Wochenabschnitt Paraschat Kedoschim und Omer-Zeit: Rabbi Akiwas Schüler wurden für etwas bestraft, das schlimmer war als ein Mangel an gegenseitigem Respekt
Rav Frand zu Paraschat Kedoschim und zur Omer-Zeit – Beitrag 2
Ergänzungen: S. Weinmann
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Paraschat Kedoschim enthält den berühmten Passuk “…we’ahawta leReacha kamocha – Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst” (Wajikra 19:18), über den Rabbi Akiwa erklärte: Se Klall gadol baTora – dies ist das fundamentale Prinzip der Tora (Torat Kohanim, wird auch in Raschi zitiert).
Dieser Passuk lehrt das positive biblische Gebot, dass man jeden Juden lieben sollte, oder, wie der Ramban es genauer erklärt, mit jedem Juden so umgehen sollte, wie wenn man ihn liebt. (Ob diese Mizwa uns zu einem emotionalen Gefühl verpflichtet, ist nicht so klar, aber zumindest sollte ein Mensch mit jedem Juden mit derselben Liebe und Sorge umgehen, wie er es mit sich selbst tun würde). Verhalte dich gegenüber ihm so, wie du es für dich selbst wünschen würdest, und tue nichts gegen ihn, das du für dich selbst nicht wünschen würdest.
Wie wir alle wissen, befinden wir uns jetzt in den Tagen von Sefirat Haomer (Omer-Zählung), in denen wir des Todes der 24000 Schüler von Rabbi Akiwa gedenken. Eine der grössten Ironien der jüdischen Geschichte ist es, dass Rabbi Akiwa, der die Worte “We’ahawta leReacha kamocha” zu propagieren pflegte, 24000 Schüler hatte, die gemäss Chasal (Talmud Traktat Jewamot 62b) starben, weil “lo nohagu kawod se lase (sie einander nicht mit angemessenem Respekt behandelten).
Stellen Sie sich diese Tragödie vor – 24000 Toraschüler, die innert kurzer Zeit starben. Wir können uns dies gar nicht vorstellen! Es gibt heute in der Welt grosse Jeschiwot. Es gibt in Lakewood zwischen 6000 und 7000 Talmidim (Tora-Studenten). Es gibt ungefähr dieselbe Anzahl von Talmidim in der Mirrer Jeschiwa in Jeruschalajim. Könnten wir uns chas weschalom vorstellen, dass eine dieser Jeschiwot plötzlich nicht mehr hier ist? Es wäre eine unvorstellbare Tragödie! Und als Strafe für welche Sünde? Weil sie einander nicht den angemessenen Respekt beimassen. Dies ist etwas, was wir nicht begreifen können.
Es gibt verschiedene Theorien darüber, warum Rabbi Akiwas Talmidim so schwer für etwas bestraft wurden, das sicherlich kein Kapitalverbrechen ist! Eine klassische Antwort ist, dass ihr hohes geistiges Niveau die Bedeutung ihrer Handlungen verstärkte, da Hakadosch Baruch Hu für Zaddikim (Fromme, Gerechte) einen höheren Standard hat. “Er wägt die Strafe für sie gemäss einem dünnen Haar ab” (Baba Kama 50a).
Ich sah eine interessante Erklärung des Chafez Chajim, der die folgende Frage stellt: Welches Verbrechen oder welche Sünde begingen sie, dass sie die Todesstrafe erhielten? Er bringt eine neuartige Idee: Sie wurden nicht für die Sünde der Respektlosigkeit gegenüber anderen bestraft, sondern für die Sünde des Chillul Haschem (Entweihung des G”ttlichen Namens). Der Mangel an gegenseitigem Respekt, der sich unter den Schülern von Rabbi Akiwa offenbarte, verbreitete den Eindruck in der allgemeinen Welt, dass Talmidej Chachamim miteinander kämpfen.
Der Chafez Chajim erklärt, dass der “Mangel an Respekt” von schrecklichen Machloket und entzweienden Streitereien herrührte, die unter Rabbi Akiwas Talmidim herrschten. Wenn Talmidej Chachamim miteinander streiten, sagte der Chafez Chaim, ist dies ein Chillul Haschem. Chillul Haschem ist eine schreckliche Sünde, die in der Tat mit dem Tod bestraft werden kann.
[Anmerkung des Herausgebers: Gemäss der jüdischen Tradition gilt Chillul HaSchem (die Entweihung des g-ttlichen Namens) als eine der schwersten Sünden überhaupt. Sie wird oft als gravierender eingestuft als andere fundamentale Verbote, da sie den Respekt vor G-tt und religiösen Werten in den Augen der Mitmenschen direkt beschädigt.
Hier sind die zentralen Punkte zu diesem Thema:
- Definition der Sünde: Ein Chillul HaSchem liegt vor, wenn eine Person – insbesondere jemand, der als gelehrt oder religiös wahrgenommen wird – eine Handlung begeht, die andere dazu bringt zu sagen: „Seht euch diesen Menschen an, der sich mit der Tora/Geboten befasst und dennoch so handelt.“
- Schwere des Vergehens: Es ist eine Sünde, für die Jom Kippur (der Versöhnungstag) allein keine vollständige Sühne bietet. Da der Schaden öffentlich und nachhaltig ist, bedarf es einer besonderen Umkehr; die vollständige Vergebung erfolgt erst mit dem Tod [siehe Talmud Traktat Joma 86a].
- Öffentliche Entweihung: Die strengste Form betrifft Taten, die in der Öffentlichkeit (vor mindestens zehn jüdischen Personen) begangen werden, da dies die Respektlosigkeit gegenüber der Tora aktiv verbreitet.
- Verantwortung: Auch wenn jemand eine Sünde begeht, weil er fälschlicherweise glaubt, sie sei erlaubt („Omer Mutar“), trägt er Verantwortung, falls er die Pflicht gehabt hätte, sich vorher zu informieren.
Das Gegenstück zu dieser Sünde ist Kiddusch HaSchem (die Heiligung des Namens G-ttes). Dies gilt als die höchste spirituelle Stufe, bei der die Taten eines Menschen dazu führen, dass G-tt und die Tora von anderen geliebt und geschätzt werden.]
Quellen und Persönlichkeiten:
- Torat Kohanim oder Sifra: Ältester Midrasch Kommentar (Erklärung der Tana’im/Mischna-Gelehrten) zu Sefer Wajikra. Stammt aus dem Bejt Hamidrasch von Rabbi Jehuda, Schüler von Rabbi Akiwa. Raschi zitiert ihn oft.
- Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“.
- Chafez Chajim: (1838-1933): Rabbi Jisrael Me’ir HaKohen (Kagan in Russisch) von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar), wie die Werke ‚Mischna Berura‘, ‚Chafez Chajim‘, ‚Schmirat Halaschon‘, Machaneh Israel ‘Ahawat Chessed’ etc. Einer der prominentesten Führer des orthodoxen Judentums vor dem 2. Weltkrieg.
Er war ein Pionier mit seinen Werken. Im Jahr 1873, im Alter von fünfunddreissig Jahren veröffentlichte er anonym sein erstes Werk, ‘Chafez Chajim’, in dem er klare religiöse Vorschriften gegen üble Nachrede, Verleumdung und Klatsch (hebr. Laschon Hara) formuliert. Der Titel kann mit ‘der das Leben will’ übersetzt werden und stammt aus Tehilim/Psalm 34,13–14: „Wer ist der Mann, der Leben begehrt (haChafez Chajim), der sich Tage wünscht, an denen er Gutes schaut? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht betrügen“. Der Chafez Chajim legte grossen Wert auf die Einhaltung dieser Gesetze und verfasste auch ein Morgengebet dazu. In einem zweiten Buch, ‘Schmirat haLaschon’, veröffentlichte er 1876 eine Fortsetzung mit ethisch-moralischen Erklärungen der Wichtigkeit dieser Gesetze.
Sein bekanntestes, heute weit verbreitetes und im aschkenasischen Judentum als massgeblich anerkanntes Werk ist sein sechsbändiger Kommentar zum Schulchan Aruch, Teil ‘Orach Chajim’: ‘Mischna Berura’ (deutsch ‘Klare Lehre’ 1884–1907), an dem er, unterstützt von seinem Sohn und seinen Schwiegersöhnen, rund fünfundzwanzig Jahre gearbeitet hat. Der Mischna Berura kommentiert den Teil Orach Chajim des Schulchan Aruch Satz für Satz. (Der Schulchan Aruch wurde von Rabbi Josef Karo (Zefat/Safed 1488-1575), verfasst, mit den Anmerkungen von Rabbi Mosche Isserles, (Krakau 1520-1572); bekannt mit dem Akronym ‘Rem’a’).
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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