Die Zeit unserer Freude
Rabbi Jehuda Prero zu Sukkot 5787
– nach dem Werk „Matnat Chajim“
mit Ergänzungen von S. Weinmann
In den Schriften unserer Weisen wird das Sukkotfest als „Seman Simchatenu“ – „die Zeit unserer Freude“ bezeichnet. Zwar tragen auch die beiden anderen der Schalosch Regalim-Feste, der drei Wallfahrtsfeste, entsprechende Bezeichnungen, doch ist bei ihnen der Zusammenhang zwischen dem Fest und seinem Namen leichter zu erkennen:
Pessach heisst „Seman Cherutenu“ – „die Zeit unserer Freiheit“, weil wir an diesem Fest unsere Befreiung aus Ägypten feiern. Schawuot wird „Seman Matan Toratenu“ – „die Zeit der Übergabe unserer Tora“ genannt, weil das jüdische Volk an diesem Tag die Tora empfing.
Doch an welches freudige Ereignis erinnert Sukkot? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Freude und dem Bau und Bewohnen einer Sukka?
Warum feiern wir Sukkot im Monat Tischri?
Der Wilnaer Gaon behandelt eine weitere Frage. Nach einer Ansicht im Talmud (Sukka 11b) erinnert die Sukka, die wir errichten, an die Ananej haKawod, die Wolken der Herrlichkeit. Diese Wolken umgaben das gesamte jüdische Volk in der Wüste und schützten es vor allen Gefahren.
Das jüdische Volk wurde jedoch bereits im Monat Nissan, gleich nach dem Auszug aus Ägypten, von den Ananej haKawod umgeben. Weshalb, so fragt der Gaon, erinnern wir erst im Monat Tischri an dieses besondere Geschenk des g-ttlichen Schutzes?
Er erklärt: Als das jüdische Volk mit dem Ejgel haSahaw, dem Goldenen Kalb, sündigte, verschwanden die Wolken der Herrlichkeit. Sie kehrten erst zurück, nachdem Mosche die vollständige Vergebung für das jüdische Volk erwirkt hatte und dieses mit dem Bau des Mischkan, des Heiligtums in der Wüste, begann.
Mosche kehrte an Jom Kippur, dem 10. Tischri, in das Lager des jüdischen Volkes zurück. Am nächsten Tag befahl er ihnen, Spenden von Materialen für das Stiftzelt zu bringen. Das Volk brachte sie reichlich, und am 15. Tischri begannen Bezalel und die Kunst-Handwerker mit dem Bau der Einzelteile des Mischkan. Darauf kehrten die schützenden Wolken zurück. Deshalb, schreibt der Wilnaer Gaon, feiern wir Sukkot am 15. Tischri.
Wir feiern somit nicht nur das Geschenk der schützenden Wolken, sondern insbesondere ihre Rückkehr nach der Sünde des Goldenen Kalbes. Dies war wahrlich ein Anlass zu grosser Freude: Der wunderbare g-ttliche Schutz, der dem Volk wegen seiner Sünde entzogen worden war, wurde ihm nun zurückgegeben.
Damit verstehen wir auch, weshalb Sukkot unmittelbar nach Jom Kippur gefeiert wird. Nachdem uns am Jom Kippur unsere Sünde vergeben wurde, feiern wir die Rückkehr der Wolken der Herrlichkeit, die nach der Vergebung der Sünde des Goldenen Kalbes wieder erschienen. Darin liegt die besondere Freude dieses Festes, und deshalb wird Sukkot zu Recht „die Zeit unserer Freude“ genannt.
Vergebung allein genügt noch nicht
Doch damit stellt sich eine weitere Frage: Wenn die Wolken der Herrlichkeit wegen der Sünde des jüdischen Volkes verschwanden, weshalb kehrten sie nicht sofort am Jom Kippur zurück, als dem Volk vergeben wurde? Warum erschienen sie erst fünf Tage später?
Rabbejnu Jona erklärt in seinem Werk Scha’arej Teschuwa, dass Vergebung verschiedene Stufen besitzt. Ein Mensch kann G-tt aus tiefstem Herzen um Vergebung gebeten haben, und G-tt kann ihm seine Sünde tatsächlich vergeben haben. Er wird für seine Verfehlung nicht mehr bestraft werden. Das bedeutet jedoch noch nicht unbedingt, dass er nun wieder G-ttes volles Wohlgefallen gefunden hat.
Es kann sein, dass G-tt seine Gebete und seine weiteren Zeichen der Hingabe noch nicht in derselben Weise annimmt. Um auch diese höhere Stufe der Versöhnung zu erreichen, muss der Mensch weiterhin um G-ttes Güte und Erbarmen bitten. Er muss weiter beten, Mizwot erfüllen und seine Hingabe an G-tt vertiefen.
Woran erkennt ein Mensch, dass seine Teschuwa vollständig angenommen wurde? Daran, dass ihm Gelegenheiten gegeben werden, Mizwot zu erfüllen. Wenn er spürt, dass Haschem ihm hilft, auf Sein Wort zu hören, dass die Versuchung zur Sünde schwächer wird und sein Verlangen, das Richtige zu tun, stärker geworden ist, darf er darin ein Zeichen sehen, dass seine Umkehr angenommen wurde.
Der Bau des Mischkan vollendete die Versöhnung
Nachdem G-tt dem jüdischen Volk die Sünde des Goldenen Kalbes vergeben hatte, wollte Er die Versöhnung vollenden. Er gab dem Volk eine Mizwa, durch deren Erfüllung es seine wiedergewonnene Nähe zu Ihm unter Beweis stellen konnte: den Bau des Mischkan.
Der Bau erforderte sowohl Spenden aus dem persönlichen Besitz als auch handwerkliche Arbeit. Jeder konnte auf irgendeine Weise dazu beitragen. Und tatsächlich beteiligten sich alle. Dadurch bewies das jüdische Volk seine Hingabe und seine Liebe zu Haschem.
Als schliesslich der Bau des Mischkan beginnen konnte, war eines deutlich geworden: Das jüdische Volk hatte aufrichtig Teschuwa getan und sich mit grosser Kraft darum bemüht, G-tt wieder nahezukommen. Nun war die Versöhnung vollkommen. Haschem liess die Wolken der Herrlichkeit zurückkehren, und das Volk begann mit dem Bau des Mischkan.
Die Freude, welche die Kinder Israels damals empfanden, war überwältigend. Sie wussten nun, dass ihre Teschuwa vollständig angenommen worden war. Sie hatten die Möglichkeit erhalten, G-tt zu dienen und für Ihn das Mischkan zu errichten. Die schützenden Wolken waren zurückgekehrt. Sie wussten, dass sie wieder G-ttes Wohlgefallen gefunden hatten.
Auch unsere Freude nach Jom Kippur
Wenn wir Sukkot feiern, erinnern wir uns nicht bloss an die Freude unserer Vorfahren bei der Rückkehr der Wolken der Herrlichkeit. Auch wir selbst befinden uns nun in einer Zeit der Freude.
Wir haben die Tage der Teschuwa und den Jom Kippur durchlebt und hoffen, G-ttes Wohlgefallen wiedergewonnen zu haben. Unmittelbar nach dem heiligsten Tag des Jahres gibt uns Haschem zahlreiche Gelegenheiten, Mizwot zu erfüllen: Wir nehmen die Arba Minim – Lulaw, Etrog, Hadassim und Arawot –, wir wohnen in der Sukka und heiligen die Festtage.
Wir sollten uns von Herzen darüber freuen, dass uns all diese Möglichkeiten gegeben werden. Sie sind ein Zeichen dafür, dass Haschem unsere Teschuwa angenommen hat und unsere Nähe zu Ihm wünscht.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch ein Gleichnis der Mischna (Sukka 28b): Regen während Sukkot gleicht einem Diener, der seinem Herrn einen Becher Wein zubereiten und diesen mit Wasser verdünnen möchte. In talmudischer Zeit war der Wein sehr kräftig und wurde daher gewöhnlich mit Wasser verdünnt. Doch der Herr weist den Dienst des Dieners zurück und schüttet ihm den Wasserkrug ins Gesicht.
Der Regen versinnbildlicht somit das Wasser, mit dem der Herr seinem Diener zu verstehen gibt: „Ich will deinen Dienst nicht annehmen.“
Warum ist es gerade an Sukkot ein so schwerwiegendes Zeichen, wenn wir an der Erfüllung einer Mizwa gehindert werden? Auch zu anderen Zeiten kann es vorkommen, dass ein Mensch eine Mizwa nicht erfüllen kann. Weshalb gilt der Regen an Sukkot als Zeichen des Unwillens?
Weil uns die Mizwa der Sukka unmittelbar nach Jom Kippur die Gelegenheit gibt, unsere wiedergewonnene Nähe zu G-tt zu zeigen. Wenn uns diese Möglichkeit verweigert wird, deutet dies darauf hin, dass wir Sein volles Wohlgefallen noch nicht gefunden haben. Dann müssen wir unsere Gebete und unsere Bemühungen um Teschuwa verstärken. Wir können noch nicht dieselbe vollkommene Freude empfinden wie unsere Vorfahren, als die Wolken der Herrlichkeit zurückkehrten.
Die wahre Festfreude
Sukkot wird „Seman Simchatenu – die Zeit unserer Freude“ genannt. Es ist jene Freude, die unsere Vorfahren erfahren durften, als sie erkannten, dass ihre Teschuwa vollständig angenommen worden war. Zugleich ist es eine Freude, die auch wir jedes Jahr aufs Neue erleben können.
Sukkot ist die Zeit, in der wir darauf vertrauen dürfen, dass unsere Gebete am Jom Kippur angenommen wurden. Es ist die Zeit, in der wir uns über die zahlreichen Mizwot des Festes freuen und Haschem mit Freude und innerer Begeisterung dienen.
Mögen wir diese besondere Gelegenheit nutzen, um uns aufrichtig zu freuen und G-tt mit grosser Freude zu dienen. Möge Sukkot für jeden Einzelnen von uns wahrhaftig zu „Seman Simchatenu“ – zur Zeit unserer Freude werden.
Quellen und Persönlichkeiten:
Rabbejnu Jona
Rabbejnu Jona ben Awraham Gerondi (um 1200–1263); Girona, Barcelona und Toledo, Spanien. Er war ein bedeutender Rabbiner, Rosch Jeschiwa, Talmudgelehrter und einer der namhaften spanischen Rischonim. Rabbejnu Jona war ein Cousin des Ramban (Nachmanides) und stand mit zahlreichen führenden Gelehrten seiner Zeit in Verbindung. In seinen letzten Lebensjahren wirkte er als Rabbiner und Lehrer in Toledo.
Besondere Bekanntheit erlangte er durch sein grundlegendes Werk „Scha’arej Teschuwa“ – „Die Tore der Umkehr“. Darin erläutert er umfassend die verschiedenen Stufen der Teschuwa, die aufrichtige Reue, das Bekenntnis der Sünden und den Weg zur sittlichen und geistigen Läuterung. Das Werk zählt bis heute zu den bedeutendsten Schriften über Teschuwa und jüdische Ethik und wird besonders während des Monats Elul und der Zehn Tage der Umkehr studiert.
Darüber hinaus verfasste Rabbejnu Jona Kommentare zu Pirkej Awot und Mischlej sowie bedeutende Abhandlungen zum Talmud. Ein grosser Teil seiner talmudischen Werke ging jedoch verloren. Seine Erklärungen zum Traktat Berachot wurden von seinen Schülern überliefert und sind unter dem Namen „Talmidej Rabbejnu Jona“ bekannt. Seine Schriften zeichnen sich durch tiefgehende Tora-Gelehrsamkeit, grosse Frömmigkeit und eine eindringliche Anleitung zur persönlichen Vervollkommnung aus.
Gaon von Wilna
Rabbi Elijahu ben Schlomo Salman (1720–1797), bekannt als der Gaon von Wilna oder Wilnaer Gaon, war einer der bedeutendsten Tora-Gelehrten der Neuzeit. Bereits zu Lebzeiten genoss er höchstes Ansehen und galt als aussergewöhnliches Genie auf den Gebieten der Tora, des Talmuds, der Halacha und der Kabbala.
Als führende Persönlichkeit des litauisch-aschkenasischen Judentums prägte er Generationen von Gelehrten und gilt bis heute als Inbegriff der klassischen litauischen Tora-Gelehrsamkeit.
Vom Gaon von Wilna sind mehr als siebzig Werke und Kommentare zu Tora, Talmud, Halacha, Kabbala und zahlreichen weiteren Bereichen des jüdischen Wissens überliefert. Viele seiner Lehren wurden von seinen Schülern aufgezeichnet und herausgegeben. Seine Schriften zeichnen sich durch aussergewöhnliche Klarheit und Tiefe aus und zählen bis heute zu den grundlegenden Werken der jüdischen Gelehrsamkeit.
Glossar
Ananej haKawod – die Wolken der Herrlichkeit: Wunderbare Wolken, mit denen Haschem das jüdische Volk während seiner Wanderung durch die Wüste umgab und beschützte. Sie bewahrten es vor Hitze und Gefahren, ebneten den Weg und dienten als sichtbares Zeichen der Schechina, der göttlichen Gegenwart. Nach der Sünde des Goldenen Kalbes verschwanden sie und kehrten nach der vollständigen Versöhnung des jüdischen Volkes zurück. An diese schützenden Wolken erinnert nach einer Ansicht im Talmud die Mizwa, während Sukkot in der Sukka zu wohnen.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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