Tischri/ Rosch Haschana
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Perspektiven zu Rosch Haschana 5787

Warum steht an Rosch Haschana nicht die Teschuwa im Mittelpunkt?

Perspektiven zu Rosch Haschana 5787

Warum steht an Rosch Haschana nicht die Teschuwa im Mittelpunkt?
Foto: AI Avigail

Der König und ich

VON RAV JOSEF LEVINSON

aus DJZ, 29. Elul 5764 – 15. Sept. 2004
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Gericht … ohne Zeit für ein Geständnis

Am Rosch Haschana – dem Jom Hadin, dem Tag des Gerichts – stehen wir alle vor dem Kissej Hakawod, dem Himmlischen Thron, vor Haschem, und Er entscheidet, ob wir ein weiteres Lebensjahr verdienen. Wird es ein Jahr des Wohlstands oder der Armut sein? Mit guter Gesundheit oder Krankheit?

Wie wird über unser Schicksal entschieden? Der Rambam schreibt, dass Haschem an Rosch Haschana unsere Mizwot und Awerot abwägt. Wer mehr Mizwot als Awerot hat, wird als Zaddik angesehen und für das Leben bestimmt; ein Rascha, ein schlechter Mensch, wird zum Tod bestimmt. Über das Schicksal eines Benoni, eines Mittelmäßigen, wird erst an Jom Kippur entschieden. Wenn er seine Taten bereut, wird er zum Leben bestimmt, andernfalls zum Tod.

Weil das Urteil von unseren Taten in der Vergangenheit abhängt, müssen wir Teschuwa machen, wir müssen bereuen. Wahre Teschuwa verwandelt unsere schlechten Taten in Mizwot. Die Waagschalen des Gerichts werden dadurch zu unseren Gunsten bewegt, und wir erhalten ein weiteres Lebensjahr.

Wir können zwar bis Jom Kippur Teschuwa machen, wenn das Urteil endgültig gefällt wird. Aber warum soll unser Leben so lange in der Schwebe bleiben?

Rosch Haschana kann mit einer Gerichtsverhandlung und Jom Kippur mit einem Berufungsverfahren verglichen werden. Wir haben die Möglichkeit, gegen ein Urteil Berufung einzulegen, aber wir sollten uns sehr bemühen, bereits die erste Gerichtsverhandlung zu gewinnen. In einer Gerichtsverhandlung gelten wir als unschuldig, solange wir nicht für schuldig befunden worden sind. In einem Berufungsverfahren sind wir aber bereits verurteilt worden, und wir sind schuldig, bis wir beweisen, dass wir unschuldig sind.

Rosch Haschana sollte daher ein Tag der Teschuwa sein. Dennoch erwähnen die allermeisten Gebete von Rosch Haschana die Teschuwa kein einziges Mal. Teschuwa ist nicht das zentrale Thema des Tages. Tatsächlich sagen wir an Rosch Haschana kein einziges Mal das Widuj-Gebet – wir bekennen unsere Schuld nicht. Und gerade das ist erstaunlich: Das Widuj-Gebet – das Schuldbekenntnis – ist doch einer der wichtigsten Bestandteile des Teschuwa-Prozesses!

Das Wesentliche an Rosch Haschana: Malchut

Überlegen wir uns, warum an Rosch Haschana die Reue nicht im Mittelpunkt steht. Wir alle hoffen jeden Tag auf das Kommen des Maschiach. Dies würde sicher der gegenwärtigen Krise in Erez Jisrael ein Ende setzen und auch andere dringende Probleme lösen. Wir müssen uns aber fragen, ob es uns tatsächlich besser gehen wird, wenn der Maschiach kommt.

Es steht in Megilat Kohelet/Prediger 12:1: „Wehigi’u Schanim ascher tomar: Ejn li bahem chejfez – es werden Jahre kommen, in denen du sagen wirst: Ich habe keinen Wunsch danach.“ Chasal (unsere Weisen) erklären im Talmud, Traktat Schabbat 151b, dass sich dieser Passuk auf die Tage des Maschiach bezieht.

Der Ramban [Dewarim 30:6] schreibt dazu:
„In den Tagen des Maschiach wird die Wahl des Guten zur Natur des Menschen werden. Sein Herz wird sich nicht mehr nach dem sehnen, was nicht richtig ist, und keinerlei Verlangen danach haben. Der Mensch wird dann zu dem Zustand zurückkehren, in dem er sich vor der Sünde Adams, des ersten Menschen, befand: Er wird von Natur aus das Richtige tun und keinen inneren Wunsch nach dem Gegenteil haben.“

Das bedeutet, dass zur Zeit des Maschiach die Bechira, die freie Wahl zwischen Gut und Böse, nicht mehr in derselben Weise bestehen wird wie heute. Es wird dann selbstverständlich sein, das Richtige zu wählen – die natürliche Antwort auf das Offensichtliche, die zwingende Antwort auf Haschems Willen.
Der Ramban führt weiter aus, dass man deshalb keine Belohnung für die Erfüllung der Mizwot mehr erhalten wird, weil es keine Bechira mehr gibt. Belohnung ist nur dann angebracht, wenn wir tatsächlich zwischen „gut“ und „böse“ wählen können.

Wer kann heute aufrichtig von sich sagen, dass er mit der Madrega (geistigen Stufe) zufrieden ist, die er in der Awodat Haschem (im Dienst an G-tt) erreicht hat, sodass diese Madrega auch für die Zeit des Maschiach ausreichen würde?

In dieser Hinsicht haben wir es heute sogar besser, weil wir mit unserem Jezer Hara kämpfen müssen. Wir können wachsen, uns überwinden und neue Höhen im Dienste G-ttes erreichen. Das wird nach dem Kommen des Maschiach nicht mehr in derselben Weise möglich sein.
Dennoch hoffen wir alle, ersehnen und dawenen jeden Tag für die Ge’ula, die endgültige Erlösung. Warum?

Der Grund für diese Hoffnung liegt darin, dass die Ge’ula mit dem Plan übereinstimmt, den Haschem hatte, als Er die Welt erschuf. Die Welt wurde erschaffen, damit sie Sein Malchut – Seine Königsherrschaft – offenbart. Das bedeutet, dass die Menschen Kabalat Ol Malchut Schamajim, die vorbehaltlose Annahme der Königsherrschaft Haschems, verwirklichen.

Diese Offenbarung Seiner Königsherrschaft, kann jedoch erst mit dem Kommen des Maschiach ihre vollständige Verwirklichung erreichen:
„Wehaja Haschem leMelech al kol ha’Arez; bajom hahu jijeh Haschem echad uSchemo echad – Haschem wird König der ganzen Welt sein; an jenem Tag wird Haschem der Einzige sein und Sein Name wird einer sein.“

Auf persönlicher Ebene mag es uns also scheinen, dass es uns in unserem jetzigen Zustand besser geht, weil wir die Möglichkeit haben, uns zu verbessern und dafür belohnt zu werden. Dennoch hat der Wille des Ribbono schel Olam Vorrang vor unseren persönlichen Wünschen. In erster Linie müssen wir danach streben, Seinen Willen zu erfüllen.

Ein grundlegender Jahrestag

In unseren Rosch-Haschana-Gebeten erklären wir: „Heute wurde die Welt geboren (erschaffen).“ Rosch Haschana wird als „Geburtstag der Welt“ angesehen, weil es der Jahrestag der Erschaffung des Menschen ist. Denn erst an Rosch Haschana, dem sechsten Schöpfungstag, wurde Adam erschaffen. Mit der Erschaffung Adams und seiner Anerkennung von Haschems Größe und Güte wurde Haschems Königtum offenbar.“

Darum konzentrieren wir uns an jedem Rosch Haschana darauf, Malchut Haschems anzunehmen. Wir möchten zwar alle, dass wir beim Gericht (Din) an diesem Tag erfolgreich sind. Wenn wir uns auf die Teschuwa konzentrieren würden, könnte uns dies helfen, dieses Ziel zu erreichen. Dennoch stellen wir unsere eigenen Bedürfnisse zurück und konzentrieren uns auf den Willen Haschems.

Das ist der größte Ausdruck von Malchut. Obwohl wir befürchten, dass wir dadurch leiden könnten, weil unsere Teschuwa nicht vollkommen ist, konzentrieren wir uns vor allem darauf, Haschems Malchut auf uns zu nehmen. Ein Diener des Königs hat keinen eigenen Willen, sondern nur den Willen seines Königs.

Der Akejda-Gedanke

Wenn wir uns darauf konzentrieren, Haschems Malchut anzunehmen, und dabei unsere eigenen Bedürfnisse zurückstellen, erwerben wir dadurch gerade Sechujot (Verdienste) für ein Jahr des Lebens. Das sehen wir bei der Akejda (Bindung) von Jizchak.

Tatsächlich bitten wir Haschem an Rosch Haschana, Sich an die Akejda zu erinnern, bei der Awraham aufgrund eines g-ttlichen Befehls bereit war, seinen Sohn Jizchak zu opfern. Dies war die letzte der zehn Prüfungen, und Chasal sagen uns, dass der „Ejfer Jizchak“, die Asche Jizchaks, ein Opfer darstellt, das immer vor Haschem sichtbar bleibt.

Warum war dies so verdienstvoll? Im Lauf der Generationen haben Tausende ihr Leben für Haschem gegeben. Außerdem gab es für Awraham keinen Raum für Zweifel. Haschem hatte Sich selbst Awraham offenbart und ihm befohlen, Jizchak zu opfern.

Rabbi Elchanan Wasserman, HjD (G-tt räche sein Blut), der selbst (im Holocaust) al Kiddusch Haschem starb, antwortet darauf, dass jemand, der al Kiddusch Haschem stirbt, weiß, dass er direkt ins Gan Eden gehen wird. Er gibt sein Leben in dieser vorübergehenden Welt auf im Tausch gegen die Ewigkeit.

Wenn aber von jemandem verlangt würde, sein Leben für Haschem zu opfern und zugleich seinen Anteil am Olam Haba aufzugeben, wäre dies in der Tat eine sehr schwierige Prüfung. Als Awraham aufgefordert wurde, Jizchak zu opfern, verlangte Haschem nicht von ihm, seinen Anteil an der kommenden Welt aufzugeben. Er verlangte aber von ihm, etwas aufzugeben, das ihm noch lieber war als Olam Haba.

Als nämlich Awraham den Krieg gegen die vier Könige gewonnen hatte, fürchtete er, dass er bereits alle Belohnungen erhalten hatte, die für ihn in der nächsten Welt bestimmt waren. Der Ribbono schel Olam sagte ihm darauf: „Al tira Awram – fürchte dich nicht, Awram“; es wartet ein großer Lohn auf dich in der nächsten Welt.

Was war Awrahams Antwort?
„Wajomer Awram, Haschem Elokim, ma titen li, we’anochi holech Ariri?“
Awraham sagte, dass alles wertlos ist, wenn er kein Kind haben kann. Awraham tat alles lischmah (nur um G-ttes Willen zu erfüllen), schelo al menat lekabel Pras; er strebte nicht nach einer Belohnung. Wichtiger als sein eigenes Leben und seine Belohnung in der kommenden Welt war für Awraham, dass sein Lebenswerk fortgesetzt wird.

Wenn er keinen Sohn haben würde, der Haschems Namen verbreitet, nachdem er diese Welt verlassen hat, würde sein Lebenswerk verloren gehen. Das war für ihn kostbarer als Olam Haba.

Rabbi Elchanan erklärt, dass dies die große Prüfung der Akejda war. Obwohl alle Hoffnungen Awrahams auf Jizchak gerichtet waren, war er bereit, ihn zu verlieren, um den Willen Haschems zu erfüllen.

Dieser S’chus schützt uns an Rosch Haschana. Awraham gab seinen eigenen Willen vollständig auf, auch wenn er den Sinn des Opfers nicht verstand.

Ähnlich verhalten wir uns: Wir konzentrieren uns darauf, Haschems Malchut anzunehmen, und stellen unser eigenes Schicksal zurück. Das ist vollständiges Kabalat Ol Malchut Schamajim.

Reue – noch immer auf dem Programm

Das soll die Bedeutung der Reue keineswegs kleiner machen. Im Gegenteil: Der Monat Elul ist eine wichtige Zeit für Teschuwa. Wir sehen dem kommenden Jom Hadin (Tag des Gerichtes) entgegen, machen einen “Cheschbon Hanefesch – eine persönliche Selbstprüfung“ und bereiten uns darauf vor, Sein Königreich anzunehmen. Wenn wir vor dem furchtbaren Gerichtstag Angst empfinden, ist dies sicher zu unserem Vorteil.

Wenn wir uns aber entscheiden, dass wir unser persönliches Schicksal an Rosch Haschana zurückstellen und uns stattdessen auf Haschems Malchut konzentrieren, wird unser Kabalat Ol Malchut Schamajim noch verstärkt. Damit ahmen wir Awraham Awinu nach, denn er war sich klar bewusst, was er verlor, und erfüllte trotzdem den Willen Haschems.

Wenn das Gericht für uns an Rosch Haschana nicht das wichtigste Thema ist, warum wurde dann Rosch Haschana als Tag des Gerichts bestimmt? Es ist sicher kein Zufall, dass der Tag der Welterschaffung, an dem wir Sein Malchut annehmen, auch der Tag des Gerichts ist. Aber warum wird in der Tora nicht ausdrücklich erwähnt, dass Rosch Haschana der Jom Hadin ist?

In der Gemara [Traktat Berachot 12b] steht, dass wir in den Asseret Jemej Teschuwa, den zehn Tagen der Reue, die 3. Beracha von ‘Ata Kadosch’ mit den Worten „Hamelech Hakadosch – der heilige König“ statt mit dem gewöhnlichen „HaKejl Hakadosch – der heilige G-tt“ beenden. Raschi erklärt, dass Haschem uns in dieser Zeit richtet und dass das Gericht ein Zeichen des Malchut Haschems ist. Nur der König der Könige hat die Macht über Leben und Tod.

Wenn Haschems Richten ein Ausdruck Seiner Stellung als König ist, dann offenbart Haschem Seine Herrschaft eben dadurch, dass Er uns richtet.

Das Gericht steht aber nicht im Mittelpunkt des Tages. Das Wichtige an Rosch Haschana ist die Annahme Seines Malchut. Wenn wir uns dessen bewusst sind, müssen unsere Gedanken und unser Verhalten an diesem Tag vollständig die Erkenntnis Seiner Erhabenheit widerspiegeln.

Solange wir bereit sind, Sein Malchut anzunehmen, haben wir das Ziel des Tages erreicht. Haschem wird uns nicht aufgrund unserer Taten in der Vergangenheit richten. Auch das ist eine Gnade uns gegenüber, denn wer kann schon ehrlich sagen, dass er Haschems Gnade verdient hat?

Eine Zeit der Erneuerung – wie Adam

Der Talmud Jeruschalmi und auch der Midrasch Rabba bemerken, dass bei den Mussaf-Opfern aller Feiertage die Formulierung Wehikrawtem – „und ihr sollt darbringen“ – verwendet wird. Bei Rosch Haschana heißt es dagegen Wa’assitem – „und ihr sollt machen“.

Der Talmud Jeruschalmi, Rosch Haschana 4,8, antwortet darauf: „Der Heilige, gelobt sei Er, sprach zu ihnen: Weil ihr an Rosch Haschana vor Mich zum Gericht getreten seid und in Frieden daraus hervorgegangen seid, rechne Ich es euch an, als wärt ihr als eine neue Schöpfung erschaffen worden.“

Eine ähnliche Aussage findet sich in Wajikra Rabba 29,12 (sowie in der Pesikta de-Rav Kahana, Ende der Pesikta 23). Dort sagt Rabbi Tachlifa Kessarja: „Ich rechne es euch an, als wärt ihr heute vor Mir neu erschaffen worden, als hätte Ich euch heute als eine neue Schöpfung erschaffen.“

Dies bedeutet, dass der Mensch durch seine Teschuwa gleichsam die Möglichkeit erhält, sich selbst neu zu erschaffen – so, als würde er heute vor Haschem als ein neuer Mensch erscheinen. Darin liegt eine besondere Kraft von Rosch Haschana: Der Mensch ist nicht an seine Vergangenheit gebunden, sondern kann sein Leben neu ausrichten und einen neuen Anfang machen.

Diese Aussagen lehren uns, dass ein Mensch, der an Rosch Haschana vor Haschem zum Gericht tritt, gleichsam als ein neuer Mensch erschaffen wird. So wie Adam Harischon an Rosch Haschana erschaffen wurde, erhält auch jeder von uns an jedem Rosch Haschana die Möglichkeit, sich gleichsam neu erschaffen zu lassen – sein Leben neu auszurichten und als ein erneuerter Mensch vor Haschem zu stehen.

Rabbi Aharon Kotler sZl. erklärt, dass wir an Jom Kippur aufgrund unserer Taten der Vergangenheit gerichtet werden. Darum müssen wir an Jom Kippur bereuen, wenn wir dies nicht bereits vorher getan haben.

Rosch Haschana ist dagegen eine Zeit des His’chadschdut – der Erneuerung. Wenn wir Seine Königsherrschaft, Sein Malchut, vollständig annehmen und uns ehrlich vornehmen, einen neuen Anfang zu machen, können wir das Verdienst haben, ins Buch des Lebens eingetragen zu werden.
Der Talmud lehrt, dass wir an Rosch Haschana alle vor Haschem zum Gericht treten. In Rosch Haschana 16a heißt es: „An Rosch Haschana ziehen alle Geschöpfe der Welt vor Ihm vorbei wie die Angehörigen einer Herde.“

Weiter heißt es im Traktat Rosch Haschana 8b. In Tehillim/Psalm 81,4–5 steht:
„Tik’u baChodesch Schofar, baKesse leJom Chagenu – Blast das Schofar beim Neumond, wenn er verborgen ist, zur festgesetzten Zeit unseres Festtags“ – damit ist Rosch Haschana gemeint – und anschließend:
„Ki Chok leJisrael hu – denn es ist ein Gesetz für Jisrael; Mischpat le-Elokei Ja’akov – ein Gericht für den G-tt Jakobs.“

Die Gemara fragt: Woher wissen wir, dass auch die Völker der Welt an diesem Tag gerichtet werden?
Darauf antwortet die Gemara, dass der Vers zunächst sagt: „Ki Chok leJisrael hu“ – „denn es ist ein Gesetz für Jisrael“. Dies könnte darauf hindeuten, dass nur Jisrael an diesem Tag gerichtet wird. Doch der Vers fügt hinzu: Mischpat le-Elokej Ja’akow – „ein Gericht für den G-tt Ja’akows“. Daraus lernen unsere Weisen, dass auch die Völker der Welt in dieses Gericht einbezogen sind.

Interessanterweise verwendet der Vers für Jisrael den Ausdruck Chok und für das Gericht über die übrige Welt den Ausdruck Mischpat. Ein Chok bezeichnet eine von Haschem festgesetzte Verordnung, deren tiefere Begründung sich dem menschlichen Verstand nicht notwendigerweise erschließt. Mischpat hingegen bezeichnet ein Ge- oder Verbot, das dem menschlichen Verstand folgerichtig und nachvollziehbar ist.

Rabbi Aharon Kotler weist darauf hin, dass der Talmud im Traktat Bejza 16a erklärt, dass Chok auch mit dem Begriff der Speise und Versorgung verbunden ist. Daraus lässt sich verstehen, dass Haschem an Rosch Haschana festlegt, welche Versorgung und welcher Lebensunterhalt jedem Menschen für das kommende Jahr bestimmt sind.

Dies gilt in besonderer Weise für Benej Jisrael, die Seine Königsherrschaft uneingeschränkt annehmen und Seine treuen Diener sind. Ihre Versorgung und ihr Lebensunterhalt werden ihnen als Chok zugeteilt – nach einer von Haschem bestimmten Ordnung, deren Sinn und Zusammenhang für den Menschen nicht unbedingt verständlich sind. Hingegen erhält die übrige Welt ihren Lebensunterhalt als Mischpat und wird dabei entsprechend ihrem Verdienst und ihren Taten beurteilt.

Mögen wir an diesem Rosch Haschana Haschems Herrschaft über uns annehmen und uns Seinem Willen vollständig unterordnen. Im Verdienst unserer Annahme Seines Malchut möge Haschem entscheiden, dass wir für ein weiteres Jahr des Lebens, der Gesundheit und des Segens eingeschrieben werden.

Und mögen wir alle das Kommen des Maschiach erleben – die endgültige und vollkommene Offenbarung von Haschems Malchut in der Welt.

Quellen und Persönlichkeiten:

Ramban:
Ramban: Akronym für Rabbi Mosche ben NachmanNachmanides (1194–1270); einer der bedeutendsten Rischonim und jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Er wurde in Girona, Spanien, geboren und wirkte dort als herausragender Talmudgelehrter, Rabbiner und Kabbalist. Im Jahr 1267 übersiedelte er nach Erez Israel, liess sich in Jerusalem nieder und trug massgeblich zum Wiederaufbau der dortigen jüdischen Gemeinde bei.

Der Ramban verfasste einen der bedeutendsten Kommentare zum Chumasch, in dem er Peschat, Midrasch, Talmud und Kabbala miteinander verbindet. Darüber hinaus schrieb er zahlreiche Werke zur Halacha, zum Talmud und zur jüdischen Weltanschauung. Seine Schriften sind unter der Bezeichnung Kitvei ha-Ramban bekannt. Sein Tora-Kommentar gehört bis heute zu den grundlegenden klassischen Kommentaren zur Tora.

Rabbi Elchanan Wasserman:
Rabbi Elchanan Wasserman (1874–1941): Einer der bedeutendsten Roschej Jeschiwot und Tora-Gelehrten des 20. Jahrhunderts. Er war ein herausragender Schüler des Chafez Chajim und von Rabbi Naftali Zwi Jehuda Berlin (Neziv). Nach verschiedenen Stationen in Litauen wurde er Rosch Jeschiwa der berühmten Jeschiwa von Baranowicz, die unter seiner Leitung zu einem bedeutenden Zentrum des Torastudiums und der Awodat Haschem wurde.

Rabbi Elchanan Wasserman war ein führender Vertreter der litauischen Jeschiwa-Welt und ein enger Schüler des Chafez Chajim. Seine Schriften zeichnen sich durch aussergewöhnliche analytische Klarheit und eine tiefe Verbindung von Talmud, Halacha und Mussar aus.

Zu seinen bekanntesten Werken gehört Kowez Schiurim, eine Sammlung tiefgehender Talmud-Erörterungen. Weitere bedeutende Werke sind Kowez He’arot, Kowez Ma’amarim und Ikweta deMeschicha, ein Werk über die jüdische Weltanschauung und die Entwicklungen vor der Ankunft des Maschiach.

Während der Schoa wurde Rabbi Wasserman im Jahr 1941 von den Nationalsozialisten ermordet. Sein Leben und seine Schriften haben die Welt der Tora bis heute nachhaltig geprägt.

Rabbi Aharon Kotler:
Rabbi Aharon Kotler (1892–1962): Rosch Jeschiwa in Kletzk (Weissrussland) und später in Lakewood, USA. Er war einer der bedeutendsten Führer des orthodoxen Judentums in Litauen und später in den Vereinigten Staaten. Im Jahr 1943 gründete er in Lakewood, New Jersey, Beth Medrash Govoha, zunächst mit nur 15 Schülern.

Unter seiner Führung entwickelte sich die Jeschiwa zu einem der bedeutendsten Zentren des Torastudiums in den Vereinigten Staaten. Heute zählt Beth Medrash Govoha zu den grössten Tora-Hochschulen der Welt und hat über 9.000 Studenten in seinen verschiedenen Studienprogrammen.
Rabbi Aharon Kotler hinterliess zahlreiche bedeutende Torawerke. Seine Chidduschim, Erläuterungen und Mussar-Schriften wurden nach seinem Tod in der bekannten Reihe Mischnat Rabbi Aharon veröffentlicht. Die Reihe umfasst unter anderem Chidduschim zu verschiedenen Traktaten des Talmud, Responsen (Sche’elot uTeschuwot), Ausführungen zu den Hilchot Schchenim, Schriften zu Tanach sowie zahlreiche Artikel und Sichot Mussar.
 
Rav Josef Levinson:
Rav Josef Levinson, ein ehemaliger Talmid des Beth Medrasch Govoha in Lakewood, lernte sieben Jahre im Kollel Beth HaTalmud in Melbourne, Australien. Während dieser Zeit gründete und redigierte er die Jom-Tow-Publikation Moadim uZmanim, in der dieser Artikel ursprünglich erschien.
Vor einigen Jahren kehrte Rabbi Levinson nach Lakewood zurück. Gegenwärtig ist er an der Herausgabe des ArtScroll Yad Avraham Mishnah-Projekts beteiligt.
 
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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