Cheschwan / Paraschat Wajera

Paraschat Wajera

Chessed als inneres Bedürfnis

28.10.2026

Jüdisches Jahr: 5787

Foto: AI Avigail
Was ist die höchste Stufe von Chessed – tätiger Güte?

Obwohl Awraham Awinu für seine Eigenschaft des Chessed – der tätigen Güte – bekannt ist, gibt es in der Tora nur eine ausführliche Begebenheit, in der wir ihn unmittelbar bei einer solchen Tat erleben: die Aufnahme der drei «Gäste» am Anfang von Paraschat Wajera. Unsere Weisen berichten von vielen weiteren Beispielen seiner aussergewöhnlichen Güte. Im ausdrücklich geschilderten Tora-Bericht ist jedoch die Bewirtung der Mal’achim – der Engel das einzige Beispiel dieser Art.
Das ist erstaunlich, denn eigentlich war dieser Chessed «unnötig». Seine «Gäste» waren Engel, die weder Hunger haben noch Nahrung benötigen. Sie waren auf einen bestimmten Auftrag hin gekommen und hätten diesen auch ohne seine herzliche Aufnahme erfüllen können. Seine Gastfreundschaft war somit beinahe ein «Chessed aufgrund eines Irrtums».
Weshalb wählt die Tora aus all den vielen Wohltaten Awrahams ausgerechnet diese scheinbar überflüssige Tat als beispielhaften Ausdruck seiner Güte?
Hinzu kommt eine weitere Frage. Die Gemara [Traktat Bawa Mezia 86b] berichtet, dass es an jenem Tag ausserordentlich heiss war. Der Allmächtige wollte Awraham Awinu nicht mit der Bewirtung von Gästen belasten, da es der dritte Tag seiner Brit Mila (Beschneidung) war. Deshalb liess Er eine solche Hitze herrschen, dass keine Reisenden unterwegs waren.
Awraham schickte seinen Diener Elieser hinaus, um nach Gästen Ausschau zu halten. Elieser kehrte zurück und berichtete, er habe niemanden gefunden. Darauf sagte Awraham:
«Elieser, ich glaube dir nicht.»
In Paraschat Chaje Sara werden wir sehen, wie uneingeschränkt Awraham seinem treuen Diener vertraute. Elieser verwaltete seinen gesamten Besitz – «der über alles herrschte, was ihm gehörte». Und als Awraham für Jizchak eine Frau suchte, also eine Angelegenheit von allergrösster Bedeutung zu regeln war: Wen schickte er? Elieser!
Er vertraute ihm sein Vermögen an. Er vertraute ihm die Suche nach einer Frau für seinen geliebten Sohn an. Doch wenn es darum ging, Gäste zu finden, sagte er plötzlich: «Ich glaube dir nicht»? Wie ist das zu verstehen?
Ich sah dazu eine Erklärung im Namen von Raw Jizchak Feigelstock sel. A., dem Rosch Jeschiwa der Jeschiwa von Long Beach:
Es gibt zwei Arten von Chessed:
Bei der einen ist ein Mensch in Not, und wir helfen ihm. Uns bewegt das Mitgefühl, das Haschem den meisten Menschen ins Herz gelegt hat. Wenn wir auf der Strasse einen verwahrlosten Menschen sehen, der dringend Hilfe benötigt, empfinden die meisten von uns auf natürliche Weise Erbarmen und möchten ihm nach Möglichkeit helfen.
Das ist eine Art von Chessed: Ich helfe, um die Not eines anderen zu lindern.
Es gibt jedoch noch eine andere Art. Dabei tue ich Chessed nicht deshalb, weil du meine Hilfe benötigst, sondern weil ich das Bedürfnis habe, Gutes zu tun.
Haschem hat uns gelehrt, dass darin der Grund für die Erschaffung der Welt liegt: «Olam Chessed jibane» – «Die Welt wurde und wird durch Güte erbaut» [Tehillim 89,3].
Vor der Erschaffung der Welt fehlte IHM nichts. Dennoch erschuf der Allmächtige das Universum, um Güte zu erweisen. Sein Chessed entspringt nicht lediglich dem Mitleid. Er handelt nicht deshalb, weil Er den Anblick eines leidenden Menschen nicht ertragen könnte. Es ist Chessed um des Chessed willen.
Auf uns übertragen bedeutet das: Ich tue Gutes nicht nur deshalb, weil der Empfänger etwas benötigt, sondern weil ich selbst Gutes tun möchte und muss.
In der letzten Beracha der Schemone Esre sagen wir:
«Denn im Licht Deines Angesichts hast Du uns, Ewiger, unser G-tt, die Tora des Lebens und die Liebe zur Güte gegeben …»
Damit sprechen wir davon, dass der Allmächtige dem jüdischen Volk eine besondere Gabe geschenkt hat: Ahawat Chessed – die Liebe zum Wohltun.
Wir tun Chessed nicht nur, weil ein Zustand unerträglich traurig ist oder das Schicksal eines unglücklichen Menschen unser Herz bewegt. Wir tun Chessed, weil wir dem Allmächtigen nacheifern sollen, der die Welt aus Liebe der Güte erschaffen hat. Zugleich veredeln wir dadurch unseren eigenen Charakter. Diese Liebe zum Chessed ist eine besondere Eigenschaft des jüdischen Volkes.
Nun können wir die Gemara in Bawa Mezia verstehen.
Awraham sagte zu seinem Diener: «Geh hinaus und sieh nach, ob Gäste da sind.»
Elieser kehrte zurück und berichtete: «Niemand benötigt etwas. Draussen sind keine Gäste.»
Awraham antwortete: «Ich glaube dir nicht.»
Damit verdächtigte er Elieser keineswegs der Lüge. Selbstverständlich vertraute er ihm. Seine Worte bedeuteten vielmehr:
«Elieser, du verstehst mich nicht! So vortrefflich du auch bist – du gehörst nicht zu meinem Volk und empfindest in dieser Hinsicht anders als ich. Du meinst, ich suche Gäste, weil jemand Wasser oder Nahrung benötigt. Nein, ich tue Chessed, weil ich selbst ein inneres Bedürfnis danach habe!»
Deshalb hebt die Tora gerade jene Begebenheit hervor, bei der Awraham Engel bewirtete, die überhaupt keine Nahrung benötigten. Sie zeigt damit, was ihn zu seinen Wohltaten bewegte.
Sein Chessed bestand darin, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Darüber hinaus erfüllte er damit aber auch sein eigenes tiefes Bedürfnis, Gutes zu tun.
Das ist Ahawat Chessed – die Liebe zum Wohltun. Darin zeigt sich Awrahams Eigenschaft der Güte in ihrer höchsten Form.

Die Tiefe des Himmlischen Erbarmens

Einen weiteren Gedanken möchte ich aus dem Werk «Be’er Majim Chajim» anführen. Es ist ein chassidisches Werk – ein Gebiet, auf dem ich gewöhnlich weniger zu Hause bin. Hier findet sich jedoch eine wunderschöne Erklärung, die ich mit Ihnen teilen möchte.
Der Allmächtige teilte Awraham mit, dass Er Sedom zerstören werde. Darauf begann Awraham, für die Stadt zu bitten:
«Wirst Du Sedom auch dann zerstören, wenn sich dort fünfzig Gerechte befinden?»
«Nein.»
«Und wenn es fünfundvierzig sind?»
«Nein.»
Und wie steht es mit vierzig? Mit dreissig?
Der Be’er Majim Chajim fragt: Das klingt allmählich wie auf einem Markt, auf dem man um den Preis feilscht. Was hat dieses Verhandeln zu bedeuten? Awraham Awinu befand sich doch nicht auf dem Markt. Er sprach mit dem Allmächtigen!
Weshalb erinnert dieses Gespräch an eine Versteigerung – genauer gesagt an eine umgekehrte Versteigerung, bei der die Zahlen immer weiter sinken?
Der Be’er Majim Chajim erklärt: Awraham sah darin über die Möglichkeit hinaus, die Menschen von Sedom zu retten, auch eine Gelegenheit, die Tiefe des Himmlischen Erbarmens kennenzulernen.
Er wusste: «Ich soll dem Allmächtigen nacheifern. Auch ich muss barmherzig sein.»
Deshalb wollte er erfassen, wie weit und wie tief das Erbarmen des Allmächtigen reicht.
Awraham liess sich auf dieses «Verhandeln» also nicht ein, um ein günstigeres Ergebnis auszuhandeln. Er wollte lernen, wie tief das Himmlische Erbarmen geht.
Deshalb fragte er weiter:
«Und wenn es fünfundvierzig sind? Vierzig? Dreissig, zwanzig oder zehn?»
Gut Schabbes!

Quellen und Persönlichkeiten:

«Be’er Majim Chajim»
Rabbi Chajim ben Schlomo Tirer von Czernowitz (ca. 1760–1816/1817) war ein bedeutender chassidischer Rebbe, Rabbiner und Kabbalist. Er wurde in der Nähe von Buczacz in Galizien geboren und gehörte zu den herausragenden Schülern von Rabbi Jechiel Michel von Slotschow. Er wirkte als Rabbiner in mehreren Gemeinden, insbesondere in Czernowitz, nach dem er allgemein benannt wird.  
Besonders bekannt wurde er durch seinen Tora-Kommentar «Be’er Majim Chajim» – «Brunnen lebendigen Wassers», der chassidische und kabbalistische Gedanken mit Erklärungen zu den Wochenabschnitten verbindet. Weitere bedeutende Werke sind «Sidduro schel Schabbat» über die Heiligkeit des Schabbats. Die Heiligung des Schabbats nahm in seiner Lehre einen besonderen Platz ein. Weiter «Scha’ar haTefilla» über das Gebet und «Erez haChajim».
Gegen Ende seines Lebens übersiedelte er nach Erez Israel und liess sich in Zefat nieder, wo er verschied und begraben wurde. Seine Werke gehören bis heute zu den geschätzten Klassikern der chassidischen Literatur.
Raw Jizchak Feigelstock
Raw Jizchak Feigelstock sel. A. (ca. 1926–2021) war ein bedeutender Tora-Gelehrter und langjähriger Rosch Jeschiwa der Mesivta von Long Beach im Staat New York. Er wuchs in Wien auf und gehörte später zu den engsten Schülern von Raw Aharon Kotler, dem Gründer der Lakewooder Jeschiwa Beth Medrasch Gowoha.
Über ein halbes Jahrhundert leitete er die Jeschiwa von Long Beach und prägte Generationen von Schülern. Seine Schiurim und Mussarvorträge verbanden tiefgründiges Talmudstudium mit klarer Lebensführung, G-ttesfurcht und der Arbeit am eigenen Charakter. Er gehörte zudem der Mo’ezet Gedolej Hatora – dem Rat der grossen Tora-Gelehrten der Agudat Jisrael in Amerika an.
Raw Feigelstock verschied am 12. Aw 5781 / 21. Juli 2021 und wurde in Lakewood beigesetzt.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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