Cheschwan / Paraschat Chaje Sara

Paraschat Chajej Sara

Der Satan hatte noch eine weitere List auf Lager (1. Beitrag)

03.11.2026

Jüdisches Jahr: 5787

Foto: AI Avigail
Warum weinte Awraham nicht allzu sehr um Sara?

Im Vers „Und Awraham kam, um Sara zu betrauern und sie zu beweinen“ (Bereschit 23,2) wird der Buchstabe Kaf im Wort „welivkota“ – „und sie zu beweinen“ klein geschrieben.

Der Ba’al haTurim erklärt dies folgendermassen: Da Sara das hohe Alter von 127 Jahren erreicht hatte, war die Trauer um ihren Tod nicht so überwältigend wie beim Tod eines jungen Menschen. Darauf weist der klein geschriebene Buchstabe im Wort „beweinen“ hin.

Im Werk Kehillat Jizchak von Raw Jizchak Reitbord aus Wilna fand ich eine interessante Erklärung.

Der Midrasch erläutert, weshalb der Bericht über die Akejdat Jizchak – die Bindung Jizchaks unmittelbar vor dem Tod und der Beerdigung Saras steht. Nach diesem Midrasch erschien der Satan vor Sara und erzählte ihr, Awraham habe Jizchak mitgenommen, um ihn auf einem Altar als Opfer darzubringen. Noch bevor Sara den Ausgang der Geschichte hören konnte, „entwich ihre Seele“ – und sie starb.

Aus den Lehren unserer Weisen wissen wir, dass der Satan alles daransetzte, unseren Stammvater Awraham daran zu hindern, die Prüfung der Akejdat Jizchak zu bestehen. Dieses Ereignis war von grundlegender Bedeutung für die jüdische Geschichte und begründete ein ewiges Verdienst für das jüdische Volk. Deshalb versuchte der Satan mit allen nur denkbaren Mitteln, Awraham aufzuhalten und zu verhindern, dass er diese Prüfung bestand und dadurch seinen Nachkommen einen unermesslichen Verdienst erwarb.

Die Midraschim berichten, dass sich der Satan in einen Fluss verwandelte und Awraham durch das Wasser waten musste, bis es ihm an den Hals reichte. Doch nichts konnte ihn davon abhalten, G-ttes Auftrag auszuführen.

Wenn ein Mensch im Laufe seines Lebens eine Mizwa erfüllt, bleibt ihm dieses Verdienst erhalten – unabhängig davon, wie viele Sünden er später auch begehen mag. Für die geistige Belohnung und Bestrafung gilt der Grundsatz: Eine Sünde löscht das Verdienst einer Mizwa nicht aus, und eine Mizwa hebt die Folgen einer Sünde nicht auf.

Im Himmel bestehen gewissermassen zwei getrennte Konten: eines für Belastungen und eines für Gutschriften. Die Belastungen eines Menschen nehmen ihm seine Gutschriften nicht weg. Hat ein Mensch eine Mizwa erfüllt, so bleibt diese Tat für immer sein Verdienst.

Von diesem Grundsatz gibt es jedoch eine Ausnahme: „Tohe al haRischonot“ – das nachträgliche Bereuen früherer guter Taten. Wenn ein Mensch eine Mizwa erfüllt hat und später bedauert, dass er sie getan hat, kann dieses Bedauern bewirken, dass er die dafür erworbene Belohnung verliert.

Als der Satan erkannte, dass es ihm nicht gelungen war, Awraham von der Akejda abzuhalten, gab er noch immer nicht auf. Er hatte eine weitere List auf Lager.

Awraham hatte die Prüfung der Akejda bestanden und sich damit ein unermessliches Verdienst erworben. Dieses Verdienst war ihm gewissermassen bereits auf seinem himmlischen Konto gutgeschrieben worden. Wenn es dem Satan jedoch gelingen würde, Awraham dazu zu bringen, seine Tat nachträglich zu bereuen, könnte Awraham die dafür bestimmte Belohnung verlieren.

Genau dies wollte der Satan erreichen, indem er durch die Nachricht von der Akejda den Tod Saras herbeiführte. Er hoffte, Awraham werde nun denken: „Hätte ich mich nicht bereit erklärt, Jizchak zu opfern, wäre meine Frau nicht gestorben“, und dadurch seine Bereitschaft zur Akejda bereuen.

Keine Kraft der Welt ist so hartnäckig wie der Jezer haRa, der böse Trieb, der mit dem Satan gleichgesetzt wird. Selbst wenn wir glauben, der Kampf sei bereits vorüber, ist er noch lange nicht beendet.

Ich hörte einmal im Namen von Raw Aharon Kotler eine ähnliche Erklärung. Nach der Akejda heisst es:

„Und siehe, ein Widder hatte sich mit seinen Hörnern im Dickicht verfangen.“
(Bereschit 22,13)

Weshalb muss uns die Tora dieses scheinbar unbedeutende Detail mitteilen?

Es zeigt uns, dass der Satan noch immer nicht aufgegeben hatte. Er versuchte, es Awraham möglichst schwer zu machen, ein Tier zu finden, das er anstelle seines Sohnes opfern konnte. Awraham musste sich deshalb durch das dichte Gestrüpp arbeiten, um den Widder zu befreien und ihn anstelle Jizchaks darzubringen.

Auch durch Saras Tod versuchte der Satan, Awraham ein weiteres Hindernis in den Weg zu legen und ihm das bereits erworbene Verdienst wieder zu nehmen. Es war eine zusätzliche Prüfung: Würde Awraham nun seine Bereitschaft, Jizchak zu opfern, bereuen, weil sie scheinbar zum Tod seiner Frau geführt hatte?

Awraham Awinu wollte dies unter keinen Umständen zulassen. Deshalb hielt er sein Weinen über Saras Tod bewusst zurück. Darauf weist das kleine Kaf im Wort „welivkota“ hin. Awraham machte sich klar, dass Saras von G-tt bestimmte Lebenszeit ohnehin abgelaufen war. Er liess nicht zu, dass ihr Tod ihn so erschütterte, dass er seine Beteiligung an der Akejda bereute.

Dadurch blieb das Verdienst der Akejda Awraham erhalten und wurde für seine Nachkommen bis in alle Generationen bewahrt.

Die praktische Lehre daraus lautet: Der Jezer haRa gibt niemals auf. Deshalb müssen auch wir stets wachsam bleiben und uns vor seinen immer neuen Listen hüten.

 
 

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Jizchak Reitbord – «Kehillat Jizchak»

Rabbi Jizchak ben Nissan Reitbord war ein Toragelehrter, Prediger und Verfasser in Wilna. Er lernte bei Rabbi Josef Dow Solowejtschik, dem berühmten Bejt haLevi, und sammelte zahlreiche Erklärungen und Gedanken zur Tora, die er von bedeutenden Rabbinern gehört hatte. Diese ergänzte er durch eigene Chiduschim und veröffentlichte sie in seinem bekannten Werk «Kehillat Jizchak». Die zweite Ausgabe erschien im Jahr 1900 in Wilna. Das Werk folgt der Reihenfolge der Wochenabschnitte und enthält viele Aussprüche und Erklärungen namhafter Toragelehrter.

Später lebte Rabbi Jizchak Reitbord in Jerusalem. Dort veröffentlichte er 1910 ein weiteres Werk zur Tora unter dem Titel «Bejt Jizchak». Sein Todesjahr ist nicht zuverlässig überliefert; nach familiärer Überlieferung wurde er auf dem Ölberg in Jerusalem beigesetzt.

Rabbi Aharon Kotler

Rabbi Aharon Kotler (1892–1962): Rosch Jeschiwa in Kletzk (Weissrussland) und später in Lakewood, USA. Er war einer der bedeutendsten Führer des orthodoxen Judentums in Litauen und später in den Vereinigten Staaten. Im Jahr 1943 gründete er in Lakewood, New Jersey, Beth Medrash Govoha, zunächst mit nur 15 Schülern.

Unter seiner Führung entwickelte sich die Jeschiwa zu einem der bedeutendsten Zentren des Torastudiums in den Vereinigten Staaten. Heute zählt Beth Medrash Govoha zu den grössten Tora-Hochschulen der Welt und hat über 9’000 Studenten in seinen verschiedenen Studienprogrammen.

Rabbi Aharon Kotler hinterliess zahlreiche bedeutende Torawerke. Seine Chidduschim, Erläuterungen und Mussar-Schriften wurden nach seinem Tod in der bekannten Reihe Mischnat Rabbi Aharon veröffentlicht. Die Reihe umfasst unter anderem Chidduschim zu verschiedenen Traktaten des Talmud, Responsen (Sche’elot uTeschuwot), Ausführungen zu den Hilchot Schchenim, Schriften zu Tanach sowie zahlreiche Artikel und Sichot Mussar.

 

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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