Ehrlichkeit
Rabbi Berel Wein zu Paraschat Dewarim und Tisch’a beAw 5786
mit Ergänzungen von S. Weinmann
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Paraschat Dewarim wird stets am Schabbat vor der Fastenzeit des Tisch’a beAw gelesen. Der Zusammenhang zwischen dieser Tora-Lesung und den nationalen Tragödien, an die Tischa beAw erinnert, springt sofort ins Auge. Bereits das Wort „Ejcha“ – „Wie konnte es nur dazu kommen?“ – begegnet uns sowohl in unserer Parascha als auch im Buch der Klagelieder (Ejcha). In seiner Abschiedsrede kündigt Mosche den geistigen Niedergang Israels im eigenen Land, die nationale Katastrophe, die Zerstörung und das Exil an.
Doch die Verbindung zwischen Dewarim und Tisch’a beAw reicht noch tiefer.
Das gesamte Buch Dewarim ist geprägt von einer schonungslos ehrlichen Rückschau auf die Vergangenheit. Mosche beschönigt nichts. Er verschweigt weder die Fehler des Volkes noch die eigenen Schwierigkeiten. Eine solche Ehrlichkeit verlangt Mut, Aufrichtigkeit und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Gerade darin liegt eine der wichtigsten Lehren der Tora. Nur wer den Mut hat, die Vergangenheit ehrlich zu betrachten – so schmerzhaft dies auch sein mag –, kann aus ihr lernen und die Zukunft besser gestalten. Die Tora kennt keine Verklärung der Geschichte und keine nachträgliche Schönfärberei, selbst dann nicht, wenn es um die grössten Persönlichkeiten Israels geht. Wahrheit ist die Grundlage jeder geistigen Entwicklung und jeder moralischen Erneuerung.
Das Buch Dewarim ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel dieses Grundsatzes. Gerade deshalb besteht eine so enge Verbindung zu den Klageliedern des Propheten Jirmijahu. Auch dort finden wir keine beschwichtigenden Worte und keine romantische Verklärung der Zerstörung Jerusalems oder des Exils. Der Prophet schildert Hunger, Krankheit, Verzweiflung, den Untergang des Tempels und den Verlust der nationalen Unabhängigkeit mit erschütternder Offenheit. Er bietet keine oberflächlichen Trostworte und keinen falschen Optimismus.
Denn falscher Trost hilft letztlich nicht. Die Botschaft der Klagelieder kann nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn wir bereit sind, ihre Worte in ihrer ganzen Wahrheit auf uns wirken zu lassen.
Auch unsere Generation leidet unter der Versuchung, die Wirklichkeit nicht so zu sehen, wie sie ist. Wir hören lieber angenehme Botschaften und beruhigende Zusicherungen, selbst wenn sie der Realität nicht entsprechen. Wir suchen nach religiösen Erlebnissen, die uns emotional berühren, scheuen aber oft die tägliche, geduldige Arbeit an uns selbst – die Treue zu den Mizwot und die Heiligung des Alltags.
Die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts zeigt auf erschütternde Weise, wohin Selbsttäuschung führen kann. Das Unvermögen weiter Teile der westlichen Welt, Hitlers wahre Absichten rechtzeitig zu erkennen, ebenso wie die ideologische Blindheit vieler gegenüber den Verbrechen Lenins und Stalins, kosteten Millionen Menschen das Leben. Diese Beispiele lehren, welchen Preis Wunschdenken und mangelnde Ehrlichkeit gegenüber der Wirklichkeit fordern können.
Auch heute ist diese Gefahr nicht gebannt. Die Herausforderungen für das jüdische Volk – sowohl von aussen als auch von innen – dürfen nicht unterschätzt werden. Wer die Lehren der Geschichte ignoriert, wer Antisemitismus oder die Folgen fortschreitender Assimilation verharmlost, verschliesst die Augen vor einer Realität, die ernst genommen werden muss.
Die Botschaft von Dewarim und Tischa beAw lautet deshalb: Wahre Hoffnung gründet nicht auf Illusionen, sondern auf Ehrlichkeit. Nur wer bereit ist, die Wirklichkeit unverstellt anzunehmen, kann aus Fehlern lernen, Umkehr üben und eine bessere Zukunft aufbauen.
Schabbat Schalom!
Rabbi Berel Wein
Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.
Rabbi Berel Wein (geb. 1934 in Chicago, Illinois, USA; gest. 16. August 2025 in Jerusalem) war ein orthodoxer Rabbiner, Dozent, Historiker und Schriftsteller. Über mehr als vier Jahrzehnte prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte wie kaum ein anderer. Durch unzählige Vorträge, Schiurim, Bücher, Seminare, Bildungsreisen und zuletzt auch Dokumentarfilme machte er die Geschichte des jüdischen Volkes einem breiten Publikum zugänglich.
Rabbi Wein veröffentlichte zahlreiche Werke in englischer und hebräischer Sprache zur jüdischen Geschichte. Mit weit über tausend aufgezeichneten Schiurim, Zeitungsartikeln und Vorträgen erreichte er Hunderttausende von Menschen in aller Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an der Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes.
1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern (New York) und wirkte dort bis 1997 als Rosch HaJeschiwa. Für seine außergewöhnlichen Verdienste um die Verbreitung der Tora und des Judentums wurde ihm vom Machon HaRav Frank in Jerusalem der Torah Prize Award verliehen.
Rabbi Berel Wein verstand es wie kaum ein anderer, Geschichte und Gegenwart miteinander zu verbinden. Mit großer Klarheit, Wärme und tiefem Glauben vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes weit mehr ist als eine Erinnerung an Vergangenes – sie ist Orientierung und Wegweisung für Gegenwart und Zukunft.
Unzählige Juden auf der ganzen Welt haben von seinem Wirken profitiert – sei es durch seine Tausenden von Schiurim und Vorträgen in Synagogen, Batej Midraschim, Schulen, Jeschiwot und Seminaren, durch seine zahlreichen Bücher und Artikel oder durch seine umfangreichen Audio- und Videoaufzeichnungen.
1997 übersiedelten Rabbi Wein und seine Ehefrau nach Jerusalem. Dort setzte er seine Lehr- und Schriftstellertätigkeit unvermindert fort und hielt regelmäßig Schiurim in der Jeschiwa Heichal HaTorah unter der Leitung des Gaon Rabbi Zvi Koshelevsky im Jerusalemer Stadtteil Har Nof.
Am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 verstarb Rabbi Berel Wein im Alter von 91 Jahren. Seine Beisetzung fand am folgenden Tag in Jerusalem statt.
Sein Vermächtnis lebt in seinen Werken, seinen Schülern und den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren ein tieferes Verständnis für die Tora, die jüdische Geschichte und die Aufgabe des jüdischen Volkes gewonnen haben.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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