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Was ist die Lektion des letzten Passuks der Megilla? (Purim 5785)

Die Zauberformel: "Achai" (meine Brüder)!

Was ist die Lektion des letzten Passuks der Megilla? (Purim 5785)

Die Zauberformel: "Achai" (meine Brüder)!
Foto: AI Avigail

Was ist die Lektion des letzten Passuks der Megilla?

Rav Frand zu Purim 5785

Ergänzungen: S. Weinmann

Der letzte Passuk von Megillat (Rolle) Esther lautet wie folgt: “Ki Mordechai haJehudi – Denn Mordechai, der Jehudi, war der Vizekönig von König Achaschwerosch: er war ein grosser Mann unter den Juden und fand Achtung bei einer Menge seiner Brüder; er strebte das Gute seines Volkes an und setzte sich in Frieden für das Wohlergehen all seiner Nachkommen ein” (Esther 10:3).

Rabbi Schlomo Alkabez (Verfasser des Liedes “Lecha Dodi”) schrieb ein Sefer auf Megillat Esther namens “Manot Halevi”. (In der Tat verfasste er dieses Werk als “Mischloach Manot” an die Familie seiner Verlobten, aufgrund seiner schlechteren finanziellen Situation).  Im Buch Manot Halevi stellt Raw Alkabez die Frage, warum der obenerwähnte Passuk der letzte Passuk in der Megilla ist. Warum ist nach dem Anhören der zehn Perakim (Kapitel) der Megilla während rund 45 Minuten dieser Passuk der passende Abschluss der ganzen Geschichte der Megilla? Was bedeutet ausserdem der Ausdruck “Ki Mordechai haJehudi?” Normalerweise bedeutet ki “weil”, was andeutet, dass das, was danach folgt, die Antwort auf eine Frage ist. Der Manot Halevi will wissen, welche Frage beantwortet wird. Er erklärt, dass dieser Passuk in der Tat die “Antwort” auf die ganze Megilla ist, die gerade geleint (in Deutsch: gelesen) wurde. Was ist die Frage, die damit beantwortet wird?

Es gibt eine wichtige Frage, die wir bezüglich der Geschichte der Megilla stellen können. Wenn wir uns zur Zeit der Geschichte in Schuschan befunden hätten, bezweifle ich, ob wir auf die Worte von Mordechai gehört hätten. Wenn wir die Geschichte analysieren, war der Mensch, der scheinbar all die Probleme verursachte, die die jüdische Gemeinschaft bedrohten, niemand anders als Mordechai haJehudi!

Stellt euch dies in unserer heutigen Zeit vor. Es gibt einen mächtigen Typ, Haman, der will, dass jeder sich vor ihm verneigt, oder sonst.…, aber der Gadol HaDor (der Grosse der Generation) besteht darauf “Ich werde mich vor ihm nicht verneigen.”

Als Folge der Weigerung dieser Person, sich zu verneigen, wurde der Erlass von Achaschwerosch, die jüdische Gemeinschaft, Jung und Alt, auszurotten, ausgelöst. Tatsächlich sagen Chasal, dass die Juden jener Zeit Mordechai kritisierten und ihm sagten: “Du sendest uns vor das Schwert des boshaften Haman wegen deinem unnachgiebigen, eigensinnigen, irrationalen und fanatischen Verhalten. Du wirst dafür verantwortlich sein, dass wir alle getötet werden.” Dies ist in der Tat das, was beinahe geschah.

Als Mordechai dann später kam und die Leute versammelte und ermutigte, angesichts des Dekrets stark zu sein, warum hörten sie auf ihn? Hatte er nicht seine ganze Glaubwürdigkeit als ihr treuer Führer verloren? Wären die Leute nicht dazu geneigt, ihm zu sagen: “Wir haben es dir doch gesagt! Es ist dein Fehler, dass wir uns jetzt überhaupt in dieser misslichen Lage befinden! Würden wir nicht erwarten, dass die Massen ihn in irgendeinen Winkel des Landes entsenden würden und es ihnen überlassen würden, sich irgendwie aus dieser schweren Lage, die er verursacht hatte, zu retten? Warum hörten sie auf ihn? Würden wir heute unter ähnlichen Umständen auf solch einen Menschen hören?

Die Antwort wird mit einem Wort präsentiert – dem Wort, das den letzten Passuk der Megilla einleitet: “Ki” (Weil).

Dies kann mit einer Einsicht des Poniwescher Raws in Paraschat Wajeze erklärt werden: Als Ja’akow in Charan eintraf – noch bevor Rachel zum Brunnen kam – erklärt der Passuk, dass erst wenn alle Hirten sich beim Brunnen versammelten, sie den schweren Stein von der Öffnung des Brunnens wegrollen konnten, deshalb standen sie herum und warteten.” Ja’akow konfrontierte sie und fragte sie: “Meine Brüder, was tut ihr hier? Es ist noch nicht die Tageszeit, da ihr die Herden einbringen solltet. Warum verlässt ihr eure Arbeit in der Mitte des Tages?” (Bereschit 29:2-7).

Wenn ihr nächstens an einer Baustelle vorbeifährt und sieht, wie eine Reihe von Arbeitern auf das Loch im Boden schauen und nichts tun, rauchen und schwatzen, hält euer Auto an und öffnet das Fenster und sagt: He, Leute, hört zu, ihr verschwendet Steuergelder! Ihr solltet jetzt arbeiten! Was tut ihr hier?” Ich würde empfehlen, lieber zu verschwinden, als auf deren Antwort zu warten!

Und doch gibt Ja’akow Awinu diesen Hirten Mussar (Moral-Lektion), und sie antworten ihm höflich. Sie erklären ihm detailliert die Umstände. Wie ist das zu verstehen? Der Poniwescher Raw erklärt: Es ist, weil Jakow das Wort “Achai” (meine Brüder) verwendet. Dieses Wort war nicht rhetorisch. Es war nicht einfach eine Redewendung. Sie fühlten Ja’akows Besorgnis für sie. Ja, er ist ein Fremder, der ihnen Mussar gibt, aber sie fühlten einen Anhang und die Nähe zu ihm, sodass sie bereit waren, seine Kritik anzunehmen. Dies war auch Mordechais Geheimnis. Er stand inmitten der Gemeinschaft und sagte: “Meine lieben Brüder, alle Tore sind verschlossen, ausser dem Tor der Tränen. Denkt an die Menschen von Ninewe. Wir wollen sie als unser Beispiel nehmen, wir wollen fasten und Teschuwa tun.” Mordechai mobilisierte sie, aber er tat es mit Worten der Liebe, er nannte sie “meine Brüder” und zeigte ihnen seine Besorgnis um sie.

Vielleicht dachten die Leute, dass Mordechai ursprünglich einen Fehler begangen hatte. Vielleicht verstanden sie nicht, was er tat und warum er es tat, aber sie wussten, dass es für ihr Wohlergehen gewesen sein musste. Wenn man ein Gefühl der Nähe zu jemandem hat, wenn man spürt, dass er uns liebt und an unserem Wohlergehen interessiert ist, ist man nachsichtig mit ihm.

Dies ist, was der Höhepunkt der Megilla uns lehrt. Wollt ihr die ganze Geschichte verstehen? Wie konnte es sein, dass wenn sie der Meinung waren, dass Mordechai sie in diese schwierige Lage versetzt hatte, sie doch noch auf ihn hörten? Die Antwort ist, “KI-WEIL Mordechai HaJehudi, der Vizekönig von Achaschwerosch und der Führer des jüdischen Volkes, von jedem geliebt wurde; er strebte das Wohlergehen seiner Nation an und sprach in Frieden sogar mit all seinen Nachkommen.” Weil er von jedem geliebt wurde und weil sie wussten, dass er sich immer um ihr Wohlergehen sorgte – deswegen hörten sie auf ihn, obwohl er vielleicht die Ursache ihres Problems gewesen sein mag. Wenn es eine solche Beziehung gibt, ist man mit dem Menschen sehr nachsichtig. Dies will uns der letzte Vers der Megilla erklären.

 

Quellen und Persönlichkeiten:

 

Rabbi Schlomo ben Mosche haLevi Alkabez (1505 – 1576) Saloniki (Griechenland); Nicopol (osmanisches Reich,  heute Bulgarien); Adrianopel  (Türkei); Zefat/Safed (Israel). Er war ein grosser Gelehrter, Kabbalist und mystischer Dichter. Er ist der Verfasser des Schabbat-Lobliedes Lecha Dodi. Er schrieb Kommentare zu verschiedenen biblischen Büchern sowie einige kabbalistische Werke. Nach seinem Tod wurden einige seiner Manuskripte entwendet. Ein grosser Teil seiner Werke wurden jedoch gedruckt, wie Manot haLevi auf Megillat Esther, Brit haLevi zur Haggada schel Pessach, Ayelet Ahawim zu Schir Haschirim (Hohelied), Schoresch Jischai zu Megillat Ruth, Ne’im Semiroth zu Tehilim/Psalm, Bejt Tefila zu den Gebeten des ganzen Jahres, etc.

 

Rav Josef Schlomo Kahaneman, Poniwescher Raw (1886 – 1969); Poniwesch, Litauen; Benej Berak, Israel. Einer der grössten Erbauer von Tora- uns Waisen-Institutionen nach der Schoa.

 

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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