Schewat/ Paraschat Jitro
Schewat/ Paraschat Jitro

Jitro hatte grossartige Ideen – doch aus einer weltlichen Perspektive (Paraschat Jitro 5786)

Eine grossartige Idee, jedoch mit einer wesentlichen Korrektur!

Jitro hatte grossartige Ideen – doch aus einer weltlichen Perspektive (Paraschat Jitro 5786)

Eine grossartige Idee, jedoch mit einer wesentlichen Korrektur!
Foto: AI Avigail

Jitro hatte grossartige Ideen – doch aus einer weltlichen Perspektive

Rav Frand zu Paraschat Jitro 5786 – Beitrag 2

mit Ergänzungen von S. Weinmann

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Jitro sah, dass die Menschen von morgens bis abends Schlange standen, um Mosche um Rat zu fragen. Daraufhin unterbreitete er seinen berühmten Vorschlag: ein gestuftes Gerichtssystem einzurichten. Untergeordnete Richter sollten alltägliche Fälle selbst entscheiden; nur wenn sie sich einem Fall nicht gewachsen fühlten, sollte dieser an eine höhere Instanz weitergeleitet werden.

So formuliert es Jitro: „Sie sollen das Volk zu jeder Zeit richten; die grossen Fälle (Dawar haGadol) sollen sie zu dir bringen, die kleinen Fälle (Dawar haKatan) aber sollen sie selbst richten...“ [Schemot 18:22]

Mosche gefiel dieser Vorschlag, und er setzte ihn um. Doch bei der Umsetzung nimmt die Tora eine bemerkenswerte sprachliche Änderung vor: „Die schwierigen Fälle (Dawar haKasche) brachten sie zu Mosche, die kleinen Fälle aber richteten sie selbst.“ [Schemot 18:26]

Der Unterschied ist subtil, aber von grosser Bedeutung.

Jitro stellte sich offenbar eine andere Art von Fällen vor, die vor Mosches Zelt gebracht würden, als jene, die tatsächlich dort landeten. In seiner Vorstellung war ein „grosser Fall“ (Dawar haGadol) ein Fall von grossem wirtschaftlichem Gewicht – gewissermassen ein Prozess, in den ein Weltkonzern involviert wäre. Ein „kleiner Fall“ hingegen wäre ein alltäglicher Schadenfall, etwa wenn Re’uwens Ochse Schimons Ochsen aufspiesst und ein Schaden von fünfzig Dollar entsteht. Jitros Ansatz war somit: Wo viel Geld im Spiel ist, soll Mosche selbst entscheiden; wo es um geringe Summen geht, sollen die unteren Gerichte zuständig sein.

Dieser Zugang entspricht jedoch nicht der halachischen Perspektive. Ein Streit um fünfzig Dollar muss in den Augen des Richters denselben Stellenwert haben wie ein Prozess um Millionen. Nicht die Höhe des Geldbetrags entscheidet darüber, ob ein Fall „gross“ oder „klein“ ist, sondern allein die Frage der Gerechtigkeit.

Deshalb bestand Mosche darauf, nicht die „grossen“, sondern die „schwierigen“ Fälle selbst zu übernehmen. Die finanzielle Dimension spielt dabei keinerlei Rolle. Die Aufgabe des jüdischen Gerichtssystems besteht darin, gerechte und wahrhaftige Entscheidungen zu fällen – unabhängig von der Höhe der Summe oder vom gesellschaftlichen Status der beteiligten Parteien.

Eine Lehre für unsere Zeit und für das Gemeindeleben

Diese Unterscheidung zwischen „grossen“ und „schwierigen“ Fällen ist heute aktueller denn je. Auch in unseren Gemeinden neigen wir dazu, Wichtigkeit nach äusseren Kriterien zu bemessen: nach Geldbeträgen, nach öffentlicher Aufmerksamkeit oder nach dem Status der beteiligten Personen. Fragen, bei denen „viel dahintersteht“, erhalten Sitzungen, Kommissionen und lange Diskussionen. Kleine Spannungen, verletzte Gefühle oder stille Ungerechtigkeiten werden dagegen oft übersehen – oder als Nebensache abgetan.

Doch gerade dort liegt die eigentliche Prüfung. Ein unscheinbarer Konflikt zwischen zwei Gemeindemitgliedern, ein Gefühl des Übergangen-Seins, eine leise Kränkung – das sind oft die wirklich schwierigen Fälle. Sie lassen sich nicht mit Paragrafen lösen, sondern verlangen Zuhören, Sensibilität und Gerechtigkeit.

Auch im persönlichen Leben gilt dasselbe. Wir sind versucht zu sagen: „Darum kümmere ich mich später, das ist nicht so wichtig.“ Die Tora lehrt uns das Gegenteil. Dort, wo es uns innerlich Mühe macht, gerecht zu bleiben; dort, wo es keine einfache Lösung gibt; dort, wo wir uns selbst zurücknehmen müssen – dort liegt unsere eigentliche Awodat Haschem (G-ttesdienst).

Mosches Haltung erinnert uns daran, dass geistige Verantwortung nicht darin besteht, sich nur um die grossen, sichtbaren Aufgaben zu kümmern. Wahre Führung – in der Gemeinde wie im privaten Leben – zeigt sich im Umgang mit den leisen, schwierigen, unspektakulären Situationen. Für G’tt ist nicht entscheidend, wie gross ein Fall wirkt, sondern wie ernst wir die Gerechtigkeit nehmen, die in ihm auf dem Spiel steht.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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