekannten Vers führt der Herr der Welt Awraham Awinu hinaus und verheisst ihm, dass seine Nachkommen — nach dem einfachen Sinn des Verses — so zahlreich sein werden wie die Sterne.

Rabbejnu Bachja gibt diesem Vers jedoch eine besondere Deutung, die über seinen einfachen Wortsinn hinausgeht.

Wenn wir die Sterne von unserem Standpunkt auf der Erde aus betrachten, erscheinen sie uns alle gleich. Wer sie jedoch durch ein Teleskop beobachtet, erkennt, wie stark sie sich voneinander unterscheiden: in ihrer Farbe, ihrer Helligkeit, ihrer Gestalt und in weiteren Eigenschaften.

Rabbejnu Bachja deutet G-ttes Verheissung an Awraham deshalb folgendermassen: So wie jeder Stern anders und vollkommen einzigartig ist, werden auch die Chachmej Israel — die Weisen Israels — einzigartig sein.

Kein Gadol wird die genaue Nachbildung eines anderen sein. Die grossen Tora-Gelehrten sind nicht alle aus demselben Holz geschnitzt. Sie unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit, ihrer Herangehensweise, ihrer Weltanschauung und ihren geistigen Errungenschaften.
Rabbejnu Bachja löst den Vers damit aus seinem unmittelbaren Zusammenhang und entdeckt darin einen zusätzlichen Gedanken. Es geht nicht nur um die grosse Zahl der Nachkommen Awrahams, sondern auch um die führenden Tora-Gelehrten jeder Generation: Jeder von ihnen wird so einzigartig sein wie ein Stern.
Gedolim sind keine Kopien voneinander. Sie ahmen einander nicht einfach nach. Gerade das verleiht dem jüdischen Volk seine Vielfalt und seinen besonderen Charakter. Verschiedene geistige Führer verfolgen unterschiedliche Wege, jeder entsprechend seinem Wesen und seinen Fähigkeiten.

Dieser Gedanke erscheint mir als passende Einleitung, um über den gewaltigen Verlust zu sprechen, den Klal Israel in dieser Woche erlitten hat: Wir haben den grossen Gaon und Chacham, Raw Ovadia Josef, verloren, das Andenken des Gerechten sei zum Segen.

Mein «Computer» hiess «Jabia Omer»

In nahezu jedem Lebensbereich, in jedem Geschäft und in jedem Beruf haben sich die Arbeitsweisen durch die technische Entwicklung verändert.

Wenn ich meinen Arzt aufsuche, sitzt er nicht mehr mit einem Notizblock vor mir, um meine Krankengeschichte aufzuschreiben. Er tippt alles in seinen Laptop. In der chemischen Reinigung füllt man nicht mehr einen kleinen rosa Zettel aus und reicht ihn dem Kunden. Hemden und Hosen werden am Computer in der Kundendatei erfasst. Der Automechaniker schliesst den Wagen an ein Diagnosegerät an, um herauszufinden, wo der Fehler liegt.

Computer haben in den vergangenen Jahren die Arbeitsweise der ganzen Welt verändert.
Und sie haben auch meine Schiurim verändert!
Ich halte diesen Schiur nun schon seit rund 45 Jahren, bli ajin hara. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann ich begann, für meine Vorbereitungen Computerprogramme zu verwenden. Vielleicht sind es bereits rund fünfundzwanzig Jahre, in denen ich intensiv mit dem Bar-Ilan-Programm, der Datenbank Otzar haChochma, Otzar haSchu’t und ähnlichen Hilfsmitteln arbeite.

Doch wie habe ich meinen Schiur vorbereitet, bevor es Computer gab? Bevor mir Tausende Werke der Halacha und der Responsen-Literatur auf Knopfdruck zur Verfügung standen?
Die Antwort lautet: Ich hatte schon damals einen Computer. Er hiess «Jabia Omer».

Es war eines der frühen Werke von Rav Ovadia Josef: die Responsen-Sammlung «Sche’elot uTeschuwot Jabia Omer». Dieses Werk war für mich ebenso wertvoll wie ein Computer. Raw Ovadia führte darin praktisch jede Responsen-Entscheidung an, die jemals zu einem Thema geschrieben worden war.
Wenn ich bei der Vorbereitung auf ein Thema stiess, zu dem es einen Abschnitt im Jabia Omer gab, war der Schiur vergleichsweise leicht zusammenzustellen. Alles war bereits vorhanden. Ich musste das Material nur noch durcharbeiten und ordnen — was allerdings wegen seiner gewaltigen Fülle keineswegs einfach war.

Über viele Jahre hinweg waren die beiden Werke, die ich in der Anfangszeit dieses Schiurs besonders häufig benutzte, «Jabia Omer» und «Ziz Elieser» von Raw Elieser Jehuda Waldenberg (1915–2006), zwei grossen Tora-Gelehrten aus Erez Israel.
Heute Abend möchte ich jedoch über den Verfasser des Jabia Omer sprechen.

Ich selbst, Sie und jeder, der jemals diesen Schiur besucht oder eine Aufnahme davon gehört hat, sind Schüler von Raw Ovadia Josef. Ich kann nicht annähernd zählen, wie oft ich ihn im Laufe der Jahre zitiert habe.

Wir alle sind seine Schüler!

Wir haben unseren Rebben verloren — ganz gleich, ob Sie ihn jemals mit eigenen Augen gesehen oder persönlich getroffen haben. Durch seine Bücher, die ich so häufig verwende, sind wir alle zu seinen Schülern geworden.

In den ersten Jahren gab es sechs Bände des Jabia Omer. Es waren grosse, dicke Bücher. Ich konnte jedoch nur zwei davon erwerben: den ersten und den sechsten Band. Die übrigen waren vergriffen und nicht zu bekommen.
Damals lernte ein Schüler aus Brasilien in der Jeschiwa, der die vollständige sechsbändige Ausgabe besass. Ich bat ihn, die vier mir fehlenden Bände in einem Kopiergeschäft vollständig für mich kopieren zu lassen. Die Kopien bewahrte ich in riesigen Schachteln auf.

Diese Werke waren mir so unentbehrlich, dass ich sie unbedingt haben musste, was auch immer dafür nötig war. Sonst waren sie in der ganzen Stadt nicht aufzutreiben!

Eine überwältigende Gelehrsamkeit

Das enzyklopädische Wissen und die umfassende Belesenheit, die in diesen Bänden sichtbar werden, sind kaum zu fassen.

Man könnte sagen, dass die jüdische Welt in dieser Woche ihren grössten Talmid Chacham verloren hat. Manche würden vielleicht einwenden, dieser oder jener Gelehrte sei noch grösser gewesen. Aber die Aussage: «In dieser Woche ist der grösste Tora-Gelehrte der Welt gestorben», wäre gewiss keine abwegige Behauptung.
Auf dem Gebiet der Responsen-Literatur war er zweifellos der grösste Kenner seiner Zeit. Niemand kam ihm darin auch nur nahe.

Ob jemand mit allen seinen halachischen Entscheidungen oder mit sämtlichen seiner öffentlichen Äusserungen übereinstimmte, ändert daran nichts. Jeder, der Tora lernt und ihren Wert zu schätzen weiss, muss einem solchen Menschen Ehrfurcht entgegenbringen.

Vor (zweiunddreissig) 45 Jahren, im Jahr 1981, besuchte Raw Ovadia Josef Baltimore. An den genauen Anlass erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiss aber, dass ihn die Associated Jewish Charities of Baltimore zu einem Vortrag eingeladen hatten. Damals amtierte er als sefardischer Oberrabbiner Israels, als Rischon LeZion.

Er besuchte auch die Jeschiwa Ner Israel und hielt dort einen Schiur. Wie es seiner Art entsprach, reihte er eine solche Fülle von Quellen und Werken aneinander, dass es beinahe klang, als trage jemand ein ganzes Telefonbuch mit Büchernamen vor.

In Baltimore lebte damals ein grosser Talmid Chacham, an den sich die älteren Einwohner noch erinnern werden: Raw Jizchak Sternhell, der Verfasser des Werkes Kochaw Jizchak.
Er war ein Munkatscher Chassid. Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen: Munkatsch stand dem Zionismus ablehnend gegenüber. Auch Raw Sternhell, der die Munkatscher Haltung ganz verkörperte, war ein entschiedener Antizionist.

Als Rav Ovadia Josef jedoch in die Jeschiwa kam, erschien Raw Sternhell, um seinen Schiur zu hören. Seine Begeisterung für Raw Ovadias Tora war so gross, dass er dessen Amt als staatlicher Oberrabbiner und das gesamte offizielle Gepräge dieses Besuchs beiseiteliess.
Raw Ovadia war ein Talmid Chacham. Und nicht einfach irgendein Talmid Chacham — er war ein Tora-Gelehrter von Weltrang.

Raw Sternhell besass selbst ein gewaltiges Wissen in Talmud und Responsen-Literatur. Raw Ruderman, der Rosch Jeschiwa von Ner Israel, war darin noch umfassender bewandert. Beide waren von Raw Ovadia Josef überwältigt.

Bei einem Treffen im Haus des Rosch Jeschiwa stellte man Raw Ovadia die Anwesenden vor. Als Raw Sternhell an die Reihe kam, erwähnte man, dass er den Kochaw Jizchak verfasst habe.
Sofort sagte Raw Ovadia:
«Ah, der Kochaw Jizchak! Ich zitiere Sie im dritten Band des Jabia Omer, in einer Responsen- Entscheidung über Lebensversicherungen!»
Das war Raw Ovadia. Er besass ein fotografisches Gedächtnis. Was er einmal gesehen hatte, blieb ihm im Gedächtnis. In seiner gesamten Responsen-Sammlung muss er wohl hunderttausend Bücher zitiert haben!

Ein Mann, der eine ganze Gemeinschaft veränderte

Doch Chacham Ovadia war nicht nur ein aussergewöhnlicher Gelehrter. Er war eine Persönlichkeit von geschichtlicher Tragweite, die eine ganze Gesellschaft veränderte.

Diesen Unterschied müssen wir verstehen. Im Laufe der jüdischen Geschichte gab es Tausende Gedolim. Doch nicht jeder grosse Tora-Gelehrte hat die Gestalt einer ganzen Gemeinschaft grundlegend verändert.
Der Gaon von Wilna und sein Schüler Raw Chajim von Woloschin waren solche Persönlichkeiten. Die gesamte Überlieferung der litauischen Jeschiwot und die von ihnen geprägte Welt gehen auf den Gaon und seinen Schüler zurück.
Der Ba’al Schem Tow war eine solche Persönlichkeit: Er brachte das Chassidut in die Welt.
Raw Jisrael Salanter war eine solche Persönlichkeit: Er begründete die Mussar-Bewegung.

Raw Aharon Kotler war eine solche Persönlichkeit: Er veränderte das Gesicht des amerikanischen Judentums und darüber hinaus der gesamten jüdischen Welt.
Auch Raw Ovadia Josef war eine Persönlichkeit von geschichtlicher Tragweite, denn er veränderte die israelische Gesellschaft.

Die Sefardim in Erez Israel waren bestenfalls Bürger zweiter, wenn nicht dritter Klasse gewesen. Sie wurden benachteiligt, schlecht behandelt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Raw Ovadia Josef gab aus eigener Kraft einer ganzen Gemeinschaft innerhalb des jüdischen Volkes neues Leben. Heute gehören die Sefardim vielleicht zu den einflussreichsten Gruppen in Israel.

Raw Aharon Feldman, der Rosch Jeschiwa von Ner Israel, erzählte, dass es bei seiner Ankunft in Erez Israel vor rund sechzig Jahren nur eine Handvoll sefardischer Jeschiwa-Schüler gegeben habe. Die Jeschiwot waren entweder litauisch oder chassidisch geprägt — doch sie waren alle aschkenasisch.
Heute lernen Zehntausende junge Sefardim in Jeschiwot und Kolelim. Das ist in hohem Masse Raw Ovadia Josef zu verdanken.

Sein Einfluss beschränkte sich jedoch nicht auf die charedische Welt. Er erreichte die gesamte sefardische Gemeinschaft: religiöse, säkulare und charedische Juden gleichermassen.
Der Beweis dafür ist die Zahl der Menschen, die zu seiner Lewaja kamen. Eine solche Menschenmenge konnte unmöglich allein aus der religiösen Bevölkerung stammen.

Die Trauer um einen Vater

Nach Angaben der säkularen Presse nahmen 850’000 Menschen an seiner Beerdigung teil. Die religiöse Presse sprach von nahezu einer Million.

Das entsprach damals etwa vierzehn bis siebzehn Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels! In Erez Israel lebten sechs Millionen Juden.
Übertrüge man diese Grössenordnung auf die Vereinigten Staaten mit ihren rund 350 Millionen Einwohnern, entspräche dies einem Trauerzug von ungefähr 47 Millionen Menschen.
So gewaltig war dieses Ereignis.

Ein Freund, der in Ramot, einem Jerusalemer Stadtteil, lebt, schrieb mir über seine Erlebnisse. Er war in einen Bus gestiegen, um zur Lewaja zu gelangen. Doch etwa hundert Busse standen vor der Einfahrt nach Jerusalem im Stau. Schliesslich musste er fast fünf Kilometer bergauf gehen, um überhaupt in die Stadt zu gelangen, und danach weitere anderthalb Kilometer, um wenigstens in die Nähe von Porat Josef zu kommen, von wo der Trauerzug aufbrach.
Hier in der Jeschiwa in Baltimore wurde die Lewaja live übertragen. Welch unterschiedliche Menschen waren dort zu sehen! Chassidim und Vertreter der litauischen Tora-Welt, Jeschiwa-Schüler, sefardische Jeschiwa-Schüler — aber auch Tausende Menschen ohne Kippa, säkulare Juden!

Sie waren gekommen wegen all dessen, was er für sie getan hatte.
Vielleicht hatten sie in ihrem ganzen Leben nie einen Band des Jabia Omer gesehen. Aber sie wussten: Dieser Mann sorgte sich um sie.
Er konnte mit dem grössten Talmid Chacham sprechen und ebenso mit dem einfachsten Juden — «von deinem Holzhacker bis zu deinem Wasserschöpfer» [Dewarim 29,10].

Er kümmerte sich um sie. Er sorgte sich um sie. Er gab ihnen Geld. Er richtete sie auf. Er ging zu ihnen und sprach mit ihnen. Er gab ihnen das Gefühl: «Du bist jemand. Du hast einen Wert.»
Und all das tat er mit grosser Messirut Nefesch — mit selbstloser Hingabe.
In einer der Trauerreden, die ich in der Jeschiwa hörte, wurde folgende Begebenheit erzählt:
Vierzehn Jahre zuvor hatte Raw Ovadia einen Herzinfarkt erlitten. Im Krankenhaus wollten die Ärzte unverzüglich eine Bypassoperation durchführen. Doch er sagte:
«Ich muss für drei Stunden nach Hause. Danach komme ich zur Operation zurück.»

Er hatte gerade einen Herzinfarkt erlitten — und dennoch bat er darum, den Eingriff um drei Stunden aufzuschieben.
Was war so dringend, dass er dafür nach Hause zurückkehren musste?

Es ging um eine Aguna — eine Frau, deren Mann verschwunden war und dessen Tod nicht sicher festgestellt werden konnte. Raw Ovadia arbeitete an einer ausführlichen halachischen Responsen- Entscheidung, die ihr eine erneute Heirat ermöglichen sollte. Diese musste er unbedingt fertigstellen.
Dafür setzte er sein eigenes Leben aufs Spiel. Er wusste nicht, ob er die Operation überleben würde.
Bliebe seine Entscheidung unvollendet, könnte die Frau weiterhin als Aguna an ihre Ehe gebunden bleiben. Deshalb kehrte er nach Hause zurück, um sein Gutachten zu Ende zu schreiben.

Menschen in ganz Erez Israel spürten diese Liebe, die er ihnen entgegenbrachte.
In unserer Jeschiwa lernen junge Männer aus dem Iran, von denen ich überzeugt bin, dass sie Raw Ovadia Josef niemals persönlich begegnet waren. Während der Übertragung der Lewaja sassen sie da und weinten um einen Menschen, den sie nie getroffen hatten.

Er war nicht nur der Maran, die grosse rabbinische Autorität der sefardischen Welt. Er war ihr Vater.
Deshalb standen Männer, Frauen und Kinder weinend an den Strassen Jerusalems. Wenn der eigene Vater stirbt, weint man. Genau das war er für sie: die Vatergestalt des sefardischen Judentums.

«Er lehrte das Volk Erkenntnis»

Es gibt viele Wendungen, die man gewöhnlich in Trauerreden hört:
«Wir sind verwaist; unser Vater ist nicht mehr da.»
«Wehe dem Schiff, das seinen Kapitän verliert!»
«Wer wird uns einen Menschen geben, der an seine Stelle treten kann?»
Oft sind es bildhafte Ausdrücke. Bei Chacham Ovadia trafen sie jedoch wörtlich zu.
«Zu Waisen sind wir geworden, ohne Vater.»
Er war der Vater — und nun haben wir ihn nicht mehr.

«Wehe dem Schiff …» Wer wird jetzt die sefardische Welt führen? Sie hat ihren Kapitän verloren.
«Wer kann an seine Stelle treten?» Ein Mensch wie er erscheint vielleicht einmal in dreihundert Jahren!
Seine Söhne sind alle grosse Talmidej Chachamim. Doch eine Persönlichkeit wie er ist etwas anderes. Ein solcher Mensch tritt nur einmal in vielen Generationen auf.
Man spricht von einer «Jahrhundertflut». Hier hatten wir einen Gadol, wie er vielleicht nur einmal in zweihundert Jahren erscheint.

Wenn ich einen einzigen Vers auswählen müsste, der Chacham Ovadia zusammenfasst, wäre es der Vers am Ende von Kohelet [12,9]:
«Und darüber hinaus, dass Kohelet weise war, lehrte er auch das Volk Erkenntnis; er erwog und erforschte und ordnete viele Gleichnisse.»
Schlomo HaMelech war der weiseste aller Menschen. Doch noch lobenswerter als seine Weisheit war, dass er das Volk lehrte. Er machte die Tora den breiten Schichten zugänglich und vermittelte seine Gedanken durch zahlreiche Gleichnisse.

So sprach auch Raw Ovadia. Er hielt keine abgehobenen Vorträge, die nur eine kleine geistige Elite verstehen konnte. Er sprach zu den Menschen in einer Sprache, die sie verstanden und schätzten.
Eine weitere Wendung, die wir bei solchen Gelegenheiten verwenden, lautet:
«Wehe uns um das, was wir verloren haben und nicht wiederfinden werden!»
Auf den Gaon und Zaddik, Chacham Raw Ovadia Josef, das Andenken des Gerechten sei zum Segen, treffen diese Worte wahrhaftig zu.
Gut Schabbes!

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbejnu Bachja
 
Rabbejnu Bachja (Rabbejnu Bechaje) ben Ascher (1255–1340) wirkte in Saragossa, Spanien, als Rabbiner, Tora-Kommentator und Kabbalist. Er gehörte zu den Rischonim und war ein Schüler von Rabbi Schlomo ben Aderet, dem Raschba, einer der bedeutendsten rabbinischen Autoritäten seiner Zeit.

Bekannt wurde er vor allem durch seinen Torakommentar «Rabbejnu Bachja», in dem er verschiedene Auslegungsebenen miteinander verbindet: den einfachen Textsinn, den Midrasch, philosophische Erklärungen und die Kabbala. Zu seinen weiteren Werken gehört «Kad haKemach», eine Sammlung von Abhandlungen über grundlegende Themen des jüdischen Glaubens, der Ethik und des G-ttesdienstes.
Er ist nicht mit Rabbejnu Bachja ben Josef ibn Pakuda, dem ebenfalls aus Saragossa stammenden Verfasser von «Chowot haLewawot» — «Die Pflichten der Herzen», zu verwechseln, der bereits im 11. Jahrhundert lebte.

Raw Jizchak Sternhell
Raw Jizchak Sternhell (1910–1980) war ein bedeutender Tora-Gelehrter und Rabbiner, der nach der Schoah wesentlich zum Aufbau des toratreuen jüdischen Lebens in Baltimore, USA, beitrug. Er wurde in Gorlice, Polen, geboren und wuchs später in Sanz (Sandez) in der Tradition des Sanzer Chassidismus auf.
Zu seinen wichtigsten Lehrern gehörte der Munkatscher Rebbe, Rabbi Chajim Elasar Schapira, der Verfasser des «Minchat Elasar».

Raw Sternhell überlebte die Schoah, verlor jedoch einen Grossteil seiner Familie. 1951 übersiedelte er in die USA und übernahm in Baltimore die Leitung einer Gemeinde, deren Mitglieder zunächst überwiegend Holocaust-Überlebende waren. Bereits 1952 gründete er mit zehn Jungen die Toraschule «Sche’erit haPlejta». Aus ihr entwickelte sich das Torah Institute of Baltimore, auch bekannt als Jeschiwat Kochaw Jizchak. Sein Anliegen war es, die traditionelle Tora-Erziehung der europäischen Gemeinden in Amerika weiterzuführen.
Neben seiner Bildungsarbeit setzte er sich für die Verbesserung der Kaschrutversorgung und den Ausbau des religiösen Gemeindelebens ein. Bekannt war er für seine umfassenden Kenntnisse des Talmuds und der rabbinischen Literatur. Zu seinen Werken gehören «Kochwej Jizchak» zum Jerusalemer Talmud sowie die Schrift «HaKochaw».

Raw Jizchak Sternhell verschied nach schwerer Krankheit am 28. Nissan 5740 (1980) und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem beigesetzt.

Rav Ovadja Josef

Rav Ovadja Josef (1920–2013) wurde in Bagdad, Irak, geboren und zog als kleines Kind mit seiner Familie nach Jerusalem. Dort lernte er an der berühmten Jeschiwa Porat Josef. Bereits in jungen Jahren zeichnete er sich durch seine aussergewöhnliche Begabung, sein umfassendes Wissen und sein hervorragendes Gedächtnis aus. Mit 20 Jahren erhielt er die Semicha, die rabbinische Ordination. Von 1947 bis 1950 wirkte er in Kairo als Vorsitzender des rabbinischen Gerichts und stellvertretender Oberrabbiner von Ägypten. Später amtierte er als sefardischer Oberrabbiner von Tel Aviv-Jaffa (1968–1973) und als Rischon LeZion, sefardischer Oberrabbiner Israels (1973–1983).  

Er gehörte zu den bedeutendsten halachischen Autoritäten seiner Generation. Seine umfassende Kenntnis der rabbinischen Literatur, sein vielfach als fotografisch beschriebenes Gedächtnis und seine brillante Argumentationsfähigkeit machten ihn zu einem herausragenden Possek. Seine Entscheidungen prägten die Halacha nachhaltig und gelten für die meisten sefardischen Gemeinden als massgebliche Richtschnur. Zu seinen Hauptwerken zählen die Responsen-Sammlungen «Jabia Omer» und «Jechawe Da’at», das halachische Werk «Chason Ovadja», «Taharat haBajit» über die Gesetze der Familienreinheit, sowie weitere Werke zum Talmud und zur jüdischen Lebensführung.  
Neben seiner Gelehrsamkeit zeichnete ihn seine Nähe zu einfachen Menschen aus. Durch öffentliche Schiurim und allgemeinverständliche halachische Unterweisungen machte er die Tora breiten Bevölkerungsschichten zugänglich. Er setzte sich besonders für die Stärkung des sefardischen Torastudiums, der religiösen Bildung und des Selbstbewusstseins der sefardischen Gemeinschaft ein. Als geistiges Oberhaupt der Schas-Bewegung übte er weit über seine offiziellen rabbinischen Ämter hinaus grossen Einfluss aus. 

Raw Ovadja Josef verschied am 3. Marcheschwan 5774 / 7. Oktober 2013 in Jerusalem. Seine Beerdigung gehörte zu den grössten Trauerkundgebungen in der Geschichte Israels; nach damaligen Schätzungen nahmen daran rund 850’000 Menschen teil. Er wurde auf dem Friedhof Sanhedria in Jerusalem beigesetzt.
 
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