Schewat/ Paraschat Beschalach
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Allmählicher Wandel (Paraschat Wa’era 5786)

Veränderungen geschehen fast nie auf einen einzigen Schlag

Veränderungen geschehen fast nie auf einen einzigen Schlag
Foto: AI Avigail

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Allmählicher Wandel

Rabbi Berel Wein zu Paraschat Wa’era 5786

mit Ergänzungen von S. Weinmann

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Während sich der Bericht über die Erlösung des jüdischen Volkes aus der ägyptischen Knechtschaft entfaltet, fällt mir immer wieder der scheinbar allmähliche Charakter dieses Prozesses auf, wie er uns in der Tora geschildert wird. Was soll uns all die Detailfülle lehren, die mit jeder einzelnen der über Ägypten kommenden Plagen verbunden ist? Hätte nicht eine einzige, grosse Plage ausgereicht? Schließlich haben wir im vergangenen Jahrhundert erlebt, wie zwei Bomben allein das mächtige und fanatisch entschlossene japanische Kaiserreich zur bedingungslosen Kapitulation zwangen. Welche Botschaft also liegt in den zehn Plagen und in der Zeitspanne vom Beginn der Sendung Mosches bis zu ihrem erfolgreichen Abschluss?

Diese Fragen wurden von allen grossen rabbinischen Kommentatoren im Laufe der Generationen aufgegriffen und diskutiert. Wie es in der jüdischen Bibelauslegung üblich ist, gibt es keine eine endgültige Antwort, denn von der Tora wird gesagt, sie habe siebzig verschiedene „Gesichter“ [Midrasch Bamidbar Rabba 13:15 - Schiw’im Panim (Deutungsebenen) laTora – eine Vielfalt der Deutung ist kein Mangel, sondern ein Reichtum]. Dennoch lässt sich aus ihren Schriften und Meinungen ein grundlegendes Verständnis dieser Thematik gewinnen.

Der Haupttenor der rabbinischen Auffassung ist, dass all dies notwendig war, um den Ägyptern die Möglichkeit zur Umkehr (Teschuwa) zu geben und sich selbst zu retten – und ebenso wichtig, um den Juden die Gelegenheit zu geben, allmählich zu beginnen, sich als ein freies und unabhängiges Volk zu begreifen und nicht länger als Sklaven und Heiden. Es braucht Zeit und eine Abfolge vieler Ereignisse, um die Denkweise und festgefahrenen Vorstellungen von Menschen zu verändern.

Die Ägypter mussten sich daran gewöhnen, dass sie kein Recht hatten, über andere zu herrschen und ihre Mitmenschen grausam zu behandeln. Die Juden wiederum mussten sich an die Verantwortung der Freiheit und eines selbstständigen Lebens gewöhnen und erkennen, dass sie dazu bestimmt waren, ein besonderes Volk zu sein, das dem Dienst an G-tt und an der Menschheit geweiht ist.

Solche Veränderungen können nicht plötzlich geschehen – und wenn sie es doch tun, sind sie nicht von dauerhafter Natur. Das Judentum gründet sich nicht auf plötzliche Erleuchtungen, sondern auf einen langen, beständigen und oft mühevollen Weg. Erst nachdem zehn Plagen Ägypten getroffen hatten, begannen sowohl die Ägypter als auch die Juden zu verstehen, was G-tt von ihnen will.

Aus vielen Begebenheiten, die uns in der Bibel überliefert sind, lernen wir, dass einmalige Wunder – so eindrucksvoll und bedeutsam sie im Moment ihres Geschehens auch sein mögen – die Denkweise der Menschen langfristig kaum verändern. Das durch Elijahu bewirkte Wunder, bei dem ganz Israel ausrief, dass "Haschem Hu HaElokim - Haschem der G-tt des Universums sei" [Könige I, 18:39], hatte keinen dauerhaften Einfluss.

Schon bald versank das Volk wieder im Sumpf von Götzendienst und Unmoral. Beständigkeit, Konsequenz sowie wiederholte Unterweisung und Erziehung sind notwendig, damit Wunder wirklich prägend und nachhaltig wirken. Wären die Juden durch ein einziges grosses Wunder aus der ägyptischen Knechtschaft befreit worden, hätten sie es deutlich schwerer gehabt, die einzigartige Rolle zu begreifen, die G-tt ihnen in der Weltgeschichte zugedacht hatte.

Sie wären weit zurückhaltender gewesen, diese Rolle am Sinai anzunehmen, hätten sie nicht so viele Wunder erlebt. Diese Wunder wiederholten sich regelmässig und wurden ihnen von Mosche im Licht der g-ttlichen Tora erklärt, die sie schliesslich bereitwillig annahmen.

Schabbat Schalom                                                                                                Rabbi Berel Wein

Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.

[Anmerkung des Herausgebers]

Dieser Gedanke ist in der heutigen weltweiten Situation von brennender Aktualität – vielleicht sogar erschreckend aktuell.

Gerade unsere Gegenwart verleiht diesem Tora-Gedanken eine besondere Klarheit und Schärfe:
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen auf den einen grossen Schlag hoffen – auf die sofortige Lösung, den dramatischen Wendepunkt, sei es politisch, gesellschaftlich, moralisch oder auch religiös. Doch Paraschat Wa’era lehrt genau das Gegenteil: Wirkliche, nachhaltige Veränderung geschieht fast nie auf einen einzigen Schlag.

Auch heute beobachten wir:

  • Gewaltige Ereignisse erschüttern ganze Länder – und doch verändern sie das Denken der Menschen oft kaum.
  • Schockierende Katastrophen erzeugen kurzfristige Betroffenheit, aber nur selten eine dauerhafte Umkehr.
  • Lautstarke moralische Bekenntnisse verhallen, wenn sie nicht von konsequenter, täglicher Arbeit begleitet werden.

Die zehn Plagen lehren uns, dass selbst eine Weltmacht nicht durch ein einziges Wunder geläutert wird. Ohne Prozess gibt es keine innere Veränderung. Das gilt für Nationen – und ebenso für den einzelnen Menschen.

Wirkliche, nachhaltige Wandlung vollzieht sich in der Regel schrittweise. Sie braucht Zeit, Wiederholung und innere Arbeit. Ein einzelnes dramatisches Ereignis kann erschüttern, aufrütteln, Aufmerksamkeit erzeugen – doch ohne einen fortlaufenden Prozess bleibt die Wirkung meist oberflächlich und vergänglich.

Die Tora lehrt, dass tiefgreifende Veränderung nicht durch den Moment, sondern durch den Weg entsteht: durch Beharrlichkeit, durch viele kleine Schritte, durch das geduldige Ringen um Wachstum. Gerade das Langsame formt Identität, Verantwortung und Reife.

Nicht der eine Schlag verändert die Welt – sondern das konsequente Weitergehen danach.

Gerade für Am Jisrael ist diese Botschaft heute von besonderer Bedeutung:
Freiheit, Identität, Verantwortung und Emuna entstehen nicht aus einem einzigen Moment der Erhebung, sondern aus Beharrlichkeit, Wiederholung und Treue – selbst (und gerade) in Zeiten der Verwirrung. Die Tora zeigt uns, dass Haschem nicht nur erlöst, sondern auch erziehtSchritt für Schritt.

Vielleicht liegt hierin die tiefste Aktualität dieses Textes:

  • Nicht auf den spektakulären Durchbruch zu warten, sondern im Alltag standzuhalten
  • nicht zu verzweifeln, wenn eine Veränderung langsam voranschreitet,
  • und zu verstehen, dass gerade der mühsame Weg der nachhaltige ist.

In einer Welt, die nach schnellen Antworten schreit, erinnert uns die Tora daran:
Ge’ula ist ein Prozess – und Verantwortung wächst langsam.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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