Ich hörte die folgende bemerkenswerte Erklärung im Namen von Raw Jisrael Belsky.
Am Ende der Parascha werden die zwölf Söhne Jischmaels aufgezählt. In Kapitel 25, Vers 13 werden vier Söhne genannt:
Newajot, Kejdar, Adbe’ejl und Miwsam.
Im darauffolgenden Vers werden drei weitere Söhne genannt:
Mischma, Duma und Massa.
Im nächsten Vers folgen schliesslich die letzten fünf:
Chadad, Tejma, Jetur, Nafisch und Kejdma.
Interessanterweise werden die Söhne Jischmaels auch zu Beginn des ersten Buches Diwrej haJamim erwähnt (Diwrej haJamim / Chronik I 1,29–31). Dort ist die Einteilung der Namen in den letzten beiden Versen jedoch anders als in Paraschat Chajej Sara.
In Chajej Sara werden im zweiten Vers drei und im dritten Vers fünf Söhne genannt. In Diwrej haJamim hingegen werden im zweiten Vers fünf Söhne aufgeführt:
Mischma, Duma, Massa, Chadad und Tejma.
Im dritten Vers folgen die restlichen drei:
Jetur, Nafisch und Kedjma.
Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: Wenn der Name einer Person in der Tora erscheint, übersetzt der Targum den Namen normalerweise nicht. Ein Name bleibt ein Name. Onkelos wiederholt ihn genau so, wie er im Chumasch geschrieben steht.
Im zweiten Vers in Diwrej haJamim jedoch wiederholt der Targum die Namen der Söhne Jischmaels nicht einfach, sondern erklärt ihre Bedeutung. Daraus erkennen wir, dass diese Namen eine besondere Botschaft enthalten:
- Mischma: Zajta bedeutet: hören;
- Duma: Schtoka bedeutet: schweigen;
- Massa: Messowara bedeutet: verstehen;
- Chadad: Charifa bedeutet: scharf oder klar werden;
- Tejma: Adaroma weist auf den Süden hin.
Welche Bedeutung haben gerade diese Namen der Söhne Jischmaels?
Diese fünf Begriffe enthalten den Schlüssel zum Erwerb von Wissen und Weisheit.
Wenn jemand versucht, einem Schüler etwas zu erklären, muss dieser zunächst zuhören. Danach muss er schweigen und darf den Lehrer nicht voreilig unterbrechen. Anschliessend muss er versuchen, das Gehörte zu verstehen. Daraufhin kann er zu geistiger Schärfe und Klarheit gelangen.
Schliesslich lehren unsere Weisen: Wer Weisheit erwerben möchte, soll beim Gebet sein Gesicht nach Süden wenden. Die Menora, welche die Weisheit symbolisierte, befand sich an der Südseite des Tempels.
Doch nun stellt sich eine naheliegende Frage: Weshalb wurden ausgerechnet die Söhne Jischmaels als Beispiel für den Erwerb von Wissen ausgewählt?
Über Jischmael heisst es:
„Er wird ein wilder Mensch sein; seine Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn.“
(Bereschit 16,12)
Andererseits gehörten nach dem Untergang des Römischen Reiches gerade die Nachkommen Jischmaels während mehrerer Jahrhunderte zu den gelehrtesten Menschen ihrer Zeit. Vom siebten Jahrhundert bis zum Beginn der europäischen Aufklärung bewahrten und entwickelten sie bedeutende Kenntnisse in Mathematik, Medizin, Astronomie und weiteren Wissenschaften. Während grosse Teile der Welt in Unwissenheit versanken, verfügten sie über ein hohes Mass an Bildung. Die Algebra und zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen wurden durch ihre Gelehrten verbreitet. Über mehrere Jahrhunderte standen sie an der Spitze der damaligen Zivilisation und Wissenschaft.
[Anmerkung des Herausgebers:
Zu den bekanntesten Gelehrten der islamischen Blütezeit (Gelehrten der damaligen islamisch-arabischen Kulturwelt) gehörten:
- Muhammad al-Chwarizmi (ca. 780–850), Mathematiker und Astronom; sein Werk über al-Dschabr gab der Algebra ihren Namen. Vom lateinisierten Namen „Algoritmi“ leitet sich das Wort Algorithmus
- Abu Bakr ar-Rasi (ca. 854–925), persischer Arzt, Chemiker und Philosoph; im lateinischen Europa als Rhazes
- Ibn Sina (980–1037), im Westen Avicenna genannt; bedeutender Arzt, Philosoph und Naturwissenschaftler.
- Al-Biruni (973–1048), Universalgelehrter auf den Gebieten Mathematik, Astronomie, Geografie, Physik, Medizin und Geschichte.
- Ibn al-Haitham (ca. 965–1040), bekannt als Alhazen; ein Wegbereiter der Optik und der experimentellen Naturwissenschaft.
- Abu al-Kasim az-Zahrawi (936–1013), im Westen Abulcasis genannt; einer der bedeutendsten Chirurgen des Mittelalters.
- Ibn Ruschd (1126–1198), im Westen als Averroës bekannt; Philosoph, Arzt und Kommentator des Aristoteles.
- Al-Idrisi (ca. 1100–1165), Geograf und Kartograf.
- Dschabir ibn Hajjan (8./9. Jahrhundert), bedeutender früher Gelehrter der Chemie.
- Omar Chajjam (1048–1131), persischer Mathematiker, Astronom und Dichter.]
Welche Lehre können wir daraus ziehen?
Selbst ein „Pere Adam“, ein von Natur aus wilder Mensch wie Jischmael, und sogar seine Nachkommen können nach Wissen streben und grosse Weisheit erlangen, wenn sie die Regeln des Wissenserwerbs beachten:
Zuhören – schweigen – verstehen – Klarheit gewinnen – und zu G-tt um Weisheit beten.
Kein Mensch ist aufgrund seiner Abstammung oder seiner natürlichen Veranlagung dazu verurteilt, unwissend zu bleiben. Selbst die Söhne Jischmaels konnten, indem sie die Voraussetzungen für den Erwerb von Wissen beachteten, wegen ihrer Weisheit und ihrer wissenschaftlichen Leistungen hohes Ansehen erlangen.
Quellen und Persönlichkeiten:
Raw Jisrael Belsky
Raw Chajim Jisrael HaLevi Belsky (1938–2016) war ein bedeutender amerikanischer Toragelehrter, Possek und Rosch Jeschiwa der Jeschiwat Tora Woda’at in Brooklyn, New York. Er erhielt seine Semicha von der Jeschiwa Tora Woda’at sowie von Raw Mosche Feinstein. Während mehr als 28 Jahren wirkte er als führender halachischer Berater für Kaschrut-Fragen bei der Orthodox Union (OU). Neben seiner aussergewöhnlichen Kenntnis aller Bereiche der Tora verfügte er auch über umfassende Kenntnisse in Mathematik, Astronomie, Naturwissenschaften, Musik und Geschichte, die er häufig zur Klärung halachischer Fragen heranzog.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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