Der Etrog des Maggid von Slotschow
Lehrreiche Geschichte zu Sukkot 5787
Zu seiner Jahrzeit am 25. Elul 5546 / 18. September 1786
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
Bittere Armut war das Los des heiligen Rabbi Jechiel Michel von Slotschow, sein Verdienst möge uns schützen, während seines ganzen Lebens. Seine Chassidim und Vertrauten versuchten mehr als einmal, ihm zu helfen und ihn aus seiner schwierigen finanziellen Lage zu befreien. Doch Rabbi Jechiel Michel hatte die Armut freiwillig gewählt: Jede Münze, die in seine Hände gelangte, gab er für wohltätige Zwecke weiter.
So gingen im Laufe der Jahre Tausende Rubel durch seine Hände. Dennoch blieb niemals auch nur eine einzige Münze über Nacht bei ihm, ohne dass er sie an Arme verteilt hätte. Das war der Weg des G-ttesdienstes, den er für sich gewählt hatte. In inniger Verbundenheit mit dem Heiligen, gelobt sei Er, führte er dieses Leben mit Freude.
Eines Jahres, als der Vorabend von Sukkot näher rückte, bemerkten seine Chassidim einen Schatten der Sorge auf seinem sonst so strahlenden Gesicht. Es war ungewöhnlich, auf dem Antlitz des Zaddik Traurigkeit und Niedergeschlagenheit zu sehen. Seine Vertrauten fragten ihn deshalb, was ihn bedrücke, in der Hoffnung, ihm helfen zu können.
Rabbi Jechiel Michel antwortete, dass die Tage vergingen und das Sukkot-Fest immer näher rückte, er aber noch keinen schönen, besonders sorgfältig ausgewählten Etrog gefunden habe, über den er die Beracha sprechen könne.
Verlegen erklärten ihm die Chassidim, dass es in jenem Jahr in der ganzen Gegend von Slotschow äusserst schwer sei, überhaupt einen besonders schönen Etrog zu finden. Und selbst wenn es ihnen gelänge, einen solchen aufzutreiben, könnten man den Preis dafür kaum bezahlen: Gerade in diesem Jahr würden für einen solchen Etrog Unsummen von Geld verlangt.
Als der Zaddik das hörte, richtete er sich auf und rief aus tiefstem Herzen: «Soll ich wegen Geldmangels die Mizwa der Arba Minim (vier Arten) versäumen? Ich werde sogar meinen Hut und meinen Pelzmantel verkaufen, um vom Erlös einen schönen und besonders sorgfältig ausgewählten Etrog für Sukkot zu erwerben!»
Die Chassidim versuchten, ihren Rebben von diesem Vorhaben abzubringen. Sie versprachen ihm, einen Etrog zu besorgen, auch wenn dieser nicht von aussergewöhnlicher Schönheit sei. Doch der Zaddik wollte davon nichts hören. Entschlossen befahl er ihnen, nach einem schönen und besonders ausgewählten Etrog zu suchen, wie hoch dessen Preis auch sein möge. Die Chassidim machten sich sogleich auf den Weg.
In einer der Ortschaften nahe Slotschow lebte ein armer Jude, der seinen Lebensunterhalt nur mit Mühe verdiente. Einen wesentlichen Teil seines Einkommens erzielte er jedes Jahr im Monat Elul und anfangs Tischri durch einen kleinen Handel mit Etrogim. Von den wenigen Rubeln, die er damit einnahm, musste er seine Familie über das Jahr bringen.
In jenem Jahr war ein Etrog in seinen Besitz gelangt, wie er noch nie einen gesehen hatte. Er setzte seinen Preis auf dreihundert Silberrubel fest. Wer auch immer versuchte, mit ihm zu handeln, musste unverrichteter Dinge fortgehen. «Dreihundert Rubel», erklärte der Mann, «und keinen Kopeke weniger!» So blieb der Etrog in seiner Schublade liegen, denn bisher hatte niemand diesen hohen Preis bezahlen wollen.
Als die Chassidim von dem Etrog hörten, suchten sie den Händler auf und versuchten, mit ihm über den Preis zu verhandeln. Doch er blieb hart und wich auch nur um eine Kleinigkeit von seiner Forderung ab. Enttäuscht kehrten sie zum Rebben zurück. Sie berichteten ihm von dem prächtigen Etrog, nannten aber zugleich die unglaubliche Summe, die der arme Händler dafür verlangte: dreihundert Rubel.
Rabbi Jechiel Michel rief: «Warum habt ihr ihm nicht zugesagt, den Etrog zu kaufen? Ich werde ihm den Preis bis zur letzten Kopeke bezahlen! Habe ich euch nicht gesagt, dass ich alles verkaufen werde, was ich besitze, um für Sukkot einen schönen Etrog zu bekommen?» Er drängte die Chassidim, sofort zurückzukehren und den Kauf mit dem Händler zu vereinbaren. Er selbst werde das Geld in Kürze beschaffen und ihnen nachbringen, damit niemand anders ihnen den Etrog wegschnappe.
Rabbi Jechiel Michel besass ein kostbares Paar Tefillin, das er von seinem Vater, dem heiligen Rabbi Jizchak von Drohobytsch, geerbt hatte. Mehr als einmal hatten wohlhabende Juden ihm grosse Summen dafür geboten. Erst wenige Monate zuvor hatte ihm ein Mann sechshundert Rubel angeboten. Doch Rabbi Jechiel Michel, der am Geld nicht hing, hatte solche Angebote stets abgelehnt und nicht einmal davon hören wollen, die Tefillin zu verkaufen.
Nun erinnerte er sich, während er überlegte, wie er den Etrog bezahlen könnte, an jene Angebote. Er stieg auf einen Stuhl, holte die Tefillin aus ihrem Versteck und machte sich auf die Suche nach den Interessenten. Trotz seiner Bemühungen fand er nur einen von ihnen. Dieser war bereit, dreihundert Rubel zu bezahlen. Da Rabbi Jechiel Michel die anderen Interessenten nicht erreichen konnte, nahm er das Angebot freudig an. Unverzüglich machte er sich auf den Weg in die benachbarte Ortschaft, um den Etrog zu kaufen, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte.
Auf dem ganzen Weg schlug sein Herz vor Freude darüber, dass er die dreihundert Rubel hatte aufbringen können. Seine Freude steigerte sich noch, als er den Etrog endlich in seinen Händen hielt und ihn von allen Seiten liebevoll betrachtete. Er erschien ihm wie ein geschliffener Edelstein, der ein wohltuendes Licht verbreitete.
Auch auf dem Rückweg nach Slotschow, den Etrog sorgsam bei sich tragend, sang Rabbi Jechiel Michel Lieder des Lobes und des Dankes. Zu Hause versammelte er seine fünf Söhne um sich — die – wie bekannt – als die «fünf Bücher der Tora» bezeichnet wurden — und erzählte ihnen voller Begeisterung von dem aussergewöhnlichen Kauf, den er an diesem Tag getätigt hatte.
Seine Rebbezin hörte aus dem Nebenzimmer den ungewöhnlichen Jubel und kam hinzu, um zu sehen, was geschehen war. Einer der Söhne erzählte ihr von dem Etrog. Als sie erfuhr, dass ihr Mann dafür die von seinem Vater geerbten Tefillin verkauft und dreihundert Rubel ausgegeben hatte, wurde ihr schwarz vor Augen.
Sie trat mitten ins Zimmer und rief voller Schmerz: «Michel, sieh doch hin! Ich habe nicht einmal eine einzige Kopeke, um das Nötigste für das bevorstehende Sukkot-Fest zu besorgen. Und du hast dreihundert Rubel für einen Etrog ausgegeben!»
Sie beklagte ihre Lage und rang verzweifelt die Hände. In ihrer Erregung ergriff sie den Etrog, der auf dem Tisch in einen weichen Tuch gebettet lag, und biss seinen Pitom ab. Der Etrog war dahin…
Die Söhne erstarrten vor Schrecken. Der teure Etrog war für die Mizwa der Arba Minim untauglich geworden. Noch grösser war jedoch ihr Erstaunen, als sie sahen, wie ihr Vater aufstand und mitten im Raum in einen schwungvollen Tanz ausbrach.
Nach einigen Augenblicken hielt Rabbi Jechiel Michel inne, erhob seine Hände zum Himmel und rief aus tiefstem Herzen:
«Herr der Welt! Die Tefillin meines heiligen Vaters sind nicht mehr in meinem Besitz, und auch der schöne Etrog ist für die Mizwa unbrauchbar geworden. Nun versucht der böse Trieb auch noch, mich zum Zorn zu verleiten. Das soll ihm nicht gelingen!
Wenn dies Dein heiliger Wille ist, nehme ich es in Liebe an!»
Dann tanzte er mit aller Kraft weiter. Zu seiner Freude an der Mizwa war nun eine weitere Freude hinzugekommen: Er hatte den Zorn überwunden, der ihn angesichts der verkauften Tefillin und des zerstörten Etrogs zu erfassen drohte.
(aus dem Buch «Sman Simchatenu», Jerusalem 5758)
Quellen und Persönlichkeiten:
Der Maggid von Slotschow
Rabbi Jechiel Michel von Slotschow (1726–1786), bekannt als der „Maggid von Slotschow“, gehörte zu den bedeutenden Persönlichkeiten des frühen Chassidismus. Er wurde in Brody als Sohn des Zaddiks Rabbi Jizchok von Drohobitsch geboren. Sein Vater, der dem Ba’al Schem Tow zunächst ablehnend gegenüberstand, wurde später zu dessen Verehrer und schickte seinen Sohn zu ihm. Rabbi Jechiel Michel lernte mehrere Jahre beim Ba’al Schem Tow und wurde einer seiner herausragenden Schüler. Nach dessen Tod gehörte er zum Schülerkreis des Maggid von Mesritsch.
Er wirkte als Maggid – Prediger und geistiger Wegweiser – in verschiedenen Gemeinden, darunter Brody, Slotschow und Jampol in der heutigen Ukraine. Besonders bekannt war er für seine eindringlichen Deraschot (Predigten). Durch sein Wirken und seine Schüler trug er wesentlich zur Verbreitung des Chassidismus bei. Eigene Bücher verfasste er nicht; zahlreiche seiner Lehren wurden jedoch von seinen Söhnen und Schülern in deren Werken überliefert.
Seine fünf Söhne wurden ebenfalls bedeutende Tora-Gelehrte und chassidische Rebbes. In der chassidischen Überlieferung bezeichnete man sie als „fünf Zedern“ und brachte sie mit den fünf Büchern der Tora in Verbindung. Rabbi Jechiel Michel verschied am 25. Elul 5546 (18. September 1786) in Jampol.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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