Ijar/Bamidbar
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Zwei Formulierungen – eine tiefe Wahrheit (Paraschat Bamidbar 5786)

Der perfekte 'Mechanech / Erzieher'

Der perfekte 'Mechanech / Erzieher'
Foto: AI Avigail

Zwei Formulierungen – eine tiefe Wahrheit

Rav Frand zu Paraschat Bamidbar und Schawuot 5786

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„Wer dem Sohn seines Freundes Tora lehrt…“

In Paraschat Bamidbar heisst es:

„Und dies sind die Nachkommen Aharons und Mosches an dem Tag, an dem Haschem mit Mosche auf dem Berg Sinai sprach.“
[Bamidbar 3,1]

Doch wenn wir die weiteren Verse lesen, dann sehen wir, dass ausschliesslich die Kinder Aharons aufgezählt werden.

Raschi stellt die offensichtliche Frage:
Warum nennt die Tora auch Mosche, wenn doch nur die Söhne Aharons erwähnt werden?

Raschi antwortet:

Nadaw, Awihu, Elasar und Itamar – die Söhne Aharons – gelten gewissermassen auch als Kinder Mosches – weil Mosche sie Tora lehrte. Denn:

„Jeder, der dem Sohn seines Freundes Tora lehrt, gilt, als hätte er ihn geboren.“
[Talmud Traktat Sanhedrin 19b]

An anderer Stelle formuliert die Gemara denselben Gedanken jedoch etwas anders:

„Jeder, der dem Sohn seines Freundes Tora lehrt, gilt, als hätte er ihn gemacht.“
[Sanhedrin 99b]

Dort verweist der Talmud auf den Vers über Awraham und Sara:

„Awram nahm… und die Seelen, die sie in Charan ‘gemacht’ hatten“
[Bereschit 12,5]

Raschi bringt dort zur Stelle [Sanhedrin 99b] den Targum Onkelos, der dies übersetzt:

„di Schabidu leOraita“ –
„sie brachten sie (die Seelen) unter das Joch der Tora.“

Hier stellt sich eine interessante Frage:

Warum verwenden Chasal zwei unterschiedliche Ausdrücke?

Einmal heisst es:
„als hätte er ihn geboren“

– und ein anderes Mal:
„als hätte er ihn gemacht“?

Der vollkommene jüdische Erzieher

Rav Schlessinger, Rosch Jeschiwa in Erez Jisrael, erklärt, dass Chasal uns hier das Idealbild eines jüdischen Lehrers zeichnen wollen.

Eltern besitzen etwas, das ein professioneller Lehrer oft nicht hat:
eine natürliche Liebe und ein tiefes Mitgefühl für ihr Kind.

Unsere Weisen und auch unsere Tefillot sprechen immer wieder, wenn wir den Allmächtigen anflehen, von:

„Wie ein Vater, der sich über seine Kinder erbarmt.“

Ein solches Gefühl ist für einen echten Chinuch (Erziehung) unverzichtbar.

Doch genau darin liegt manchmal auch eine Gefahr.

Denn bisweilen kann gerade das natürliche Mitleid eines Elternteils die Erziehung schwächen.
Manchmal muss ein Vater oder eine Mutter sogar gegen das eigene Gefühl handeln – weil wahre Liebe nicht immer Nachgeben bedeutet.

Ich erinnere mich, erzählt Rav Frand, wie ich einmal einem Vater sagte, sein Sohn sei ein ausgezeichneter Schüler. Der Vater antwortete:

„Ja – ich hatte kein Rachmanut (Erbarmen) mit ihm!“

Natürlich darf Erziehung nicht herzlos sein.
Aber in seinen Worten lag dennoch Wahrheit.

Denn Eltern tun aus Liebe manchmal gerade nicht das, was für das Kind notwendig wäre.

„Als hätte er ihn gemacht“

Der professionelle Lehrer besitzt dagegen oft eine andere Stärke.

Er ist bereit, den Schüler „unter das Joch der Tora“ zu bringen.
Er versteht,

  • dass Wachstum Anstrengung verlangt,
  • dass Disziplin nötig ist,
  • dass man einen jungen Menschen manchmal fordern muss, auch wenn es unbequem ist.

Darum sagt die Gemara (Tora):

„Als hätte er ihn gemacht.“

Denn ein Lehrer formt den Menschen.
Er baut ihn auf.
Er prägt seinen Charakter und seine Haltung zum Leben.

Doch auch hier besteht eine Gefahr:

Ein Lehrer kann zwar formen – aber ihm fehlt womöglich jene natürliche Wärme und Liebe, die Eltern besitzen.

Darum lehren uns Chasal mit beiden Ausdrücken zusammen die Definition eines vollkommenen Mechanech (Erziehers):

Ein wahrer jüdischer Lehrer muss beides besitzen:

  • die Liebe, Wärme und das Mitgefühl eines Vaters –
    „als hätte er ihn geboren“,

und zugleich

  • die Stärke, Konsequenz und formende Kraft eines Lehrers –
    „als hätte er ihn gemacht“.

Das eine ohne das andere bleibt unvollständig.

Mosche Rabbejnu – das vollkommene Vorbild

Mosche Rabbejnu vereinte beide Eigenschaften.

Er liebte seine Schüler wie ein Vater –
und zugleich formte er sie mit der Kraft der Tora.

Darum betrachtet die Tora die Söhne Aharons gewissermassen auch als seine Kinder.

Denn wahre Tora-Weitergabe bedeutet nicht nur Wissen zu vermitteln.
Sie bedeutet, einen Menschen aufzubauen.

  • Mit Liebe.
  • Mit Geduld.
  • Mit Verantwortung.
  • Und manchmal auch mit Forderung.

Das ist die grosse Aufgabe von jüdischem Chinuch –
nicht nur Köpfe zu füllen, sondern Menschen zu formen.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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