Geschenke für Menschen, die Gunst finden
Rav Frand zu Paraschat Noach 5787
mit Ergänzungen von S. Weinmann
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Ich möchte mit einer bemerkenswerten Beobachtung zum Ende des vorherigen Wochenabschnitts, Paraschat Bereschit, beginnen. Dort heisst es:
«Da reute es den Ewigen, dass Er den Menschen auf der Erde geschaffen hatte, und er war betrübt in Seinem Herzen. Und der Ewige sprach: Ich werde den Menschen, den Ich geschaffen habe, vom Erdboden vertilgen — vom Menschen bis zum Vieh, bis zu den Kriechtieren und den Vögeln des Himmels; denn es reut Mich, dass Ich sie geschaffen habe.»
[Bereschit 6,6–7]
Die Menschheit war so tief gesunken, dass G-tt — wenn man so sagen darf — ihre Erschaffung bereute. Deshalb beschloss Er, die Welt zu vernichten. Davon handelt der Wochenabschnitt dieser Woche.
Doch Paraschat Bereschit endet mit den Worten:
«Noach aber fand Gunst in den Augen des Ewigen.»
[Bereschit 6,8]
Der Or Hachajim Hakadosch erklärt, dass Noachs «Gunstfinden» nicht einfach auf seine guten Taten zurückzuführen war. Allein die Tatsache, dass er ein Zaddik war, hätte ihn nicht gerettet.
G-ttes Beschluss betraf die gesamte Schöpfung. Wenn die Vernichtung einmal beschlossen ist, weil G-tt – sozusagen – die Schöpfung bereute, dann kommen mit den Bösen auch die Gerechten um und auch solche, die nicht gesündigt haben, wie z.B. Kinder.
Noach wurde gerettet, weil er Chejn — Gunst — in G-ttes Augen gefunden hatte. Seine Rettung war gewissermassen ein Geschenk G-ttes — eine Freistellung von der Vernichtung, die ihm gewährt wurde.
Der Or haChajim weist darauf hin, dass es bestimmte Mizwot gibt, durch deren Erfüllung ein Mensch besondere Gunst erlangt. Diese Mizwot machen ihn in G-ttes Augen besonders liebenswert.
Selbstverständlich sind alle Mizwot wichtig. Doch es gibt drei bis vier Mizwot – so der Or Hachajim Hakadosch – die zusätzlich diese besondere Eigenschaft besitzen: Sie bewirken, dass der Allmächtige einem Menschen etwas gewährt, auf das er nach dem Mass seiner Verdienste vielleicht keinen Anspruch hätte. Bildlich gesprochen hat er damit «den richtigen Knopf gedrückt».
Lehawdil, um einen Vergleich aus unserem menschlichen Alltag heranzuziehen: Manchmal benehmen sich unsere Kinder schlecht, und wir sind auf sie zornig. Doch sie wissen, wie sie unser Herz erreichen können. Irgendwie gelingt es ihnen, etwas zu tun, das uns versöhnt. Dann sehen wir über ihr Fehlverhalten hinweg und verhängen nicht die Strafe, die sie eigentlich verdient hätten.
Gelegentlich beobachten wir, dass bestimmte Menschen besonders erfolgreich sind. Wir fragen uns: Womit hat dieser Mensch so viel g-ttliche Güte verdient? Es scheint uns nicht recht verständlich.
Schliesslich wissen wir, dass es grössere Zaddikim gibt, denen ein solcher Erfolg nicht beschieden ist.
Manchmal lautet die Antwort: Dieser Mensch hat Gunst in den Augen des Ewigen gefunden. Vielleicht erfüllt er gerade jene Mizwot, die diese besondere Kraft besitzen und ihm eine Matnat Chinam — ein unverdientes Geschenk — vom Herrn der Welt einbringen.
Natürlich möchten wir alle wissen, welche drei oder vier Mizwot – so der Or Hachajim Hakadosch – damit gemeint sind. Doch erklärt er, dass G-tt nicht offenbart hat, welche Mizwot diese besondere Wirkung besitzen.
Der Grund liegt auf der Hand: Wären sie bekannt, würden alle herbeieilen, um womöglich nur diese Mizwot zu erfüllen!
Noach hingegen erfüllte sie — bewusst oder unbewusst. Darin lag die besondere Kraft, durch die er und seine Familie die Rettung erlangten.
Noach hatte etwas getan, wodurch er dem Allmächtigen besonders liebenswert wurde. Obwohl G-tt beschlossen hatte, die ganze Welt zu vernichten, fand Noach Gunst in Seinen Augen.
Der Or haChajim macht zudem auf eine Andeutung in seinem Namen aufmerksam: Kehrt man die beiden hebräischen Buchstaben von Noach — נח — um, erhält man Chejn — חן —, «Gunst».
Leider wissen wir nicht, welche drei oder vier Mizwot uns diese besondere Gunst verschaffen. Wenn wir uns jedoch bemühen, alle Mizwot zu erfüllen, sind jene besonderen Mizwot selbstverständlich ebenfalls darunter!
Gut Schabbes!
Quellen und Persönlichkeiten:
Rabbi Chajim ben Mosche ben Atar
Or haChajim haKadosch: Beiname von Rabbi Chajim ben Mosche ben Atar (1696–1743), einem bedeutenden Tora-Gelehrten, halachischen Autorität und Kabbalisten. Er wurde in Salé, Marokko, geboren und erhielt seine grundlegende Tora-Ausbildung bei seinem Grossvater, Rabbi Chajim ben Atar. Nach seinem Wirken in Marokko führte ihn sein Weg über Italien, insbesondere Livorno, nach Erez Jisrael. Im Jahr 1742 liess er sich in Jerusalem nieder, wo er die Jeschiwa «Knesset Jisrael» leitete.
Sein berühmtestes Werk ist der Torakommentar «Or haChajim» — «Licht des Lebens», nach dem auch sein Verfasser benannt wird. Darin verbindet er die Erklärung des einfachen Textsinns mit talmudischen und midraschischen Auslegungen sowie kabbalistischen Gedanken. Der Kommentar erlangte sowohl in sefardischen als auch in aschkenasischen Kreisen grosses Ansehen und wird besonders auch in der chassidischen Welt geschätzt.
Zu seinen weiteren Werken gehören «Chefez Haschem», Erläuterungen zu verschiedenen Talmudtraktaten, «P’ri To’ar», ein halachischer Kommentar zum Schulchan Aruch, Abteilung Jore De’a, sowie «Rischon LeZion», mit Erklärungen zum Talmud, zur Halacha und zu Büchern des Tanach. Er verschied am 15. Tammus 5503 (1743) in Jerusalem und wurde auf dem Har Hasejtim (Ölberg) beigesetzt.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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