Teschuwa – Spätestens, wenn Haschem an unsere Tür klopft!
Rabbi Jehuda Prero zum Monat Elul – 2
mit Ergänzungen von S. Weinmann
Rabbi Schalom Schwadron erzählte folgende Geschichte:
Es war einmal ein Mann, der einen einzigen Sohn hatte. Dieser Sohn war die Freude seines Lebens. Als der Junge erwachsen wurde, beschloss er, in ein fernes Land auszuwandern. Der Vater war zutiefst traurig darüber, dass nun ein Ozean zwischen ihm und seinem Sohn liegen würde.
In der Ferne heiratete der Sohn und bekam Kinder. Der Vater sehnte sich danach, seinen Sohn, seine Schwiegertochter und seine Enkelkinder wiederzusehen. Immer wieder schrieb er seinem Sohn und bat ihn, mit seiner Familie zu Besuch zu kommen. Doch jedes Mal antwortete der Sohn, aus diesem oder jenem Grund sei ein Besuch in absehbarer Zeit leider nicht möglich.
Da die Sehnsucht des Vaters immer größer wurde, schrieb er seinem Sohn schließlich: Wenn es für dich so schwierig ist, zu mir zu kommen, werde ich selbst die lange Reise auf mich nehmen und euch besuchen.
Von dem Augenblick an, in dem der Vater seine Reise beschloss, war er mit den Vorbereitungen beschäftigt. Je näher der Abreisetag rückte, desto größer wurde seine Vorfreude. Endlich war es so weit. Er bestieg das Schiff, beladen mit Geschenken und Paketen für seinen Sohn und dessen Familie.
Jeden Tag dachte er voller Sehnsucht daran, dass er seinen Sohn bald wiedersehen würde. Immer wieder ging er an Deck, um Ausschau nach dem Festland zu halten. Eines Morgens erblickte er tatsächlich die Küste. Sein Herz schlug schneller: Bald würde er seinen Sohn wiedersehen!
Als das Schiff in den Hafen einlief, suchte sein Blick unter den wartenden Menschen nach seinem Sohn. Doch er konnte ihn nirgends entdecken. Er musste warten, bis er das Schiff verlassen konnte, und sich dann selbst auf die Suche nach ihm machen.
Man kann sich kaum vorstellen, wie enttäuscht der Vater gewesen sein muss, als sein Sohn nicht am Hafen auf ihn wartete. Doch sofort gab er ihm den Vorteil des Zweifels. Er dachte: Sein Sohn sei vermutlich so sehr mit den Vorbereitungen für seine Ankunft beschäftigt gewesen, dass er es nicht geschafft habe, zum Hafen zu kommen.
Um keine kostbare Zeit zu verlieren, eilte der Vater zum Bahnhof, um den nächsten Zug in die Stadt zu erreichen, in der sein Sohn lebte. Während der gesamten Zugfahrt war er überzeugt, dass sein Sohn ihn am Bahnhof erwarten würde. Mit jedem Kilometer wuchs seine Vorfreude.
Als der Zug eintraf, sprang er voller Erwartung vom Bahnsteig – doch sein Sohn war auch dort nicht. Seine Enttäuschung war nun noch größer. Jetzt dachte er nicht mehr daran, dass sein Sohn vielleicht mit den Vorbereitungen beschäftigt sein könnte. Stattdessen begann er sich Sorgen zu machen:
Ist vielleicht etwas passiert? Hatte sein Sohn einen Unfall? Ist alles in Ordnung?
Mit bangem Herzen nahm der Vater ein Taxi und ließ sich zum Haus seines Sohnes fahren. Während der Fahrt stellte er sich bereits den herzlichen Empfang vor, der ihn dort erwarten würde.
Doch auch dieser Traum zerplatzte.
Als der Vater am Haus ankam, waren alle Vorhänge zugezogen. Nur aus einem einzigen Zimmer drang ein schwacher Lichtschein. Wieder begann er sich Sorgen zu machen. Waren alle gesund? War etwas Schlimmes geschehen?
Mit zitternden Händen klopfte er an die Tür. Er wartete – doch niemand antwortete. Er klopfte ein zweites Mal, diesmal kräftiger. Wieder keine Antwort.
Schließlich klopfte er ein drittes Mal. Da hörte er aus dem Inneren des Hauses eine leise Stimme:
„Wer ist da?“
Der Vater erkannte die Stimme sofort. Es war sein Sohn – der Sohn, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte!
Seine Freude kannte keine Grenzen. Nun trennte ihn nur noch diese eine Tür von seinem Sohn.
„Ich bin es“, antwortete er, „dein Vater! Ich bin von weit hergekommen, um dich zu sehen. Bitte, mach die Tür auf!“
Nach einem kurzen Schweigen antwortete der Sohn:
„Vater, ich habe mich bereits für die Nacht ausgezogen. Wäre es sehr schlimm, wenn du heute Nacht im Hotel gegenüber übernachten würdest? Ich liege schon im Bett, und es ist für mich etwas schwierig, jetzt noch zur Tür zu kommen. Morgen früh werde ich dich als Erstes abholen.“
Als der Vater diese Worte hörte, war er zutiefst enttäuscht, niedergeschlagen und zugleich empört.
Er dachte:
„Seit Jahren sehne ich mich danach, meinen Sohn wiederzusehen. Ich hatte gehofft, dass er mir die Ehre erweisen und mich besuchen würde. Doch das ist nie geschehen, sodass ich schließlich selbst zu ihm reisen musste.
Ich war mir sicher, dass er mit seinen Kindern am Hafen auf mich warten würde. Doch auch dort war er nicht. Ich dachte noch, vielleicht hatte er einen guten Grund und konnte mich deshalb nicht am Hafen empfangen. Aber dann würde er doch ganz sicher am Bahnhof auf mich warten. Auch dort war er nicht.
Schließlich komme ich zu seinem Haus. Alles ist dunkel. Ich klopfe an seine Tür – und nun stelle ich fest, dass mein eigener Sohn nicht einmal bereit ist, aufzustehen und mich hereinzulassen!
Und nach alledem soll ich auch noch in einem Hotel auf ihn warten?
Das werde ich ganz bestimmt nicht tun!“
Der Vater nahm das erste Taxi, das er finden konnte, fuhr zurück zum Bahnhof und bestieg den nächsten Zug zum Hafen. Dort bestieg er unverzüglich ein Schiff, das ihn zurück in seine Heimat bringen sollte – ohne seinen Sohn auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben.
Am nächsten Morgen wachte der Sohn auf. Sein Herz war erfüllt von Reue und tiefem Bedauern darüber, wie er seinen Vater am Abend zuvor behandelt hatte.
Er zog sich hastig an und eilte zum Hotel, um seinen Vater zu suchen.
Doch als er dort ankam, erfuhr er, dass sein Vater bereits abgereist war. Sein Schmerz lässt sich kaum in Worte fassen. Verzweiflung, Reue und tiefer Kummer können nur unvollkommen wiedergeben, was in diesem Augenblick in seinem Herzen vorging.
Eine Botschaft für Elul
Das ganze Jahr über wartet Haschem darauf, dass wir, das Volk Israel, mit aufrichtigem Herzen zu Ihm zurückkehren. Er sieht, dass wir uns oft nicht beeilen und die Teschuwa immer wieder aufschieben.
Deshalb kommt Haschem in dieser besonderen Zeit des Jahres zu uns.
Elul und die folgenden Tage sind besondere Tage des Erbarmens und des Wohlwollens. Sie machen es uns leichter, zu Haschem zurückzukehren. Und doch versäumen viele Menschen diese einzigartige Gelegenheit.
Haschem kommt zu uns – und wir öffnen Ihm nicht einmal die Tür.
Haschem hat uns nicht nur den Monat Elul und Rosch Haschana gegeben, um Teschuwa zu machen. Er hat uns darüber hinaus die Asseret Jemej Teschuwa, die Zehn Tage der Umkehr, geschenkt.
Wenn wir auch diese Gelegenheiten verstreichen lassen, wird dies zu großem Schmerz und Kummer führen – so wie der Vater in der Geschichte zutiefst darüber betrübt war, dass sein Sohn ihm nicht entgegenkam.
Am Jom Kippur erreicht die Gelegenheit zur Teschuwa ihren Höhepunkt. Es ist, als würde Haschem an die Türen unseres Herzens klopfen und darauf warten, dass wir Ihn einlassen.
Hoffen wir, dass wir – anders als der Sohn in dieser Geschichte – die Tür öffnen, solange noch Zeit dazu ist, um nicht später bitter bereuen zu müssen, diese einzigartige Gelegenheit versäumt zu haben.
Schabbat Schalom!
Quellen und Persönlichkeiten:
Rav Schalom Schwadron
Rav Schalom Mordechai HaKohen Schwadron (1912/13–1997), bekannt als der „Maggid von Jeruschalajim“, war einer der herausragenden jüdischen Prediger und Mussar-Gelehrten des 20. Jahrhunderts. Er wurde in Jerusalem geboren und war ein Enkel des berühmten Possek Rabbi Schalom Mordechai HaKohen Schwadron, des Maharscham von Brežany (1835–1911) – bekannt als ‘Berezshaner Rav’
Bereits im Alter von sieben Jahren verlor er seinen Vater und verbrachte einige Jahre im Diskin-Waisenhaus in Jerusalem. Er studierte anschließend in verschiedenen Jeschiwot, unter anderem in der Jeschiwa von Lomza in Petach Tikwa und später in der Chevron-Jeschiwa in Jerusalem. Dort wurde er maßgeblich von dem großen Mussar-Gelehrten Rav Jehuda Leib Chasman beeinflusst. Zu seinen weiteren Lehrern gehörten Rav Elijahu Lopian, Rav Jecheskel Levenstein und Rav Meir Chodosh.
Nach seiner Heirat mit Leah Auerbach, der Schwester von Rabbi Schlomo Salman Auerbach, setzte er sein Studium im Kollel Ohel Tora fort. Dort lernte er unter anderem gemeinsam mit späteren großen Tora-Gelehrten wie Rav Josef Schalom Elyaschiw und Rav Schmuel Wosner.
Seine größte Bekanntheit erlangte Rav Schwadron jedoch als Maggid. Ab 1952 hielt er jahrzehntelang seine berühmten Freitagabend-Vorträge in Jerusalem. Mit eindringlichen Mussar-Worten, Geschichten, Gleichnissen und seinem außergewöhnlichen erzählerischen Talent bewegte er die Herzen seiner Zuhörer und rief sie zu Teschuwa und persönlicher Verbesserung auf. Aufgrund dieser Tätigkeit wurde er weithin als „Maggid von Jerusalem“ bekannt.
Rav Schwadron war außerdem maßgeblich an der Herausgabe der Schriften seines Großvaters, des Maharsham, beteiligt und bearbeitete bzw. veröffentlichte zahlreiche bedeutende Werke. Ebenso gab er die Mussar-Werke Or Jahel von Rav Leib Chasman und Lev Elijahu von Rav Elijahu Lopian heraus.
Viele seiner Geschichten und Lehrreden wurden später durch Rav Paysach Krohn in der bekannten Maggid-Buchreihe einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Rav Schwadron war für Rav Krohn zugleich ein bedeutender Lehrer und Mentor.
Rav Schalom Mordechai Schwadron verstarb am 22. Kislew 5758 (21. Dezember 1997) in Jerusalem und wurde auf dem Har HaSejtim (Ölberg) beigesetzt.
Rabbi Jehuda Prero
Rabbi Jehuda Prero ist ein amerikanischer Rabbiner und langjähriger Autor und Lehrer bei Torah.org, einer der bekannten jüdischen Bildungsplattformen im Internet. Er erhielt seine rabbinische Ordination an der Mesivta Tifereth Jerusalem in New York.
Seit vielen Jahren verfasst Rabbi Prero Lehrtexte und Betrachtungen zu jüdischen Feiertagen, Halacha, jüdischer Lebensführung und ethischen Fragen. Bei Torah.org ist er insbesondere als Autor der Reihen „Yom Tov“ und „LifeCycles“ bekannt.
Seine Beiträge zeichnen sich durch eine klare, verständliche Sprache und die Verbindung klassischer jüdischer Quellen mit Gedanken aus, die für den heutigen Leser unmittelbar relevant sind. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören unter anderem umfangreiche Beiträge zu Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot, Chanukka, Purim, Pessach und Schawuot.
Rabbi Preros Schriften wollen nicht nur Wissen vermitteln, sondern den Leser dazu anregen, die Botschaften der Tora auf das eigene Leben zu übertragen und sich persönlich weiterzuentwickeln.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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