Tischri/ Paraschat Bereschit
Tischri/ Paraschat Bereschit

Die Tora muss mit der Lehre der Aufrichtigkeit beginnen (Paraschat Bereschit 5787)

Warum wird Sefer Bereschit „Sefer haJaschar“ – „das Buch der Aufrichtigen“ genannt?

Die Tora muss mit der Lehre der Aufrichtigkeit beginnen (Paraschat Bereschit 5787)

Warum wird Sefer Bereschit „Sefer haJaschar“ – „das Buch der Aufrichtigen“ genannt?
Foto: AI Avigail

Die Tora muss mit der Lehre der Aufrichtigkeit beginnen

Rav Frand zu Paraschat Bereschit 5787

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Raschi zitiert zu Beginn der Tora die Worte des Midrasch:
„Rabbi Jizchak sagte: Die Tora hätte eigentlich erst mit den Worten beginnen müssen: ‚Dieser Monat sei euch der Anfang der Monate‘“ [Schemot 12,2].

Dies war das erste Gebot, das dem jüdischen Volk als Nation gegeben wurde. Weshalb beginnt die Tora dennoch mit der Erschaffung der Welt?

Die Antwort lautet: Die Tora beginnt mit dem Schöpfungsbericht, um uns die Botschaft des Verses zu vermitteln:
„Ko’ach Ma’assaw higid leAmo… – Die Macht Seiner Werke verkündete Er Seinem Volk, um ihnen das Erbe der Völker zu geben.“ [Tehillim/Psalm 111,6]

Wenn die Völker der Welt zu Israel sagen: „Ihr seid Räuber, denn ihr habt das Land der sieben kena’anitischen Völker erobert“, können wir ihnen antworten: Die ganze Welt gehört G-tt. Er hat sie erschaffen und gibt sie demjenigen, dem Er sie geben will. Zuerst gab Er das Land den kena’anitischen Völkern; später nahm Er es ihnen und gab es dem Volk Israel.

Der Ramban vertieft die Frage Rabbi Jizchaks. Es geht nicht nur darum, mit welchem Thema die Tora hätte beginnen sollen. Gerade die Entscheidung, mit dem Schöpfungsbericht zu beginnen, ist schwer verständlich. In Wahrheit begreifen wir Begriffe wie „Tohu waWohu“ oder „Rakia“ – das Himmelsgewölbe – nicht wirklich. Der gesamte Bericht über die Erschaffung der Welt enthält tiefe Geheimnisse, die selbst für grosse Gelehrte schwer zu erfassen sind.

Eigentlich hätte dieser Teil der Tora eher zur mündlichen Lehre gehören sollen. Die schriftliche Tora sollte doch jene Teile der g-ttlichen Offenbarung enthalten, die wir aufschlagen, lesen und ihrem einfachen Sinn nach verstehen können. Das ist ein weiterer Aspekt der Frage Rabbi Jizchaks: Wenn wir die Geheimnisse der Schöpfung ohnehin nicht vollständig verstehen können, weshalb wurden sie dann in der schriftlichen Tora festgehalten?

Die Antwort lautet wiederum: Wenn die Völker behaupten, wir hätten kein Recht, Erez Jisrael in Besitz zu nehmen, können wir ihnen antworten:
„Am Anfang erschuf G-tt Himmel und Erde.“

Doch wir wissen nur zu gut, dass dieses Argument bei unseren Gegnern kaum Gehör finden würde – weder bei den Vereinten Nationen noch an Universitäten oder in öffentlichen Debatten. Rabbi Jizchaks Frage ist somit sehr verständlich; seine Antwort hingegen scheint zunächst weiterhin unklar zu bleiben.

Warum wird Sefer Bereschit „Sefer haJaschar“ genannt?

Rabbi Simcha Sissel Broide erklärt dies mit einem tiefen Gedanken.

Im Buch Schmuel (Schmuel II 1,18) wird ein Werk namens „Sefer haJaschar“ – „das Buch der Aufrichtigen“ erwähnt: «…siehe, dies steht doch im Sefer Hajaschar». Im Talmud (Awoda Sara 25a) bestehen Meinungsverschiedenheiten darüber, welches Buch damit gemeint ist.

Nach der Meinung von Rabbi Chija bar Aba im Namen von Rabbi Jochanan bezeichnet Sefer haJaschar das Buch der Patriarchen Awraham, Jizchak und Ja’akow – also das Buch Bereschit. Bil’am bezeichnete die Stammväter als „Jescharim“ – Geradlinige / Aufrichtige, als er sagte:
„Tamut nafschi mot Jescharim“ [Bamidbar 23,10]
„Möge meine Seele den Tod der Aufrichtigen sterben.“

Bemerkenswert ist, dass die Stammväter hier nicht als Zaddikim – Gerechte, nicht als Chassidim – Fromme, und auch nicht als Talmidej Chachamim – Tora-Gelehrte bezeichnet werden, obwohl sie all dies zweifellos waren.

Sie werden vielmehr Jescharim genannt: Geradlinige, ehrliche und charakterlich aufrichtige Menschen.

Die Stammväter lebten nicht in abgeschlossenen religiösen Wohnvierteln. Sie lebten unter den Völkern der Welt und hatten im Alltag hauptsächlich mit Nichtjuden zu tun. Durch die ehrliche, faire und aufrichtige Art, in der sie mit ihrer nichtjüdischen Umgebung umgingen, verdienten sie sich die besondere Bezeichnung Jescharim.

Aus diesem Grund wird das Buch Bereschit Sefer haJaschar – das Buch der Aufrichtigen genannt.

Aufrichtigkeit geht dem Tora-Gesetz voraus

Bevor wir die Bücher Schemot, Wajikra, Bamidbar und Dewarim mit ihren zahlreichen Mizwot und halachischen Einzelheiten studieren können, müssen wir zunächst in das „Buch der Aufrichtigen“ eingeführt werden.

Wir müssen zuerst lernen, was es bedeutet, ein aufrichtiger Mensch zu sein. Denn:
„Derech Erez kadma laTora“ – Anständiges menschliches Verhalten geht der Tora voraus. [Midrasch Rabba Wajikra 9:3]

In Paraschat Lech Lecha verspricht G-tt Awraham Awinu das Land Kena’an. Dieses Versprechen sollte erst viele Jahrhunderte später erfüllt werden, wenn die Nachkommen Awrahams zurückkehren und das Land erobern würden.

Dabei könnte in uns der Gedanke aufkommen: „Ist das wirklich jaschar – aufrichtig und gerecht? Ist es rechtmässig, ein Land einzunehmen, in dem andere Völker bereits seit Jahrhunderten leben?“

Ohne Paraschat Bereschit könnten wir den gesamten Chumasch lernen, während in unserem Innern eine leise Stimme Zweifel äussert: „Vielleicht ist dies doch nicht vollkommen gerecht.“

Die wichtigste Aufgabe der Tora besteht jedoch darin, uns zu lehren, jaschar zu sein. Deshalb muss sie diesen Zweifel von Anfang an beseitigen und uns zeigen, dass G-ttes Handeln vollkommen aufrichtig und gerecht ist.

Der Allmächtige sagt gewissermassen:
„Der Auftrag, Erez Jisrael in Besitz zu nehmen, ist vollkommen gerecht. Ich habe die Welt zu Beginn der Geschichte erschaffen. Sie gehört Mir, und Ich gebe das Land denjenigen, die in Meinen Augen dafür geeignet sind.“

Die Tora beginnt also nicht deshalb mit der Schöpfungsgeschichte, um die Völker der Welt von unserem Recht auf Erez Jisrael zu überzeugen. Sie beginnt damit, um das jüdische Volk selbst davon zu überzeugen, dass sein Anspruch auf das Land berechtigt ist und vollständig auf dem Grundsatz von Jaschrut – Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit beruht.

Die Sterne als Ausdruck g-ttlicher Aufrichtigkeit

Rabbi Simcha Sissel erklärt weiter, dass der gesamte Schöpfungsbericht vom Prinzip der Aufrichtigkeit – Jaschrut – durchdrungen ist.

Der Talmud [Traktat Chulin 60b] berichtet: Als G-tt Sonne und Mond ursprünglich gleich gross erschaffen hatte, wandte der Mond ein:
«Können denn zwei Könige dieselbe Krone tragen?»

Daraufhin verkleinerte G-tt den Mond. Der Midrasch Rabba [Bereschit Rabba 6:4] fügt hinzu, dass Er anschliessend die Sterne erschuf, um den Mond zu besänftigen. Er stellte ihm unzählige Himmelskörper zur Seite, über die er gewissermassen herrschen konnte. Raschi führt beide Aussagen unserer Weisen in seinem Kommentar an.

Die Welt hätte die Sterne demnach offenbar nicht unbedingt benötigt; im ursprünglichen Schöpfungsplan waren sie nicht vorgesehen. Weshalb wurden sie dennoch erschaffen?
Der Midrasch erklärt: Sie wurden geschaffen, um den Mond zu trösten.

Auch darin zeigt sich Jaschrut: Es war richtig und angemessen, den Mond nach seiner Verkleinerung zu besänftigen und ihm Trost zu schenken.

Nicht alles muss ausdrücklich im Schulchan Aruch stehen

Wie oft hört man die Frage:
„Wo steht das im Schulchan Aruch?“
Doch nicht alles muss ausdrücklich im Schulchan Aruch stehen. Die Tora lehrt uns, das zu tun, was richtig, gut und anständig ist.

Der Ramban schreibt zum Vers:
„We’asita haJaschar wehaTow beEjnej Haschem…“ (Dewarim 6,18)
„Und du sollst tun, was recht und gut ist in den Augen des Ewigen…“

Die Tora kann nicht jeden einzelnen Fall, der sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte ereignen wird, ausdrücklich regeln. Deshalb gibt sie uns einen umfassenden Grundsatz:
Tue das Richtige und Gute. Handle ehrlich, fair und aufrichtig – auch dann, wenn das konkrete Verhalten nicht ausdrücklich im Schulchan Aruch festgehalten ist.

Auf diese Weise folgen wir dem Vorbild unserer Stammväter und zugleich dem Vorbild des Allmächtigen selbst.

Dies ist die zentrale Lehre des Schöpfungsberichtes und des gesamten Buches Bereschit: Bevor wir die übrigen Teile der Tora mit all ihren Mizwot und Vorschriften lernen können, müssen wir zuerst lernen, geradlinige, ehrliche und charakterlich aufrichtige Menschen zu sein.

Quellen und Persönlichkeiten:

Raschi 
Raschi – Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (auch: Rabbi Schlomo Jizchaki). Der Name wird häufig auch als Abkürzung für Rabban schel Jisrael („Der Lehrer Israels“) gedeutet. Meist wird er jedoch einfach Raschi genannt. Er lebte von 1040 bis 1105 und wirkte vor allem in Troyes (Frankreich), zeitweise auch in Worms (Deutschland).

Raschi zählt zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Seine grundlegenden Kommentare zum Tenach und zum Babylonischen Talmud haben das jüdische Lernen bis heute nachhaltig geprägt. Nicht ohne Grund wird er oft als der „Vater aller Tenach- und Talmudkommentare“ bezeichnet.

Sein Bibelkommentar wird seit nahezu tausend Jahren ununterbrochen studiert und ist in den meisten traditionellen jüdischen Bibelausgaben abgedruckt. Ebenso gehört sein Kommentar zum Babylonischen Talmud zu den unverzichtbaren Standardwerken und ist fester Bestandteil nahezu jeder gedruckten Talmudausgabe.

Ramban:
Ramban: Akronym für Rabbi Mosche ben Nachman, bekannt als Nachmanides (1194 –1270). Er zählt zu den bedeutendsten Rischonim und jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Geboren in Girona, Spanien, wirkte er dort als herausragender Talmudgelehrter, Rabbiner und Kabbalist. Im Jahr 1267 übersiedelte er nach Erez Israel, liess sich zunächst in Jerusalem nieder und trug massgeblich zur Erneuerung der dortigen jüdischen Gemeinde bei.

Der Ramban verfasste einen der bedeutendsten Kommentare zum Chumasch, in dem er Peschat — die einfache Bedeutung des Textes —, Midrasch, Talmud und Kabbala miteinander verbindet. Darüber hinaus schrieb er zahlreiche Talmuderklärungen sowie Werke zur Halacha und zur jüdischen Weltanschauung. Verschiedene seiner Abhandlungen und weiteren Schriften sind unter dem Titel «Kitwej haRamban» gesammelt. Sein Tora-Kommentar gehört bis heute zu den grundlegenden klassischen Werken der Tora-Auslegung.

Raw Simcha Mordechai Sisskind Broide
Raw Simcha Sissel Broide (1912–2000) wurde in Jerusalem geboren und gehörte zu den bedeutenden Tora-Gelehrten und Roschej Jeschiwa seiner Generation. Rund vierzig Jahre wirkte er als Rosch Jeschiwa der Chewroner Jeschiwa «Knesset Israel» in Jerusalem und prägte zahlreiche Schüler durch seinen Unterricht.

Neben dem vertieften Talmudstudium widmete er sich besonders der Mussar-Lehre, der Verfeinerung des Charakters und der jüdischen Lebensführung. Seine Ausführungen verbinden die Auslegung der Tora mit grundlegenden Fragen des menschlichen Verhaltens und des G-ttesdienstes. Sie wurden in seinem mehrbändigen Werk «Sam Derech» gesammelt.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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