Tewet/ Paraschat Wajechi
Tewet/ Paraschat Wajechi

Warum Josef sich nicht länger zurückhalten konnte (Paraschat Wajigasch 5786)

Was führte dazu, dass Josef Jehuda nicht mehr widerstehen konnte?

Was führte dazu, dass Josef Jehuda nicht mehr widerstehen konnte?
Foto: AI Avigail

Warum Josef sich nicht länger zurückhalten konnte

Rav Frand zu Paraschat Wajigasch 5786

mit Ergänzungen von S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt finden Sie hier

In einer der wohl dramatischsten Szenen des gesamten Chumasch fleht Jehuda seinen Bruder Josef an: Er bittet ihn, nachzugeben und Binjamin nicht als Gefangenen in Ägypten zu behalten, da dies seinem Vater grossen Schmerz bereiten und ihn womöglich sogar umbringen könnte.

Jehuda wiederholt im Grunde genommen, die ganze Geschichte wie sie im Wochenabschnitt Mikez bereits geschildert wird, nur dass sie diesmal anders endet: „Josef konnte sich nicht mehr einhalten… Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch?“ Die Tora-Erzählung fährt fort: „Die Brüder konnten ihm nicht antworten, weil sie vor ihm erschraken.“ (Bereschit 45,1-3)

Wenn Jehuda dieselbe Geschichte wiederholt, die uns aus Paraschat Mikez bekannt ist, warum war er diesmal erfolgreich, während er zuvor gescheitert war? Bis jetzt zeigte sich Josef hart und unnachgiebig – und jetzt plötzlich konnte er Jehuda nicht widerstehen. Ich habe zwei mögliche Erklärungen dafür gefunden, warum Josef in diesem Moment zerbrach:
 

Drei Schritte zum Gebet

Der Rema schreibt im Schulchan Aruch (Orach Chajim 95:1) im Namen des Rokeach, dass der Mensch, bevor er mit dem Schemone-Esrej-Gebet (Tefillat Amida) beginnt, drei Schritte nach vorne machen soll. Diese Handlung ist weit mehr als eine äussere Vorbereitung.

Das Amida-Gebet ist ein Stehen vor dem König. So wie man bei einer Audienz nicht achtlos stehen bleibt, sondern bewusst vortritt, so tritt der Beter durch diese drei Schritte aus dem Bereich des Alltäglichen in den Bereich der Heiligkeit.

Die Kommentatoren erklären, dass diese drei Schritte eine innere Bewegung widerspiegeln:
das Zurücklassen weltlicher Gedanken,
das Sammeln des Herzens
und das bewusste Hinzutreten vor die Schechina.

Erst danach beginnt der Mensch zu sprechen. Der Rema lehrt uns damit, dass wahres Gebet nicht mit Worten beginnt, sondern mit Vorbereitung – mit einem Schritt auf Haschem zu.

Die Quelle dieses Ratschlags des Rokeach liegt darin, dass das Wort „Wajigasch“ („und er näherte sich“) im Tenach dreimal im Zusammenhang mit Gebet vorkommt. Daraus leitet der Rokeach ab, dass man vor dem Schemone-Esrej-Gebet drei Schritte nach vorne treten soll.

Welche sind diese drei Stellen?

Die erste findet sich bei Awraham Awinu (Bereschit 18:23), als er sich Haschem näherte, um für Sedom zu plädieren, damit Haschem die Stadt nicht zerstöre.

Die dritte Stelle ist bei Elijahu haNawi (Melachim I 18:36), als er sich Haschem im Gebet näherte – während seiner Konfrontation mit den falschen Propheten des Baal (Götzen). In beiden Fällen ist eindeutig, dass es sich um Dawenen, um Gebet, handelt.

Die zweite Stelle – so schreibt der Rokeach – finden wir in unserer Parascha:
„Wajigasch ejlaw Jehuda …“ („Und Jehuda trat zu ihm heran“) [Bereschit 44:18].

Der Rokeach deutet dies nicht nur als ein Herantreten zu Josef, sondern versteht diesen Vers auch als Ausdruck eines Gebets. Jehuda sprach in diesem Moment nicht allein zu Josef, sondern zugleich zum Ribono schel Olam, dem Herrn der Welt. Seine Worte waren sowohl menschliche Bitte als auch innere Tefilla.

So verbindet der Rokeach alle drei Stellen des „Wajigasch“ als Akte des bewussten Hinzutretens im Gebet – und leitet daraus die Halacha ab, dass man vor dem Beginn der Amida drei Schritte nach vorne macht, um sich innerlich wie äusserlich auf das Stehen vor Haschem vorzubereiten.

Die Lektion, die wir hier lernen, ist folgende:

Ich bin sicher, Jehuda hatte bereits gedawent. Aber er dawent hier nochmals. Dies ist eine der grossen Lektionen der Tefilla. Wir können dawenen, dawenen und nochmals dawenen, und dennoch scheint es, als würden unsere Tefillot nicht erhört. Doch plötzlich kann es zu einem Durchbruch kommen.

Der Talmud sagt im Traktat Berachot (32b), dass, wenn ein Mensch sieht, dass seine Gebete nicht erhört wurden, er erneut dawenen soll, wie es heisst: „Hoffe auf Haschem, sei stark und fasse Mut, und hoffe nochmals auf Haschem.“ (Tehillim / Psalm 27:14) Die Gemara lehrt uns damit, dass unerhörte Gebete kein Zeichen von Ablehnung sind, sondern eine Aufforderung zur Beharrlichkeit. Tefilla ist kein einmaliger Akt, sondern ein fortwährendes Sich-Annähern an Haschem. Manchmal liegt die Erhörung nicht im ersten Gebet – sondern im zweiten, dritten oder zehnten.

Jehuda lehrt uns, dass selbst dann, wenn man bereits gebetet hat, der Mensch nicht aufgeben darf. Noch einmal zu beten bedeutet nicht mangelndes Vertrauen, sondern tiefen Glauben.

 

Mosches 515 Gebete – die Kraft des unbeantworteten Gebets

Unsere Weisen lehren (Midrasch Rabba Dewarim 11:10), dass Mosche Rabbejnu 515 Gebete sprach, um ins Land Israel eintreten zu dürfen. Diese Zahl ist nicht zufällig: Sie entspricht dem Zahlenwert des Wortes וָאֶתְחַנַּן (Wa’etchanan – „und ich flehte“), mit dem die Tora Mosches inniges Bitten einleitet (Dewarim 3,23).

Raschi erklärt anfangs Paraschat Wa’etchanan, dass Mosche nicht auf seine Verdienste pochte, sondern ausschließlich als Bittender auftrat – in völliger Demut. Obwohl Mosche mehr Verdienste hatte als jeder andere Mensch, wählte er bewusst die Sprache der Gnade und des Flehens. Daraus lernen wir, dass wahres Gebet nicht aus Anspruch, sondern aus Unterwerfung vor dem göttlichen Willen entsteht.

Der Midrasch lehrt weiter, dass Haschem Mosche nach dem 515. Gebet anhielt, weiterzubeten – nicht, weil die Gebete wirkungslos gewesen wären – sondern weil sie zu mächtig wurden. Hätte Mosche weitergebetet, so hätte selbst ein g-ttliches Dekret aufgehoben werden können. Haschem sagte daher: „Rav lach – es ist genug für dich“ (Dewarim 3,26).

Dies offenbart eine tiefe Wahrheit über das Gebet:

Nicht jedes Gebet wird so beantwortet, wie der Mensch es sich wünscht – aber kein Gebet geht verloren. Mosche durfte das Land nicht betreten, doch seine Sehnsucht nach Erez Jisrael wurde zum Erbe des jüdischen Volkes. Seine Gebete leben in uns weiter.

Der Maharal erklärt, dass Mosches Gebete nicht der persönlichen Erfüllung dienten, sondern dem ewigen Band zwischen dem jüdischen Volk und dem Land Israel. Mosche erreichte das Land nicht mit seinen Füssen – aber mit seiner Seele.

So lehrt uns Mosches Beispiel, dass selbst unerhörte Gebete Sinn und Wirkung haben. Manchmal besteht die Antwort Haschems nicht im Erfüllen des Wunsches, sondern darin, den Menschen zu formen, zu läutern und auf eine höhere Aufgabe vorzubereiten.

Mosches 515 Gebete sind ein Zeugnis dafür, dass Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit und Demut im Gebet niemals vergeblich sind – selbst dann nicht, wenn der Himmel „Nein“ sagt.

Ähnliches geschah auch hier mit Jehuda. Warum hat sein Argument dieses Mal Josef überzeugt, im Gegensatz zu allen vorherigen Argumenten? Die Antwort ist, dass diese Bitte mit einem anderen Gebet zusammenkam. Das war eine letzte Tefilla vor Haschem, dass Josef Mitgefühl haben sollte. Und dieses Mal wurde die Tefilla beantwortet.

Dies ist die erste Erklärung.

 

Die zweite Erklärung stammt vom Or Hachajim haKadosch:

Der Or HaChajim haKadosch beruft sich auf das Prinzip:

Wie das Wasser das (hineinschauende) Gesicht widerspiegelt, so spiegelt das Herz des einen den anderen wider.“ (Mischlej / Sprüche 27:19)

Der weiseste aller Menschen lehrt uns hier ein grundlegendes Prinzip der zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Art und Weise, wie ein Mensch über einen anderen empfindet, spiegelt sich meist darin wider, wie dieser andere über ihn empfindet. So wie jemand, der ins Wasser blickt, sein eigenes Gesicht reflektiert sieht, so funktionieren auch menschliche Beziehungen. Liebt man einen Menschen, so wird man in der Regel ebenfalls geliebt; empfindet man Abneigung, so ist diese meist gegenseitig.

Der Or HaChajim erklärt, dass sich genau dies in unserer Parascha ereignete. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jehuda äusserst negative Gedanken über den scheinbar hartherzigen und grausamen ägyptischen Vizekönig. Er hatte ihn angefleht, ihm von seinem alten Vater erzählt, doch nichts schien Wirkung zu zeigen. In seinem Inneren dachte Jehuda sinngemäss: „Ich kann diesen Mann nicht ausstehen. Er ist ein Rascha (Bösewicht)!“ Mit solchen Gefühlen standen Jehuda und seine Brüder bis zu diesem Moment vor Josef.

Nun aber überwand Jehuda bewusst diese Gefühle der Abneigung. Er kannte das Geheimnis von „Wie das Wasser das Gesicht widerspiegelt, so spiegelt das Herz eines Menschen das des anderen wider“ – und machte es sich mit grosser innerer Anstrengung zu eigen. Jehuda arbeitete daran, echte Liebe, Mitgefühl und Freundlichkeit gegenüber diesem ägyptischen Machthaber zu empfinden und auch auszustrahlen.

Jehuda war überzeugt, dass es ihm gelingen müsse, im Herzen des Vizekönigs ein entsprechendes Mitgefühl zu wecken, wenn er selbst aufrichtig Liebe und Barmherzigkeit empfinden würde. Und tatsächlich geschah genau dies. Es wirkte wie ein vollkommenes Ebenmass: Herz antwortete auf Herz.

Dies war jedoch keine oberflächliche Angelegenheit, kein erzwungenes Lächeln oder äusseres Schauspiel. Jehuda musste tief an seinen innersten Emotionen arbeiten, um an den Punkt zu gelangen, an dem seine Haltung vollkommen authentisch war. Es war schwer – doch in dem Moment, in dem es ihm gelang, bestätigte sich das Wort der Schrift:

„Wie das Wasser das (hineinschauende) Gesicht widerspiegelt, so spiegelt das Herz eines Menschen das des anderen wider.“

Quellen und Persönlichkeiten:

Midrasch Rabba (der grosse Midrasch): Grosse Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum TENACH der Tanna’im (Mischnagelehrten) und Amora’im (Talmudgelehrten).

Rabbi Jehuda Liwo (Leib) ben Bezel’el (1512-1609), genannt Rabbi Löw oder mit dem Akronym Maharal (Abkürzung für Morejnu haRav Löw). Posen (Polen), Nikolsburg und Prag (Tschechien). Er war ein bekannter Rabbiner, Talmudist, Darschan (Prediger) und Philosoph des 16. Jahrhunderts. Ihm wird auch die Erschaffung des Golems zugeschrieben. Er verfasste unzählige - hauptsächlich philosophische – Werke, u.a. das Sefer Gur Arje, Erklärung zu Raschis Kommentar zum Chumasch, Erklärungen zu den Aggadot Haschass, Netiwot Olam, Nezach Jisrael, Tiferet Jisrael, etc. Seine Werke dienen bis heute als Basis der jüdischen Weltanschauung.

Or HaChajim Hakadosch (1696 – 1743): Name des Hauptwerks von Rabbi Chajim ben Mosche ben Atar, berühmter Thorakommentar; er verfasste weitere Werke wie Chefez Haschem, P‘ri To‘ar, Rischon Lezion. Marokko, Italien, Israel.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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