Siwan / Paraschat Beha’alotecha
Siwan / Paraschat Beha’alotecha

Der Monat Tammus – 1. Teil

Der Monat Tammus – 1. Teil

Der Monat Tammus – 1. Teil

(Aus Sefer Hatoda’a / Das Jüdische Jahr. Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann)

1. Der vierte Monat des Jahres / Sternzeichen Krebs

2. Der dritte Tammus

3. Der neunte Tammus

1. Der vierte Monat des Jahres – Sternzeichen Krebs

Der Monat Tammus ist der vierte Monat des jüdischen Jahres, wenn man die Monate – wie die Tora es tut – von Nissan an zählt. Dementsprechend wird er in der Tora schlicht als „der vierte Monat“ bezeichnet.

Wie die anderen Monatsnamen des jüdischen Kalenders stammt auch der Name Tammus aus dem Babylonischen und wurde während des babylonischen Exils übernommen. Seine Herkunft wird mit einem heidnischen Kult in Verbindung gebracht, der bereits im Buch des Propheten Jecheskel (Ezekiel) erwähnt wird:

“…wehinej scham haNaschim joschwot mewakkot et haTammus” -…und siehe, dort sassen die Frauen, beweinend den Tammus (Jecheskel 8, 14).“

Dass dieser Name trotz seiner Verbindung zu einem Götzenkult beibehalten wurde, wird von einigen Kommentatoren als Mahnung verstanden: Er erinnert an die geistigen Verfehlungen, die letztlich zur Zerstörung des Tempels beitrugen. Der Prophet beschreibt, wie sich Menschen, speziell Frauen – sogar in der Nähe des Heiligtums – von fremden Kulten beeinflussen liessen und ihnen huldigten.

Rosch Chodesch Tammus wird stets an zwei Tagen begangen, da der vorausgehende Monat Siwan immer dreissig Tage zählt. Der erste Tag von Rosch Chodesch gehört somit noch zum Monat Siwan, während der zweite Tag bereits den Beginn von Tammus markiert.

Tammus selbst ist immer ein sogenannter „unvollständiger Monat“ (Chodesch chasser) und umfasst stets 29 Tage. Daher wird der folgende Monat Aw mit nur einem Tag Rosch Chodesch begonnen.

Das Sternzeichen des Monats Tammus ist der Krebs (Sartan). Nach alter Überlieferung steht dieses Sternbild mit der Jahreszeit in Verbindung, da sich die Wasserkrebse während der heissen Sommermonate besonders stark vermehren.

Im Sohar Hakadosch wird erwähnt, dass die Monate Tammus und Aw eine Zeit erhöhter spiritueller Gefährdung darstellen. Dort heisst es:

“Aschrej ha’Isch sche’soche lehinnazel mehem… – „Wohl dem Menschen, der es verdient, der Gefahr dieser Zeit zu entrinnen.“ (Sohar, Ergänzungen zu Schemot, S. 275, Sohar Chadasch Jitro, S. 51)

Tatsächlich beginnt im Tammus die Periode der „Bejn haMezarim“, der „drei Wochen“ zwischen dem 17. Tammus und Tisha B’Av, in denen wir der Zerstörung der beiden Batej Mikdasch (Tempel) gedenken. Daher trägt dieser Monat trotz seiner sommerlichen Schönheit einen ernsten und nachdenklichen Charakter.

2. Der dritte Tammus

An einem Freitag, dem dritten Tag des Monats Tammus, liess Jehoschua die Sonne und den Mond stillstehen, damit er den Krieg gegen die Feinde Israels zu Ende führen konnte. Darüber berichtet der Tanach [Jehoschua 10,12]:

“…wajomer leEjnej Jisrael Schemesch beGgiw’on dom weJare’ach beEmek Ajalon!‘“

„Da sprach Jehoschua vor den Augen Israels:

„Sonne, stehe still über Giw’on,
und Mond, über dem Tal von Ajalon!‘“

Unsere Weisen lehren, dass Sonne und Mond auf sein Gebot hin stillstanden, sodass sich der Tag auf wundersame Weise verlängerte. Dadurch erhielt das jüdische Heer genügend Zeit, den Kampf erfolgreich zu Ende zu führen und den Sieg zu vollenden. Nach einer der überlieferten Auffassungen dauerte dieses Wunder insgesamt 36 Stunden lang, und zählt zu den grössten offenbaren Wundern der Geschichte des jüdischen Volkes.

 

3. Der 9. Tammus

Der Durchbruch der Stadtmauern

Bei der Zerstörung des Zweiten Tempels wurden die Mauern von Jeruschalajim am siebzehnten Tammus durchbrochen. An diesem Tag stürmten Titus und seine Truppen die Stadt. Bei der Zerstörung des Ersten Tempels in den Tagen des Königs Zidkijahu erfolgte der Durchbruch jedoch bereits am neunten des Monats. So heisst es bei Jirmijahu [52,6-7]:

„Im vierten Monat (Tamus), am neunten des Monats, wurde die Hungersnot in der Stadt so schwer, dass für die Bevölkerung kein Brot mehr vorhanden war. Da wurde die Stadtmauer durchbrochen, und alle Krieger flohen und verliessen die Stadt bei Nacht …“

Es stellt sich die Frage: Warum fasten wir am siebzehnten Tammus und nicht am neunten?

Darauf antworten sowohl der Tur als auch der Schulchan Aruch (Orach Chajim 549:2), dass der siebzehnte Tammus für uns von grösserer Bedeutung ist, weil die Katastrophe des Zweiten Tempels bis in unsere Zeit nachwirkt und wir unter den Folgen bis heute leiden.

Es stellt sich jedoch eine weitere Frage: Weshalb wurden nicht zwei Fasttage festgelegt – einer am neunten und einer am siebzehnten Tammus?

Darauf antwortet die Mischna Berura (549:4), dass zwei nahezu aufeinanderfolgende Fasttage für die Gemeinde eine zu grosse Belastung gewesen wären.

Im Talmud Jeruschalmi (Traktat Ta’anit 4,5) findet sich jedoch eine andere Erklärung. Dort wird gesagt, dass die Mauern von Jeruschalajim auch bei der Zerstörung des Ersten Tempels tatsächlich am siebzehnten Tammus durchbrochen wurden. Aufgrund der furchtbaren Leiden und der grossen Verwirrung jener Zeit gerieten jedoch die Aufzeichnungen durcheinander, sodass man meinte, der Durchbruch sei bereits am neunten Tammus erfolgt.

Obwohl der Ewige und auch der Prophet Jirmijahu die wahre Begebenheit kannten, liess Haschem den Propheten dennoch den neunten Tammus niederschreiben, weil dies der Auffassung des Volkes entsprach. Dadurch wollte Er zum Ausdruck bringen, dass Er mit Seinem Volk litt – gleichsam so, als wäre auch Seine eigene Berechnung durch das unermessliche Leid Israels verwirrt worden.

Dies ist eine geradezu unfassbare Aussage!

Der Jeruschalmi veranschaulicht dies durch folgendes Gleichnis:

Ein König sass über seinen Berechnungen. Da brachte man ihm die Nachricht: „Dein Sohn ist in Gefangenschaft geraten!“ Durch den Schmerz wurde er verwirrt, seine Berechnungen gerieten durcheinander, und er sagte: „Von diesem Zeitpunkt an soll die Zählung neu beginnen.“

(Talmud Jeruschalmi, Ta’anit 4,5)

Die Tossafot (zu Rosch Haschana 18b) erklären:

„Weil sie sich infolge ihres Leides in der Berechnung irrten, wollte die Schrift von ihrer Auffassung nicht abweichen.“

Dadurch wird die Grösse ihres Leidens und die tiefe Verbundenheit des Ewigen mit Seinem Volk eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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