Cheschwan / Paraschat Lech Lecha
Cheschwan / Paraschat Lech Lecha

Awraham soll seine «Festplatte» vollständig löschen (Paraschat Lech Lecha 5787)

«Vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters.» - Warum?

«Vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters.» - Warum?
Foto: AI Avigail

Awraham soll seine «Festplatte» vollständig löschen

Rav Frand zu Paraschat Lech Lecha 5787

übersetzt von S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier

«…lech-Lecha meArzecha umiMolad’techa umiBejt Awicha… – Geh fort aus deinem Land, aus deinem Geburtsort und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde.» [Bereschit 12,1]
[Anmerkung des Herausgebers: Viele übersetzen umiMolad’techa – aus deinem Geburtsort, die korrekte Übersetzung ist jedoch: von deiner Familie/Verwandtschaft!]

Im Midrasch Rabba, [Kapitel 39:1] erläutert Rabbi Jizchak den ersten Vers unseres Wochenabschnitts. Er leitet seine Ausführungen mit einem Vers aus Tehillim ein:
«Höre, Tochter, und sieh, neige dein Ohr; vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters.» [Tehillim 45,11]

So beginnt Rabbi Jizchak seine Erklärung zu Paraschat Lech Lecha. Doch was hat dieser Vers aus Tehillim mit unserem Wochenabschnitt zu tun?
Im Werk «Nachalat Elieser» von Raw Chiskijahu Elieser Kahan, dem langjährigen geistigen Leiter und Maschgiach der Jeschiwat Bejt Josef in Gateshead, fand ich dazu folgenden Gedanken:
Rabbi Jizchak beantwortet eine Frage, die zahlreiche Kommentatoren stellen. Die Aufforderung «Geh fort aus deinem Land, aus deinem Geburtsort und aus dem Haus deines Vaters» enthält eine auffällige Schwierigkeit.

G-tt verlangt von Awraham, sein Land, seine Stadt und sein Vaterhaus zu verlassen und nach Erez Israel zu ziehen. Doch wenn wir irgendwohin reisen — besonders ins Ausland —, verlassen wir zunächst unser Haus. Danach verlassen wir unsere Stadt. Erst wenn wir am Flughafen abheben und unserem Reiseziel entgegenfliegen, verlassen wir schliesslich unser Land.

Eigentlich müsste die Reihenfolge im Vers also umgekehrt lauten: «Geh fort aus dem Haus deines Vaters, aus deinem Geburtsort und aus deinem Land.» Weshalb nennt die Tora die Stationen in der entgegengesetzten Reihenfolge?

Die bekannte Antwort lautet: Der Allmächtige verlangt hier von Awraham nicht bloss einen Ortswechsel oder eine neue Anschrift. Er fordert ihn vielmehr auf, ein anderer Mensch zu werden. Awraham soll gewissermassen alles bisher Geprägte auslöschen, sodass von den Einflüssen seines früheren Lebens nichts zurückbleibt.

Womit lässt sich das vergleichen?
Vor einiger Zeit wurde mein Laptop immer langsamer. Ich ging zu meinem Computerfachmann und sagte: «Sie müssen etwas mit diesem Laptop unternehmen.»
Er antwortete: «Das Gerät ist so alt, und es hat sich so viel darauf angesammelt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, es wieder schnell zu machen: Wir müssen die Festplatte vollständig löschen. Alles muss herunter. Wir müssen gewissermassen wieder bei ‹Bereschit› anfangen, sämtliche Programme neu installieren, und danach würde der Computer wieder wie neu arbeiten. Aber wissen Sie was? Ein neuer Laptop kostet weniger, als wenn ich all diese Arbeiten für Sie erledige.»

Also kaufte ich einen neuen.
Der Heilige, gelobt sei Er, fordert Awraham auf: «Lösche deine Festplatte vollständig!» Von deinem früheren Leben, von dem Menschen, der du bisher warst, soll keine Spur zurückbleiben.
«Ich möchte einen neuen Anfang. Aus dir werde Ich ein neues Volk entstehen lassen. Deshalb müssen die bisherigen prägenden Einflüsse gelöscht werden.»

Nun wird die Reihenfolge des Verses verständlich.
Wir hier sind Amerikaner — zumindest die meisten von uns. Das Land, in dem wir leben, übt einen gewissen Einfluss auf uns aus. Amerikaner unterscheiden sich von Israelis, Israelis von Russen und Russen von Iranern. Die kulturellen Gewohnheiten des Landes, in dem ein Mensch aufgewachsen ist, prägen ihn. So ist die Wirklichkeit.
Doch dieser Einfluss sitzt nicht im innersten Wesen des Menschen. Von ihm kann man sich am leichtesten lösen. Das lässt sich vergleichsweise rasch erreichen. Deshalb steht im Vers zuerst: «Geh fort aus deinem Land.»

Danach folgt: «Und aus deinem Geburtsort.»
Auch die Stadt, in der wir leben, beeinflusst uns. Verschiedene Städte besitzen unterschiedliche Eigenarten. Wir sind Einwohner von Baltimore und betrachten das als Auszeichnung. Menschen aus anderen Städten mögen darüber die Nase rümpfen. Doch im Guten wie im weniger Guten gibt es hier eine bestimmte Lebensart. Das Leben in Baltimore prägt uns.

Dieser Einfluss reicht etwas tiefer als der allgemeine Einfluss unseres Landes. Aber auch er gehört noch nicht zu unserem innersten Wesen.
Dann gibt es jedoch die eigene Familie — «das Haus deines Vaters».
Dieser Einfluss ist ein Teil unseres Wesens geworden. Wir haben ihn gewissermassen mit der Muttermilch aufgenommen. Davon lösen wir uns am schwersten: von dem Zuhause, in dem wir aufgewachsen sind, und von dem, was wir als Kinder von unseren Eltern und Geschwistern gehört haben. All das hat uns zutiefst geprägt.

G-tt verlangt von Awraham also nicht lediglich, seinen Aufenthaltsort zu ändern. Er soll ein anderer Mensch werden und sich von den bisherigen Einflüssen lösen. Der Weg dorthin führt vom leichteren zum schwierigeren Schritt: zuerst das Land, dann der Geburtsort und schliesslich das Vaterhaus.
Damit verstehen wir auch, weshalb Rabbi Jizchak den ersten Vers unseres Wochenabschnitts mit dem Vers aus Tehillim verbindet:
«Höre, Tochter, und sieh, neige dein Ohr; vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters.»
Genau darum geht es zu Beginn von Lech Lecha. Awraham wird aufgefordert, zuerst sein Volk und danach sein Vaterhaus hinter sich zu lassen — in eben dieser Reihenfolge!

Eine Prüfung — und zugleich eine Verheissung?

Mit diesem Verständnis können wir eine weitere Schwierigkeit im ersten Vers unseres Wochenabschnitts lösen.

Raschi erklärt die Worte «Lech lecha» — «Geh für dich» mit: «Zu deinem Nutzen und zu deinem Besten.»

Dazu wird eine bekannte Frage gestellt: Dieser Auftrag soll doch eine Prüfung für Awraham sein. Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, ob dies die erste oder die zweite der berühmten zehn Prüfungen war. Dass es sich um eine Prüfung und eine Herausforderung handelte, steht jedoch fest.
Und nun sagt G-tt gewissermassen zu Awraham: «Hier ist eine Prüfung. Wenn du sie bestehst, wird es dir ausgezeichnet ergehen!»

Wenn der Auftrag, in das von G-tt bezeichnete Land zu ziehen, eine Prüfung sein soll, weshalb wird er dann mit Verheissungen verbunden? Könnten diese nicht erst erfolgen, nachdem Awraham die Prüfung bestanden und das Land erreicht hat, das G-tt ihm zeigen wird?

Der Nachalat Elieser beantwortet diese Frage mit einem grundlegenden Gedanken von Raw Jisrael Salanter über die rechte Lebensführung.
Raw Jisrael lehrte: Um eine Prüfung erfolgreich zu bestehen, braucht ein Mensch zweierlei. Zunächst benötigt er Jir’at Schamajim — G-ttesfurcht. Wenn der Herr der Welt etwas von ihm verlangt, muss er Seinem Willen folgen, weil er Ihn fürchtet.

Ein weiterer Schlüssel zum Bestehen einer Prüfung liegt jedoch darin, sich die Herausforderung zu erleichtern und sie im eigenen Bewusstsein kleiner erscheinen zu lassen.
Man muss sich selbst davon überzeugen: Vor mir liegt kein unüberwindlicher Berg, sondern lediglich ein Hügel.

Nehmen wir ein Beispiel: Jemand muss jeden Morgen Sport treiben. In seinem Tagesablauf findet sich dafür nur dann Zeit, wenn er um fünf Uhr aufsteht. Doch wer möchte schon um fünf Uhr morgens aus dem Bett?

Warum sollte er sich überhaupt bewegen? Weil er abnehmen muss und weil Bewegung seinem Herz-Kreislauf-System guttut.

Also sagt er sich: «Ich stehe so früh auf, weil es gut für mein Gewicht und mein Herz ist.» Wie erfolgreich uns solche vernünftigen Argumente motivieren, zeigt sich daran, dass wir trotzdem alle übergewichtig sind …

Deshalb schliesst er mit sich selbst eine Vereinbarung:
«Wenn ich um fünf Uhr aufstehe, gönne ich mir eine Tasse meines Lieblingskaffees, frisch aus der Kaffeemaschine. Wenn ich liegen bleibe, gibt es nur Instantkaffee.»
Weshalb steht er nun auf? In diesem Augenblick nicht wegen seines Herzens oder weil er abnehmen möchte, sondern weil er sich auf den köstlichen Kaffee freut. Diesen Kaffee liebt er!

Raw Jisrael sagt: So soll ein Mensch auch im jüdischen Leben vorgehen. Mache es dir nicht unnötig schwer! Suche einen Weg, der dir die Aufgabe innerlich erleichtert.
G-tt fordert Awraham auf, ein anderer Mensch zu werden. Können wir ermessen, wie schwer das ist?
Awraham ist zu Beginn von Lech Lecha nicht fünfzehn, sondern fünfundsiebzig Jahre alt. In diesem Alter die eigene «Festplatte» zu löschen, ist keine leichte Aufgabe!

Damit Awraham diese Prüfung bestehen konnte, musste ihm die Herausforderung erleichtert werden. Deshalb erhielt er die Verheissung, dass dieser Schritt «zu deinem Nutzen und zu deinem Besten» sein werde.

Die Vollmacht, andere zu segnen

Noch ein letzter Gedanke.
Die Tora sagt zu Awraham: «Und sei zum Segen!» [Bereschit 12,2]
Raschi erklärt:
«Die Segnungen werden in deine Hand gegeben. Bis jetzt lagen sie in Meiner Hand: Ich segnete Adam und Noach. Von nun an wirst du segnen, wen du möchtest.»

Ein solches Geschenk hatte es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben: Awraham Awinu wurde die Vollmacht anvertraut, andere Menschen zu segnen.

Auch dafür können wir einen Vergleich aus unserer Zeit anführen.
Stellen wir uns einen ausserordentlich reichen Milliardär vor, der sehr grosszügig Zedaka gibt. Er setzt einen Verwalter ein, der seine Spenden betreut.
Nun sagt er diesem Verwalter:
«Du sollst meine Spenden nicht nur verwalten. Ich werde künftig nicht einmal mehr die Schecks unterschreiben. Du selbst wirst meine Millionen verteilen — ganz so, wie du es für richtig hältst. Ohne Auflagen und ohne Kontrolle meinerseits.»

Das entspricht dem Geschenk «Und sei zum Segen», wie Raschi es erklärt.
Weshalb vertraute G-tt Awraham diese Macht an?
Weil Awraham ein anderer Mensch geworden war. Er hatte sich von den prägenden Einflüssen seines bisherigen Lebens gelöst und war «kulo laSchem» — ganz und gar G-tt hingegeben.
Nun verstehen wir eine Begebenheit, die uns zutiefst erstaunen muss.

In Paraschat Chaje Sara heisst es:
«Und es geschah nach dem Tod Awrahams, da segnete G-tt seinen Sohn Jizchak …»
[Bereschit 25,11]
Raschi fragt: Weshalb musste G-tt selbst Jizchak segnen? Er hatte Awraham doch die Schlüssel zum Segen übergeben und ihm die Möglichkeit gegeben, jeden zu segnen, den er wollte. Warum hatte Awraham seinen Sohn nicht schon zu Lebzeiten selbst gesegnet?

Raschi antwortet: Obwohl G-tt ihm die Segnungen anvertraut hatte, scheute sich Awraham, seinen Sohn zu segnen, weil er voraussah, dass Ejsaw von ihm abstammen würde.
Awraham sagte:
«Der Herr des Segens möge kommen und denjenigen segnen, der in Seinen Augen Gunst findet.»
Daraufhin kam der Heilige, gelobt sei Er, und segnete Jizchak.

Wer von uns würde, wenn ihm die Macht zu segnen gegeben wäre, seinem eigenen Sohn den Segen vorenthalten — noch dazu dem Sohn, von dem G-tt gesagt hatte: «Jizchak, den du liebst» [Bereschit 22,2]?
Jizchak war ein Zaddik Jessod Olam, ein Gerechter, auf dem die Welt ruht! Er war bereit gewesen, sich bei der Akejda als makelloses Opfer darbringen zu lassen!

Dennoch sagte Awraham: «Nein. Ich werde nicht die Verantwortung übernehmen, Jizchak zu segnen, weil Ejsaw von ihm abstammen wird.»
Wie selbstlos kann ein Mensch sein? Wie erreicht er eine solche geistige Stufe?
Indem er an sich arbeitet und bereit ist, sich von den Einflüssen seines Landes, seines Geburtsortes und seines Vaterhauses zu lösen.

So wird er zu einem neuen Menschen — zu einem Menschen, dem der Allmächtige die Macht des Segnens anvertrauen kann.
Gut Schabbes!

Quellen und Persönlichkeiten:

Midrasch Rabba

Midrasch Rabba („der grosse Midrasch“): Sammelbezeichnung für bedeutende Midraschwerke zu den fünf Büchern der Tora und den fünf Megillot (Schir HaSchirim, Ruth, Ejcha, Kohelet und Esther). Sie enthalten Auslegungen, Gleichnisse und aggadische Überlieferungen, insbesondere von Tanna’im (Mischnagelehrten) und Amora’im (Talmudgelehrten). Die einzelnen Werke entstanden zu unterschiedlichen Zeiten und wurden später zu einer Sammlung zusammengefasst.
 
Raschi
 
Raschi – Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (auch: Rabbi Schlomo Jizchaki). Der Name wird häufig auch als Abkürzung für Rabban schel Jisrael („Der Lehrer Israels“) gedeutet. Meist wird er jedoch einfach Raschi genannt. Er lebte von 1040 bis 1105 und wirkte vor allem in Troyes (Frankreich), zeitweise auch in Worms (Deutschland).

Raschi zählt zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Seine grundlegenden Kommentare zum Tenach und zum Babylonischen Talmud haben das jüdische Lernen bis heute nachhaltig geprägt. Nicht ohne Grund wird er oft als der „Vater aller Tenach- und Talmudkommentare“ bezeichnet.
Sein Bibelkommentar wird seit nahezu tausend Jahren ununterbrochen studiert und ist in den meisten traditionellen jüdischen Bibelausgaben abgedruckt. Ebenso gehört sein Kommentar zum Babylonischen Talmud zu den unverzichtbaren Standardwerken und ist fester Bestandteil nahezu jeder gedruckten Talmudausgabe.
 
Rabbi Jisrael Salanter

Rabbi Jisrael Salanter (1810–1883), eigentlich Rabbi Jisrael ben Se’ew Wolf Lipkin, war einer der bedeutenden Tora-Gelehrten seiner Zeit und der Begründer der Mussarbewegung. Er wurde in Žagarė im heutigen Litauen geboren. Sein Beiname «Salanter» geht auf die Stadt Salant zurück, wo er lernte und von Rabbi Jossef Sundel von Salant nachhaltig geprägt wurde. Er wirkte als Rosch Jeschiwa in Wilna und Kovno.

Im Mittelpunkt seiner Lehre stand die Verbindung von Torastudium, G-ttesfurcht und der Arbeit am eigenen Charakter. Er betonte, dass theoretisches Wissen allein nicht genügt: Der Mensch müsse seine Gewohnheiten prüfen, seine schlechten Eigenschaften überwinden und das Gelernte im Alltag verwirklichen. Dazu förderte er das regelmässige, eindringliche Studium der klassischen Mussarliteratur. Seine Bewegung prägte die litauische Jeschiwa-Welt nachhaltig.
In späteren Jahren wirkte er auch in Memel, Königsberg und weiteren europäischen Städten. Rabbi Jisrael Salanter verschied am 25. Schewat 5643 / 2. Februar 1883 in Königsberg.
 
Rabbi Elieser Kahan

Raw Chiskijahu Elieser Kahan (1901–1968) war ein bedeutender Toragelehrter und Mussar-Lehrer. In seiner Jugend lernte er in den Jeschiwot der Nowardoker Mussar-Bewegung und wurde stark von deren Idealen der Selbstvervollkommnung, Bescheidenheit und völligen Hingabe an die Tora geprägt. Im Jahr 1931 kam er nach England und übernahm die geistige Leitung der Jeschiwat Bejt Josef in Gateshead, die er mehr als 35 Jahre lang entscheidend mitprägte. Innerhalb der Jeschiwa und der Gemeinde war er allgemein als „der Menahel“ bekannt. Seine Mussar-Vorträge und Tora-Gedanken wurden nach seinem Tod in dem Werk «Nachalat Elieser» veröffentlicht. Er verschied am 8. Tammus 5728 / 4. Juli 1968.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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