Schabbat kommt von selbst – Jom Tow verlangt Vorbereitung
Rav Frand zu Paraschat Ki Tissa 5786
Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann
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Im Wochenabschnitt Ki Tissa sagt die Tora im Zusammenhang mit der Mizwa des Schabbat:
„Denn er ist ein Zeichen zwischen Mir und euch für eure Generationen, damit ihr erkennt, dass Ich Haschem bin, der euch heiligt.“ (Schemot 31,13)
Der Chatam Sofer weist darauf hin, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen Schabbat und den übrigen Jamim Towim (biblischen Feiertagen)gibt.
Am Schabbat kommt der Ribono schel Olam (Herr der Welt) – und mit Ihm die Heiligkeit – ganz unabhängig davon, ob wir vorbereitet sind oder nicht. Allein die Tatsache, dass Schabbat ist, erfüllt uns mit einer bestimmten Keduscha.
Natürlich verstehen wir: Je mehr sich ein Mensch auf Schabbat vorbereitet und je mehr er sich selbst zu einem Gefäss für Schabbat macht, desto höher wird die Stufe der Heiligkeit sein, die er erreicht. Doch letztlich lehrt uns dieser Vers, dass die Schechina – die g-ttliche Gegenwart – am Schabbat zu uns kommt und jeden Juden heiligt, unabhängig davon, wie gut er vorbereitet ist.
Bei den Feiertagen ist das anders.
In der Kabbala (jüdischen Mystik) gibt es die Begriffe „It’ra’uta de-le’Ela“ (Erweckung von oben) und „It’ra’uta de-le’Tata“ “ (Erweckung von unten). Manchmal kommt die Inspiration von oben – manchmal muss sie von uns selbst ausgehen.
Bei Jom Tow müssen wir uns vorbereiten, um die spirituelle Wirkung des Tages zu erfahren. Dort braucht es eine „Erweckung von unten“. Schabbat dagegen ist ein Fall von „Erweckung von oben“.
Das ist auch die Bedeutung der Worte der Weisen [Talmud Traktat Schabbat 10b]: „Der Heilige, gelobt sei Er, sagte: Ich habe ein wunderbares Geschenk in meiner Schatzkammer – und sein Name ist Schabbat.“
Ein Geschenk erhält man nicht unbedingt, weil man es verdient hat oder weil man sich darauf vorbereitet hat.
So ist es mit Schabbat. Jede Woche kommt die Schechina herab. Wir sitzen bei Kabbalat Schabbat, egal ob wir gerade noch in letzter Minute hineingestolpert sind oder nicht. Die g-ttliche Gegenwart ruht auf jedem Juden – unabhängig davon, wie gut seine Vorbereitung war.
„Mismor leDavid“ oder „leDavid Mismor“
Das Sefer Bej Chijah bemerkt dazu etwas Interessantes.
Wenn wir am Schabbat die Sefer Tora wieder in den Aron Kodesch (Tora-Schrein) zurückbringen, sagen wir aus Tehilim/Psalm das Kapitel 29: „Mismor leDavid“.
An Jom Tow hingegen rezitieren wir (wie an einem am Wochentag) aus Tehilim/Psalm das Kapitel 24: „LeDavid Mismor“.
Warum dieser Unterschied?
Im Buch Tehillim erscheinen verschiedene Einleitungsformeln zu den Psalmen von König David.
Manchmal wurde David spontan durch Ruach HaKodesch (prophetischer Geist) inspiriert ein Gebet zu verfassen. Dann lautet die Einleitung „Mismor leDavid“ – ein Psalm Davids.
In anderen Fällen musste er sich zuerst vorbereiten, um in einen Zustand der Inspiration zu gelangen. Dann steht „LeDavid Mismor“ – zuerst David, dann der Psalm.
Darum passt am Schabbat, wo die Heiligkeit als Geschenk von oben kommt, „Mismor leDavid“, da die Inspiration von oben kommt, auch ohne grosse Vorbereitung unsererseits. An Jom Tow hingegen – wo das Niveau der Heiligkeit ein Ergebnis unserer Vorbereitung ist – sagen wir „LeDavid Mismor“.
„Die Furcht des Schabbats liegt auf ihm“
Mit diesem Gedanken erklärt er auch eine Stelle im Talmud Jeruschalmi.
Normalerweise darf man jemandem, der als unzuverlässig bezüglich Terumot und Ma’asrot gilt (Am Ha’arez), nicht einfach glauben, dass er alle Abgaben korrekt abgesondert hat.
Doch sagt die Mischna [Demai 4:1]: Am Schabbat darf man ihn fragen – und ihm glauben! Warum? Antwortet der Talmud Jeruschalmi [Traktat Demai 4:1]: „Denn die Furcht des Schabbats liegt auf ihm.“
Selbst ein einfacher Am Ha’arez – ein religiös wenig gebildeter Mensch – der vielleicht erst wenige Minuten vor Schabbat-Beginn direkt aus dem Feld in die Synagoge hineinstolperte, wird von der Heiligkeit des Schabbats erfasst. Wenn er bei Kabbalat Schabbat die Worte „Bo’i Kallah, Bo’i Kallah“ (Kehre ein, Braut (Schabbat), kehre ein, Braut) hört, wirkt der Schabbat auf seine Seele.
Darum sagt man: Die Furcht des Schabbats liegt auf ihm. Selbst ein einfacher Jude wird durch den Schabbat erhoben. Selbst ein Am Ha’Arez wird mit der Heiligkeit von Schabbat ausgestattet. Schabbat wirkt auf seine Spiritualität. Die Angst vor Schabbat erfüllt ihn. Er wird nicht mehr verdächtigt zu lügen, dass er den Zehnten abgenommen hat, wenn das nicht der Fall ist.
Bei Jom Tow gilt das nicht in gleicher Weise. Jom Tow ist ebenfalls heilig und wunderbar – aber seine Wirkung hängt stärker von der Vorbereitung des Menschen ab. Da haben wir keine Lizenz, einem Am HaArez zu vertrauen, dass er die Abgaben für die Priester und Leviten von den Früchten abgesondert hat, die er uns verkauft hat. Da gibt es kein solches Konzept wie „Die Angst vor Jom Tov ist auf ihm“.
Die zusätzliche Seele des Schabbats – Neschama Jetejra
Die Gemara in Bejza erklärt den Vers:
„…uwaJom Ha’Schewi’i schawat wajinafasch - Am siebten Tag ruhte Er und erholte sich.“ [Schemot 31,17]
Rabbi Schim’on ben Lakisch lehrt: Am Vorabend des Schabbats (Erew Schabbat) erhält der Mensch eine Neschama Jetejra – eine zusätzliche Seele – und am Ende des Schabbats wird sie ihm wieder genommen [Talmud Traktat Bejza 16a und Ta’anit 27b].
Deshalb riechen wir beim Ausgang des Schabbats bei Hawdala an Bessamim (wohlriechende Gewürze). So wie man einem Ohnmächtigen Riechsalz gibt, um ihn zu beleben, so stärken uns die Düfte nach dem Verlust dieser zusätzlichen Seele. Dieses besondere Geschenk bekamen wir nur für die Dauer des Schabbats. Wenn Schabbat zu Ende ist, verlässt uns diese Neschama Jetejra. Das war's!
Warum gibt es keine Bessamim nach Jom Tow?
Die Baʿalej Tossafot im Traktat Pessachim (102b) stellen folgende Frage: Was geschieht, wenn ein Jom Tow auf einen Sonntag fällt, also am Motza’ej Schabbat (Ausgang des Schabbats) beginnt?
Der Kiddusch, den wir zu Beginn eines solchen Jom Tow sprechen, enthält insgesamt fünf Segenssprüche. Im Talmud [ibid.] wird diese Kombination mit dem Akronym J’aK’N’eH’aS’ bezeichnet:
Jajin (Wein),
Kiddusch,
Ner (Kerze),
Hawdala,
Sman (Schehechejanu).
Wir sprechen also Kiddusch und Schehechejanu für den beginnenden Jom Tow, machen zugleich Hawdala für den scheidenden Schabbat mit einer Kerze und selbstverständlich die Beracha Bore Peri Hagafen über den Wein.
Auffallend ist jedoch, dass keine Beracha über Bessamim gesprochen wird, obwohl sie sonst ein Bestandteil der Hawdala ist. Warum?
Tossafot zitiert hierzu die Erklärung des Raschbam (Enkel von Raschi) zur Stelle. Nach seiner Ansicht sagen wir in diesem Fall keine Beracha über Bessamim, weil wir auch am Jom Tow eine „Neschama Jetejra“, eine zusätzliche Seele, besitzen.
Wenn dies so ist – so fragt Tossafot weiter –, warum nehmen wir dann am Ende von Jom Tow keine Bessamim, wenn diese zusätzliche Seele uns wieder verlässt?
Daher kommt Tossafot zu dem Schluss, dass am Jom Tow keine Neschama Jetejra vorhanden ist. Deshalb sprechen wir am Ausgang von Jom Tow keine Beracha über Bessamim. Dieses besondere Geschenk aus der Schatzkammer G’ttes erhalten wir ausschliesslich am Schabbat.
Doch damit stellt sich die ursprüngliche Frage erneut: Wenn es am Jom Tow keine Neschama Jetejra gibt, warum sprechen wir dann bei der Kiddusch–Hawdala-Kombination keine Beracha über Bessamim?
Tossafot antwortet darauf, dass die Freude und die festliche Jom-Tow-Mahlzeit das Riechen der Bessamim ersetzen. Das, was wir normalerweise durch den Duft der Gewürze erreichen – die Tröstung über das Scheiden des Schabbats –, wird hier durch die Freude des beginnenden Feiertages bewirkt.
Der Awnej Neser und der Sefat Emet erklären diese Frage jedoch auf andere Weise. Sie folgen der Ansicht des Raschbam, dass auch am Jom Tow eine Neschama Jetejra vorhanden ist. Wenn also Jom Tow unmittelbar am Motza’ej Schabbat beginnt, sind keine Bessamim notwendig, da die zusätzliche Seele weiterhin bei uns bleibt.
Wenn das so ist, warum verwenden wir dann am Ende von Jom Tow keine Bessamim?
Darauf antwortet der Awnej Neser: Die Neschama Jetejra des Jom Tow verlässt uns nicht unmittelbar. Wie bereits oben erwähnt, muss sich der Mensch für die Inspiration eines Jom Tow vorbereiten und darauf innerlich arbeiten. Eine solche zusätzliche Seele, die durch Vorbereitung und geistige Anstrengung erworben wurde, verschwindet nicht einfach sofort wieder.
Sie folgt nicht dem Prinzip „leicht gekommen – leicht gegangen“. Was schwer zu erlangen ist, verschwindet auch nicht schnell. Darum verlässt uns diese besondere geistige Erhebung nicht unmittelbar nach dem Ende des Feiertages und deshalb benötigt es dann keine Bessamim.
Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.
Raschbam, Akronym für Rabbi Schemuel ben Meir (ca.1085-1158); Ramerupt, Troyes (Frankreich). Sein Vater Rabbi Meir heiratete Jochewed, eine der drei Töchter von Raschi. Er hatte drei Brüder: "Riwam" Akronym für Rabbi Jizchak ben Meir; Rabbi Ja’akow ben Meir, bekannt als „Rabbejnu Tam“ und Rabbi Schlomo. Der Raschbam, der Riwam, wie auch Rabbejnu Tam gehörten zu den ersten Tossafisten. Er schrieb einen Kommentar zum Pentateuch, wie auch zu verschiedenen Traktaten des Talmuds. Er war ein Schüler seines Grossvaters Raschi und seines Vaters Rabbi Meir.
Chatam Sofer (1762-1839) [Rabbi Mosche Sofer / Schreiber]; Pressburg/Bratislava, Slowakei. Rosch Jeschiwa und einer der führenden Rabbiner des 19. Jahrhunderts. Er schrieb zahlreiche Werke, wie acht Bände Responsen, 18 Bände Erklärungen zum Talmud, Kommentare zur Tora, Briefe, Gedichte und ein Tagebuch. Die meisten Werke tragen den Namen „Chatam Sofer“.
Rabbi Awraham Bornstein (1838 – 1910); Sochaczew (Sochatschov), Polen. Er war ein führender Possek im Europa des späten 19. Jahrhunderts und Gründer und erster Rebbe der chassidischen Sochatschov-Dynastie. Er wurde bekannt als ‘Awnej Neser’, nach dem Titel seines veröffentlichten Werkes von Tora-Responsen, das weithin als klassisches Halacha-Werk anerkannt ist. Er war ein Schwiegersohn des Kotzker Rebbe. Sein einziger Sohn, Rabbi Schemuel, Autor von ‘Schem Mischemuel’, folgte ihm als Rebbe.
Sefat Emet: Rabbi Jehuda Leib Alter (1847 – 1905); der zweite Gerrer Rebbe; Polen. Verfasser der bekannten Werke Sefat Emet zum Talmud und Erklärungen zum Chumasch.
Rav Elisha Chajim Hurvitz; Lawrence, N.Y. zeitgenössischer Rabbiner. Verfasser vom Buch Bej Chija auf Chumasch.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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