Tewet/ Paraschat Wajechi
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Josefs Botschaft (Paraschat Wajechi 5786)

Haben wir Josefs Warnung verinnerlicht?

Josefs Botschaft (Paraschat Wajechi 5786)

Haben wir Josefs Warnung verinnerlicht?
Foto: AI Avigail

Josefs Botschaft

Rabbi Berel Wein zu Paraschat Wajechi 5786

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Der Abschluss des Buches Bereschit bildet die Grundlage für die gesamte weitere Geschichte des jüdischen Volkes. Jaʿakow und seine Familie haben sich im Land Ägypten niedergelassen und leben dort unter aussergewöhnlich günstigen Umständen. Ihr Sohn und Bruder Josef ist faktisch der Herrscher des Landes, das ihnen Sicherheit und Wohlstand gewährt. Und doch ist es gerade Josef selbst, der sie davor warnt, diese Situation als dauerhaft anzusehen. Er macht ihnen unmissverständlich klar, dass diese Ruhe nur vorübergehend ist und dass schwere Tage folgen werden.

Josef kündigt an, dass sie Ägypten verlassen werden – ob sie es wünschen oder nicht – und bittet sie, wenn es so weit ist, seiner zu gedenken und seine Gebeine mitzunehmen, um sie im Land Israel zu bestatten. In jenem Land, aus dem er im Alter von siebzehn Jahren auf grausame Art und Weise entrissen worden war, soll er seine letzte Ruhe finden.

Man kann sich vorstellen, wie überrascht Jaʿakows Familie gewesen sein muss, als sie diese Worte hörte. Wie konnte sich eine Situation, die von Grösse, Einfluss und Wohlstand geprägt war, jemals in Knechtschaft und Verfolgung verwandeln? Für sie war ein solcher Wandel kaum vorstellbar.

Das jüdische Volk ist von seinem Wesen her ein optimistisches Volk. Wir glauben daran, dass sich die Dinge letztlich zum Guten wenden – selbst dann, wenn die Gegenwart düster erscheint. Doch gerade hier liegt die Tiefe von Josefs Mahnung: Nur indem man seine Worte bewahrte, konnte die spätere Erlösung aus der ägyptischen Knechtschaft Wirklichkeit werden. Seine Warnung begleitete das Volk buchstäblich – durch seine Gebeine – während der vierzigjährigen Wanderung durch die Wüste Sinai. Sie sollte ihnen stets vor Augen führen, dass Geschichte Gefahren birgt, denen man sich bewusst stellen muss.

Die Lebensumstände der Juden im Exil und in der Diaspora haben sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder verändert. Zeiten der Ruhe wechselten mit Zeiten der Bedrängnis. Doch die grundlegende Wahrheit blieb dieselbe: Wir waren niemals wirklich zu Hause. Immer wieder wurden Warnzeichen übersehen, immer wieder glaubte man, es werde schon gut gehen. Und immer wieder führte das Ignorieren von Josefs Mahnung zu Tragödien und Katastrophen.

Wenn selbst Josef, der Vizekönig von Ägypten, uns deutlich machte, dass Ägypten nicht unsere Heimat sei, dann hätte diese Botschaft für die Juden aller späteren Generationen kaum klarer sein können. Dennoch zeigt uns das Buch Schemot, dass die Mehrheit des jüdischen Volkes diese Botschaft vergass. Am Ende blieb es Mosche allein, der Josefs Gebeine aus Ägypten herausführte, um sie schliesslich im Land Israel zu bestatten.

Die Tora berichtet, dass spätere ägyptische Pharaonen und das ägyptische Volk Josef und seine grossen Verdienste vergassen. Die tragische Ironie besteht jedoch darin, dass auch grosse Teile des jüdischen Volkes Josef – und seine Warnung – vergassen. Dieses Vergessen hat sich in der jüdischen Geschichte immer wiederholt, und jedes Mal waren die Folgen schmerzlich.

Die Geschichte Josefs und der jüdischen Ansiedlung in Ägypten ist mehr als ein historischer Bericht. Sie ist das Urmodell für die gesamte spätere jüdische Geschichte. Immer wieder müssen wir uns daher fragen: Was würde Josef heute über unsere jüdische Welt und ihre Lage sagen? Diese Frage verdient unser ernsthaftes Nachdenken.

Schabbat Schalom    Rabbi Berel Wein

Jehi Sichro Baruch – Möge sein Andenken zum Segen sein.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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