Das haben wir schon erlebt – lernen wir daraus?
Rabbi Berel Wein zu den Paraschot Matot – Mass’ej 5786 (1. Artikel)
Mit den Paraschot Matot und Mass’ej endet weitgehend der erzählende Teil des Buches Bamidbar. Die Generation des Auszugs aus Ägypten und des Sinai ist nicht mehr. Auch das Schicksal Mosches ist besiegelt: Er wird das Land Israel nicht betreten. Damit jedoch die neue Generation und ihr neuer Führer, Jehoschua, erfolgreich sein können, ist ein Rückblick auf die Erfahrungen der vorangegangenen Generation unerlässlich.
Man kann sogar sagen, dass Paraschat Mass’ej, welche die einzelnen Lagerplätze und Stationen der Wüstenwanderung Israels aufzählt, bereits den Charakter des Buches Dewarim – der »Wiederholung der Tora« – trägt, in dem Mosche am Ende seines Lebens die Tora noch einmal zusammenfasst. Nur wer es weiss, welchen Weg er bereits zurückgelegt hat und welche Lehren er daraus gezogen hat, kann seinen weiteren Weg mit Zuversicht fortsetzen.
Auch wenn die Zukunft immer ungewiss bleibt, hilft die Kenntnis der Vergangenheit, unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Deshalb schildert die Tora so ausführlich, wo wir gewesen sind, wie wir dorthin gelangt sind und was wir auf diesem Weg erlebt haben. Sie tut dies in der Hoffnung, dass wir aus der Vergangenheit lernen und diese Erkenntnisse auf die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft anwenden.
Obwohl das jüdische Volk auf einen unermesslichen Schatz geschichtlicher Erfahrungen und weltweiter Erkenntnisse zurückblicken kann, fällt es ihm erstaunlicherweise oft schwer, die mühsam gewonnenen Lehren der Vergangenheit in sein gegenwärtiges Denken und Handeln einfliessen zu lassen.
Fehler wie die Förderung der Assimilation, der Glaube an utopische Lösungen für die Probleme der Menschheit und der Gesellschaft, ein naiver Pazifismus, mangelndes jüdisches Selbstbewusstsein sowie das Nachlaufen falscher Ideologien und Götzen wiederholen sich auch in unserer Zeit. Es ist, als wäre der lange Weg Israels mit all seinen Stationen vergessen, missverstanden oder bewusst verdrängt worden.
Auch wir könnten unsere eigene Paraschat Mass’ej schreiben – allein aus den Erfahrungen der letzten dreihundert Jahre jüdischer Geschichte. Wir täten gut daran, uns an das Scheitern der deutsch-jüdischen Assimilation des 19. Jahrhunderts zu erinnern, an die verheerenden Folgen, welche die jüdische Linke durch ihren blinden Glauben an die marxistische Ideologie mitverursacht hat, und an die Gleichgültigkeit, mit der die westliche Welt dem Leiden und der Verfolgung der Juden allzu oft begegnet ist.
Wenn wir uns an unsere eigenen »Mass’ej« erinnerten, könnten wir vielen der heute als neue Lösungen angepriesenen Ideen mit den Worten begegnen: »Das haben wir schon erlebt.« Wir sind nicht dazu bestimmt, die Fehler der Vergangenheit immer wieder zu wiederholen. Wenn wir jedoch die Lehren aus diesen Fehlern vergessen oder missachten, werden unsere gegenwärtigen und zukünftigen Probleme zwangsläufig grösser und schwerwiegender werden.
Jede Generation schreibt ihre eigene Paraschat Mass’ej – ihre eigene Geschichte des Weges, den sie gegangen ist. Ihre eigentliche Bedeutung entfaltet sich jedoch erst dann, wenn sie die Lehren der früheren »Mass’ej«-Abschnitte des jüdischen Volkes aufnimmt und verinnerlicht. Der Blick auf die Vergangenheit ist der verlässlichste Wegweiser für eine erfolgreiche Zukunft. Wer die Erfahrungen früherer Generationen ernst nimmt, besitzt die beste Voraussetzung, den eigenen Weg sicher und verantwortungsvoll fortzusetzen.
Schabbat Schalom!
Rabbi Berel Wein
Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.
Rabbi Berel Wein
Rabbi Berel Wein (geb. 1934 in Chicago, Illinois, USA; gest. 16. August 2025 in Jerusalem) war ein orthodoxer Rabbiner, Dozent, Historiker und Schriftsteller. Über mehr als vier Jahrzehnte prägte er die Vermittlung jüdischer Geschichte wie kaum ein anderer. Durch unzählige Vorträge, Schiurim, Bücher, Seminare, Bildungsreisen und zuletzt auch Dokumentarfilme machte er die Geschichte des jüdischen Volkes einem breiten Publikum zugänglich.
Rabbi Wein veröffentlichte zahlreiche Werke in englischer und hebräischer Sprache zur jüdischen Geschichte. Mit weit über tausend aufgezeichneten Schiurim, Zeitungsartikeln und Vorträgen erreichte er Hunderttausende von Menschen in aller Welt und weckte bei vielen ein neues Interesse an der Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes.
1977 gründete er die Jeschiwa Schaarei Torah in Suffern (New York) und wirkte dort bis 1997 als Rosch HaJeschiwa. Für seine außergewöhnlichen Verdienste um die Verbreitung der Tora und des Judentums wurde ihm vom Machon HaRav Frank in Jerusalem der Torah Prize Award verliehen.
Rabbi Berel Wein verstand es wie kaum ein anderer, Geschichte und Gegenwart miteinander zu verbinden. Mit großer Klarheit, Wärme und tiefem Glauben vermittelte er, dass die Geschichte des jüdischen Volkes weit mehr ist als eine Erinnerung an Vergangenes – sie ist Orientierung und Wegweisung für Gegenwart und Zukunft.
Unzählige Juden auf der ganzen Welt haben von seinem Wirken profitiert – sei es durch seine Tausenden von Schiurim und Vorträgen in Synagogen, Batej Midraschim, Schulen, Jeschiwot und Seminaren, durch seine zahlreichen Bücher und Artikel oder durch seine umfangreichen Audio- und Videoaufzeichnungen.
1997 übersiedelten Rabbi Wein und seine Ehefrau nach Jerusalem. Dort setzte er seine Lehr- und Schriftstellertätigkeit unvermindert fort und hielt regelmäßig Schiurim in der Jeschiwa Heichal HaTorah unter der Leitung des Gaon Rabbi Zvi Koshelevsky im Jerusalemer Stadtteil Har Nof.
Am 22. Aw 5785 / 16. August 2025 verstarb Rabbi Berel Wein im Alter von 91 Jahren. Seine Beisetzung fand am folgenden Tag in Jerusalem statt.
Sein Vermächtnis lebt in seinen Werken, seinen Schülern und den zahllosen Menschen weiter, die durch seine Lehren ein tieferes Verständnis für die Tora, die jüdische Geschichte und die Aufgabe des jüdischen Volkes gewonnen haben.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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