Verfasst vom bekannten Schriftsteller Rav Jair Weinstock, übersetzt von S. Weinmann
Eine wunderbare Begebenheit über den heiligen
Rabbi Chajim Halberstamm von Sanz,
«der Sanzer Rav»
den Verfasser der Werke Divrej Chajim, der zu den grössten Führern des europäischen Judentums seiner Generation gehörte.
150 Jahre seit seinem Ableben
verschieden am 25. Nissan 5636 (19. April 1876)
Die rätselhafte Trauungszeremonie
Der heilige Verfasser des Divrej Chajim aus Sanz erschütterte seine Zeitgenossen gleichermassen durch seine überragende Gelehrsamkeit wie durch seine erhabene Frömmigkeit. Sein Gebetsdienst war weithin berühmt. Ein loderndes Feuer brannte in ihm im Dienst des Schöpfers, ja sein grösster Wunsch war es sogar, für die Heiligung des g-ttlichen Namens zu sterben.
Zugleich war er als einer der grössten Wohltäter seiner Generation bekannt. Sein tiefes Mitgefühl für jeden Armen und Bedürftigen, seine beispiellose Grosszügigkeit in der Wohltätigkeit sowie seine aussergewöhnliche Bescheidenheit waren nur einige wenige Facetten seiner nahezu engelhaften Persönlichkeit.
Während seiner neunundsiebzig Lebensjahre prägte dieser ehrfurchtgebietende Zaddik nicht nur seine Generation, sondern auch die nachfolgenden – weit über die Grenzen Galiziens hinaus, wo er lebte.
In seinen späteren Jahren pflegte er zu sagen:
„In meiner Jugend dachte ich, ich würde die ganze Welt verbessern. Heute sage ich: Möge es mir wenigstens gelingen, mich selbst zu verbessern.“
Und doch scheute er selbst im hohen Alter keine beschwerlichen Reisen, um Breschen in den Mauern des Judentums zu schliessen.
Zu jener Zeit breitete sich die liberale Bewegung wie ein Feuer aus und drohte das geistige Fundament des Judentums und seiner Gemeinden zu erschüttern. In Ungarn nagten die Neologen an den Grundfesten der orthodoxen Gemeinschaften. Die geistige Verwüstung war erschütternd, und viele der besten Kindern Israels wurden von dieser Strömung fortgerissen.
Die einfachen Juden standen dem machtlos gegenüber. Doch die Führer der Generation konnten nicht tatenlos zusehen, wie das Heilige preisgegeben wurde.
Als der ‘Divrej Chajim’ diese geistige Katastrophe erkannte, konnte er nicht untätig bleiben. Er gürtete sich wie ein Held und brach zu einer langen Reise nach Ungarn auf, um dort mit ganzer Kraft gegen diese verhängnisvolle Entwicklung anzukämpfen.
Und tatsächlich: Auf dieser Reise bewirkte er Grosses unter seinen jüdischen Brüdern. Für die Ehre des Himmels ging er über alle Grenzen hinaus, vollbrachte grosse Wunder und zeigte den rechtschaffenen Juden, dass Haschem der wahre G-tt ist. Auf diese Weise rettete er unzählige Juden vor dem geistigen Abgrund.
Sein Erfolg war so gewaltig, dass er am Ende seiner Reise sagte, er habe „eine Grenze überschritten“ – im doppelten Sinne. Die Kräfte der Unreinheit (der Satan) würden sich dafür noch an ihm rächen, nur wisse er nicht, auf welche Weise.
Tatsächlich erfüllte sich diese Vorahnung: Sein heiliger Sohn Rabbi Meir Natan, ein junger Gelehrter, verstarb in jungen Jahren und hinterliess einen kleinen Waisen – den später berühmten Rabbi Schlomo von Bobov, der unter der Obhut seines heiligen Grossvaters aufwuchs.
Eine ungewöhnliche Bitte
Während seines Aufenthalts in Ungarn trat eines Tages ein Jude mit einer freudigen Nachricht an ihn heran:
Er stehe kurz davor, seine Tochter zu verheiraten, und es wäre ihm eine grosse Ehre, wenn der Rabbi die Trauung vollziehen würde.
Zunächst lehnte der Rabbi ab.
„Verzeih mir“, sagte er, „doch das ist nicht meine Gewohnheit.“
Der Mann war tief enttäuscht – es schien, als könne er diesen Schmerz kaum ertragen.
Der ‘Divrej Chajim’ blickte ihn lange und durchdringend an – und sagte schließlich:
„Gut. Ich habe meine Meinung geändert. Ich werde die Trauung deiner Tochter vollziehen.“
Der Vater war überglücklich. Er nannte dem Rabbi den Termin der Hochzeit und erklärte, dass man eine Kutsche schicken werde, um ihn abzuholen.
Die Hochzeit
Männer, Frauen und Kinder versammelten sich im Hof der Synagoge. Musiker spielten die ergreifende Melodie der Chuppa. Der Bräutigam stand unter dem bestickten Samtbaldachin, die Augen geschlossen in inniger Andacht, während seine Lippen leise Bitten und Gebete murmelten.
Nach und nach erschien auch die Braut. Ihr Gesicht war von einem weissen Schleier verhüllt; von beiden Seiten wurde sie von ihrer Mutter und der Mutter des Bräutigams gestützt. Den Saum ihres cremefarbenen Kleides hielten zwei junge Brautjungfern, ebenfalls in glänzende Seide gekleidet.
Die Erregung in der Menge wuchs spürbar. Viele waren gekommen, um an der Freude teilzuhaben – und nicht zuletzt, um dieses seltene Ereignis mitzuerleben.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht:
Der heilige Rabbi Chajim aus Sanz würde persönlich unter der Chuppa stehen und die Trauung vollziehen.
Von Augenblick zu Augenblick schwoll die Menge an. Alle wollten den Zaddik sehen. Eine gespannte Erwartung lag in der Luft, als der ehrwürdige „Divrej Chajim“ die Chuppa betrat. Die Menschen drängten sich dicht um ihn – und doch senkte sich ohne jedes Zeichen, ohne jede Aufforderung, eine vollkommene Stille über die Menge.
Der Zaddik erhob den Weinkelch, um mit dem Segen von „Bore Peri HaGafen“ zu beginnen.
Mit dem Becher in der Hand schloss er die Augen. Sein Gesicht glühte – wie von innerem Feuer durchdrungen. Doch er sprach nicht.
Sekunden vergingen. Dann Minuten.
Er verharrte reglos.
Die Anwesenden flüsterten in Gedanken:
Sicher vertieft sich der Rabbi jetzt in hohe Kawanot, in tiefen mystische Gedanken vor der Trauung…
Doch die Zeit dehnte sich weiter.
Sein Antlitz glühte immer stärker, und doch blieb er schweigend stehen.
Die Zeit verging.
Fünfzehn Minuten…
Zwanzig Minuten…
Eine feine, kaum wahrnehmbare Unruhe durchzog die Menge – und doch blieb es vollkommen still; niemand wagte auch nur ein Flüstern.
Plötzlich geschah etwas Unerwartetes.
Der Rabbi reichte den gefüllten Becher einem der Umstehenden und deutete mit einer Handbewegung dem Vater der Braut, zu ihm hinzutreten.
Er führte ihn beiseite, in eine Ecke – während der Vater des Bräutigams das Geschehen völlig ratlos verfolgte.
Die merkwürdigen Fragen
Ist vielleicht etwas geschehen?“ fragte der Vater der Braut leise und beunruhigt.
„Warum verzögert der Rabbi den Segen?“
Doch der Rabbi schien seine Frage nicht zu hören.
Stattdessen wandte er sich ihm mit einer völlig unerwarteten Frage zu:
„Sag mir – hast du ausser dieser Tochter noch weitere Kinder?“
Die Frage traf den Vater der Braut wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Für einen Moment glaubte er, sich verhört zu haben.
Was hatte diese Frage – gerade jetzt, in diesem entscheidenden Moment – mit der Trauung zu tun?
Doch er wusste:
Dem Wort des Zaddik widerspricht man nicht.
„Ja“, antwortete er zögernd, „der Ewige hat mir noch weitere Kinder geschenkt…“
Und beinahe flehend fügte er hinzu:
„Wenn der Rabbi vielleicht – mit Verlaub – mit den Segenssprüchen beginnen könnte…“
Sein Blick glitt verlegen zur wartenden Menge, als wollte er mehr andeuten, als er zu sagen wagte.
Doch der Rabbi liess sich nicht beirren.
Mit ernster Stimme fragte er weiter:
„Wie viele Söhne und Töchter hast du?“
Der Vater antwortete hastig:
„Zwei ältere Söhne und noch zwei jüngere Kinder.“
„Und ihre Namen?“
Er nannte sie – nun deutlich unruhig.
In ihm wuchs das Unverständnis:
Warum diese seltsame Befragung, die eine ganze Gemeinde aufhielt?
Vielleicht – so hoffte er – würde der Rabbi nun endlich zum eigentlichen Vollzug der Trauung schreiten.
Doch das Gegenteil geschah.
Der Kelch blieb weiterhin in fremder Hand, und der Rabbi fragte, nun mit scharfem, durchdringendem Blick:
„Und ausser diesen – hast du keine weiteren Kinder?“
Nun war die Geduld des Vaters erschöpft.
„Eure Ehrwürden…“ sagte er, sichtbar erregt, und deutete auf die wartende Menge.
„Seht doch, wie viele Menschen hier stehen und warten! Warum sollen sie alle aufgehalten werden? Kann man dieses Gespräch nicht auf später verschieben? Nach der Chuppa werde ich Euch alles in Ruhe erzählen…“
Die Augen des „Divrej Chajim“ blitzten.
Sein Blick durchbohrte den Mann – und liess ihn erstarren.
„Antworte mir“, sagte er ruhig, aber mit unmissverständlicher Entschiedenheit, „auf das, was ich dich gefragt habe.“
Tief erschüttert von diesem Blick, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte, antwortete der Vater leise:
„Doch… ich hatte noch einen Sohn. Er wurde vor vielen Jahren geboren – aber er ist verschwunden.“
Der Rabbi fragte, mit ernster Miene:
„Was ist mit ihm geschehen?“
Der Mann erkannte, dass es kein Ausweichen mehr gab.
Mit einem verzweifelten Blick auf die unruhig gewordene Menge begann er, widerwillig in jene schmerzvolle Begebenheit zurückzukehren…
Die tragische Geschichte
Da erzählte der Mann eine erschütternde Geschichte:
Es war an einem heissen Sommertag. „Wie viele andere suchten auch wir an solchen heissen Sommertagen Abkühlung im nahegelegenen Fluss, um für ein paar Stunden der drückenden Hitze zu entfliehen – und im kühlen Wasser zu planschen.
An jenem Tag brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Die Hitze wurde zu einer quälenden Last, und nichts, was wir versuchten, brachte wirkliche Linderung. Die Kinder klammerten sich an mich und riefen: ‚Papa, Papa – nimm uns zum Fluss!‘
In Wahrheit war es tatsächlich die beste Lösung. Ich hatte jedoch einen kleinen Sohn, ein zartes, fünfjähriges Kind, das ich bislang nie mitgenommen hatte. Diesmal aber liess er nicht locker. Mit aller Kraft flehte er, ebenfalls mitkommen zu dürfen. Auch meine Frau konnte dem herzzerreissenden Weinen nicht widerstehen – und willigte schliesslich ein.
Sein freudiger Jubel und sein unbeschwertes Lachen begleiteten uns auf dem Weg zum Fluss.
Der Kleine war ausser sich vor Aufregung. Ununterbrochen redete er und erzählte voller Stolz von seinen angeblichen Schwimmkünsten. Seine Geschwister machten sich über ihn lustig:
‚Wo hast du denn schwimmen gelernt – in der Badewanne?‘
Doch er liess sich nicht beirren und versprach entschlossen, uns allen das Gegenteil zu beweisen.
Als wir fast den Fluss erreichten, rief er laut vor Freude und rannte los. Bald schon wurden auch seine Geschwister von seiner Begeisterung angesteckt und stürmten hinter ihm her.
Innerhalb weniger Augenblicke planschten alle drei im Wasser, sprangen, lachten und tobten. Und tatsächlich – der Kleine hatte nicht übertrieben: Ohne je Unterricht gehabt zu haben, bewegte er seine kleinen Arme und Beine mit erstaunlicher Geschicklichkeit und schwamm wie ein Fisch vor unseren Augen.
Ich ermahnte die Älteren, gut auf ihn aufzupassen, und sie hielten sich daran. Sie schwammen um ihn herum, veranstalteten kleine Wettkämpfe, und er zeigte dabei eine erstaunliche Gewandtheit.
Ich lag am Ufer auf den Kieseln, sah ihnen lächelnd zu. Das kühle Wasser umspülte meinen Körper und brachte wohltuende Erleichterung. Ohne es zu merken, fielen mir die Augen zu…
Kinder sind Kinder. Nach einiger Zeit, ganz im Spiel versunken, vergassen sie meine Warnung und entfernten sich vom Ufer. Es schien zunächst kein Grund zur Sorge zu bestehen – der Fluss war ruhig, viele Menschen badeten darin.
Als ich wieder aufstand, um nach ihnen zu sehen, bemerkte ich, dass viele Badegäste bereits gingen. Ich suchte nach meinen Kindern – doch ich fand sie nicht.
Unruhe ergriff mich. Ich fragte die Umstehenden, doch sie winkten nur ab: ‚Warum sorgst du dich? Hier passiert doch nichts.‘
Aber mein Herz fand keine Ruhe.
Ich begann, den Fluss entlang zuschwimmen, die Hand schützend über den Augen gegen die grelle Sonne gelegt, und rief laut ihre Namen.
Nach langen, bangen Minuten sah ich endlich vertraute Köpfe aus dem Wasser auftauchen – ich atmete auf. Doch im nächsten Augenblick erstarrte ich:
Mein jüngster Sohn war nicht bei ihnen.
Wir suchten – verzweifelt, unermüdlich. Doch vergebens.
Später stellte sich heraus, dass die Kinder ein Wettrennen vereinbart hatten: Wer zuerst den Pflaumenbaum hinter der Flussbiegung erreicht. Der Kleine war offenbar weiter hinausgeschwommen, seine Kräfte liessen nach, und die Strömung riss ihn fort.
Wir suchten bis zum Abend. Aber wir fanden ihn nicht.
Er ist nie zurückgekehrt.
Wir mussten begreifen, dass er in den Fluten umgekommen war. Wir sassen ‘Schiw’a’ (sieben Trauertage), weinten und trauerten lange um ihn.“
Der Vater der Braut verstummte.
Doch kaum hatte er seine erschütternde Geschichte beendet, kehrte er hastig in die Gegenwart zurück. Die Unruhe der Menge war bereits deutlich spürbar.
‘Wenn die Chuppa nicht sofort beginnen würde, würden die Menschen auseinandergehen – sie waren gekommen, um zu feiern, nicht um endlos zu warten’!
Auch Braut und Bräutigam blickten verwundert und zunehmend besorgt auf die ungewöhnliche Verzögerung.
Die zweite Befragung
Doch der heilige Rebbe schien weder den missmutigen Gesichtsausdruck des Brautvaters noch die wachsende Ungeduld der Menge wahrzunehmen. Die angespannte Atmosphäre um ihn herum liess er völlig unbeachtet.
Stattdessen wandte er sich an seinen Schamasch (Gehilfen) und bat ihn, den Vater des Bräutigams ebenfalls zu sich zu rufen – in jene Ecke, in der er bereits mit dem Brautvater stand.
Der Mann kam – sichtbar erregt und innerlich aufgebracht über die unerträgliche Verzögerung. Nur aus Respekt vor dem Rebbe und der Würde des Anlasses beherrschte er sich. Immer wieder blickte er auf seine Uhr, als wolle er sagen:
„Wie lange noch…?“
Rabbi Chajim von Sanz nahm auch ihn beiseite – und begann, ihn zu befragen, genauso, wie zuvor den Vater der Braut.
Mit ruhiger, aber durchdringender Stimme fragte er:
„Sag mir – hast du ausser diesem Sohn noch weitere Kinder? Und wenn ja – wie viele?“
Der Mann antwortete knapp, fast aufgebracht:
„Was haben wir gesündigt, dass unsere Freude so aufgehalten wird?“
Doch der Rebbe ging auf seine Worte nicht ein. Sein Blick durchdrang ihn.
„Sind alle Kinder deine?“
„Was ist das für eine Frage?“ entgegnete der Mann, nun deutlich erregt. „Natürlich sind sie alle meine!“
Doch der Rebbe liess nicht nach. Sein Blick wurde noch schärfer.
„Sprich die Wahrheit.“
Da begann der Mann zu stocken. Die Sicherheit wich aus seiner Stimme.
„Warum… warum bringt mich der Rebbe in Verlegenheit…?“
Einen Moment schwieg er – dann brach es aus ihm heraus:
„Es stimmt… Ein Sohn ist nicht mein eigener. Und das ist… der Bräutigam, der jetzt unter der Chuppa steht.“
Der Blick des Rebbe liess keinen Zweifel: Er musste weitersprechen.
Und so erzählte der Mann:
„An einem heissen Sommertag ging ich zum Fluss, um mich abzukühlen. Ich schwamm eine Weile – da sah ich plötzlich etwas im Wasser treiben. Zuerst dachte ich, es sei Einbildung… doch dann erkannte ich: Es war der kleine Körper eines Kindes.
Mit aller Kraft zog ich ihn aus dem Wasser und legte ihn ans Ufer. Ich war sicher, er sei tot – doch plötzlich sah ich eine leichte Bewegung… Ich begann sofort, ihn zu beatmen, lange Zeit, bis er Wasser ausspie und wieder zu atmen begann.
Er blieb jedoch bewusstlos.
Ich brachte ihn nach Hause. Wir pflegten ihn viele Tage, bis er schliesslich erwachte. Der Junge hatte jedoch sein Gedächtnis verloren. Er erinnerte sich an nichts – nicht einmal an seinen eigenen Namen.
Ich liess überall verkünden, dass ich ein Kind gefunden hatte – aber niemand kam, um es zu holen.
So nahm ich ihn als meinen eigenen Sohn auf…“ Wir adoptierten ihn.
Die entscheidende Entdeckung
Ein tiefer Moment der Stille lag in der Luft.
Da wandte sich Rabbi Chajim erneut an den Vater der Braut:
„Sag mir – hatte dein Sohn ein besonderes Erkennungszeichen? Ein Muttermal vielleicht?“
Der Mann rang mit seiner Erinnerung. Die Jahre hatten vieles verwischt. Doch plötzlich hellte sich sein Gesicht auf:
„Ja…! Jetzt erinnere ich mich!
An der Innenseite seines rechten Beines – nahe der Kniebeuge – hatte er ein auffälliges, rötliches Mal, leicht erhöht… man konnte es fühlen.“
Schnell wurde der sichtlich verlegene Bräutigam zur Seite geführt. Auf Anweisung des Rebbe krempelte er sein rechtes Hosenbein über das Knie hinauf.
Und da – vor den fassungslosen Augen des Brautvaters, des Bräutigams und der Umstehenden – erschien es:
Mitten in der Kniebeuge, deutlich erkennbar – jenes leicht erhöhte, rötliche Mal.
Ein Moment bebender Stille.
Dann wurde allen klar, was geschehen war.
Das Ergebnis
Die Hochzeit wurde sofort abgesagt
Die Menge zerstreute sich.
Das festlich bereitete Mahl wurde an die Armen verteilt…
Im Himmel hatte man gewacht.
Durch g-ttliche Fügung war verhindert worden, dass Bruder und Schwester einander heirateten.
Dieses erschütternde Geschehen prägte sich unauslöschlich in die Herzen aller Anwesenden ein. Noch viele Jahre später erzählte man in Ungarn mit ehrfürchtigem Staunen, wie der heilige „Divrej Chajim“ von Sanz – mit der Reinheit seiner Seele und der Klarheit seines Blickes – eine verbotene Verbindung verhindert hatte.
Und der Zaddik selbst sagte später:
Alle Mühen meiner Reise nach Ungarn – und sogar die Opfer, die ich gebracht habe – hätten sich gelohnt, wenn ich dadurch auch nur einen jüdischen Sohn und eine jüdische Tochter vor einer verbotenen Ehe retten konnte.“
Der Kern der Geschichte
Und hier, liebe Leser, liegt der eigentliche Kern der Geschichte.
Man hätte denken können:
Eine Hochzeit wird abgesagt.
Ein grosser Schmerz.
Eine peinliche, ja erschütternde Situation vor aller Öffentlichkeit.
Aber in Wahrheit geschah hier etwas ganz anderes.
In genau diesem Moment wurde sichtbar,
dass der Ewige sein Volk keinen Augenblick aus den Augen verliert.
Jahre zuvor – ein kleiner Junge wird von den Fluten eines Flusses fortgerissen.
Alles scheint verloren.
Die Eltern sitzen Schiw’a.
Für sie ist die Geschichte zu Ende.
Und doch – im Verborgenen – beginnt Haschem, die Fäden zu ziehen.
Ein anderer Jude findet das Kind.
Er rettet es.
Er zieht es gross – ohne zu wissen, wen er vor sich hat.
Jahre vergehen.
Welten trennen sich.
Niemand sieht den Zusammenhang.
Bis zu diesem einen Moment unter der Chuppa.
Bis der Zaddik innehält.
Bis er „zufällig“ Fragen stellt.
Bis ein verborgenes Detail ans Licht kommt.
Und plötzlich begreifen wir:
Es gibt keinen Zufall.
Es gibt kein „Verloren“.
Es gibt kein „Haschem hat uns vergessen“.
Auch wenn wir im „Fluss“ stehen,
auch wenn wir fortgerissen werden,
auch wenn alles dunkel erscheint –
der Ewige führt jede einzelne Seele,
jeden Schritt,
jede Begegnung.
Und manchmal – erst viele Jahre später –
öffnet sich der Vorhang,
und wir erkennen einen kleinen Ausschnitt Seiner Führung.
Gerade dort, wo wir sagen: „Alles ist verloren“,
sagt der Himmel: „Jetzt beginnt die Rettung.“
Und vielleicht ist das die tiefste Lehre für uns:
Nicht erst, wenn alles gut ausgeht, ist Haschem da.
Sondern gerade dann, wenn wir nichts verstehen,
ist Er uns am nächsten.
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