„Wir haben den Feind erkannt – und er sitzt in uns selbst“
Rabbi Berel Wein zu Paraschat Ki Teze und Monat Elul 5786
mit Ergänzungen von S. Weinmann
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Die Tora spricht davon, gegen den Feind Krieg zu führen. Doch wer ist dieser Feind? Die einfache Erklärung lautet: Es handelt sich um einen äußeren oder nationalen Feind, der dem jüdischen Volk oder dem Staat Israel Schaden zufügen will. Um sich gegen einen solchen Feind zu verteidigen, kann es Situationen geben, in denen ein vorbeugender Krieg notwendig ist, um eine spätere Niederlage oder Katastrophe zu verhindern. Dies ist zweifellos die einfache und wörtliche Bedeutung des Verses und des Themas unserer dieswöchigen Parascha.
Doch in den Werken vieler Kommentatoren über die Jahrhunderte hinweg finden wir eine rabbinische Tradition, die in diesem Vers noch eine weitere Bedeutungsebene erkennt. Der Feind, von dem hier die Rede ist, ist nicht unbedingt ein äußerer oder nationaler Feind, sondern vielmehr ein geistiger oder gesellschaftlicher Gegner. In den unvergesslichen Worten der bekannten Comicfigur Pogo: „Wir haben den Feind erkannt – und er sind wir selbst.“
Wir alle wissen, dass wir im Leben oftmals unser eigener schlimmster Feind sind. Wir tun Dinge, von denen wir wissen, dass sie uns schaden, und pflegen Gewohnheiten, die letztlich selbstzerstörerisch sind. Und doch lassen wir uns von unseren Wünschen und Begierden treiben. Immer wieder geraten wir dadurch in Situationen, die zwangsläufig zu Enttäuschungen führen müssen.
Wie es ihrem Wesen entspricht, beschreibt die Tora diesen Kampf um persönliche Verbesserung und Selbstverwirklichung sehr eindringlich. Sie stellt ihn als einen Krieg dar – als einen Kampf gegen einen erbarmungslosen und aggressiven Feind, dem wir uns entgegenstellen müssen.
Die Vorstellung, dass unser Leben letztlich einen inneren Kampf darstellt, soll uns dazu bewegen, an unserer eigenen Persönlichkeit zu arbeiten und zu einem ausgeglichenen und ganzheitlichen Menschen zu werden. Denn gleichzeitig sind wir dazu aufgerufen, uns mit der Ewigkeit und den Idealen des Himmels auseinanderzusetzen, während wir doch mitten im Alltag stehen und uns mit den ganz gewöhnlichen Problemen des täglichen Lebens beschäftigen.
Gerade in diesem Spannungsfeld erliegen wir nur allzu leicht unseren alltäglichen Sorgen und Schwierigkeiten und verlieren dabei das größere geistige Bild aus den Augen. In solchen Augenblicken, in denen wir ganz auf uns selbst und unsere unmittelbaren Bedürfnisse konzentriert sind, verwandelt sich die Versuchung in konkrete Wirklichkeit. Wir schaffen dadurch Situationen, die sich letztlich als äußerst schädlich für unser eigenes Wohlergehen erweisen können.
Große Feldherren ziehen sich bisweilen taktisch zurück, um einen strategischen Sieg zu erringen. Krieg ist immer ein langfristiges Geschehen, geprägt von vorübergehenden Rückschlägen und von Plänen, die nicht verwirklicht oder sogar aufgegeben werden müssen.
Doch die übergeordnete Realität bleibt bestehen: Eine erfolgreiche Strategie verlangt Beharrlichkeit, Mut und Flexibilität – ebenso wie die entschlossene Weigerung, sich dem gesellschaftlichen, politischen und weltlichen Druck zu beugen, dem wir alle ausgesetzt sind.
Es ist bemerkenswert, dass der Krieg trotz all unserer Bitten und Gebete um Frieden ein ständiger Bestandteil der menschlichen Geschichte ist. Er kann unterschiedliche Formen annehmen – einen kalten Krieg, einen Wirtschaftskrieg oder einen militärischen Krieg –, doch er ist in unserer Welt allgegenwärtig.
Indem die Tora uns an diese Tatsache erinnert, bereitet sie uns darauf vor, die Kämpfe des Lebens zu bestehen und letztlich den Sieg zu erringen.
Paraschat Ki Teze wird immer im Monat Elul gelesen. Gerade dieser Monat bietet uns eine besondere Gelegenheit, den inneren Kampf aufzunehmen und den Sieg über unsere eigenen Schwächen zu erringen. Elul ist eine Zeit der Selbstprüfung, der Besinnung und der Vorbereitung auf die kommenden Tage des Gerichts. In diesen Tagen sind wir aufgerufen, unseren Blick nicht nur auf die äußeren Feinde zu richten, sondern auch den Feind in uns selbst zu erkennen – unsere eigenen Schwächen, schlechten Gewohnheiten und Versuchungen – und ihnen mit Entschlossenheit entgegenzutreten.
Schabbat Schalom!
Rabbi Berel Wein
Rabbi Berel Wein (1934–2025)war ein bedeutender orthodoxer Rabbiner, Historiker, Lehrer und Schriftsteller. Über Jahrzehnte hinweg prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte und machte sie durch seine Schiurim, Vorträge, Bücher, Seminare, Bildungsreisen sowie Audio- und Videoaufzeichnungen einem weltweiten Publikum zugänglich.
1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern, New York, deren Rosch Jeschiwa er bis 1997 war. Anschliessend übersiedelte er mit seiner Ehefrau nach Jerusalem, wo er seine Lehr- und Vortragstätigkeit fortsetzte und regelmässig Schiurim gab.
Rabbi Wein verstand es in besonderer Weise, jüdische Geschichte mit der Gegenwart zu verbinden. Mit Klarheit, Wärme und tiefer Emuna vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit ist, sondern Orientierung und Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft bietet.
Durch seine zahlreichen Bücher und Tausende von Schiurim und Vorträgen erreichte er Menschen auf der ganzen Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an Tora, jüdischer Geschichte und der Aufgabe des jüdischen Volkes.
Rabbi Berel Wein starb am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 im Alter von 91 Jahren in Jerusalem. Sein Vermächtnis lebt in seinen Schriften, seinen Schülern und in den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren einen tieferen Zugang zur jüdischen Geschichte und Tradition gefunden haben.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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