Nissan/ Wajikra
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Die Waisen wurden nicht vergessen (Paraschat Beschalach 5785)

Was bedeutet, dass die Kinder Jisraels "gerüstet" aus Ägypten zogen?

Die Waisen wurden nicht vergessen (Paraschat Beschalach 5785)

Was bedeutet, dass die Kinder Jisraels "gerüstet" aus Ägypten zogen?
Foto: AI Avigail

Wochenabschnitt Paraschat Beschalach: Die Waisen wurden nicht vergessen

Rav Frand zu Paraschat Beschalach – Schabbat Schira – 5785

Ergänzungen: S. Weinmann

Weitere Artikel zum Wochenabschnitt , finden Sie hier

Im Passuk zu Beginn der Parascha steht folgendes: “Und ‘Chamuschim’ zogen die Kinder Jisraels aus dem Land Ägypten” (Schemot 13:18). Raschi zitiert zwei Interpretationen des Wortes “Chamuschim”. Es gibt aber mindestens drei scheinbar ganz verschiedene Interpretationen dieses Wortes unter den Kommentatoren.

Laut einer Interpretation in Raschi kommt das Wort “Chamuschim” vom Wort “Chomesch” (ein Fünftel); dies bedeutet, dass nur ein Fünftel der jüdischen Bevölkerung in Ägypten das Verdienst hatte, das Land zu verlassen, während die anderen 80 Prozent während den drei ersten Tagen der sechstägigen Finsternis (9. Plage) starben.

Der Targum Jeruschalmi und der Midrasch Mechilta interpretieren das Wort “Chamuschim” damit, dass sie bewaffnet waren. Raschi weist auf diese Interpretation hin und scheint sie so zu interpretieren, dass sie buchstäblich mit Waffen ausgerüstet waren. Der Targum Jeruschalmi hingegen interpretiert dies im übertragenen Sinn – sie waren mit “guten Taten” ausgerüstet.

Der Targum Jonatan ben Usiel gibt eine dritte Interpretation. “Chamuschim” kommt vom Wort “Chamesch” (fünf); dies bedeutet, dass jeder mit fünf Kindern das Land verliess.

Oberflächlich gesehen sind dies drei ganz verschiedene Interpretationen: a) ein Fünftel der Bevölkerung verliess das Land; b) gerüstet mit guten Taten; c) jeder brachte fünf Kinder mit.

Die Interpretation des Targum Jonatan ben Usiel ist statistisch gesehen verblüffend. Sollen wir annehmen, dass jeder genau fünf Kinder hatte? Zusätzlich, sogar wenn dies die Anzahl von Kindern in jeder Familie war, ist die Folgerung davon, dass alle Kinder ungefähr im gleichen Alter waren! Was soll das bedeuten?

Das Buch Be’er Josef von Raw Josef Salant gibt eine wunderschöne Interpretation. Er verbindet alle drei scheinbar unabhängigen Interpretationen des Wortes “Chamuschim” in mit einer Annahme, wie der Auszug von Ägypten vor sich ging. Er schreibt, dass falls vier Fünftel des jüdischen Volkes während der Plage der Finsternis starben, man hierauf annehmen kann, dass insbesondere Erwachsene starben. Durchaus konnten die Erwachsenen gesündigt haben und dadurch unwürdig geworden zu sein, das Land zu verlassen, aber wie können wir von Sünden junger Kinder sprechen?

Deshalb nimmt Raw Salant an, dass die Kinder dieser “ungläubigen Juden” nicht starben, was bedeuten würde, dass vier Fünftel der jüdischen Kinder zur Zeit des Auszugs Waisen waren. Stellt euch die Szene vor – Zehntausende von kleinen jüdischen Waisen, die umherwandern. Wer wird sich um sie kümmern? Was wird mit ihnen geschehen? Die Antwort ist, dass jede der verbleibenden jüdischen Familien mithalf und sagte: “Wir werden diese Waisen mit uns mitnehmen.” So adoptierte mathematisch gesehen jede verbleibende Familie die Waisen von vier Familien.

Wenn also der Targum Jonatan ben Usiel sagt “fünf Kinder”, meint er damit nicht, dass jeder mit fünf Kindern auszog. Er meint, dass jeder mit Kindern von fünf Familien auszog – mit seinen eigenen und den Waisenkindern von vier anderen Familien, deren Eltern während der Plage der Finsternis starben! Dies passt dann perfekt zur Interpretation des Targum Jeruschalmi – sie verliessen das Land bewaffnet mit guten Taten! Die guten Taten waren die Tatsache, dass sie die armen Waisen der Erwachsenen, die während der neunten Plage umkamen, adoptierten.

Der Targum Jonatan ben Usiel deutet etwas Erstaunliches an, was die Quelle des aussergewöhnlichen Verdienstes war. Überlegen Sie sich, dass es nach dem Holocaust zweifellos Tausende von Waisen gab. Was geschah mit diesen Kindern? Dies ist vergleichbar mit jedem, der den Holocaust überlebte und eine unbestimmte Zahl von Waisen zu sich nahm. Jeder Mensch, der ein Waisenkind bei sich aufnimmt, tut eine erstaunliche Tat des Chessed (Güte). Wir müssen jedoch verstehen, dass diese Leute selbst Flüchtlinge waren. Sie waren nicht Leute, die ein normales Leben lebten und beschlossen, “einige Waisen hereinzunehmen”. Diese Leute waren selbst vertriebene Menschen. Sie wussten nicht, wo das Brot vom nächsten Tag herkommen würde! Als Klall Jisrael die Haltung einnahm, dass “wir diese Kinder nicht in Ägypten zurücklassen können” und alle natürlichen Bedenken bezüglich ihres eigenen Wohlergehens und desjenigen ihrer eigenen Familie in einer Zeit der grossen Unsicherheit ignorierte, war dies eine gewaltige Tat des Mutes und der Selbstlosigkeit. Dies gab ihnen grossen Verdienst. Dies “bewaffnete” sie mit dem Verdienst grosser Taten der Menschenliebe.

So passen alle drei Interpretationen; “ein Fünftel”, “fünf Kinder” und “bewaffnet mit Handlungen der Menschenliebe” laut der Betrachtung von Raw Josef Salant zusammen.

Raw Matitjahu Salomon, der Maschgiach von Lakewood, fügt einen wunderschönen Anhang zu dieser Betrachtung hinzu. Der Midrasch Rabba in Ejcha zum Passuk “Wir waren Waisen, die keinen Vater hatten” (Ejcha 5:3) erklärt, dass Haschem dem jüdischen Volk sagte: “Weil ihr zu Mir weintet, dass ihr wie Waisen wart, die keinen Vater hatten, werde Ich euch einen Erlöser schicken, der weder Vater noch Mutter hat.” Dies bezieht sich auf Esther zur Zeit des Erlasses von Haman, über die geschrieben wurde, “Und er (Mordechai) erzog Hadassa, dies ist Esther, die Tochter seines Onkels, denn sie hatte weder Vater noch Mutter…” (Esther 2:7).

Raw Matitjahu Salomon interpretiert diesen Midrasch: “Es gibt eine spezielle Art und Weise, wie der Allmächtige auf Notsituationen von Waisen reagiert. Der Allmächtige bezeugt, dass Er unweigerlich auf den Aufschrei einer Witwe und eines Waisenkindes reagieren wird: “Wenn ihr ihn bedrückt, sodass er zu Mir aufschreit, so werde ich seinen Schrei hören” (Schemot 22:22). Haschem ist der Vater der Waisen. Wenn Menschen Waisen Schmerzen zufügen, sagt Haschem: “Dies ist Mein Geschäft!” Hütet euch vor einem Vater oder einer Mutter von Waisen, wenn jemand sich wagt, sich mit ihnen oder ihren Waisen-Kindern anzulegen. So muss man sehr aufpassen und sich hüten vor Haschems Strafe, wenn man sich wagt, sich mit Waisen anzulegen, sie zu missbrauchen oder zu verfolgen. Der Rambam definiert dies als einen “versiegelten Bund” (Berit Keruta), dass der Allmächtige auf den Hilfe-Aufschrei eines Waisenkindes reagiert (Hilchot Matnot Anijim 10:3).

Als Klall Jisrael (im obenerwähnten zitierten Passuk in Ejcha) sagte: “Wir sind wie Waisen, die keinen Vater haben” (das sich auf die Juden bezog, die zur Zeit von Hamans Erlass aufschrien), garantierte dies eine Reaktion des Allmächtigen. Haschem stimmte zu, dass eine Reaktion bevorstehend sein werde, aber Er sagte sozusagen: “Ich benötige einen Auslöser.” Der Auslöser war Mordechai. Nachdem Mordechai Hadassa (Esther) aufzog, die eine Waise war und keine Eltern hatte, löste diese Tat der Menschenliebe die G”ttliche Reaktion aus, die die Rettung von Hamans Erlass herbeiführte. Der Midrasch sagt, dass Mordechai dem Erlass entgehen und nach Erez Jisrael hätte zurückkehren können, aber er weigerte sich, Persien zu verlassen, weil er über Esthers Wohlergehen besorgt war. Dies war der “Funke” – “die Erweckung von Unten” – die wiederum “die Erweckung (Reaktion) von Oben” auslöste, welche die Erlösung brachte.

Raw Matitjahu Salomon sagt, dass wir angesichts dieses Hintergrundes jetzt verstehen können, warum Klall Jisrael in Ägypten das Verdienst des Mitnehmens all dieser Tausenden von Waisen benötigte. Als Klall Jisrael (trotz allen Gründen dafür, es nicht zu tun) wie der “Vater der Waisen” handelte und jeder Kinder von vier Familien ohne Eltern bei sich aufnahm, war dies (wie der Talmud Jeruschalmi erklärt) ein gewaltiges Verdienst, das die G”ttliche Reaktion des Vaters aller Waisen auslöste.

 

 

 

 

Quellen und Persönlichkeiten:

 

Jonathan ben Usiel  war einer der 80 Tanna’im (Mischna-Gelehrte), die während der Zeit des römisch regierten Judäa bei Hillel studierten. Er war der Grösste aller Schüler Hillels. „Es wurde auf Jonatan ben Usiel gesagt, dass jedes Mal, wenn er sich hinsetzte, um sich mit der Tora zu befassen, jeder Vogel, der über seinem Kopf schwebte, durch seine Worte verbrannt wurde (Raschi: Weil sich die Engel um ihn scharten, um die Worte der Tora von ihm zu hören)“ [Talmud Traktat Sukka 28a]. Der Talmud [Traktat Megila 3a] erklärt, dass er eine aramäische Übersetzung – genannt ‘Targum’ – der Propheten anfertigte, die noch heute erhalten ist. Es wird nicht erwähnt, dass er die Tora übersetzt hätte. Daher sind sich die Gelehrten darin einig, dass dieser Targum nicht von Jonatan ben Usiel stammt, obwohl er so genannt wird. Sein Grab in Amuka wird rege besucht. Viele unverheiratete Männer und Frauen kommen hin und beten dort für einen guten Ehepartner.

Targum Jeruschalmi ist eine aramäische Übersetzung und Interpretation der Tora (Pentateuch), von der traditionell angenommen wird, dass sie aus dem Land Israel stammt. Als Targum ist es nicht nur eine Übersetzung, sondern beinhaltet aggadisches Material, das auch in  anderen Werken, wie der Midrasch Rabba  und dem Talmud enthalten sind. Es ist also eine Kombination aus Übersetzung und Kommentar. Er ähnelt gewissermassen dem Targum von ‘Jonathan ben Usiel’.

Mechilta ist ein Midrasch zu Sefer Schemot. Als Verfasser wird Rabbi Jischmael ben Elischa angegeben. Die Mechilta zählt zu den Hauptwerken des halachischen Midrasch. In Wirklichkeit aber enthält sie mehr aggadische als halachische Bestandteile. Das Wort Mechilta („Auslegungsnorm“) kommt aus dem Aramäischen und bedeutet so viel wie das hebräische Midda („Mass“, „Norm“). 

 

Raschi, Akronym für Rabbi Schlomo ben Jizchak (1040-1105); Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“.

Rabbi Josef Zwi Salant (1885 – 1981); war berühmt durch seine beliebten Schiurim. Verfasser von “Be‘er Josef“, Jerusalem, Israel.

 

Rav Matitjahu Chajim Salomon (1937-2024), war ein englisch-amerikanischer Rabbiner, bekannter Redner und Maschgiach (geistiger Leiter und Ratgeber) der Gateshead Jeschiwa (GB) mehr als 30 Jahre und danach Maschgiach der Lakewood Jeschiva (N.J., USA). 

 

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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