Aw / Paraschat Dewarim
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Dafür sind Freunde nicht da (Tisch’a beAw 5786)

Was bedeutet eigentlich „grundloser Hass"?

Dafür sind Freunde nicht da (Tisch’a beAw 5786)

Was bedeutet eigentlich „grundloser Hass"?
Foto: AI free sharing

Dafür sind Freunde nicht da

Rabbi Jochanan Zweig zu Tisch’a beAw 5786

mit Ergänzungen von S. Weinmann

Der Talmud nennt die Begebenheit um Kamza und Bar Kamza als den unmittelbaren Auslöser der Zerstörung Jerusalems.

Ein Mann veranstaltete ein Festmahl und beauftragte seinen Diener, seinen Freund Kamza einzuladen. Der Diener irrte sich jedoch und lud stattdessen Bar Kamza ein. Als der Gastgeber ihn unter seinen Gästen entdeckte, sagte er: „Dieser Mann ist der Feind jenes Mannes. Was tust du hier?“ Anschliessend liess er Bar Kamza vor den Augen aller Gäste hinauswerfen.

Der Talmud berichtet weiter, dass Bar Kamza sich für diese öffentliche Demütigung rächte, indem er die Juden bei den römischen Behörden verleumdete. Diese Ereignisse führten schliesslich zur Zerstörung Jerusalems und des Bejt HaMikdasch (Tempel) [Traktat Gittin 55b – 56a].

Unsere Weisen lehren, dass der Tempel wegen Sin’at Chinam – grundlosem Hass – zerstört wurde [Joma 9b]. Doch was bedeutet eigentlich „grundloser Hass“? Weshalb sollte ein Mensch einen anderen ohne jeden Grund hassen? Solange keine krankhafte Störung vorliegt, entsteht Hass doch gewöhnlich nicht aus dem Nichts.

Auch die Worte des Gastgebers verdienen eine genauere Betrachtung. Üblicherweise versteht man seine Aussage so, dass Bar Kamza sein persönlicher Feind gewesen sei. Doch weshalb spricht der Gastgeber dann in der dritten Person: „Dieser Mann ist der Feind jenes Mannes“? Warum sagt er nicht einfach: „Dieser Mann ist mein Feind“?

Wenn sein Verhalten tatsächlich ein Beispiel für Sin’at Chinam – grundlosen Hass – sein soll, weshalb reagiert er dann nicht spontan und emotional, sondern auffallend nüchtern und beinahe sachlich?

Schliesslich stellt sich noch eine weitere Frage: Warum machen unsere Weisen ausgerechnet Kamza und Bar Kamza für die Zerstörung Jerusalems verantwortlich? Müsste die Hauptverantwortung nicht vielmehr beim Gastgeber liegen, der Bar Kamza öffentlich demütigte?

Normalerweise entwickelt ein Mensch Hass gegen jemanden, wenn er sich von ihm verletzt fühlt oder glaubt, dieser habe ihm etwas genommen, das ihm selbst zusteht. Es gibt jedoch eine andere Form des Hasses, die jüdische Gemeinden seit jeher immer wieder gespalten hat.

Manche Menschen erwarten, dass ihre Freunde auch ihre Feinde zu Feinden machen. Wer mit meinem Gegner verkehrt, gilt als Verräter. Von einem wahren Freund wird erwartet, dass er dieselbe Abneigung empfindet, wie ich – nicht, weil der andere ihm persönlich etwas angetan hätte – sondern allein deshalb, weil ich ihn ablehne.

Genau das ist Sin’at Chinam – grundloser Hass.

Vor diesem Hintergrund erhält die talmudische Erzählung eine neue Bedeutung. Der Gastgeber sagt nicht: „Dieser Mann ist mein Feind“, sondern: „Dieser Mann (Bar Kamza) ist der Feind jenes Mannes (Kamza).“ Er spricht also von seinem Freund Kamza. Deshalb reagiert er nicht aus persönlicher Wut, sondern aus einer fehlgeleiteten Loyalität: Wenn Bar Kamza der Feind seines Freundes Kamza ist, dann, so meint er, müsse auch er Bar Kamza ablehnen.

Darin liegt die eigentliche Tragik. Der Gastgeber übernimmt einen fremden Konflikt und macht ihn zu seinem eigenen. Nicht persönliches Unrecht bestimmt sein Verhalten, sondern die irrige Vorstellung, wahre Freundschaft verlange, die Feindschaften eines anderen zu teilen.

Aus diesem Grund macht der Talmud gerade den Streit zwischen Kamza und Bar Kamza für die Zerstörung Jerusalems mitverantwortlich. Nicht allein ihre Feindschaft war verhängnisvoll, sondern die Erwartung, dass auch andere Partei ergreifen und sich diesem Hass anschliessen müssten. So breitete sich Sinat Chinam – grundloser Hass – aus und vergiftete das gesellschaftliche Klima.

Die Lehre daraus ist von zeitloser Aktualität. Wahre Freundschaft bedeutet nicht, die Feindschaften anderer zu übernehmen. Treue verlangt nicht, jemanden zu hassen, nur weil ein Freund ihn ablehnt. Im Gegenteil: Frieden entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich nicht von fremdem Groll anstecken zu lassen.

Gerade während der „Drei Trauerwochen“, die mit „Tisch’a beAw“ ihren Höhepunkt erreichen, gedenken wir der Zerstörung des „Bejt HaMikdasch“ und ihrer Ursachen. Die Geschichte von Kamza und Bar Kamza erinnert uns daran, dass der Wiederaufbau nicht erst mit Steinen beginnt, sondern mit unserem Verhalten gegenüber dem Mitmenschen – mit Respekt, gegenseitigem Verständnis und der Bereitschaft, Brücken zu bauen, statt Gräben zu vertiefen.

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Rabbi Jochanan Zweig – Zur Person

Rabbi Jochanan Zweig (geb. 1942) inspiriert seit über fünf Jahrzehnten Tausende von Menschen mit seinen brillanten, tiefgründigen und zugleich praxisnahen Schiurim und Vorträgen. Sein klarer, analytischer Lehrstil fordert sowohl junge als auch erwachsene Schüler heraus und vermittelt ihnen ein tieferes Verständnis der Tora sowie eine grössere Wertschätzung für ihre zeitlose Weisheit.

Rabbi Jochanan Zweig erhielt seine rabbinische Ausbildung am Ner Israel Rabbinical College in Baltimore. Dort wurde er von Rav Ja’akow Jitzchak Ruderman, s.A., und Rav Ja’akow Weinberg, s.A., mit den Semichot Joreh Joreh und Jadin Jadin ordiniert. Anschließend wirkte er fünf Jahre lang als Rosch Jeschiwa und Rosch Kollel am Bejt HaTalmud in Jerusalem, bevor er 1974 nach Miami Beach (Florida) übersiedelte.

Dort gründete er die Talmudic University of Florida / Yeshiva v’Kollel Beis Moshe Chaim – Alfred and Sadye Swire College of Judaic Studies.

Was mit einem Bejt Midrasch für zehn Studenten begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer der grössten Jeschiwot und Kollelim im Südosten der Vereinigten Staaten.

Rabbi Zweig ist ein international geschätzter Lehrer und Redner. In den vergangenen Jahrzehnten hielt er Vorträge und Schiurim in mehr als fünfzig Städten weltweit.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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