Wochenabschnitt Paraschat Schemot: Bescheidenheit ist das wichtigste Merkmal der jüdischen Führerschaft
Rav Frand zu Paraschat Schemot 5785 – Beitrag 2
Ergänzungen: S. Weinmann
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Mosche Rabbejnu und der Allmächtige führten einen ausgedehnten Dialog bezüglich der Frage, ob Mosche die richtige Person sei, die jüdische Nation aus Ägypten hinauszuführen. Raschi erklärt, im Namen unserer Weisen, dass der Dialog sieben Tage andauerte (Beweis von grammatikalischen Schwierigkeiten im Vers 4:10), wobei Mosche sich dagegen sträubte und Haschem darauf beharrte, dass er die Mission übernehme. Mosche argumentierte: “Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehen und dass ich die Kinder Jisraels aus Ägypten hinausführen soll?” Haschem antwortete ihm: “Ich werde mit dir sein, und dies diene dir zum Zeichen, dass ich dich gesandt habe: Wenn du die Nation aus Ägypten hinausführst, so werdet ihr G-tt auf diesem Berg dienen” (Schemot 3:11-12).
Dieser Passuk ist schwer zu verstehen, sogar wenn man die einfache Interpretation annimmt (Peschuto schel Mikra). Was für ein Zeichen ist die Tatsache für Mosche, dass sie Haschem auf diesem Berg dienen würden? Mosche wartete in diesem Moment auf ein Zeichen, dass er die geeignete Person für die anstehende Aufgabe sei. Haschem reagierte mit einem scheinbar zusammenhanglosen Detail, das in der Zukunft geschehen würde.
Der Meschech Chochma erklärt, dass der stärkste Beweis, dass Mosche der richtige Mann für die Aufgabe war, die Tatsache war, dass er fragte: “Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehen solle?” Es war gerade Mosches Eigenschaft der extremen Bescheidenheit, die ihn dazu qualifizierte, der Führer des jüdischen Volkes zu sein.
Heute sprechen wir über verschiedene Eigenschaften, die ein Mensch haben muss, um ein Führer zu sein: Er ist ein guter Rhetoriker, er ist ein guter Organisator, er ist sehr intelligent, er kann gut delegieren, etc. – alles von einer Liste, von denen Leute sprechen, wenn sie die Eigenschaften von guten Führern in der säkularen Welt aufzählen. Wir sehen aus diesem Passuk, dass in “unserer Welt” der grösste Faktor, der Mosche kennzeichnete, die Tatsache war, dass er fragte “Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehen sollte?”
Der Meschech Chochma erklärt den Zusammenhang der Pessukim mit diesem Gedanken. Haschem verachtet Leute, die hochmütig sind, und Er liebt Menschen, die bescheiden sind. “Dies ist das Zeichen…” bedeutet: “Weisst du, warum Ich dich gewählt habe? Es ist aus demselben Grund, dass ich diesen Berg (Berg Sinai) gewählt habe.”
Es gibt einen berühmten Midrasch, dass alle bedeutenden Berge das Gebirge sein wollten, auf dem die Tora gegeben werden sollte. Der Har Sinai äusserte sich im Kampf, die Stätte der Offenbarung zu werden, nicht. Der Midrasch betont, dass der Berg Sinai kein solch hoher Berg ist und dies der Grund sei, warum Haschem ihn erwählte. Es ist, weil Haschem Bescheidenheit schätzt und Hochmut verabscheut.
Der Gaon, Rabbi Zwi Pessach Frank war seit 1907 ein Dajan (Richter) in Jeruschalajim. Als das Amt des “Oberrabbiners von Jeruschalajim” (im Jahr 1935) frei wurde, kam eine Delegation zu Raw Zwi Pessach und begann, ihm über alle Angelegenheiten und Probleme zu erzählen, mit denen die Juden von Jeruschalajim zu jener Zeit konfrontiert waren. Sie erwähnten nicht, dass sie gekommen waren, um ihm die Stelle anzubieten. Sie zählten nur die Probleme auf. Nachdem er etwa eine Stunde lang mit ihnen zusammensass und die Probleme anhörte, sagte er zu ihnen: “Ich kenne diese Probleme schon. Warum erzählt ihr mir dies alles?” Zu diesem Zeitpunkt sagten sie ihm: “Wir möchten, dass du der Oberrabbiner von Jeruschalajim werden sollst.” Er reagierte überrascht: “Warum kommt ihr zu mir?” Die Delegation antwortete: “Wir suchen einen Mann, der, wenn die Aufgabe ihm angeboten wird, die Frage stellt ‘Warum kommt ihr zu mir?'”. Dies ist das Kriterium, das Sie befähigt, der Führer der Juden von Jeruschalajim zu sein!”
Dasselbe kennzeichnete Mosche Rabbejnu. Neben all seinen anderen Eigenschaften war das Kriterium, dass ihn am meisten dazu befähigte, der Führer des jüdischen Volkes zu sein, die grosse Bescheidenheit, die ihn dazu veranlasste zu reagieren: “Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehen soll?” Dies ist etwas, das Haschem bewundert. Die Führung des jüdischen Volkes beinhaltet eine gewaltige Macht. Wie wir wissen, kann Macht verderben; eine absolute Macht verdirbt durchaus. Wenn man einen Führer sucht – und sicherstellen will, dass er seine Macht nicht missbraucht – ist das Entscheidende, dass der Mensch bescheiden sein sollte. Dies ist, was Mosche Rabbejnu von allen anderen Menschen in der Welt unterschied.
Dies ist genau, was Haschem ihm sagte. Der Beweis, dass du der Führer bist, ist, dass du sagst: “Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehen soll?” Dies ist derselbe Grund, warum Haschem den Berg Sinai dazu erwählte, der Platz zu sein, wo das Volk Ihm in der Zukunft dienen sollte – der Berg Sinai war der bescheidenste aller Berge.
Quellen und Persönlichkeiten:
Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“.
Rabbi Me’ir Simcha HaKohen (1843 – 1926): Autor der bekannten Werke „Or Sameach“ zum Rambam (Maimonides) und „Meschech Chochma“ Gedanken zum Chumasch. Brillanter Denker und Rabbiner in Dvinsk, Russland.
Rabbi Zwi Pessach Frank (1873 – 1960). Geb. in Kowno (Kaunas), Litauen. Er lernte in den Jeschiwot von Slobodka und Tels. Er wanderte im Jahr 1893 nach Erez Jisrael aus, und wurde dort zu einem bekannten Gelehrten. Seit 1907 war er Dajan im Bejt Din der Aschkenasim von Jerusalem und massgeblich beteiligt an der Errichtung des israelischen Oberrabbinats und an der Ernennung von Rav Kook (Kuk) zum ersten aschkenasischen Oberrabbiner, im Jahr 1919.
Er traf viele halachische Grundsatzentscheidungen, die oftmals als offizielle Richtschnur des Jerusalemer Oberrabbinats übernommen wurden. Im Jahr 1935, als Rav Kook verschied, wurde er der aschkenasische Oberrabbiner von Jerusalem, bis zu seinem Ableben im Jahr 1960.
Er war ein Gaon (Genie), und verfasste unzählige Werke, wie Responsen „Har Zwi“ (8 Bände), Erklärungen zum Talmud (5 Bände), Mikra’ej Kodesch zu den Feiertagen (9 Bände), Anmerkungen zum Schulchan Aruch, Anmerkungen zum Rambam, Erklärungen zum Chumasch, etc.
Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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