Nissan/ Wajikra
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Nichts geschieht von allein (Paraschat Teruma 5785)

Wer fertigte die Menora (den Leuchter) an?

Wer fertigte die Menora (den Leuchter) an?
Foto: AI Avigail

Wochenabschnitt Paraschat Teruma: Nichts geschieht von allein

Rav Frand zu Paraschat Teruma 5785

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

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Diese Woche wird die Herstellung der Geräte, Wände und Bedachungen des Mischkan (Stiftzeltes) beschrieben. Bei der Menora (Leuchter) steht folgendes: “Und schaue und mache…” (25:40).  Raschi erklärt hierzu: “Schaue hier auf dem Berg die Gestalt, die ich dir zeige; das lehrt, dass Mosche das Werk des Leuchters schwer fiel, bis ihm HKB”H einen Leuchter von Feuer zeigte.” Offensichtlich half Mosche auch dies nicht, denn in einem früheren Vers heisst es: “Du sollst eine Menora aus reinem Gold herstellen, “Mikscha te’asse haMenora” – gehämmert (in getriebener Arbeit, aus einem Klumpen) soll die Menora hergestellt werden” (Schemot 25:31). Die Tora verwendet hier einen passiven Ausdruck (te’asse – soll gemacht werden), anstatt den üblicheren direkten Befehl (ta’asse – sollst du machen). Raschi kommentiert dazu: “Die Menora wurde von selbst hergestellt, weil Mosche Schwierigkeiten hatte, sich deren Aussehen vorzustellen. Die Menora war so komplex mit ihren Blumen, Schalen und Knospen, dass es Mosche schwerfiel sie herzustellen. Haschem sagte ihm schlussendlich, er solle einen Kikar (Talent) Gold ins Feuer werfen, und die Menora wird von selbst entstehen. Mosche warf den Klumpen Gold ins Feuer, und die Menora entstand auf wundersame Weise von allein.

Eine ähnliche Raschi finden wir in Paraschat Beha’alotecha (Bamidbar 8:4). Die Tora sagt dort: “We’se Ma’asse haMenora – Und dies ist das Werk der Menora…”. Dazu kommentiert Raschi:  “Und HKB”H zeigte es ihm mit dem Finger, weil es ihm schwerfiel; deshalb steht, und dies…” Der Midrasch Tanchuma in Wajikra (Paraschat Schemini 10) zitiert diesen Vers und bemerkt dazu, dass jedes Mal, wenn das Wort “Se” oder “Sot” (dies) im Chumasch erwähnt ist, es auf ein Hinweisen mit dem Finger andeutet!

Zum Passuk “Se Kejli weAnwejhu – Dies ist mein G”tt und ich möchte Ihn verherrlichen” (Schemot 15:2) sagen Chasal (unsere Weisen), wie sie Raschi zur Stelle zitiert, dass eine Magd am Roten Meer Dinge sehen konnte, die der grosse Prophet Jecheskel nicht sehen konnte. Sie konnten hinzeigen: “SeDies ist mein G”tt…”!

Auch hier in Paraschat Beha’alotecha (Bamidbar 8:4) deutet – nach dem Midrasch, wie auch Raschi ihn zitiert – die Verwendung des Wortes “We’se” bei der Menora an, dass Hakadosch Baruch Hu Mosche das genaue Aussehen der Menora zeigte. Jedoch am Ende dieses Verses, heisst es: “… so machte er die Menora.” Wer ist das “er“? Kommentiert Raschi, in einer zweiten Erklärung, dass es sich auf den Allmächtigen bezieht, dass durch Ihn die Menora von selbst entstand.”

Der Maharal stellt in seinem Sefer (Buch) Gur Arje in Paraschat Beha’alotecha eine Frage zu den obenzitierten Midraschim und Raschi. 

Der Maharal weist darauf hin, dass in der dieswöchigen Parascha, wie auch in Paraschat Bamidbar sich die Midraschim und Raschi zu widersprechen scheinen. Einerseits sagen sie, dass Mosche sich die Menora nicht vorstellen konnte und dass deshalb die Menora von allein aus dem Feuer hervorging. Anderseits erklären sie, anhand der Ausdrücke in der Tora, dass Haschem Mosche das Aussehen der Menora klar darstellte, sodass Mosche wusste, wie sie selbst herzustellen.

Zuerst schlägt der Gur Arje eine Antwort vor, dass Mosche versuchte die Menora gemäss der Abbildung, die er gesehen hatte, selbst herzustellen, jedoch immer noch Schwierigkeiten hatte, sodass er am Ende das Gold ins Feuer warf und so die Menora entstand. Der Gur Arje verwirft diese Erklärung. Denn sollte dies wahr sein, wozu zeigte ihm der Ewige den Leuchter aus Feuer, wenn er es nicht verstehen würde.

Deshalb erklärt der Maharal, dass hier ein Prozess stattfand. Mosche Rabbejnu musste die Menora aus Feuer genau betrachten, sie studieren und versuchen, ihre Struktur zu verstehen. Denn schlussendlich befahl HKB”H den Kindern Jisraels das ganze Mischkan selbst herzustellen! Dann versuchte Mosche sie herzustellen. Aber es gelang ihm nicht. Zu diesem Zeitpunkt sagte Haschem zu ihm: “Gut, wirf den Klumpen ins Feuer, und versuche dort mit Hammer und Handwerksgeräte die Menora herzustellen, so wie Ich sie dir gezeigt habe.”  Wenn er die Form der Menora nie gesehen hätte, so wüsste er überhaupt nicht, wo er mit dem Hammer draufschlagen muss! Er begann mit dem Hammer auf den richtigen Ort draufzuschlagen und erst dann entstand das Endprodukt durch HKB”H.

Der Maharal sagt, dass hier eine grosse Lektion vorhanden ist. Nichts geschieht von allein. Sogar wenn eine Aufgabe hoffnungslos zu sein scheint, muss der Mensch selbst eine Anstrengung unternehmen. Wenn der Mensch die Anstrengung unternimmt, kann der Ribbono schel Olam Sijata Dischmaja (Hilfe vom Himmel) geben. Wenn jedoch ein Mensch sich mit gefalteten Händen zurücklehnt und nur auf ein Wunder wartet, wird es nicht geschehen!

So war es auch beim Jam Suf (Roten Meer), obwohl das Meer durch den Allmächtigen gespalten wurde, musste Mosche seinen Stock auf das Meer neigen, damit es gespalten wird.

Rabbi Hartmann zitiert in seinem Kommentar zum Maharal den Passuk “… und der Ewige, dein G”tt, wird dich in allem was du tust, segnen” (Dewarim 15:18), und zitiert den Sifri: Ich könnte denken, dass (die Beracha kommen wird) sogar wenn der Mensch sitzt und nichts tut – deshalb betont die Tora: “Alles, was du tust”. Dies bedeutet, dass du eine Anstrengung unternehmen musst.

Die Idee ist dieselbe, als Mosche beauftragt wurde, den Stamm Lewi zu zählen. Anders als die anderen Stämme wurden die Lewijim vom Zeitpunkt an, als sie dreissig Tage alt waren, gezählt. Bei dieser Zählung steht im Vers: “Und Mosche zählte sie auf den Ausspruch des Ewigen… (Bamidbar 3:16) Erklärt Raschi dazu: “Mosche fragte den Ribbono schel Olam: Willst Du, dass ich in die Zelte der stillenden Mütter und ihren frischgeborenen Babys gehe, um sie zu zählen? Der Ribbono schel Olam sagte: Nein. Tue du das deinige, und ich werde das Meinige tun; Mosche ging und stellte sich an den Eingang des Zeltes, und eine himmlische Stimme kam aus dem Zelt und sagte soundso viel Babys sind in diesem Zelt; deshalb steht, ‘auf den Ausspruch des Ewigen’.”

Warum musste Mosche zu den Türen der Zelte gehen? Er hätte beim Mischkan sitzen können, während Haschem ihm die Zahl angegeben hätte, und er hätte gewusst, wie viele es waren! Die Antwort ist, dass ein Mensch eine Anstrengung unternehmen muss. Obwohl es eine unausführbare Aufgabe zu sein scheint, muss der Mensch doch die Anstrengung unternehmen.

Wenn es eine Lektion gibt, die wir beim Erziehen unserer Kinder lernen müssen, ist es diese. Manchmal haben wir das Gefühl, dass unsere Aufgabe undurchführbar sei, und die Anstrengung umsonst ist. Wie sollen wir es tun? Die Antwort ist, dass wir uns die Mühe nehmen müssen und dass der Ribbono schel Olam uns mit Seiner Hilfe segnen wird.

 

Eine Geschichte – Zwei Lektionen!

Während wir über das Thema der Erziehung unserer Kinder sprechen, möchte ich eine Geschichte weitergeben, die mir jemand vor kurzem erzählte. Er bat mich, den Namen der Person nicht zu erwähnen. Ich kenne diese Person, und es ist eine grossartige und lehrreiche Geschichte.

Es gab einen Juden, der im Alter von über neunzig Jahren niftar wurde (verschied). Dieser Jid war verantwortlich für die Jiddischkeit und insbesondere die Tora-Jiddischkeit in einer kleinen Stadt irgendwo in Amerika. Er war der Mensch, der für alle Tora-Angelegenheiten des Gemeinschaftslebens in jener Stadt zuständig war. Er baute die Schul (Synagoge) und die Tagesschule auf, nicht nur in finanzieller, sondern auch in administrativer Hinsicht. Er war die Person, die sich um alles kümmerte. Heute ist diese Gemeinde eine blühende jüdische Gemeinschaft aufgrund seiner Bemühungen vor Jahrzehnten.

Er kam nicht ursprünglich aus dieser Stadt. Er lebte früher in einer anderen Stadt. Er sagte seinen Kindern, was ihn dazu motiviert hatte, ein “Askan” (Gemeindeleiter) zu werden, der die Verantwortung, mit allem, was dazugehörte, übernahm, um in einer kleinen Gemeinde Tora aufzubauen. Er sagte, dass dies auf etwas zurückzuführen ist, das bei seiner Barmizwa geschah. Dieser Mann starb im Alter von über neunzig Jahren. Dies bedeutet, dass seine Barmizwa vor über achtzig Jahren in einer kleinen Stadt in Amerika stattfand.

Vor über achtzig Jahren bestand in einer kleinen Stadt in Amerika eine Barmizwa aus dem Folgenden: Wenn der Junge zu Maftir aufgerufen wurde, leinte er die Haftora, und das war alles! Es gab kein Leinen der ganzen Parascha, es gab kein Pschetel  (Vortrag) in Jiddisch, es gab kein Pschetel in Englisch, es gab kein “Bo Bajom” (eine Barmizwa-Feier am genauen Tag seines 13. Geburtstags). Der Ausdruck “Bo Bajom” wurde erst in den 1990er Jahren ins Wörterbuch aufgenommen! Dies war eine Barmizwa in einer kleinen Stadt in Amerika ca. im Jahre 1930.

Dieser Barmizwa-Junge erhielt an jenem Tag den Maftir in Schul. Nach dem Dawenen hörte er, wie zwei Gemeindemitglieder miteinander sprachen. Einer sagte: “Dieser Barmizwa-Junge hat wirklich gute Arbeit geleistet.” Der andere antwortete ihm: “Ja, er leistete wirklich gute Arbeit, aber es wundert mich, ob er zu Mincha wieder kommen wird.”

In jenen Tagen hatte man eine Feier in Schul am Morgen, aber nur wenige kamen am Nachmittag zu Mincha zurück. Der erste Mann sagte: “Er wird bestimmt zu Mincha zurückkommen, denn dieser Junge ist anders!”

Dieser Barmizwa-Junge erzählte seinen eigenen Kindern Jahrzehnte später, dass diese Worte, die er an jenem Tag gehört hatte, nämlich, dass “dieser Junge anders ist”, ihm sein ganzes Leben lang in seinen Ohren klingelten. Er sagte sich immer: “Ich bin anders! Die Leute erwarten mehr von mir.” Es waren diese Worte, die er hörte, als er dreizehn Jahre alt war, die ihn sein ganzes Leben begleiteten und motivierten!

Es stellte sich heraus, da ich die Familie kenne, dass seine Geschwister nicht religiös waren. Der Junge ging in eine Jeschiwa, was in jenen Tagen nicht üblich war. Warum tat er es? Weil er “anders” ist. Er heiratete eine fromme Frau. Warum’ Weil “dieser Junge anders ist”. Er übernahm die Verantwortung für den Bau einer Gemeinde. Warum? Weil “dieser Junge anders ist”.

Vier Worte: Dieser Junge ist anders! Diese bewirkten den Unterschied im Leben des Mannes, der eine ganze Stadt veränderte. Er veränderte seine Familie, er veränderte Generationen. Ich kenne seine Kinder. Ich kenne seine Enkelkinder. Alles Schomrej Tora uMizwot (religiöse Leute). Benej Tora.

Die andere Lektion aus dieser Geschichte geht zurück auf den Juden in der Schul, der diese Bemerkung gemacht hatte. Als er starb und in den Himmel kam, wurden ihm alle Verdienste gezeigt, die er, während seinem Aufenthalt auf dieser Welt, angesammelt hatte. Dies schloss sicherlich die Schul in der Stadt des anderen Mannes ein, wie seine religiöse Familie und Nachkommen, wie auch die dortige Schule, wie auch alle Leute, die dort g-ttesfürchtig wurden. Sie werden ihm sagen: Dies sind deine Sechussim (Verdienste). Er wird sagen: “Worüber spricht ihr? Ich war nie in jener Stadt. Wie kann ich Verdienste für jene Institutionen erhalten? Es muss hier einen Computerfehler geben. Eure Aufzeichnungen sind durcheinander!”

Der Ribbono schel Olam wird ihm sagen: “Meine Aufzeichnungen sind nicht durcheinander!” Man wird ihm sagen, dass es die Worte waren, die er an der Barmizwa dieses Jungen sagte, nämlich “Dieser Junge ist anders.” Sie gaben dem Leben des Barmizwa-Knaben und allem, was er erreichte, ein anderes Gesicht.

Dies sind die zwei wichtigen Lektionen dieser Geschichte:

  1. Wenn ein Kind weiss, dass er anders ist, kann es auf ihn einen gewaltigen Eindruck machen!
  2. Sogar das kleinste Kompliment kann das Leben eines Menschen total verändern!

Quellen und Persönlichkeiten:

 

Sifri – Ältester Midrasch Kommentar zu Sefer Bamidbar und Sefer Dewarim. Der Sifri zu Bamidbar stammt aus dem Bejt Hamidrasch von Rabbi Jischma’el und der auf Dewarim aus dem Bejt  Hamidrasch von Rabbi Akiwa.  Wird oft von Raschi zitiert.

 

Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“.

Rabbi Jehuda Liwo (Leib) ben Bezel’el (1512-1609), genannt Rabbi Löw oder mit dem Akronym Maharal (Abkürzung für Morejnu haRav Löw). Posen (Polen), Nikolsburg und Prag (Tschechien). Er war ein bekannter Rabbiner, Talmudist, Darschan (Prediger) und Philosoph des 16. Jahrhunderts. Ihm wird auch die Erschaffung des Golems zugeschrieben. Er verfasste unzählige – hauptsächlich philosophische – Werke, u.a. das Sefer Gur Arje, Erklärung zu Raschis Kommentar zum Chumasch, Erklärungen zu den Aggadot Haschass, Netiwot Olam, Nezach Jisrael, Tiferet Jisrael, etc. Seine Werke dienen bis heute als Basis der jüdischen Weltanschauung.

 

Glossar:

Ribbono schel Olam: Herr der Welt

Sijata Dischmaja: Hilfe des Himmels

HKB”H: Akronym für HaKadosch Baruch Hu – Der Heilige, gelobt sei Er

Jam Suf: Rotes Meer

Schomrej Tora uMizwot: Religiöse Leute, die Tora und Mizwot einhalten

Bar-Mizwa: Knabe, der volljährig wird, bei vollendeten 13 Jahren

Maftir: Die letzte Alija beim Vorlesen der Parascha (die letzte Person, die zur Tora aufgerufen wird)

Haftara: Der Mann, der zu Maftir aufgerufen wird, liest einen Abschnitt aus NA“CH vor

NA“CH: Akronym für Newi’im (Propheten) und Ketuwim (Schriften)

Chumasch: Kommt von Chamesch (fünf), die fünf Sefarim (Bücher) der Tora

Schul: Synagoge

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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