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Offensichtlich hat der Hund seine Aufgabe nicht erfüllt, warum erhält er dann eine Belohnung? (Paraschat Mischpatim 5785)

Vergesse nie das Gute, das die andere Person dir in der Vergangenheit getan hat!

Offensichtlich hat der Hund seine Aufgabe nicht erfüllt, warum erhält er dann eine Belohnung? (Paraschat Mischpatim 5785)

Vergesse nie das Gute, das die andere Person dir in der Vergangenheit getan hat!
Foto: AI Avigail

Wochenabschnitt Paraschat Mischpatim: Offensichtlich hat der Hund seine Aufgabe nicht erfüllt, warum erhält er dann eine Belohnung?

Rav Frand zu Paraschat Mischpatim 5785

Ergänzungen: S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt , finden Sie hier

Ich möchte eine neue Einsicht in einen Da’at Sekejnim miBa’alej haTossafot in der dieswöchigen Parascha mit euch teilen. Im Passuk steht: “Heilige Menschen sollt ihr Mir sein; Fleisch eines auf dem Felde zerrissenen Tieres sollt ihr nicht essen, den Hunden sollt ihr es vorwerfen” (Schemot 22:30).

Wie der Ramban in seinem Kommentar zum Chumasch zur Stelle erklärt, ist dies in Wirklichkeit eine Einführung in alle Gesetze des Kaschrut (koschere Nahrungsmittel), im Gegensatz zu den Rechtsvorschriften, die bis jetzt behandelt wurden, beginnt die Tora nun mit den Kaschrut-Gesetzen. Kaschrut bedeutet Keduscha (Heiligkeit). Deshalb leitet die Tora die Kaschrut-Gesetze mit dem Passus “Heilige Menschen sollt ihr Mir sein” ein. Dies ist der Grund, warum der Rambam (Maimonides) alle Gesetze der erlaubten und verbotenen Nahrungsmittel in seinem “Sefer Keduscha” (Buch der Heiligkeit) in seinem Werk “Mischna Tora” aufführt. Indem wir auf verbotene Nahrungsmittel verzichten, werden wir heiligere Menschen. Leute, die leider verbotene Nahrungsmittel verzehren, tun etwas äusserst Schädliches für ihre Seelen. Es hat einen starken Einfluss auf ihre Keduscha (Heiligkeit). Es beeinflusst ihre jiddische Neschama (die jüdische Seele).

Obwohl wir in der Umgangssprache etwas als “trejfe” bezeichnen, das im Allgemeinen nicht koscher ist, ist das Wort “trejfe” in Wirklichkeit ein ausgeliehener Ausdruck, wie er in diesem Passuk verwendet wird. Er bezieht sich auf ein koscheres Tier, das auf dem Feld von einem wilden Tier zerrissen wurde, anstatt es durch ein rituelles Schächten (Schechita) zu schlachten. Was sollen wir mit solch einem Tier tun? Sagt die Tora, dass wir es den Hunden vorwerfen sollen.

Der Da’at Sekejnim erklärt den Grund dafür, dass uns geraten wird, das zerrissene Tier den Hunden zu geben: Die Aufgabe des Schäferhundes ist es, verirrte Schafe zusammenzutreiben und Wölfe und Kojote fortzujagen. Nachdem der Hund sein Leben für das Wohlergehen der Schafe riskiert, sollte der Schafhirte ihm nicht undankbar sein, sondern ihn mit den ungeniessbaren Schafen, die trejfe wurden, belohnen. Es stellt sich jedoch die Frage, dass der Hund hier offensichtlich seine Aufgabe nicht erfüllt hat. Wenn der Hund seine Arbeit getan hätte, würde es keine zerrissenen Schafe geben, die ihm vorgeworfen werden. Dies ist vergleichbar mit einem Nachtwächter in einem Schmuckladen, der bei seiner Arbeit einschläft und der Laden dann ausgeraubt wird. Der Besitzer hört, wie die Alarmanlage läutet. Er rennt zu seinem Laden und fragt den Nachtwächter: “Was ist geschehen?” Der Wächter antwortet: “Es tut mir leid, ich bin eingeschlafen.” Wird der Besitzer ihm jetzt sagen: “Weisst du was? Ich gebe dir eine Lohnerhöhung!” Dies ist genau dasselbe – der Hund erfüllte seine Aufgabe nicht, und wir geben ihm einen Bonus? Wir werfen ihm das zerrissene Schaffleisch vor? Was bedeutet dies?

Das Sefer Jissmach Jehuda zitiert zur Stelle eine Erklärung eines Rabbi Menachem Rabinovitz. Dieser Gedanke lehrt uns eine sehr wichtige Lektion im Leben. Der Da’at Sekejnim lehrt uns, dass wir uns nicht nur auf das “Jetzt” konzentrieren müssen – was heute, gestern oder vorgestern geschehen ist. Wir müssen das gesamte Bild anschauen. Wenn jemand für dich arbeitet oder ein Nachbar oder guter Freund ist und dir jahrelang gut gedient hat, und dann einen Fehler begeht oder etwas Falsches tut oder sagt, dürfen wir nicht vergessen, was vor diesem Fehler geschehen ist.

Ich hörte einst vor vielen Jahren eine Reklame für GM (General Motors): “Es ist typisch amerikanisch, die Frage zu stellen ‘Was hast du für mich in letzter Zeit getan?'” Dies ist eine trejfene Haschkafa (es widerspiegelt ein sehr unangemessenes Wertsystem). Was ist mit all dem, was ich all die Jahre für dich getan habe? Wie wagst du dich, dies zu ignorieren? Es ist typisch amerikanisch zu sagen: “Was hast du für mich letztens getan?” Es ist typisch jüdisch zu sagen: “Ich weiss, was du für mich in der Vergangenheit getan hast, und ich schätze es.”

Die Tora lehrt uns, dass obwohl der Hund dieses Mal versagt hat und seine Aufgabe nicht erfüllt hat, wir ihm trotzdem “Hakarat Hatow” (Dankbarkeit) für das, was er in der Vergangenheit getan hat, zeigen sollten. Dies ist Halacha leMa’asse (praktisch) in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Männer und ihre Frauen, die schon längere Zeit zusammenleben, sind gut und treu zueinander und kümmern sich einer um den anderen. Und trotzdem gibt es, wie wir alle wissen, gelegentlich, einen Fehltritt. Es ist unsere Tendenz, uns auf einen spezifischen Vorfall zu konzentrieren. Die Tora sagt: “Nein. Dies ist nicht, wie du es anschauen solltest.”

Die Ba’alej Drusch (Interpreten) sagen das Folgende. Es scheint einen Widerspruch zwischen zwei Pessukim (Verse) zu geben. In einem Passuk steht: “Maza Ischa maza Tow – Einer, der eine Frau findet, findet Gutes…” (Mischlej 18:22). In einem anderen Passuk steht: “uMoze ani mar miMawet et ha’Ischa – Ich finde eine Frau bitterer als den Tod…” (Kohelet 7:26). Der Talmud (Berachot 8a) bringt die zwei in Einklang, indem er darauf hinweist, dass der Passuk in Kohelet das Verb “findet” in der Gegenwart (moze) verwendet, und der Passuk in Mischlej das Verb in der Vergangenheit (maza) verwendet.

Eine der vielen Interpretationen zu dieser Gemara lautet wie folgt: Wenn jemand seine Frau nicht hinsichtlich der Gegenwart, sondern der Gesamtheit der Vergangenheit (maza) betrachtet und alle guten Zeiten in Betracht zieht, nicht nur die jetzigen, die möglicherweise Verfehlungen aufzeigen, wird es gut sein (maza tow). So funktioniert eine erfolgreiche Ehe. Wenn er jedoch immer moze ist – immer auf die jetzige Zeit konzentriert – dann wird, wenn etwas falsch läuft, die unmittelbare Situation sein, die “bitterer ist als der Tod”. Jeder macht Fehler und jeder versagt von Zeit zu Zeit.

Die Lektion des “Werfens zum Hund” ist: Ja, der Hund hat diesmal versagt, aber unsere Perspektive muss sein, dass wir gedenken müssen, was der Hund in der Vergangenheit geleistet hat, und wir müssen im Gegenteil uns in Erinnerung bringen, dass dies ein seltenes Geschehnis war. Warum geschieht es nicht jeden Tag? Weil der Hund seine Aufgabe erfüllt. Das eine Mal, da er versagte, sollte unsere Einstellung gegenüber ihm nicht herabmindern, und deshalb “wenn du im Feld zerrissenes Fleisch hast, das du nicht essen kannst, werfe es dem Hund vor.”

 

Quellen und Persönlichkeiten:

 

Da’at Sekejnim miBa’alej HaTossafot; ein Torakommentar der Ba’alej HaTossafot („Tossafisten“), der Talmuderklärer des 12. und 13. Jahrhunderts.

Ramban: Akronym von Rabbi Mosche ben Nachman – “Nachmanides” (1194 – 1270); Gerona, Spanien; Erez Jisrael; einer der führenden Toragelehrten (Rischonim) des Mittelalters, einer der Haupterklärer des Chumasch (fünf Bücher Moses), wie Verfasser weiterer Werke in Haschkafa (Kitwej haRamban) und Abhandlungen zum Talmud.

Rabbi Jizchak Jehuda Jacobowitz, zeitgenössischer grosser Talmudgelehrte, Lakewood, NJ, USA. Verfasser von unzähligen Werken unter dem Namen ‘Jissmach Jehuda’. Umfassendes Werk zum Chumasch, gesammelt von hunderten Werken früherer Rabbiner und Gelehrten, die es in verschiedenen Werken, nicht zum Chumasch, publizierten. Weitere Werke zum Talmud, diverse philosophische wegweisende Werke, etc.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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