Tischri/ Rosch Haschana
Tischri/ Rosch Haschana

Keine Drohungen – nur Entscheidungen (Paraschat Ha’asinu und Jom Kippur 5787)

Betrachtet die Dinge eingehend. Wägt sie ab. Entscheidet euch

Keine Drohungen – nur Entscheidungen (Paraschat Ha’asinu und Jom Kippur 5787)

Betrachtet die Dinge eingehend. Wägt sie ab. Entscheidet euch
Foto: AI Avigail

Keine Drohungen – nur Entscheidungen

Rav Frand zu Jom Kippur 5787

Ergänzungen: S. Weinmann

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An diesem Schabbat, nur kurz vor Jom Kippur, lesen wir Paraschat Ha’asinu. Vor seinem Tod ruft Mosche Himmel und Erde als Zeugen für die mahnenden Worte auf, die er an die Kinder Israels richtet:
„Horcht auf, ihr Himmel, und ich will sprechen; und die Erde höre die Worte meines Mundes.“
(Dewarim 32,1)

Himmel und Erde waren Zeugen, als die Kinder Israels den Bund mit Haschem annahmen, und sie werden bis ans Ende der Zeiten bestehen bleiben, um darüber Zeugnis abzulegen, ob das jüdische Volk diesen Bund eingehalten hat.

Die Tora, die Ich euch, dem Volk Israel, gegeben habe, ist die eigentliche Lebensquelle der Welt. Sie stärkt und erhebt diejenigen, die sie lernen. Haschems Handeln ist vollkommen gerecht. Die Gerechten werden bis auf den letzten Anteil den Lohn erhalten, der ihnen zusteht – auch wenn sie bis zur zukünftigen Welt darauf warten müssen. Ebenso werden selbst die Bösen für jede verdienstvolle Tat, die sie vollbracht haben, hier auf dieser Welt vollständig belohnt.

Eure Sünden schaden nur euch selbst, nicht Haschem – ihr verkehrtes und verdrehtes Geschlecht! Ist dies die Art, wie ihr Haschem alles vergeltet, was Er für euch getan hat? Ein törichtes und unverständiges Volk vergisst alle Wohltaten, die ihm erwiesen wurden, und verschliesst zugleich die Augen vor den unausweichlichen Folgen seines Handelns. (Nach Raschi zu Dewarim 32,2–6)

Blickt zurück und erinnert euch daran, was mit denen geschah, die Haschem erzürnten. Blickt zugleich in die Zukunft und erkennt, dass Haschem euch in die Zeit des Maschiach und in die zukünftige Welt führen kann.

Als Haschem die Völker bestrafte, vernichtete Er sie nicht vollständig, weil ihr, das Volk Israel, aus ihnen hervorgehen solltet – Ja’akow, der Anteil Seines Erbes. In der Wüste wart ihr Haschem treu: Ihr nahmt Seine Königsherrschaft und Seine Tora an und bewieset euer Vertrauen, indem ihr Ihm auf Seinen Wegen durch die Einöde folgtet. Haschem führte euch sicher, und weder ein Mensch noch irgendeine andere Macht konnte gegen euch bestehen. (Nach Raschi zu Dewarim 32,7–12)

Die Kommentatoren erklären, dass sich diese Zurechtweisung grundlegend von anderen Mahnungen der Tora unterscheidet. An anderen Stellen wird uns gesagt: Wenn wir die Tora einhalten, werden wir bestimmte Segnungen empfangen; wenn wir sie nicht einhalten, werden bestimmte Flüche über uns kommen.

Hier jedoch wird uns etwas ganz anderes gesagt:
Denkt nach. Betrachtet die Dinge eingehend. Wägt sie ab. Entscheidet euch.
Keine Ultimaten und keine Drohungen. Überlegt selbst und entscheidet, was am vernünftigsten ist, was für euch am besten wäre und wie ihr den grössten Gewinn erzielen könnt.

Unsere Parascha spricht über unsere nationale Vergangenheit. Betrachtet, welch gewaltige geistige Höhen wir einst erreicht hatten! Vielleicht könnte man meinen, dass wir, nachdem wir von dieser Stufe herabgesunken sind, nie wieder zu ihr zurückkehren können.
Doch unsere Parascha spricht ebenso über unsere Zukunft. Die Zeit des Maschiach mit all ihrer Herrlichkeit wartet auf uns! Das ist unsere wahre Identität. Das ist es, was uns wirklich ausmacht. Wir müssen uns nur dazu entschliessen, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um dorthin zurückzukehren.

Dort waren wir einst, und dorthin bewegen wir uns letztlich wieder. Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir diesen Prozess beschleunigen oder verlangsamen wollen – ob wir ihn fördern oder ihm entgegenwirken.

Keine Drohungen – nur Entscheidungen.

Auch Jom Kippur gewährt uns einen kurzen Einblick in diese lange Reise – einen Blick darauf, woher die Welt kommt und wohin sie sich bewegt.

Nach dem ersten Schöpfungstag schreibt die Tora:
„Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.“ (Bereschit 1,5)
Die Tora sagt nicht „der erste Tag“, sondern „Ein Tag “.
 
Der Midrasch deutet diese Worte als Hinweis auf einen besonderen Tag, den der Ewige dem jüdischen Volk schenkte: Und welcher ist dies? „Jom Kippur“. (Bereschit Rabba 3,8)

 „יוֹם אֶחָד – שֶׁנָּתַן לָהֶם הַקָּדוֹשׁ בָּרוּךְ הוּא יוֹם אֶחָד; וְאֵיזֶה? זֶה יוֹם הַכִּפּוּרִים “
Im selben Midrasch folgt allerdings noch eine andere Deutung: „Jom Echad“ bedeutet, dass der Ewige an diesem ersten Schöpfungstag noch der Einzige in Seiner Welt war, da die Engel erst am zweiten Schöpfungstag erschaffen wurden. Diese zweite Erklärung wird von Raschi zu Bereschit 1,5 angeführt.
Der Or Gedaljahu erklärt dies wie folgt: Zu diesem Zeitpunkt der Schöpfung waren noch keine eigenständigen Wesen erschaffen worden. Es herrschte vollkommene Einheit – der Tag des Einen.
Am zweiten Schöpfungstag wurden die Engel erschaffen. (Auch das Feuer des Gehinoms, für die Bestrafung der Bösen.) Damit war diese sichtbare Einheit nicht mehr vorhanden. Nun konnte der Eindruck entstehen, Ereignisse könnten sich ohne Haschems unmittelbare Führung abspielen – die Täuschung, als gäbe es mehr als nur den Einen.
Zur Zeit des Maschiach wird die Welt wieder zu diesem Zustand zurückkehren. Dann wird vollkommene Klarheit herrschen, und die gesamte Menschheit wird Haschems Herrschaft anerkennen:
„וְהָיָה ה׳ לְמֶלֶךְ עַל כָּל הָאָרֶץ; בַּיּוֹם הַהוּא יִהְיֶה ה׳ אֶחָד וּשְׁמוֹ אֶחָד.
„An jenem Tag wird Haschem einzig sein und Sein Name einzig.“ (Secharja 14,9)

Dies sind die beiden Endpunkte der menschlichen Reise: vollkommene Klarheit am Anfang und vollkommene Klarheit am Ende – und dazwischen ein langes, verwirrtes Umherirren.

Doch Haschem hat uns jedes Jahr einen Tag geschenkt, an dem wir einen kurzen Blick auf diese Einheit werfen können – einen Blick auf das Ziel, dem wir entgegengehen.

Der Zahlenwert des Wortes „- השטן HaSatan“ beträgt 364. Das Jahr besteht jedoch aus 365 Tagen. Es gibt also einen Tag, an dem der Satan nicht einmal die Täuschung erzeugen kann, als besässe er eine eigenständige Macht. Genau dies meint der Midrasch mit seiner Lehre, dass der Ausdruck „Tag Eins“ auf Jom Kippur hinweist.

Dieser Tag ist der Aufhebung des Bösen gewidmet. Haschem beseitigt das Böse, das von aussen auf uns einwirkt; wir selbst müssen das Böse aus unserem Inneren entfernen. Es ist der Tag der Vergebung und Sühne.

Jom Kippur zeigt uns, woher die Welt kommt und wohin sie geht.
Ha’asinu zeigt uns, woher wir als Volk kommen und wohin wir gehen.

Nun müssen wir uns entscheiden.
Gut Schabbes und eine Gmar Chatima Towa!

Rabbi Jisroel Ciner

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Gedalyahu Schorr

Rabbi Gedalyahu Halevi Schorr (1910–1979) war ein herausragender Tora-Gelehrter, Mussar-Lehrer und Rosch Jeschiwa der berühmten Jeschiwa Tora Voda’as in Brooklyn, New York. Er zählte zu den bedeutenden geistigen Persönlichkeiten des amerikanischen Judentums seiner Generation. Seine tiefgründigen Gedanken zur Tora, zur jüdischen Glaubenslehre und zu den Feiertagen wurden in dem mehrbändigen Werk Or Gedalyahu veröffentlicht.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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