Eine Geschichte mit dem Klausenburger Rebbe und ein Wort des Kotzker Rebbe
Rav Frand zu Paraschat Bechukotai 5786
mit Ergänzungen von S. Weinmann
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Nach dem Ende der „guten Nachrichten“ unserer Parascha beginnt die schreckliche Tochecha (Zurechtweisung) [Wajikra 26,14–46] – die Aufzählung der Strafen, die über Israel kommen, wenn es die Tora verlassen wird:
„Wenn ihr Mir aber nicht gehorcht und all diese Gebote nicht haltet…“ (Wajikra 26,14)
„Ich werde den Stolz eurer Macht zerbrechen…“ (Wajikra 26,19)
Und so weiter…
Leider kennen wir diese Worte aus der jüdischen Geschichte nur allzu gut.
Doch unmittelbar nach der Tochecha folgt plötzlich ein völlig anderer Abschnitt: die Parscha von Eruchin – den „Schätzungswerten“. Die Tora legt fest, dass jeder Mensch einen bestimmten „Erech“, einen festgesetzten Wert besitzt, abhängig von Alter und Geschlecht. Ein Mensch konnte diesen „Erech“ dem Bejt HaMikdasch (Tempel) spenden.
Ein ganzes Kapitel der Tora und ein vollständiges Traktat im Talmud beschäftigen sich mit diesen Gesetzen.
Doch die Platzierung wirkt überraschend.
Hätten wir Paraschat Bechukotai geschrieben, hätten wir wahrscheinlich mit dem Ende von Kapitel 26 abgeschlossen:
„Dies sind die Gesetze, Rechtsvorschriften und Lehren, die Haschem zwischen Sich und den Benej Jisrael am Berg Sinai durch Mosche festgesetzt hat.“
Die Gesetze von Eruchin hätten wir vermutlich irgendwo anders im Sefer Wajikra eingefügt.
Denn nach der erschütternden Tochecha – die einem buchstäblich einen Schauer über den Rücken jagt – wirkt dieser technische Abschnitt über Schätzungswerte beinahe wie ein abrupter Übergang.
Der Kotzker Rebbe sagte hierzu ein tiefes Wort.
Doch bevor wir dieses Wort hören, wollen wir zuerst eine Begebenheit erzählen.
Rav Mordechai Kamenetzky berichtet folgenden Vorfall, der auch aus anderen Quellen bekannt ist:
Wenn die Nazis – jimach schemam – in eine Stadt kamen und die Juden zusammentrieben, wollten sie sie nicht nur vernichten. Sie wollten sie zuvor demütigen und ihrer Menschenwürde berauben.
Oft nahmen sie zuerst den bedeutendsten Rabbiner der Stadt, verspotteten ihn öffentlich und misshandelten ihn vor aller Augen.
Als sie in die Stadt kamen, in der der Klausenburger Rebbe, sZ”l, lebte – der später den Krieg überlebte –, schleppten sie ihn auf den Marktplatz. Vor der versammelten Menge warfen sie ihn zu Boden und traten auf ihn ein.
Dann fragte ihn ein Nazi höhnisch:
„Glaubst du immer noch, dass ihr das auserwählte Volk seid?“
Der Klausenburger Rebbe antwortete ruhig:
„Ja.“
Der Nazi schlug ihn erneut mit dem Gewehrkolben und schrie:
„Du glaubst das immer noch?!“
Und wieder antwortete der Rebbe:
„Ja.“
Der Nazi brüllte:
„Du törichter Jude! Wie kannst du das sagen? Schau, was wir mit euch machen!“
Da antwortete der Klausenburger Rebbe:
„Solange wir nicht auf unschuldige Menschen herumtreten und sie misshandeln, sind wir das auserwählte Volk – und nicht ihr.“
In diesen Worten liegt eine ungeheure Wahrheit.
Ein Mensch kann körperlich gebrochen, gedemütigt und erniedrigt werden – und dennoch seine innere Würde bewahren.
Gerade darin zeigt sich seine wahre Grösse.
Und nun verstehen wir das Wort des Kotzker Rebbe:
Warum folgt die Parscha von Eruchin unmittelbar auf die Tochecha?
Weil die Tora uns lehren will:
Ganz gleich, was einem Menschen widerfährt – ein Mensch verliert niemals seinen inneren Wert.
Ein Mensch besitzt immer einen „Erech“.
Selbst nach der schlimmsten Erniedrigung.
Selbst nach Schmerz und Elend.
Selbst, wenn andere versuchen, ihm seine Würde zu nehmen.
Der Mensch besitzt einen „Erech Azmi“ – einen unverlierbaren inneren Wert.
Die Antwort des Klausenburger Rebbe verkörpert genau diesen Gedanken.
Solange ein Mensch seine Menschlichkeit bewahrt, solange er nicht selbst zum Täter wird, solange er das Ebenbild G’ttes im anderen Menschen achtet – bleibt sein wahrer Wert bestehen.
Das ist die Botschaft der Parascha:
Die Welt kann einem Menschen vieles nehmen –
aber niemals den g-ttlichen Wert seiner Seele.
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Quellen und Persönlichkeiten:
Rabbi Menachem Mendel von Kotzk (1787-1859); Chassidischer Rebbe; Lublin, Kotzk; Polen. Bekannt für seine scharfsinnigen Sprüche.
Klausenburger Rebbe, Rabbi Jekutiel Jehuda Halberstam (1905-1994), geb. in Rudnik, Polen. Seine Rebbezen und 11 Kinder wurden in der Schoa ermordet, er aber überlebte mehrere Konzentrationslager. Nach dem Krieg baute er das jüdische Gemeindeleben in den Vertriebenenlagern in Westeuropa auf, stellte seine Sanz-Klausenburg-Dynastie in den Vereinigten Staaten und Israel her, heiratete ein zweites Mal und wurde Vater von sieben weiteren Kindern. Er gründete das Stadtviertel Kiryat Sanz in Netanya mit allen dazu gehörigen Einrichtungen, wie Mädchen-, Jungenschulen und Jeschiwot, ein Waisenhaus und ein Altersheim. Auch gründete er das Laniado-Hospital ein freiwilliges, gemeinnütziges 484-Betten-Krankenhaus in Kiryat Sanz. Das Krankenhaus wird nach der jüdische Halacha geführt. Die Vision zur Errichtung des Krankenhauses entstand während des Holocausts.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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