Dankbarkeit – auch für die Krise
Rav Frand zu Paraschat Emor 5786 – Beitrag 2
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
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Die Tora lehrt:
„Wenn jemand ein Korban Toda (Dankopfer) darbringt, soll es – lirzonchem (wörtlich: mit eurem Willen – freiwillig) – dargebracht werden“ (Wajikra 22,29).
Es gibt viele Arten von Korbanot. Das Korban Toda wird unter besonderen Umständen gebracht – etwa wenn ein Mensch von einer schweren Krankheit genesen ist oder einer gefährlichen Situation entkommen konnte. Es ist ein Opfer, das man aus innerem Antrieb bringt: aus echter Dankbarkeit gegenüber dem Ribbono schel Olam (Herr der Welt) für die erfahrene Rettung.
Wer würde unter solchen Umständen nicht danken wollen?
Wer würde nicht das Bedürfnis verspüren, seine Dankbarkeit auszudrücken?
Gerade deshalb stellt sich eine Frage:
Warum betont die Tora ausgerechnet hier, bei diesem Opfer, dass es lirzonchem – freiwillig, und aus vollem Willen – gebracht werden muss?
Schon Raschi geht auf diese Schwierigkeit ein. Er erklärt, dass sich das Wort ‘lirzonchem’ hier auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Zeit beim Verzehr des Opfers bezieht. Diese Deutung weicht jedoch vom einfachen Wortsinn ab.
Der Ketav Sofer wählt einen anderen, tiefgehenden Zugang:
Stellen wir uns vor, ein Mensch war schwer krank und ist wieder genesen.
Fragen wir ihn:
„Was hättest du vorgezogen – krank zu sein und wieder gesund zu werden, oder überhaupt nie krank gewesen zu sein?“
Was würden die meisten antworten?
Wahrscheinlich:
„Ich wäre lieber nie krank gewesen.“
Doch der Vers lehrt uns etwas anderes:
Wenn ein Mensch ein Korban Toda bringt, soll seine Dankbarkeit nicht nur der Rettung gelten – sondern auch der Not selbst, die er durchgestanden ist.
Warum?
Weil ein Mensch, der eine schwere Prüfung durchlebt und darin die Hand Haschems spürt, eine Nähe zum Ribbono schel Olam entwickelt, die er ohne diese Erfahrung niemals erreicht hätte.
Die Forderung von lirzonchem bedeutet daher:
Nicht nur zu sagen:
„Baruch Haschem, ich habe die Operation überstanden“ –
sondern idealerweise zu empfinden:
„Baruch Haschem, ich war in Not – und durfte die Jad Haschem (Hand G-ttes) in meiner Rettung erleben.“
Das Korban Toda ist somit nicht nur ein Dank für die Erlösung –
sondern sogar ein Dank für die Zarah (Not, Schmerz, Leid) selbst.
Das ist die tiefe Botschaft dieses Verses.
Eine erschütternde Aussage
Ich hörte von einem meiner Talmidim (Schüler) eine eindrucksvolle Begebenheit über Rav Baruch Sorotzkin, einen der Roschej Jeschiwa von Telshe-Cleveland in den 1950er bis 1970er Jahren.
Rav Sorotzkin erkrankte an Krebs. Er durchlief die Behandlung, erlebte eine Phase der Besserung – doch schließlich kehrte die Krankheit zurück, und er verstarb daran.
Er sagte einmal:
„Bevor ich diese Erfahrung machte, hätte ich jeden Preis bezahlt – selbst eine Million Dollar – um sie zu vermeiden.
Doch nachdem ich sie durchlebt habe:
Würde mir jemand eine Million Dollar anbieten, damit ich diese Tortur nicht hätte haben müssen – so würde ich diese Million ablehnen.“
Mit anderen Worten:
Im Rückblick empfand er, dass diese Erfahrung ihm einen unschätzbaren geistigen Gewinn gebracht hatte.
Das ist eine gewaltige Aussage.
Nicht jeder Mensch steht auf einer solchen spirituellen Stufe.
Doch sie verkörpert genau den Gedanken des Ketav Sofer:
Wenn ein Mensch durch eine schwere Prüfung geht und dabei die Nähe Haschems spürt –
eine Nähe, die ihn trägt, begleitet und stärkt –
dann wird selbst die Not zu einer Quelle von Wachstum und Verbindung.
Und eine solche Erfahrung – so schwer sie auch ist –
würde er nicht mehr eintauschen wollen.
Awejlut – Ein Moment zum Sitzen und Nachdenken
Der Sefer HaChinuch zählt eine Mizwa (Gebot) für Kohanim auf:
Sie sind verpflichtet, sich durch den Kontakt mit bestimmten nahen Verwandten im Zeitpunkt ihres Todes und ihrer Beerdigung rituell zu verunreinigen (tame zu werden).
Obwohl es einem Kohen grundsätzlich verboten ist, mit einem Toten in Berührung zu kommen, gilt für die sieben in der Tora genannten Verwandten – seine Frau, Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder und Schwester – eine besondere Regelung.
Der Sefer HaChinuch betont, dass die Pessukim hier nicht nur eine Erlaubnis aussprechen, sondern eine verpflichtende Mizwa: Der Kohen muss sich für diese Angehörigen verunreinigen.
Weiter zitiert der Sefer HaChinuch den Rambam (Maimonides), der erklärt, dass die in Paraschat Emor genannte Vorschrift die biblische Grundlage (Mizwa DeOraita) für die Trauerpflicht – Awejlut – gegenüber nahen Verwandten darstellt.
Zwar ist die halachische Mehrheitsmeinung, dass nur der erste Tag der Trauer tatsächlich eine Mizwa DeOraita (der schriftlichen Tora) ist; dennoch bleibt die grundlegende Frage bestehen:
Wo wird die Mizwa der Trauer überhaupt in der Tora verankert?
Der Maimonides sieht ihre Quelle gerade in dieser Verpflichtung des Kohen, sich für nahe Angehörige verunreinigen zu müssen.
Doch hier stellt sich eine tiefere Frage:
Wie kann die Tora einem Menschen vorschreiben, zu trauern?
Trauer ist doch ein Gefühl.
Wenn ich einen Menschen geliebt habe und ihn wirklich vermisse, werde ich trauern.
Wenn jedoch die Beziehung schwierig oder distanziert war, werde ich vielleicht gar keine Trauer empfinden.
Wenn ich jahrzehntelang keinen Kontakt zu einem nahen Verwandten hatte, werde ich kaum innerlich bewegt sein – vielleicht werde ich nicht einmal Tränen vergiessen.
Was bedeutet es also, dass die Tora uns eine Mizwa gibt, zu trauern?
Um diese Frage zu beantworten, greift der Sefer HaChinuch auf einen Grundgedanken zurück, den er an vielen Stellen seines Werkes formuliert:
Die Gedanken eines Menschen werden durch seine Handlungen geformt!
Theorie allein – so richtig sie auch sein mag – prägt den Menschen nur wenig.
Erst das konkrete Tun, das gelebte Verhalten, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck im Inneren des Menschen.
Darum gibt uns die Tora konkrete Trauergesetze:
Awejlut zwingt uns:
- nicht zu arbeiten,
- auf den Boden zu sitzen,
- innehalten
- und nachzudenken „Was will Haschem mir sagen?
Um sich an Pessach wie freie Menschen zu fühlen, lehnen wir uns beim Essen an.
Und wenn wir uns tatsächlich als freie Menschen erleben, behandeln wir auch das Korban Pessach (Pessach-Opfer) entsprechend – wir brechen beim Essen des Opfers keinen Knochen.
Deshalb schreibt der Sefer HaChinuch, bez der Awejlut: Um diese innere Regung zu fördern, legt die Halacha konkrete Handlungen fest, die Trauer zum Ausdruck bringen. Durch diese äusseren Akte werden im Herzen des Hinterbliebenen Gedanken der Awejlut geweckt und vertieft.
Der Trauernde soll innehalten und nachdenken:
Der Verlust eines nahen Angehörigen ist kein zufälliges Ereignis – es ist ein „Schlag“ des Himmels.
Warum ist mir dies widerfahren?
Durch ehrliche Selbstreflexion kann der Mensch zu der Einsicht gelangen, dass auch seine eigenen Handlungen – seine Verfehlungen – zu diesem Schmerz beigetragen haben.
In gewissem Sinne erkennt er darin auch eine Form von himmlischer Zurechtweisung.
Die Lehre für die heutige Zeit
Die Botschaft des Sefer HaChinuch trifft unsere Generation mit besonderer Schärfe:
Wir leben in einer Welt permanenter Bewegung – äusserlich aktiv, innerlich oft zerstreut.
Der Mensch hat heute Zugriff auf unzählige Möglichkeiten, sich zu beschäftigen – aber immer weniger Raum, sich selbst zu begegnen.
Die meisten von uns nehmen sich dafür kaum Zeit.
Unser Alltag ist ausgefüllt, dicht gedrängt – wir eilen von einer Aufgabe zur nächsten, von einem „Ding“ zum anderen. Selbst die wenigen Momente der Ruhe füllen wir oft sofort wieder: mit Ablenkung, mit Gesprächen, mit Nachrichten, mit einem Blick auf das Handy.
Gerade hier setzt die Tora einen bewussten Gegenpol:
Avejlut zwingt den Menschen, stehen zu bleiben.
Die Schiw’a und Avejlut sind Zeiten des Nachdenkens.
Nicht aus Schwäche – sondern aus Tiefe.
Nicht aus Passivität – sondern aus innerer Arbeit.
Die Tora lehrt uns damit etwas Grundlegendes:
Ein Mensch darf nicht nur funktionieren – er muss auch reflektieren.
Wenn ein Verlust eintritt, ist die natürliche Reaktion, weiterzulaufen, sich abzulenken, sich dem Schmerz zu entziehen.
Doch die Tora sagt: Nein. Setz dich. Bleib. Denk nach.
Was bedeutet dieses Ereignis für mein Leben?
Was will mir der Ribbono schel Olam dadurch zeigen?
Wo stehe ich – und wohin gehe ich?
In einer Zeit, in der Stille fast unerträglich geworden ist, wird die Fähigkeit, innezuhalten, zu einer der grössten spirituellen Leistungen.
So wird Awejlut zu mehr als Trauer:
Sie wird zu einem Moment der Wahrheit.
Denn manchmal spricht der Himmel nicht durch Worte –
sondern durch das, was uns zum Stillstand bringt.
Und wer in diesem Stillstand zu hören beginnt,
der beginnt zu verstehen.
Ohne die Mizwa der Awejlut würde ein Mensch vielleicht niemals stehen bleiben und sich fragen:
Was ist hier eigentlich geschehen?
Warum ist dieser Mensch gestorben?
Was hat das mit mir zu tun?
Liegt darin vielleicht eine Botschaft vom Himmel für mich?
Es ist eine Zeit des Innehaltens. Eine Zeit der inneren Klärung. Eine Zeit des Nachdenkens.
Jom Tov – dieselbe Idee
Interessanterweise formuliert der Sefer HaChinuch einen ganz ähnlichen Gedanken auch zu einer anderen Mizwa in der dieswöchigen Parascha, Paraschat Emor.
In Kapitel 23 werden die Verbote der Melacha (Werk, Arbeit) an den Jamim Towim dargelegt. Für jeden Feiertag besteht ein eigenes Law, ein ausdrückliches Arbeitsverbot.
Warum dürfen wir am Schabbat keine Melacha verrichten?
Weil der Schabbat an die Schöpfung erinnert – daran, dass der Ribbono schel Olam am siebten Tag ruhte. So wie Er „ruhte“, so ruhen auch wir.
Doch warum gilt ein Arbeitsverbot auch an Jom Tow?
Der Sefer HaChinuch erklärt:
Die Tora untersagt uns die Arbeit an Jom Tow, damit wir Zeit haben, über die Bedeutung des Tages nachzudenken.
Worum geht es an Pessach?
Worum geht es an Schawuot?
Wären wir mit Arbeit beschäftigt, würden wir uns nicht die nötige Zeit nehmen, über den inneren Gehalt des Feiertages nachzudenken – und damit würde einer seiner zentralen Zwecke verloren gehen.
Hier zeigt sich dasselbe Prinzip, das der Sefer HaChinuch auch im Zusammenhang mit Awejlut lehrt:
Sowohl die Trauer als auch das Arbeitsverbot an Jom Tow dienen dazu, dem Menschen Raum für innere Besinnung zu geben.
Ironischerweise sind die Gründe für diese beiden Mitzwot eng miteinander verwoben:
Beide schaffen Zeit zum Nachdenken –
sei es über eine Zara, einen Schmerz,
oder über eine Simcha, eine Freude.
In beiden Fällen fordert die Tora den Menschen auf, nicht einfach weiterzuleben wie zuvor, sondern innezuhalten, zu reflektieren und die tiefere Bedeutung des Augenblicks zu erfassen.
Denn sowohl im Schmerz als auch in der Freude liegt eine Botschaft –
und nur wer innehält, kann sie hören.
Ohne Stillstand – kein Bewusstsein.
Die zentrale Botschaft
Diese Idee muss in unseren Alltag „hochgerechnet“ werden:
Wir alle führen ein überaus geschäftiges Leben.
Gerade deshalb müssen wir uns bewusst Zeit nehmen, um zu denken – und nicht erst dann, wenn die Tora uns dazu zwingt, wie im Fall von Awejlut, chas weSchalom (G-tt behüte).
Diese Notwendigkeit, sich Zeiten der inneren Besinnung zu schaffen, wurde besonders von der Mussar-Bewegung hervorgehoben.
Worum geht es bei Mussar?
Nicht nur darum, den Messilat Jescharim oder andere klassische Mussar-Werke zu studieren.
Das allein genügt nicht.
Mussar bedeutet: innehalten, sich setzen, und nachdenken.
Es bedeutet, das Gelernte nicht nur zu lesen, sondern es in das eigene Innere hineinzutragen – es zu durchdenken, zu verinnerlichen, sich selbst daran zu messen.
Jeder Mensch braucht feste Momente im Leben, in denen er sich aus dem Strom des Alltags herausnimmt und sich fragt:
Wo stehe ich?
Wohin gehe ich?
Lebe ich bewusst – oder nur getrieben?
Denn ohne diese Momente des Nachdenkens bleibt selbst das grösste Wissen äußerlich.
Erst das stille Nachdenken verwandelt Wissen in Leben.
Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.
Rambam, Akronym für Rabbi Mosche ben Maimon (Maimonides) (1135 – 1204); Spanien, Ägypten, Israel. Einer der bedeutendsten Rischonim, seine Hauptwerke sind: Das umfassende Werk zum jüdischen Recht „Mischne Tora-Jad Hachsaka“, Erklärung zur Mischna und „Moreh Newuchim“ (Führer der Irrenden / Unschlüssigen), wie weitere Werke.
Sefer HaChinuch („Das Buch der Erziehung zu Mizwot“) ist ein Werk, das systematisch die 613 Gebote der Tora behandelt. Das Buch diskutiert separat jedes der 613 Gebote, sowohl aus rechtlicher als auch aus moralischer Sicht. Für jeden von ihnen beginnt die Diskussion des Chinuchs damit, die Mizwa mit ihrer biblischen Quelle zu verknüpfen, und spricht dann die philosophischen Grundlagen des Gebotes an (hier als “Schoresch” bezeichnet). Im Anschluss daran gibt der Chinuch einen kurzen Überblick über die Halacha (jüdisches Gesetz), das die Einhaltung dieser Mizwa regelt – normalerweise basierend auf Maimonides’ Mischne Tora – und schließt mit einer Zusammenfassung der Anwendbarkeit des Gebotes. Es wurde anonym im Spanien des 13. Jahrhunderts veröffentlicht. Der mögliche Autor ist Rabbi Aharon Halevi (1235-1304); Barcelona, Spanien.
Rabbi Mosche Chajim Luzzatto [der “RaMCHaL“] (1707 – 1747): Rabbiner, Gelehrter und Kabbalist, Verfasser von vielen Werken, wie “Derech Haschem” (“Der Weg G-ttes”) und das Buch “Messilat Jescharim” (“Weg der Rechtschaffenen”), etc.; Padua, Amsterdam, Israel.
Ketaw Sofer (1815 – 1871) [Rabbi Awraham Schmuel Binjamin Sofer/Schreiber] Pressburg/Bratislava, Slowakei. Bekannt durch den Namen seines Hauptwerks ‘’Ketaw Sofer’’; Rabbiner, Führungsfigur des ungarischen Judentums und Rosch Jeschiwa der Pressburger Jeschiwa. Nachfolger seines grossen und heiligen Vaters, Rabbi Mosche Sofer, dem ‘’Chatam Sofer’’
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