Wochenabschnitt Paraschat Wajikra: Der “Jizchak-Effekt” wirkte sich auf den Dienst im Mischkan für alle zukünftigen Generation aus
Rav Frand zu Paraschat Wajikra 5785
Ergänzungen: S. Weinmann
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Der erste Tag des Monats Nissan ist ein sehr wichtiges Datum in der jüdischen Geschichte. An diesem Tag wurde das Mischkan (Stiftszelt) zum ersten Mal für dauernd errichtet. In den letzten sieben Tagen des Monats Adar stellte Mosche Rabbejnu jeden Tag das Mischkan auf und nahm es wieder auseinander (nach gewissen Meinungen – siehe Midrasch Tanchuma Ende Paraschat Pekudej – stellte Mosche Rabbejnu in diesen sieben Tagen das Mischkan sogar zwei- oder dreimal auf, und nahm es wieder auseinander). In Wahrheit wurde der gesamte Bau aller Teile des Mischkan schon am 25. Kislew beendet. Mosche Rabbejnu kam am Jom Kippur (10. Tischri) vom Berg Sinai hinunter und kündigte an, dass Haschem dem Volk für die Sünde des Goldenen Kalbs verziehen habe. Am Tag danach (am 11.Tischri) gab Mosche dem Klall Jisrael die Mizwa, das Mischkan zu bauen. Der Bau des Mischkan, die Herstellung der priesterlichen Kleider und das Prozedere der Einweihung des Mischkan, war tatsächlich das Thema der letzten fünf Paraschot des Sefer Schemot: Teruma, Tezawe, Ki Tissa, Wajakhel und Pekudej. Der Bau des Mischkan, mit allem Dazugehörendem, fand während den restlichen Tagen des Monat Tischri, dem ganzen Monat Cheschwan und weitere 25 Tage im Monat Kislew statt. Eigentlich waren alle Teile des Mischkan am 25. Kislew fertig angefertigt und bereit zur Erstellung des Mischkan.
Jedoch wurde das Mischkan in den restlichen Tagen vom Monat Kislew, im Monat Tewet, Monat Schewat und Monat Adar nicht errichtet. Erst Rosch Chodesch Nissan fand die eigentliche Einweihung statt. Der Midrasch Tanchuma (Ende Paraschat Pekudej) bemerkt folgendes zu dieser Verzögerung bei der Errichtung des Mischkan: “Rabbi Schmuel bar Nachman erklärt, dass das Mischkan in rund drei Monaten vollendet wurde, jedoch während weiteren drei Monaten nicht aufgestellt wurde. Warum war dies so? Es war so, weil Haschem die Simcha des Monats, an dem das Mischkan eingeweiht wurde, mit der Simcha des Monats, in welchem Jizchak Awinu geboren wurde, verbinden wollte. Jizchak Awinu wurde im Monat Nissan (am 15.) geboren!”
(Anmerkung des Herausgebers: Die Einweihung des Mischkan, dauerte bis zum 12. Nissan. Jeden Tag brachte einer der zwölf Stammesfürsten Einweihungsopfer dar.)
Der Midrasch sagt weiter, dass die Spötter der Generation spotteten und sagten: “Warum gibt es solch eine Verzögerung? Warum wird das Mischkan nicht sofort aufgestellt, wenn es bereit ist?” (Einige Dinge ändern sich nie – die Spötter finden immer irgendetwas, um ihren Zynismus auszudrücken.) Der Midrasch sagt über diese Spötter: “Sie wussten jedoch nicht, dass der Allmächtige einen Gesamtplan hatte.” Bezüglich dieses Plans sagte David Hamelech “Denn Du hast mich erfreut, Haschem, mit Deinen Werken, über die Taten Deiner Hände singe ich ein frohes Lied. Wie gross sind Deine Taten, Haschem, ausserordentlich tief Deine Gedanken” (Tehillim/Psalm 92:5-6).
Der Midrasch sagt, dass die Worte “Denn Du hast mich erfreut, Haschem, mit Deinen Werken” sich auf das Ohel Moed (Stiftzelt) beziehen, und dass die Worte “über die Taten Deiner Hände singe ich ein frohes Lied” sich auf das Bejt Hamikdasch (Tempel) beziehen, und dass die Worte “Wie gross sind Deine Taten, Haschem, ausserordentlich tief Deine Gedanken” sich auf die Tatsache beziehen, dass Haschem plante, eine Freude mit einer anderen (d.h. das Aufstellen des Mischkan mit dem Geburtstag von Jizchak) zu verbinden.
Der nächste Passuk sagt: “Ein Törichter kann dies nicht wissen, und ein Narr kann dies nicht verstehen” (Tehillim 92:7). Die Spötter und Narren verstanden nicht die wichtige Bedeutung des Zusammentreffens dieser zwei fröhlichen Daten. Die Spötter, die wissen wollten, warum das Mischkan nicht erstellt wurde, als die Teile fertiggestellt waren, verstanden nicht den G”ttlichen Denkprozess, der bis zum ersten Nissan wartete, um es aufzustellen. Haschem hatte einen Plan – das Mischkan im selben Monat aufzustellen, als der Patriarch Jizchak geboren wurde.
Raw David Kviat bringt zwei Schwierigkeiten zu diesem Midrasch zur Sprache:
- Die Faustregel lautet normalerweise, dass wir ein fröhliches Ereignis nicht mit einem anderen fröhlichen Ereignis mischen (“Ejn me’arwin Simcha beSimcha” – Talmud Traktat Mo’ed Katan 8b).
- Was hat die Geburt Jizchaks mit dem Erstellen des Mischkan zu tun?
Er antwortet: Bekanntlich steht die Welt auf drei Säulen (Pirkej Awot/Sprüche der Väter 1:2): “Schimon Hazaddik sagt: Auf drei Säulen steht die Welt, auf Tora, auf Awoda (G-ttesdienst) und auf Gemillut Chassadim (Wohltätigkeit). Bekanntlich ist Jizchak die “Säule der Awoda”. (Awraham verkörpert Wohltätigkeit und Ja’akow Tora) Er ist der Patriarch, der den G”ttesdienst verkörpert. Jizchak selbst war ein “Korban” (Opfer) – er stand im Begriff, geopfert zu werden. Nicht nur sollte er gegen seinen Willen “geopfert” werden, sondern er war bereit dazu! Er tat es mit Freude. Er gab den Ton dafür an, dass der G”ttesdienst – wie schwer er auch ist – mit Freude ausgeführt werden sollte. Chasal (unsere Weisen in einigen Midraschim, siehe z.B. Midrasch Tanchuma Ende Paraschat Wajera) sagen uns, dass Jizchak sicherstellen wollte, dass er sich nicht, aus einer plötzlichen Angst vor dem Messer, bewegt und ungültig geschächtet werden würde, seinen Vater bat, ihn fest anzubinden (Akejda), um sicherzustellen, dass er sich nicht bewegen und das Opfer nicht passul (ungültig) werden kann.
Wenn man in Erwägung zieht, ein Mischkan aufzustellen – bei dem es sich um Korbanot handelt – wollte der Ribbono schel Olam, dass der Einfluss von Jizchak Awinu und sein freudiger Zugang zum G”ttesdienst als Segula (günstiges Vorzeichen) für die Erstellung des Mischkans vorhanden sein sollte.
Im Judentum sind, wie wir alle wissen, Daten im Kalender nicht nur Gedenkdaten. Was an einem bestimmten Tag in der Geschichte geschah, hat einen Einfluss auf alle zukünftigen Generationen. Der Jomtow Pessach ist die Zeit der Erlösung und Freiheit, und jedes Jahr strahlt der Feiertag Pessach Heiligkeit und Erlösung aus, an denen wir teilnehmen können. Nachdem die Tora am Schawuot gegeben wurde, sind Ausstrahlungen des Potenzials des Tora-Lernens an diesem Tag stärker vorhanden, was der Grund dafür ist, dass wir uns am Schawuot stärker bemühen, Tora zu lernen – um diese Himmlischen Leuchtkräfte zu ergreifen. Ebenso hat die Tatsache, dass Jizchak im Monat Nissan geboren wurde und mit Simcha zur Awoda (dem G”ttlichen Opferdienst) zuging, eine Auswirkung auf diesen Monat für alle zukünftigen Generationen.
Obwohl also die normale Faustregel lautet, dass “Ejn me’arwin Simche beSimcha”, ist es hier nicht schwierig zu verstehen, warum Haschem beschloss, diese Regel aufzuheben. Die Regel bedeutet, dass wir nicht zwei ungleichartige Gründe für einen Freudentag (z.B. Freude an einem Feiertag und Freude mit einer Braut) nehmen und sie miteinander verbinden, indem wir zum Beispiel an einem jüdischen Feiertag heiraten. Hier sprechen wir jedoch über dieselbe “Simcha” – die “Simcha der Awoda”. Hier besteht kein Konflikt. Im Gegenteil, Haschem wollte diesen G”ttlichen Einfluss, der innerhalb der Schöpfung existierte (durch die Geburt Jizchaks im Nissan) nehmen und ihn in das Mischkan verpflanzen. Deshalb wurde das Mischkan erst am Rosch Chodesch Nissan erstellt und eingeweiht, um diese Freude mit einer zweiten Freude zu verbinden – die Freude des neuen Mischkan mit der Freude des Monats, in dem Jizchak geboren wurde.
Quellen und Persönlichkeiten:
Midrasch Tanchuma: Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch. Wird nach dem Amora (Talmudgelehrten) Rabbi Tanchuma Bar Abba benannt, da er am häufigsten in diesem Midrasch zitiert wird. Er war ein jüdischer Amora der 6. Generation, einer der bedeutendsten Aggadisten seiner Zeit.
Rav David ben Awraham Elieser Kviat (1920-2009); geb. in Bialystok, (Polen). Sein Vater Rav Awraham Elieser war ein Schüler sowohl der Slabodka Jeschiva als auch der Novardok Jeschiva in Europa, obwohl er ein Slonimer Chassid war. Das Torah-Bildungssystem in Bialystok war einzigartig, da der Cheder und die Mesivta/Jeschiva beide in derselben Stadt und unter demselben Bildungssystem waren. Die meisten anderen Städte hatten nur einen Cheder. Rabbi David hatte zwei ältere Brüder, Ja’akov und Jisrael. Rabbi Davids zwei ältere Brüder setzten nach der Mesivta ihr Studium in der Slonimer Jeschiva Torat Chesed in Baranowitsch fort. Aus einem gewissen Grund entschied sich Rav David in eine der litauischen Jeschiwot zu gehen. Er wählte Mir.
Rabbi Kviat war einer der letzten “Alte Mirrer”, der Titel, der denen gegeben wurde, die in der Mirrer Jeschiwa in Polen studierten und die Verfolgung der Nazis überlebten, indem sie mit der gesamten Jeschiva durch Sibirien nach Kobe, Japan und nach Shanghai, China flohen. (Durch die Bemühungen von Chiune Sugihara, der ein japanischer Diplomat war, und als Konsul des japanischen Kaiserreiches in Litauen während des Zweiten Weltkrieges ca. 6000 Juden rettete. Er wurde als „Japanischer Schindler“ bekannt.)
Nach dem Krieg reiste er in die USA. Zuerst wurde er Rabbiner der Agudat Jisrael Synagoge in der 18th Avenue in Brooklyn, New York. Nachher wurde er auch ein Rosch Jeschiva in der Mirrer Jeschiva in Brooklyn.
Er schrieb seine Chiduschej Tora in Hefte und Lehrbüchern nieder, auch schrieb er seine Draschot (Predigten) in der Jeschiwa und in der Synagoge auf. 37 seiner Bücher wurden veröffentlicht, alle unter dem Namen „Sukkat David“. Zum Chumasch und den Feiertagen wurden zehn Bände veröffentlicht.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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