Die Tora ist nur in einem solchen Menschen tief verwurzelt, der sagt: „Verändere mich.“
Rav Frand zu Schawuot 5786
Der Midrasch Rabba bringt zu Paraschat Bamidbar [1:2] ein eindrucksvolles Gleichnis:
Ein König wollte einen Palast bauen und suchte nach einem geeigneten Ort. Er zog von Stadt zu Stadt, doch überall liefen die Menschen vor ihm davon – ein Zeichen dafür, dass sie den Palast nicht in ihrer Stadt haben wollten.
Schliesslich kam er in eine verlassene Geisterstadt, und die wenigen Menschen dort nahmen das Angebot des Königs dankbar und freudig an. Da sagte der König:
„Hier werde ich meinen Palast bauen.“
Der Midrasch erklärt das Gleichnis:
Als der Heilige, gelobt sei Er, die Tora geben wollte, wandte Er sich an das Meer – doch das Meer floh, wie es heisst:
„Das Meer sah und floh“ [Tehillim 114,3].
Dann wandte Er sich an die Berge – doch auch sie liefen davon, wie es heisst:
„Die Berge hüpften wie Widder“ [Tehillim 114,4].
Schliesslich kam Er in eine öde Wüste – den Sinai –, die Ihn gleichsam mit offenen Armen empfing, und dort gab G-tt die Tora.
Was wollen unsere Weisen uns mit diesem Gleichnis lehren?
Warum wollten jene Städte den Palast des Königs nicht? Weil sie wussten, dass der Bau eines königlichen Palastes ihr Leben verändern würde. Sie hatten ihre gewohnten Lebensweisen, ihre Bräuche und ihre Ordnung. Ein Palast des Königs in ihrer Stadt würde bestimmt Veränderungen mit sich bringen.
Die verlassene Stadt hingegen wusste, dass sie nichts besass. Sie sagte gewissermassen:
„Baue hier. Forme uns neu. Wir haben ohnehin nichts. Wir wollen dich. Wir nehmen dich auf – mitsamt allen Veränderungen, die deine Gegenwart mit sich bringt.“
Wer die Tora wirklich annehmen will, muss wie eine Wüste werden – offen, leer von Eigenstolz, bereit, sich formen zu lassen. Die Tora wurzelt nur in einem Menschen, der sagt:
„Verändere mich.“
Viele von uns haben schon Erfahrungen mit scheinbar „religiösen“ Menschen gemacht und wurden enttäuscht. Die Reaktion lautete dann oft:
Das soll ein Mensch sein, den die Tora geformt hat? Ich dachte, die Tora verändert einen Menschen!“ Hier steht jemand mit Bart und Pejes (Schläfenlocken) – und betrügt andere Menschen!“
Jemand sagte einmal einen tiefen und wichtigen Grundsatz, den wir uns einschärfen sollten:
„Beurteile das Judentum niemals nach einzelnen Juden.“
Das Judentum ist grösser als die meisten Menschen, die man antrifft. Wenn man beurteilen will, was die Tora aus einem Menschen machen kann, dann soll man auf den Ba’al Schem Tov, auf den Gaon von Wilna, auf den Chafez Chajim, auf Rabbi Chajim Oser Grodzinski, auf den Chason Isch oder auf Rabbi Mosche Feinstein – wie überhaupt auf all unsere grossen Tora-Gelehrten – blicken.
Warum gerade sie?
Weil sie sich selbst „wie eine Wüste“ machten und gleichsam zu G-tt sagten:
„Verändere mich.“
Sie machten sich ‘leer’, offen und empfänglich, damit die Tora sie vollkommen durchdringen konnte.
Die meisten von uns gleichen jedoch eher jenen Städten. Wir sind oft nicht wirklich bereit, uns vollständig verändern zu lassen. Wenn wir die Tora annehmen, dann gewissermassen nur zu unseren eigenen Bedingungen.
Deshalb kann die Tora uns nicht vollkommen prägen – weil wir nicht bereit sind, uns gänzlich verändern zu lassen.
Darauf weisen unsere Weisen hin, wenn sie lehren, dass die Tora in einer Wüste gegeben wurde. Die Tora kann nur denjenigen wirklich verwandeln, der bereit ist, sich verwandeln zu lassen.
Wenn ein Mensch sich bei der Annahme der Tora „wie eine Wüste“ macht, dann kann er sich so weit verändern, dass G-tt über ihn sagen kann:
„Du bist Mein Diener, Israel, durch den Ich verherrlicht werde“ [Jeschajahu 49,3].
Wenn Menschen jedoch nicht bereit sind, sich offen und empfänglich zu machen – wie die Wüste -dann kann die Tora sie nicht völlig umgestalten. Deshalb erleben wir manchmal, dass Menschen hinter dem zurückbleiben, was wir eigentlich von ihnen erwartet hätten.
Quellen und Persönlichkeiten:
Midrasch Rabba (der grosse Midrasch): Grosse Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum TENACH der Tanna’im (Mischnagelehrten) und Amora’im (Talmudgelehrten).
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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