Die besten und die schlechtesten Charaktereigenschaften
Rav Frand zu Paraschat Schemot 5786
mit Ergänzungen von S. Weinmann
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Raschi bringt zu dem Passuk: „Und ein neuer König erhob sich über Ägypten, der Josef nicht kannte“ (Schemot 1,8) zwei Meinungen:
Nach der ersten Meinung handelte es sich tatsächlich um einen neuen König.
Nach der zweiten Meinung war es derselbe Pharao, der Josef sehr wohl kannte, jedoch seine Politik änderte und den grausamen Erlass der Versklavung über das jüdische Volk verhängte.
Rabbi Mosche Feinstein stellt die Frage: Warum ist es überhaupt wichtig, welche dieser Meinungen zutrifft? Was macht es für einen Unterschied, ob es ein neuer König war oder derselbe König mit einer neuen Politik?
Rabbi Mosche erklärt, dass hier eine grundlegende Lehre verborgen liegt.
Wenn es ein neuer König war, ist es leicht verständlich: Neue Regierungen bringen neue Politiken mit sich. Das erleben wir auch heute – ein Regierungswechsel führt oft zu einem Kurswechsel.
Doch die zweite Meinung, dass es derselbe König mit einer neuen Politik war, lehrt uns etwas viel Tieferes:
Die Tora zeigt uns, wie tief ein Mensch moralisch sinken kann. Hier steht ein König, der seinem Berater Josef mehr verdankte als irgendeinem Menschen zuvor. Josef rettete nicht nur ganz Ägypten vor dem Hungertod, sondern führte das Land zu Wohlstand und Stabilität. Und dennoch war dieser König fähig, sich gegen die unmittelbaren Nachkommen dieses Wohltäters zu wenden und zu sagen: „Tut mir leid – wir haben eine neue Politik.“
Die Tora will uns lehren, dass so etwas tatsächlich geschieht. Wir dürfen nicht denken: So tief kann kein Mensch sinken. Niemand kann so undankbar, so verräterisch sein. Pharao ist der Beweis dafür, wie unzuverlässig und undankbar Menschen sein können.
Rabbejnu Bachja zitiert dazu einen Midrasch:
„Wer die Wohltaten seines Mitmenschen leugnet, wird am Ende auch die Wohltaten des Allmächtigen leugnen.“ Der Midrasch leitet dies von Pharao ab: Zuerst heisst es von ihm, er „kannte Josef nicht“, und später sagt er: „Wer ist Haschem?“ (Schemot 5,2).
Dies ist eine Warnung an uns alle – so etwas kann jedem Menschen widerfahren.
Doch es gibt in unserer Parascha ein Beispiel, das sogar noch schwerwiegender ist als Pharaos Undankbarkeit.
Mosche sah einen Ägypter, der einen Juden schlug, und tötete den Ägypter, um den Juden zu retten. Am nächsten Tag traf Mosche zwei Juden, die miteinander stritten, und fragte den Angreifer, warum er seinen Mitmenschen schlage. Dieser entgegnete spöttisch: „Willst du mich etwa töten, so wie du den Ägypter getötet hast?“
Darauf sagte Mosche in Furcht: „Nun ist die Sache bekannt geworden.“
Der Midrasch schildert den Hintergrund: Die ägyptischen Aufseher setzten jüdische Vorarbeiter ein, um die Zwangsarbeit durchzusetzen. Jeden Morgen, noch vor Tagesanbruch, weckten die ägyptischen Aufseher diese jüdischen Aufseher, damit sie die anderen jüdischen Sklaven dazu bringen, mit der Arbeit zu beginnen. Einer dieser Ägypter bemerkte, dass die Frau eines jüdischen Vorarbeiters besonders schön war. Nachdem er den Mann aus dem Haus geschickt hatte, kehrte er zurück und missbrauchte dessen Frau. In der Dunkelheit hielt sie ihn für ihren Ehemann.
Als der jüdische Mann zurückkam und den Ägypter weggehen sah, erfuhr er, was geschehen war. Als der Ägypter merkte, dass seine Tat entdeckt worden war, begann er, den Juden brutal zu schlagen und wollte ihn töten, um seine Missetat zu vertuschen.
Das ist der Zusammenhang der Szene, in der Mosche den Ägypter erschlägt. Durch Ruach haKodesch (g-ttliche Eingabe) erkannte Mosche die ganze Tragödie – Ehebruch und versuchter Mord – und wusste, dass der Ägypter todesschuldig ist. Er nahm das Gesetz selbst in die Hand, und tötete ihn.
Der gerettete Jude hiess Datan [Anmerkung des Herausgebers: Ich habe diesen Midrasch oder diese Erklärung nirgends entdeckt]. Am nächsten Tag, als Mosche Rabbejnu hinausging, sah er, wie derselbe Datan einen anderen Juden schlagen möchte. Mosche züchtigte Datan und sagte: "Du Böser, warum willst du deinen Mitmenschen schlagen?" Datan drehte sich um und verhöhnte Mosche: "Wer hat dich als Richter über uns eingesetzt? Willst du mich umbringen, wie du den Ägypter umgebracht hast?" Daraufhin ging Datan zu den Behörden und berichtete, dass Mosche einen ägyptischen Aufseher getötet hätte, was Mosche zwang, um sein Leben zu fliehen und Ägypten zu verlassen.
Kann man sich einen grösseren Undank vorstellen? Mosche rettet ihm das Leben – und er bringt Mosche in Lebensgefahr.
Pharao und Datan verkörpern damit die schlechtesten menschlichen Charaktere – völlige Undankbarkeit gegenüber jenen, denen man alles verdankt.
Demgegenüber steht nun ein Beispiel für die besten menschlichen Charaktere: Jitro. Pharao versammelte seine engsten Berater – Bil’am, Ijow und Jitro – und bat sie um Rat angesichts des „jüdischen Problems“: „Kommt, lasst uns klug gegen sie vorgehen, damit sie sich nicht vermehren; denn es könnte geschehen, dass sie sich im Falle eines Krieges auch unseren Feinden anschliessen und gegen uns kämpfen.“ (Schemot 1,10)
Bil’am kam mit der „brillanten“ Idee, alle männlichen Neugeborenen in den Nil zu werfen. Ijow schwieg. Jitro war gegen den Plan, trat zurück und floh aus Ägypten nach Midjan. In jener Zeit war ein solcher Rücktritt aus Protest lebensgefährlich. Doch Jitro konnte es nicht ertragen, dass nach alldem, was Josef für Ägypten getan hatte, seine Familie der Vernichtung preiszugeben.
Was hat Jitro motiviert? Er war ein „Makir Towa“. Er erkannte einen Gefallen, als es getan wurde, und er erkannte die moralische Verantwortung, die damit einhergeht. Er verstand, dass eine der grundlegendsten ethischen Eigenschaften, die eine Person praktizieren muss, darin besteht, für das, was man erhalten hat, dankbar zu sein. Als Ergebnis dieses mutigen Standes Jitros verdiente er es, seine Tochter Ziporah mit Mosche Rabbejnu zu verheiraten.
Aber wie hat es Jitro verdient, einen so wunderbaren Schwiegersohn zu bekommen? Mosche Rabbejnu war besser als „der beste Junge in Lakewood“. Er war besser als der beste Typ in Brisk, der beste Gelehrte in Mir, der beste Dozent in Poniwesch. Er war der beste Typ der Welt! Wie hat Jitro ihn erwischt? Die Antwort wird in einem Passuk in der Tora enthüllt.
Mosche Rabbejnu flüchtete nach Midjan. Jitros Töchter wurden von den Midjanitern angegriffen. Moshe kam und rettete sie. Als Jitros Töchter nach Hause kamen erzählten sie ihrem Vater, was passiert war. Jitro war empört, dass seine Töchter den Fremden nach ihrer Rettung gehen liessen, ohne ihn nach Hause einzuladen und ihm Essen anzubieten. Er züchtigte sie dafür, dass sie unartig waren. Das war sein Leben – Hakaras haTov! Er konnte nicht verstehen, wie seine Töchter das Schlüsselattribut seiner eigenen Persönlichkeit nicht aufgriffen hatten - jemandem verpflichtet zu sein, der ihm einen Gefallen getan hat. Die Töchter erklärten – so der Midrasch –, dass Mosche als Flüchtling vor der ägyptischen Gerichtsbarkeit galt und in Ägypten ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war.
Dennoch bestand Jitro darauf, dass sie ihm einen Gefallen schulden, nachdem er sie vor dem Mobbing der Midjaniter gerettet hatte. Er befahl seinen Töchtern, zurückzugehen und den Fremden zu finden und darauf zu bestehen, dass er nach Hause kommt, um mit ihnen zu essen.
Mosche Rabbeinu kam, und setzte sich zum Abendessen. Jitro sagte: „Ich will diesen Mann als meinen Schwiegersohn!“ Der Rest ist Geschichte.
Dies ist eine Segula, die wir uns merken sollten:
Jemand, der "makir tov" [wertschätzend] ist, verdient "den besten Schwiegersohn der Welt". Wer mit Dankbarkeit lebt, wird Grosses verdienen.
Paraschat Schemot zeigt uns somit die Extreme menschlichen Verhaltens:
Die schlimmste Undankbarkeit – und die edelste Anerkennung des Guten.
Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak, Rabbi Schlomo Jizchaki oder Rabban Schel Jisrael (der Grosslehrer Jisraels), meist jedoch nur Raschi genannt (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland). Er war ein französischer Rabbiner und massgeblicher Kommentator des Tenach und Talmuds; „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“. Er ist einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Bibelkommentar wird bis heute studiert und in den meisten jüdischen Bibelausgaben abgedruckt; sein Kommentar zum babylonischen Talmud gilt ebenfalls als einer der wichtigsten und ist allen gedruckten Ausgaben beigefügt.
Rabbejnu Bachja (Rabbejnu Bechaje) ben Ascher (1255 – 1340); Kabbalist, bekannt vor allem durch seinen Pentateuch-Kommentar "Rabbejnu Bachja", wie auch "Kad Hakemach" und weitere Werke. Saragossa, Spanien. Er war ein Schüler von Rabbi Schlomo ibn Aderet (Raschba), einer der bedeutendsten Rischonim. Er wird oft mit Rabbejnu Bachja ben Josef ibn Pakuda (auch aus Saragossa), Verfasser von "Chowot Halewawot" verwechselt.
Rabbi Mosche Feinstein (1895 - 1986): Usda (Weissrussland), Ljuban (Russland), New York (USA). Er war ein weltberühmter Rabbiner, eine führende halachische Kapazität, und zu seinen Lebzeiten de facto die höchste rabbinische Autorität (Gadol Hador) der Orthodoxie Nordamerikas. Er war auch der Rosch Jeschiwa der Mesivta Tiferet Jeruschalajim, New York.
An seiner Beerdigung nahmen etwa 300’000 Menschen teil. Rabbi Feinstein genoss ein derart hohes Ansehen, dass der bekannte Rabbi Schlomo Salman Auerbach es ablehnte, zu seinen Ehren zu sprechen. Er sagte: „Wer bin ich, dass ich zu seinen Ehren sprechen könnte? Ich studiere seine Bücher, ich bin sein Schüler.“
Er verfasste unzählige weltberühmte Werke, wie Igrot Mosche (8 Bände halachischer Responsen), Dibrot Mosche, Erklärungen zum Talmud (11 Bände) und Darasch Mosche zum Chumasch, etc.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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